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Treffen mit dem Dalai Lama "Er hat die ganze Zeit gekichert"

Treffen mit dem Dalai Lama: "Er hat die ganze Zeit gekichert" Fotos
Steve Blame

Als Moderator von MTV traf Steve Blame in den neunziger Jahren die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich jeden Monat an die besten Begegnungen. In Folge zwei: Wie der Dalai Lama von seinem göttlichen Thron stieg und Blame das Geheimnis absoluten Glücks verriet.

"Ich - Knight Rider". Mit diesen Worten begrüßte uns unser Fahrer, nachdem wir in Neu-Delhi in Indien gelandet waren. Angesichts der 15-stündigen Fahrt, die mir und meinem Producer bevorstand, war das nicht wirklich beruhigend. Andererseits erwartete uns am Ende dieser Tour ein Interview mit dem Dalai Lama. Ein Erlebnis, das zwei Wochen vor meinem Ausscheiden bei MTV 1994 endlich möglich geworden war. Und das ich mir um nichts in der Welt entgehen lassen wollte.

Es war das Ergebnis einer Debatte, die sich zwei Jahre zuvor bei MTV USA während der Präsidentschaftswahlen entsponnen hatte. Der Sender hatte Bill Clinton zu einer 60-minütigen Debattensendung mit dem Titel "Choose or Lose" eingeladen, die dann auf 90 Minuten ausgedehnt wurde, als den Verantwortlichen bewusst wurde, dass sie hier gerade Geschichte schrieben. Das Publikum fragte, Clinton antwortete und die Jugend identifizierte sich mit ihm. Auch, weil er sich mit ihr identifizierte, als er erzählte, wie er früher Elvis vergöttert hatte. 15 Millionen größtenteils junge Menschen sahen die Sendung damals im TV.

Bei MTV Europe fragten wir uns danach, ob wir so was auch könnten. Einen ersten Schritt hatten wir bei MTV News damit getan, dass wir den Stars am Ende der Interviews auch Fragen zu Umweltthemen, Drogen, Sex, Rauchen und AIDS stellten. Das waren aber in Wahrheit nur kurze, oberflächliche Botschaften. Wir wollten mehr. Mehr Tiefgang.

Die Asozialen von MTV?

Also wurde eine neue Abteilung gegründet, die dem Team von MTV News, das ich damals als Geschäftsführender Redakteur leitete, unterstellt war. Diese neue Abteilung hieß "Pro Social", was dazu führte, dass wir uns oft fragten, ob der Rest von MTV damit automatisch asozial sei. Ziel und Aufgabe dieser Abteilung war es, Themen ausfindig zu machen und aufzugreifen, von denen wir das Gefühl hatten, dass sie für die europäische Jugend von Belang waren.

In den nächsten zwei Jahren führte ich deswegen zahlreiche Interviews mit wichtigen Politikern. Mit Schimon Peres, damals Außenminister Israels, genauso wie mit Hanan Aswari, damals Sprecherin der PLO. Mit Tansu Ciller, Premierministerin der Türkei, genauso wie mit Gro Harlem Brundtland, Premierministerin von Norwegen. Ich sprach sogar mit Michail Gorbatschow.

Doch dieser Trip nach Indien, in einer Zeit, in der ich mich privat intensiv mit Sinnfragen beschäftigte und nach dem richtigen Lebensweg suchte, war sowohl für mich persönlich als auch für MTV Europe der Gipfel dessen, was wir erreichen konnten.

Geisterfahrer in Neu-Delhi

In Neu-Delhi wartete unsere Filmcrew auf uns - und Knight Rider. Das Filmteam fuhr in einem eigenen Auto los, wir mit unserem Fahrer in einem anderen. Schon bald, nachdem wir unsere Fahrt in Richtung Dharamsala gestartet hatten, wurde uns klar, dass Knight Rider versuchen würde, übermenschliche Dinge mit seinem Auto zu vollbringen.

Als sich an einer Stelle der Strecke auf unserer Fahrbahn ein Stau gebildet hatte, zog er einfach über den Mittelstreifen auf die Gegenfahrbahn und fuhr, ohne mit der Wimper zu zucken, minutenlang als Geisterfahrer gegen den Verkehr. Es war schrecklich. Als er irgendwann wieder zurück auf unsere Spur zog, hatte ich mit meinem Leben schon lange abgeschlossen.

