Treffen mit Dave Gahan "Wahrscheinlich würde ich zum Mörder werden"

Treffen mit Dave Gahan: "Wahrscheinlich würde ich zum Mörder werden" Fotos

Als Moderator von MTV traf Steve Blame die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich jeden Monat an die besten Begegnungen. In Folge 13: Ein Gespräch mit Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan über den schmerzvollen Kontrast zwischen glitzernder Popwelt und echtem Leben. Von Steve Blame

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MTV/Steve Blame

Sein Körper war gezeichnet. Er war dünner, als er in der Vergangenheit auf mich gewirkt hatte - aber Dave Gahan, der Sänger von Depeche Mode, sah gut aus, richtig gesund.

"Zum ersten Mal fühle ich wirklich, dass ich ehrlich gesungen habe, und man kann auf der ganzen Aufnahme wirklich mich hören", sagte er an diesem Tag 1993. "Ich kann den Schmerz hören, aber ich kann auch die Freude und den Optimismus hören."

Gahan, der immer schon die Stimme von Depeche Mode gewesen war - aber nicht der Texter, das war Martin Gore - schien sehr zufrieden zu sein mit dem neuen Album. "Songs of Faith and Devotion" hatte der Band eine neue musikalische Richtung gegeben - und Gahan die Möglichkeit, einen größeren Beitrag dazu zu leisten und seine Stimme anders einzusetzen.

Gahans Schmerz, auf den er anspielte, war nach der vorherigen "World Violation"-Tour von Depeche Mode und dem Erfolg ihres Albums "Violator" entstanden. Nach jener Tour verließ Gahan seine Frau Joanne and seinen Sohn Jack, ging nach Los Angeles und heiratete seine neue Freundin Teresa. Dort knüpfte er Kontakt zu den coolen Rockern von L.A. und wurde Fan der amerikanischen Grunge-Szene, allen voran Nirvana.

"Ich mochte mich überhaupt nicht"

"Ich verlor einfach komplett den Blick auf mein Leben. Wir konnten als Depeche Mode nicht mehr viel höher kommen als wir schon waren. Und plötzlich gehst Du zurück nach Hause und alles hat sich verändert, ist völlig schmerzhaft und - es ist nicht einfach, jetzt darüber zu sprechen", sagte er.

1993 tauchten Gerüchte auf, dass Gahan in Los Angeles angefangen hatte, Heroin zu nehmen. Sein Verhalten und sein Auftreten während unseres Gesprächs waren wie die Wirkung der Droge: trügerisch. In einem kurzen Moment schien er über seine Entscheidungen und die seiner Band plötzlich positiv zu denken: "Wir konnten genau das tun, was wir tun wollten, und ich glaube wir haben es verdient. Wir haben es uns verdient."


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Und in der nächsten Minute blickte er zurück auf eine schmerzliche Phase, mit der er sich zu diesem Zeitpunkt eindeutig noch nicht ganz auseinandergesetzt hatte. "Ich mochte mich überhaupt nicht", sagte er, "ich bin in einem Geschäft, in dem du eine schreckliche, ekelhafte, scheußliche Person werden kannst und dich mit dir selbst nicht wohlfühlst."

Tot für ein paar Minuten

In seiner späten Einsicht betrog Gahan auch sich selbst, indem er seine Unsicherheiten wegredete, als wären sie fester Bestandteil der Vergangenheit. Er war mitten in der selbstzerstörerischsten Phase seines Lebens. Es gab Geschichten über extreme Exzesse auf der nächsten Bandtournee, der "Devotional"-Tour. Tourneen bedeuteten für ihn auch in einer Blase zu leben, weg von den Wirklichkeiten des normalen Lebens. "Du bist unterwegs, eingewickelt in Baumwolle, alles wird für Dich gemacht, du kannst tun was du willst und bekommen was du brauchst", sagte er.

Ich interviewte Gahan in der Sommerpause der "Devotional"-Tour. Seine Probleme, sagte er, tauchten abseits der Tournee auf. Er beschrieb seine Rückkehr ins normale Leben nach der märchenhaften Tournee-Welt als Realitätsschock. Und der erwischte ihn häufiger. Zwei Monate nach dem Interview erlitt Gahan in New Orleans auf der Bühne einen kurzen Herzstillstand vor 50.000 Fans. 1995 versuchte er, sich das Leben zu nehmen. 1996 war er einige Minuten tot, nachdem er eine Überdosis "Speedball" genommen hatte - eine Mischung aus Heroin und Kokain.

Gahan, der durchaus auch wie sein musikalischer Held und Nirvana-Sänger Kurt Cobain an Droegen hätte zugrunde gehen können, bewältigte schließlich seine Sucht. Aber am Tag unseres Interviews 1993 glaubte er noch, dass ihn etwas anderes retten würde: mit einer der besten Bands der Welt auf der Bühne zu stehen. "Ich weiß gar nicht, was ich mit der all meiner Energie machen würde", sagte er. "Wahrscheinlich würde ich zum Mörder werden."

Zum Weiterlesen:

Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.

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1.
André Hoffmann 04.03.2012
2010 sah ich DM live in Düsseldorf und kann nur feststellen, dass Mr Gahan ganz offensichtlich immer noch gewaltige Probleme hat. Ich war selbst schon als Musiker auf Tour und kenne den Bruch auf dem Weg in das reale Leben und es sind wohl immer wieder Menschen dabei, die das nicht verkraften. Wie sieht es wohl hinter den Kulissen der gecasteten Amateure aus?
2.
jörg bacherle 04.03.2012
diese begegnungen von steve blame sind so weltbewegend und bedeutend, dass sie ein normaler mensch vermutlich gar nicht überlebt hätte
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