Treffen mit Brian Wilson "Ich habe mir mein Gehirn rausgebrannt"

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Als Moderator von MTV traf Steve Blame die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich jeden Monat an die besten Begegnungen. In Folge zwölf: Blames Erinnerungen an Beach Boy Brian Wilson - und den Versuch eines Interviews mit einem von Drogen gezeichneten Genie. Von

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Ich saß meinem Interviewpartner direkt gegenüber. Sein Kopf hing herunter, sein Körper schien merkwürdig zusammengefallen, wie bei einem Roboter, dem man die Batterien rausgenommen hatte. Ich schaute zu dem Mann, der neben mir stand, und Doktor Eugene Landy versicherte mir, mein Interviewpartner werde ganz sicher reagieren, wenn ich meine Frage stellte. Ich war nicht überzeugt. Ich drehte mich wieder zu dem Roboter.

"Also, Mr. Wilson, wie fühlt sich das an, wieder auf der Bühne zu stehen und live zu spielen?"

Brian Wilson, einer der größten Songwriter und Produzenten der Musikgeschichte, war als Genie der Beach Boys berühmt geworden - einer Band, die mal ein blitzsauberes Image gehabt hatte, das dann erschüttert worden war durch außereheliche Affären, finanzielle Streitereien und Alkoholmissbrauch. Vor allem bei Brian waren wegen seines exzessiven Drogenkonsums auch noch psychische Probleme hinzugekommen.

"Ich freue mich sehr, hier zu sein"

Doktor Landy hatte recht: Plötzlich war es so, als habe jemand Brian Wilsons Batterien aufgeladen. Er hob seinen Kopf, drückte seinen Rücken durch und saß kerzengerade da. Er brauchte einen Moment, doch dann begann er zu reden. Langsam, bedächtig und etwas undeutlich.

"Ich freue mich sehr, hier zu sein", sagte Brian Wilson, dann sah er hilfesuchend zu seinem Arzt. "Ich habe mir mein Gehirn rausgebrannt, ich habe einen Hirnschaden, Eugene."

Die Geschichte von Brian Wilson hatte immer die unglaublichsten Wendungen genommen. Und auch dieses Interview auf Ibiza im Frühling 1988 fand in einer Phase statt, in der gerade Bedeutendes passierte. Brian stand wieder auf der Bühne und tat damit etwas, was viele Menschen nicht mehr für möglich gehalten hatten. Schließlich war sein Gehirn von einem Mix aus illegalen und verschreibungspflichtigen Drogen regelrecht frittiert worden.

Es war Eugene Landy, der Brian bis hierhin gebracht hatte, er hatte seinen Patienten wieder fit gemacht - und gleichzeitig die totale Kontrolle über dessen Leben übernommen. Ein paar Jahre später sollte Landy genau deshalb seine Psychologenlizenz verlieren. Am Tag unseres Interviews waren die meisten flüssigen Sätze Brian Wilsons voll mit unendlicher Dankbarkeit für Landy. "Ich bin noch immer ein Gejagter. Ohne ihn wäre ich heute nicht hier. Doktor Landys Programm hat mir geholfen, stimmt doch, oder, Eugene?"

Erst Haschisch, dann LSD

Es hatte noch eine andere dominante Figur in Brian Wilsons Leben gegeben, seinen Vater Murry, der sich selbst als Manager der Beach Boys eingesetzt hatte. Er stellte strikte Regeln für das Leben der Jungs auf - Brian, Dennis und Carl, deren Cousin Mike Love und Brians Klassenkameraden Al Jardine - und wollte sogar Einfluss auf die musikalische Ausrichtung der Band nehmen. Als die Beach Boys durchstarteten, stellte sich Brian gegen seinen Vater - und übernahm die Kontrolle.

Im Studio war Brian ein Perfektionist. Es war Wilson, der die wunderschönen Stimmenharmonien entwickelte, die die Band berühmt machen sollten und zu ihrem Markenzeichen wurden. Der Aufstieg von Brians Beach Boys schien unaufhaltsam, seine Zusammenarbeit mit Mike Love sorgte für einen Hit nach dem anderen.

Dann kamen die Drogen. Erst Haschisch, Kokain, dann LSD - Brian glaubte, das würde seine Kreativität steigern. Ein Nebeneffekt: Brian wurde immer paranoider. "Ich dachte, jeder wollte sich mit mir messen und mich zerstören", sagte er im Rückblick. Der "Wall of Sound"-Produzent Phil Spector war ebenso zur Obsession geworden wie die Beatles, die Brian als die Nemesis der Beach Boys sah.

Nachdem er zusammen mit Tony Asher das Album "Pet Sounds" fertig gestellt hatte, das bis heute als eines der größten Werke der Popgeschichte gilt, machte er sich an den Nachfolger. "Smile" sollte die Antwort werden auf alles, was die Beatles bisher abgeliefert hatten. Doch als deren "Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band"-Album herauskam, wusste Wilson, dass er zu spät war.

Ein mechanisches Interview

Dieser Moment wurde zum Wendepunkt im Leben des Beach-Boy-Genies. Es war 1967, das Jahr des ersten "Summer of Love". Brian konnte das Album nicht fertigstellen - und seine Band, die man ohnehin mehr mit den Fünfzigern verband als mit diesen flirrenden, offenen Sixties, war plötzlich außen vor. "Smile" wurde auf Eis gelegt, Brians Verhalten wurde wirr, er zog sich in sein Bett zurück - eine Periode, die drei Jahre dauern sollte. Die Drogen forderten ihren Tribut. Von einem nicht mal 30-Jährigen.

In den Siebzigern war Brian praktisch zu nichts fähig, bis er in die Obhut von Doktor Landy kam. Es begann ein jahrelanger Kampf gegen die Drogen, gegen das Übergewicht und sich selbst. Und obwohl diese erste Behandlung Früchte trug und Brian wieder auf der Bühne stand, wurde er doch rückfällig. 1982 holte er Landy zurück - und als ich Brian 1988 traf, hatte er ein Soloalbum veröffentlicht, deutlich abgenommen und war mitten im Kampf gegen seine Dämonen.

"Ich beginne gerade, meine Schutzhülle zu verlassen. Es ist so, als erwache mein Gehirn. Jetzt arbeite ich mit zwei Gehirnen zusammen", sagte Wilson und schaute dabei mal wieder auf seinen Arzt Eugene Landy.

Damals begann Wilsons Weg der Besserung. Aber erst viel später, 2004, mehr als 35 Jahre nach seinen ersten Versuchen, konnte Brian "Smile" zusammen mit dem Texter Van Dyke Park fertigstellen. Unser Gespräch 1988 war hingegen nicht sehr befriedigend. Obwohl dort einer meiner Helden saß, konnte ich keine Verbindung zu ihm aufbauen, das Interview war seltsam mechanisch.

Ironie der Geschichte war, dass wir das Interview im Ku-Club führten, einem Ort, an dem im Jahr zuvor der sogenannte zweite Summer of Love stattgefunden hatte. Nachtschwärmer, die wie ich nicht wahrhaben wollten, was Drogen mit Körper und Kopf anrichten können, hatten dort Pillen eingeworfen und bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Und vor mir saß nun ein Mann, der das beste Beispiel dafür war, wie viel Talent durch übermäßigen Drogenkonsum verschwendet werden konnte.

Als das Interview zu Ende war, bedankte ich mich. Und so plötzlich, wie Brian Wilson zum Leben erwacht war, so schnell sackte er wieder auf seinem Stuhl zusammen.

Zum Weiterlesen:

Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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