Treffen mit David Bowie "Ziggy Stardust veränderte mein Leben"

Treffen mit David Bowie: "Ziggy Stardust veränderte mein Leben" Fotos
Corbis

Als Moderator von MTV traf Steve Blame in den neunziger Jahren die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich jeden Monat an die besten Begegnungen. In Folge drei: Wie Blame einen sehr persönlichen Brief an David Bowie schrieb und seine erste große Liebe endlich zum Interview treffen durfte. Von

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David Bowie war meine erste große Liebe. Ich war 13, als sein Album "The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars" veröffentlicht wurde. Danach atmete ich Bowie förmlich. Ich wollte sein wie er. Ich kannte jedes Wort seiner Songs auswendig, hörte sie ununterbrochen. Ich ließ mir sogar seinen Haarschnitt verpassen, und war mächtig stolz darauf.

Meine Haare hatten damals einen leichten Rotstich und so dachte ich, dass Bowies Ziggy-Stardust-Stil perfekt zu mir passen würde. Also ließ ich mir die Haare entsprechend richten - und konnte es kaum erwarten, meine neue Frisur am Montag in der Schule vorzuführen. Ich lebte damals in einer kleinen Ortschaft in England und nahm jeden morgen den Bus zur Schule.

Eines Montagmorgens bestiegen meine Ziggy-Frisur und ich den Schulbus, als an der nächsten Haltestelle andere Teenager einstiegen, die zur Gesamtschule wollten. Einer von ihnen rief seinen Freunden zu, dass sie sich meine Haare anschauen sollten! Ich war total aus dem Häuschen. Aber genauso schnell, wie der Stolz kam, ging er auch wieder: Einer seiner Freunde sagte, ich sähe aus wie Linda McCartney.

Was für eine Demütigung. Ich hatte all mein Taschengeld in diesen Haarschnitt investiert und erntete nur Spott und Hohn. Ich versank in meinem Sitz und hoffte, so schnell wie möglich aussteigen zu können.

Ein Brief an Bowie

Mehr als zwanzig Jahre später schrieb ich einen Brief an mein Jugendidol und bat um ein Interview. Das war 1995, ich arbeitete damals für Viva 2. Es war ein Schuss ins Blaue, der Sender hatte nämlich eine überschaubare Reichweite, den offiziellen Weg über eine Anfrage bei der Plattenfirma brauchte ich gar nicht erst zu versuchen, die würden eh abwinken, das wusste ich.

Ich beschrieb ihm das Konzept der Show, die "Celebration Day" hieß und immer Freitags lief. Einen ganzen Tag lang widmete sich das Format einem Star. Mit Interviews, Musikvideos, Konzertmitschnitten - alles, was es an Material gab, konnte verbraten werden. Im Prinzip war es eine gigantische Recyclingmaschine. Andererseits erlaubte uns die Show, ungewöhnliches, nie veröffentlichtes oder vergessenes Material zu senden, wie es echte Fans sehen wollten. Und für Künstler gibt es kaum etwas Verlockenderes, als einen Tag lang einen Musiksender zu kapern und den ganzen alten Kram noch einmal runterzuspielen.

Außerdem schrieb ich Bowie, welche unauslöschlichen Spuren er in meinem Leben hinterlassen hatte.

Ich brachte den Brief zur Post und begann im gleichen Moment, ungeduldig auf eine Antwort zu warten. Erstaunlicherweise dauerte das nicht lange. Ein oder zwei Tage später rief die Plattenfirma an, der Interviewtermin stand, eine Woche später fuhr ich nach London, um mein Idol zu treffen. Bowie kam rein, streckte mir die Hand entgegen und schaute mir tief in die Augen. In meinem Brief hatte ich ihm geschrieben, wie sehr mich seine Augen immer schon fasziniert hatten. Sie hatten unterschiedliche Farben, die Folge eines Unfalls, den Bowie als Kind erlitten hatte. Ich hatte ihm auch geschrieben, wie sehr er mir bei der Entdeckung meiner Sexualität geholfen hatte und was für eine wichtige Person er in meinem Leben gewesen war.

Per Teleskop aus der Dorf-Tristesse

Als er mir so gegenüber saß, sah er unfassbar unscheinbar aus. Er hatte ein beiges Sakko über einem T-Shirt an. Trotzdem war er immer noch eine der eindrucksvollsten Persönlichkeiten der damaligen Popwelt, ausgestattet mit einer Aura, die das Gegenüber gnadenlos verschlang. Nur wenige Popstars, die ich in meiner Zeit als Moderator traf, hatten eine vergleichbare Aura.