Nach einer 15-stündigen Fahrt erreichten wir endlich unser Ziel, auch wenn ich in den Stunden zuvor jeglichen Glauben daran verloren hatte, überhaupt irgendwo anzukommen. Knight Rider wollte eine Abkürzung nehmen, die über eine nachtschwarze Passstraße führte, an deren einer Seite, das sahen wir, der Berg steil anstieg und an deren anderer Seite, das ahnten wir, ebenso steil abfiel. Knight Rider drosselte sein Tempo nicht ein bisschen.

Ein Gott blutet nicht

Als wir endlich in unserem Hotel ankamen, konnte ich nicht schlafen. Auf dem Dach trommelten die Affen, außerdem war ich aufgeregt. Am Morgen fand mich Juan auf der Veranda des Hotels, über meinem Material, mit dem ich mich auf das Interview vorbereitete. Er sagte, er hätte mich noch nie so konzentriert und vertieft in etwas gesehen.

Für mich war es der wichtigste Moment meiner Karriere. Wir hatten es geschafft, für MTV ein Interview mit dem Dalai Lama zu bekommen. Und nicht nur das, er hatte mich auch noch zu sich nach Hause eingeladen. Zwei Tage zuvor war ich noch im flirrenden, hektischen London gewesen und hatte mich mit den oberflächlich glitzernden Stars und Sternchen der Pop-Welt unterhalten. Und nun dies.

Wir wurden auf Waffen durchsucht und dann in einen mit Verzierungen überladenen Raum geführt, wo wir auf seine Heiligkeit warteten. Die Buddhisten glauben, der Dalai Lama sei ein lebender Gott. Als er endlich erschien, entschuldigte er sich für die Verspätung. Er hatte offensichtlich an seiner Nase herumgepult, denn sie blutete. Er fragte mich, ob ich das Blut sehen könne. Ich fragte ihn, ob er ein Gott sei. Da lachte er schallend. Würde die Nase eines Gottes bluten?

Das gewinnende Kichern des Dalai Lama

Er war sehr freundlich und fühlte sich offensichtlich wohl - mit sich selbst, aber auch im Gespräch mit mir. Er schaute mich nie abschätzig und wertend an, so wie die Politiker es oft getan hatten während der Interviews. Seine Wärme und Offenheit erinnerten mich an die unerschütterliche Liebe und Warmherzigkeit, die Großeltern oft ausstrahlen. Doch was mich am meisten beeindruckte, war sein ansteckendes Lachen. Ich hatte oft das Gefühl, dass mein Kichern in Wahrheit ein Abwehrmechanismus war, mit dessen Hilfe ich auf unangenehme Situationen reagieren konnte.

Bei ihm war das anders. Sein Kichern war so charmant und gewinnend, es übertrug die positive Energie förmlich auf das Gegenüber, in diesem Falle mich. Er hatte mich damit sofort für sich eingenommen und so befanden wir uns schon nach wenigen Minuten in den Tiefen eines angeregten Gespräches. Er erzählte von seiner Flucht aus Tibet vor 35 Jahren. Er warnte vor Fundamentalismus jeglicher Art. Und er beschwor das verbindende Element aller Religionen, das "tiefe spirituelle Verständnis" für die Welt.

Auf dem Weg nach Dharamsala hatten wir in einer staubigen, kleinen Stadt haltgemacht und ich hatte einen Seidenschal, der Khata genannt wird, gekauft. Ich wollte, dass der Dalai Lama ihn für mich segnet. Ich gab ihm den Schal und legte ihn um meinen Hals und sprach dabei seine segnenden Worte. Dann berührte er meine Stirn mit seiner.

Segnung vom Göttlichen

Das Gefühl, das sich in mir ausbreitete, können vermutlich nur Menschen nachempfinden, die solch eine Segnung selbst erlebt haben. Während meiner Vorbereitung auf das Interview hatte ich oft gelesen, dass eine wirkliche Segnung nur aus einem selbst heraus geschehen kann und nur dann stattfindet, wenn man einen neuen Grad der Güte erreicht. Nach meiner Segnung sprach der Dalai Lama über den Sinn des Lebens. Glücklich zu sein sei der Sinn des Lebens. Seine Worte ließen mich nicht mehr los. Trotz aller toller Möglichkeiten, die ich damals hatte, trotz des Ruhms, trotz des Geldes - ich merkte, dass ich in Wahrheit unglücklich war.

Nach dem Interview gingen wir in seinem Garten spazieren. Ich habe ein Bild davon zu Hause an der Wand hängen. Für mich war es immer symbolisch für die Dinge, die den Dalai Lama und mich trennten - und auch für die, die uns verbanden. Lange Zeit hing der gesegnete Schal an diesem Bild, bis ich ihn einem Freund gab, bei dem Krebs diagnostiziert worden war. Ich hoffte, dass es ihm helfen würde.

