Treffen mit Barack Obama Shakehands mit dem Superstar

Treffen mit Barack Obama: Shakehands mit dem Superstar Fotos
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Jung, elegant, cool: Barack Obama hatte im Sommer 2006 schon einiges zu bieten - aber vom Präsidentenamt schien er noch weit entfernt. Das dachte sich auch Florian Gathmann, als er Obama damals in Washington traf. Von

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"Übrigens", sagt Jeff, "es gibt da diesen farbigen Senator aus Chicago." Die Kellnerin hat uns gerade die zweite Caipirinha gebracht, wir sitzen in einer Kneipe in Washington. "Barack Obama heißt er, auf den wird man achten müssen." Er sagt: "He could be the real thing." Hm, denke ich. Dann kommt auch schon unser Essen, wir reden über andere Dinge.

Jeff ist im Sommer 2006 noch Washington-Korrespondent der "Chicago Tribune", einer großen amerikanischen Zeitung, bei der ich für zwei Monate als Stipendiat arbeite. Er hat, wie ich später erfahre, zwei Jahre zuvor über den Weg Obamas in den US-Senat eine mehrteilige Serie geschrieben. Logisch, denke ich mir, dass der Demokrat für seinen Heimatstaat Illinois und die dortigen Medien schon ein Star ist. Und mir fällt ein, dass Obama mit seiner Rede beim demokratischen Nominierungsparteitag für John Kerry - im Juli 2004 in Boston - sogar kurz für landesweites Aufsehen sorgte. Auch in Deutschland gab es kleinere Berichte über das Talent Obama.

Aber wie rasch schnellt in den USA ein Star empor - und wie rasch ist er wieder verglüht?

Der Präsident von morgen hat verschlafen

Ein paar Tage später fragt mich Jeff, ob ich Obama kennenlernen möchte, am nächsten Morgen gebe es ein Treffen im Senat, mit Menschen aus Illinois. Klar, irgendwie bin ich doch neugierig.

Hunderte Menschen aus Chicago und dem Rest des Bundesstaats sind gekommen, sie sitzen in dicht bestuhlten Reihen. Wer fehlt, ist Obama. "Er hatte offenbar verschlafen", sagt später einer seiner Mitarbeiter, schulterzuckend. Jeff erzählt, wie der frisch gewählte Senator Obama 2004 bei seinem Antrittsbesuch den Bus mit den neuen Kollegen zum Weißen Haus verpasste.

Weil Obama immer noch nicht da ist, redet zunächst Richard J. Durbin, der Senior-Senator aus Illinois. Durbin ist seit vielen Jahren im Senat, als eine Art parlamentarischer Geschäftsführer einer der einflussreichsten Demokraten im Kongress. Aber seine Rede plätschert über die Köpfe der Zuhörer hinweg. Der freundliche ältere Herr scheint hier kaum jemanden zu interessieren - die Leute sind wegen Obama hier.

Schon damals hingen die Menschen an seinen Lippen

Dann geht plötzlich ein Raunen durch den Saal: Von der linken Seite des Rednerpults nähert sich, mehr schlendernd als gehend, ein schlanker farbiger Mann dem Podium - inzwischen kennt man diesen coolen Obama-Gang. Durbin ist bereits vom Mikrofon zurückgetreten, einige Sekunden darauf ist diese tief sonore Stimme zu hören: "Good Morning", sagt der Junior-Senator und lächelt in den Raum.

Er redet dann vielleicht ein halbe Stunde, streift ein paar aktuelle Themen, ein bisschen Bush-Kritik ist auch dabei, seine Gesten sind sparsam. Sensationell finde ich ihn nicht, vielleicht ist Obama aber auch nur ein bisschen verpennt.

Vor und hinter, rechts und links von mir hängen die Menschen allerdings an Obamas Lippen. Und als der Senator seine Rede beendet hat, bildet sich blitzschnell eine lange Schlange. "Die lassen sich jetzt mit ihm fotografieren", sagt Jeff, während wir mit einigen Obama-Mitarbeitern plaudern. "Wollen wir ihm nachher Hallo sagen?". Warum nicht.

Präsidentschaftskandidat mit Popstar-Attitüde

Bestimmt weitere 30 Minuten dauert es, bis Obama den letzten seiner Fans mit einem gemeinsamen Schnappschuss beglückt hat. Jedem schenkt er dieses entspannte Obama-Lächeln. Noch ist er kein Popstar, aber offenbar hat Obama das Zeug dazu.