Schon vor dem Interview sagte er mir, dass ihm mein Brief geschmeichelt habe. Er konnte sehr gut verstehen, wie empfänglich ich als Jugendlicher für den Nihilismus seiner Zeilen gewesen war. Ich hatte ihm auch geschrieben, dass ich mich damals, in den frühen siebziger Jahren, danach sehnte, meiner Existenz zu entfliehen. An vielen Abenden saß ich in dieser prägenden Phase vor einem Teleskop und starrte in den Nachthimmel. Ich hoffte, endlich dem kleinen Ort entkommen zu können, in dem ich damals lebte. Die Alien-Ästhetik von Bowie bot vermutlich vielen Jugendlichen eine fantastische Parallelwelt, in die sie flüchten konnten. Zumindest für mich tat sie das auf jeden Fall.

Während des Interviews ließ Bowie unablässig ein Feuerzeug zwischen seinen Fingern rotieren. Ich werde dieses Bild nie vergessen. Ich erinnerte ihn an das erste Mal, als wir uns trafen. Das war 1990, ich arbeitete damals noch für MTV. Bowie hatte gerade ein Greatest-Hits-Album veröffentlicht, außerdem stand der Auftakt der "Sound And Vision"-Tour kurz bevor. Ich war unfassbar aufgeregt auf dem Weg zur Pressekonferenz und der Listening Session, die darauf folgen sollte.

"Steve, gibt es irgendetwas, das du gerne hören würdest?"

Bowie hatte gesagt, dass er nach diesem Auftritt im kleinen Kreis nie wieder seine Klassiker aus den Siebzigern spielen würde. Ich hoffte, dass es nicht wahr werden würde und das wurde es glücklicherweise auch nicht, aber das konnte ich da noch nicht wissen. Bei der Listening Session drängte ich mich in die erste Reihe, vor alle anderen Journalisten. Bowie betrat die Bühne, die Gitarre lässig geschultert. Dann schwang er sie genauso lässig um seine Hüften nach vorne und spielte ein paar Akkorde. Während der Pressekonferenz hatte er mich schon angelacht.

"Steve, gibt es irgendetwas, das du gerne hören würdest?", fragte er von der Bühne herab.

Ich hätte nie gedacht, dass Bowie MTV gucken und mich kennen würde. Aber er guckte MTV. Tatsächlich guckte jeder Popstar damals MTV. Ich zog eine Liste mit meinen Lieblingssongs aus der Tasche und las sie vor, die meisten davon von seinen alten Alben. Und obwohl der Raum voll war mit Journalisten, hatte ich das Gefühl, dass er die Songs nur für mich spielen würde. Natürlich tat er das nicht. Und er wusste damals auch nicht, wie mich diese Songs in meinem Leben beeinflusst hatten. Aber er wusste es, als wir uns beim Interview gegenüber saßen, weil ich es ihm in dem Brief geschrieben hatte. Er wusste, dass dieses Akustik-Set vor einer Handvoll ausgewählter Journalisten eines der schönsten Ereignisse meines Lebens war.

Ziggy verstand uns

In meinem Brief stand auch, dass ich ihn zum ersten Mal auf einem Konzert im Jahre 1972 gesehen hatte, als er gerade in der Gestalt des Ziggy Stardust auftrat. Ein Freund von mir hatte zwei Karten für den Auftritt in London und nahm mich mit. Ich habe eine lebhafte Erinnerung an das Konzert. Ich hatte Bowie geschrieben, wie sehr mich sein Publikum beeindruckt hatte. So viele verschiedene, interessante Menschen, viele von ihnen in aufregendem Aufzug und grell geschminkt. Außerdem Männer, die mit Männern Händchen hielten, Frauen, die mit Frauen Händchen hielten - zum ersten Mal in meinem Leben traf ich andere Homosexuelle.

Ich hatte ihm detailliert von meiner Jugend geschrieben, wie ich als Schwuler aufwuchs und lange Zeit kein anderes Vorbild, keine andere Figur hatte, mit der ich mich identifizieren konnte. Damals dachte ich, ich wäre der einzige Mensch, dem es so ging - bis ich zu diesem Konzert ging und merkte, dass es einen Platz gab, wo ich hingehörte. Am meisten beeindruckte mich natürlich Bowie selbst, dieser androgyne Performer, dieser Herr der Massen. Ziggy verstand mich. Ziggy jammte mit mir. Ziggy veränderte mein Leben.

Vermutlich war es diese Andersartigkeit, der seine Anhänger, mich inbegriffen, mit unseren Verkleidungen nacheifern wollten. Wahrscheinlich hatte ich mir deshalb den Ziggy-Haarschnitt verpassen lassen. Als ich den Brief an Bowie verfasste, war mir klar, dass es viel mehr brauchte als eine Frisur, um sein Idol zu verkörpern. Und langsam dämmerte mir auch, dass die Jugendlichen im Bus vermutlich recht gehabt hatten. Ich war damals wohl wirklich mehr Linda als David.

Steve Blame war von 1987 bis 1994 Redakteur und Moderator bei MTV News - und traf in dieser Zeit die Stars dieser Welt: von Morten Harket bis Madonna, vom Dalai Lama bis zu Michail Gorbatschow. Auf einestages erinnert er sich an die besten Begegnungen - ab sofort immer am ersten Sonntag des Monats.

Zum Weiterlesen:

Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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