Während des Spaziergangs hatte ich den Dalai Lama auch zu seiner Meinung über Homosexualität gefragt. Keine Religion hat für Homosexuelle wirklich aufmunternde und bestätigende Worte parat und ich wollte wissen, was er darüber denkt. Er fände nichts Schlimmes an Homosexualität, sagte er. Es ginge doch um die Qualität der Liebe, nicht um ihre Orientierung. Außerdem sei es für ihn eine Grundregel, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Egal, um was es dabei geht.

In diesem Moment erfuhr ich eine Wahrheit, die ich immer bei meinem Vater gesucht und von ihm erwartet habe. Ich fragte den Dalai Lama, was er in seiner Freizeit macht. Er sagte, dass er es liebe, Fernseher und Radios zu reparieren. Das war der Schlüssel zum Glück, nachdem ich so lange gesucht hatte. Es sind die einfachen, die elementaren Dinge im Leben, die Erfüllung und Glück bedeuten.

Steve Blame war von 1987 bis 1994 Redakteur und Moderator bei MTV News - und traf in dieser Zeit die Stars dieser Welt: von Morten Harket bis Madonna, vom Dalai Lama bis zu Michail Gorbatschow. Auf einestages erinnert er sich an die besten Begegnungen - ab sofort immer am ersten Sonntag des Monats.

Zum Weiterlesen:

Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.

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1.
Guenter Liewald, 06.05.2011
Ich moechte mich hier nicht zur Person des Dalai Lama auessern, aber dass er "das geistige Oberhaupt der Buddhisten" sei, ist nicht korrekt. Er ist der "Gottkoenig" und as geistige und politische Oberhaupt der tibetischen buddhistischen 'Gelbmuetzen'-Sekte und das war es auch schon. Es gab in Tibet auch noch die 'Rotmuetzen'-Sekte, die von den Gelben blutig verfolgt und bekaempft wurden. Der Buddhismus in Indien, China, Thailand, Japan usw kennt kein 'Oberhaupt' und schon gar keine 'Gottkoenige' - das gab es nur in Tibet mit dem dazuhehoerigen System der Leibeigenschaft und Sklaverei.
2.
Michael Jäckel, 28.11.2013
Hallo Herr Liewald, Sie möchten sich nicht äußern zum Dalai Lama, aber tun es ja dann doch ;-) Als der Dalai Lama kurz nach seiner Flucht 1960 mit diesem Begriff "Gottkönig" konfrontiert wurde, war er ganz verwundert und sagte nur "was für eine befremdliche Bemerkung" siehe dieses Interview: http://www.youtube.com/watch?v=vDo9EhGrnOE ("what a stange remark!") Jeder seriöse Wissenschaftler weist darauf hin, dass es sich bei dem Begriff "Gottkönig" um eine westliche Projektion handelt, denn der Dalai Lama sei weder ein König, noch ein Gott ? noch eine Mischung aus beidem. Ich kann daher auch nicht verstehen, warum der Spiegel diesen Begriff immer wieder mal verwendet. Es geht kaum ignoranter ? Allerdings haben Sie völlig Recht, dass der Dalai Lama in keinem Fall "das geistige Oberhaupt der Buddhisten" sei ? das behauptet er auch nicht, aber (wiederum) Medien dichten ihm das an. Der Dalai Lama war in Tibet religiöses und weltliches Oberhaupt. Begriffe wie "Leibeigenschaft" entstammen der chinesischen Propaganda (die ihre illegale Besetzung Tibets ja heutzutage mit der "Befreiung vom Feudalismus" rechtfertigen, als sie in Tibet einfielen, nannten sie es "Befreiung vom Imperialismus".) Unter Wissenschaftlern sind diese Begriffe "Feudalismus", "Sklaverei" und "Leibeigenschaft" in Bezug auf Tibet vor 1959 umstritten und Wissenschaftler lehnen sie ab oder sehen sie zumindest als problematisch an, da sie mit negativen Assoziazionen arbeiten, die der Wirklichkeit in Tibet nicht gerecht werden. Näheres dazu hier von Robert Barnett (Columbia Universität), ein häufig vom Time Magazin, New York Times und BBC zitierter Experte: http://info-buddhismus.de/Menschenrechte_in_Tibet_vor_1959-Robert_Barnett.html MFG.
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