Natürlich lasse ich mich nicht ihm fotografieren, als sich Obama schließlich uns zuwendet. Ich bin Journalist und kein Fan. Außerdem, wir werden später noch weitere Senatoren beim Gang durch den Gebäudekomplex treffen, wenn man da mit jedem ein Foto machen würde.

Im Nachhinein wohl eine falsche Entscheidung.

Aber im Sommer 2006 ist Barack Obama eben noch nicht der gewählte Präsident der USA, der Hoffnungsträger seiner Nation und vieler Menschen auf dem ganzen Planeten - sondern ein lässiger, junger Politiker mit Zukunft. Mehr nicht. "Hey Jeff, good to see you," sagt er, die üblichen Floskeln, man kennt sich.

Lässiger Handschlag, interessierter Blick

Für den Journalisten aus Deutschland nimmt sich Obama sogar ein bisschen mehr Zeit. Sein Handschlag ist lässig, nicht zu fest, er schaut mir dabei direkt in die Augen. Ziemlich groß wirkt der Senator, auch wenn ich ihn mit meinen fast zwei Meter noch überrage. "Oh, Sie kommen aus Deutschland, das ist toll", sagt er. "Woher denn?"

Ich erzähle ein bisschen, Obama kann sehr interessiert schauen, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Irgendwann sagt er: "Wissen Sie, meine Schwester hat ja in Deutschland studiert." Tatsächlich? Doch, wirklich, "in Heidelberg". Welches Fach? Oh, nun muss Obama lachen, etwas verlegen, und denkt nach. Es sei ihm ja ein bisschen peinlich, sagt er dann, "aber ich kann mich nicht erinnern."

Genug Smalltalk, der Senator hat noch Termine an diesem Tag. "Take care, guys", dann schlendert er mit seinen Leuten davon.

In den folgenden zwei Monaten, die ich in Chicago bei der "Tribune" verbringe, ist an Barack Obama kein Vorbeikommen mehr. Als er Ende August nach Afrika reist, berichten alle großen Zeitungen und Fernsehsender. Je tiefer George W. Bush im Sommer 2006 in der Gunst der Amerikaner sinkt, umso mehr wächst der Wunsch nach einem anderen, neuen Gesicht: Frisch, elegant, geistreich, ohne abgehoben zu wirken - die Obamania erfasst das Land.

Gute Worte für den Gesegneten

Wieder in Deutschland, schreibe ich für meine damalige Zeitung, die "Thüringer Allgemeine", Ende Oktober eine Geschichte über Barack Obama. Die Überschrift: "Der Gesegnete". Weil Barack auf Kisuaheli, der Sprache seines kenianischen Vaters, "gesegnet" heißt. Ich erkläre das amerikanische Obama-Phänomen, beschreibe ihn als ernsthaften Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2008. Allerdings: Ernsthaft glauben tue ich das nicht.

Und ich muss meinen Chefs ziemlich viel erklären, wahre Überzeugungsarbeit leisten, um den Artikel überhaupt halbwegs prominent ins Blatt zu bringen. Wer ist schon Obama? Das hätte zu dieser Zeit wohl jeder deutsche Chefredakteur gefragt.

Am Abend des 5. Novembers 2008, an dem Barack Obama mit deutlicher Mehrheit zum amerikanischen Präsidenten gewählt wird, bekomme ich von Jeff - seit einiger Zeit Washington-Korrespondent der "New York Times" - eine E-Mail: "Nun kannst du behaupten, den amerikanischen Präsidenten getroffen zu haben."

Florian Gathmann, seit Mai 2007 Politik-Redakteur bei SPIEGEL ONLINE, war 2006 für zwei Monate "Arthur F. Burns"-Stipendiat bei der "Chicago Tribune" in Washington und Chicago. Bis April 2007 war er Politik-Redakteur bei der "Thüringer Allgemeine" in Erfurt.


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Hendrik Kerkhoff, 10.11.2008
Lieber Florian Es haette mich doch gefreut wenn Du auf die wiederholte Verwendung des begriffes "farbig" als Beschreibung der Hautfarbe von Barack Obama verzichtet haettest. Dieser Begriff gilt heutzutage zu Recht als unakzeptabel und ich haette nicht erwartet ihn auf SPON wiederzufinden.
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