Treffen mit Elton John "Er war einfach nur unsicher"

Treffen mit Elton John: "Er war einfach nur unsicher" Fotos
Steve Blame

Als Moderator von MTV traf Steve Blame in den neunziger Jahren die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich jeden Monat an die besten Begegnungen. In Folge sieben: Wie Blame ein Früchtekostüm anzog - und Elton John intime Geständnisse entlockte. Von Steve Blame

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    3.0 (16 Bewertungen)

Die Welt liebt Diven. Diana Ross, Cher, Barbara Streisand, Aretha Franklin - sie alle werden verehrt. Die größte Diva ist für mich aber Elton John. In ihm vereinen sich die Persönlichkeit eines Popstars, der über allem zu schweben scheint, und der unzähmbare Drang, die Öffentlichkeit an seinem Leben teilhaben zu lassen, in einer Weise, wie man sie bei seinen weiblichen Gegenparts selten findet.

Außerdem wurde ihm in der Gerüchteküche ein Etikett angeheftet, das mich als unerfahrenen Interviewer, der ich 1988 noch war, umgehend in Panik versetzte: schwierig. Elton war eines meiner ersten Idole. Ich hatte alle seine frühen Alben, ich liebte "Your Song" oder "The Greatest Discovery". Mein absoluter Lieblings-Track aber war "Tiny Dancer" über seine damalige Freundin. Mich faszinierte die Einfachheit von Eltons Songs und die Poesie der Texte seines Songwriters Bernie Taupin.

Und ich vergötterte auch seine grelle Art. Oft werden Leute als "schwierig" abgestempelt, nur weil sie eine eigene Meinung haben, weil sie ihren eigenen Weg gehen und nicht einfach eine Pop-Marionette sind, die das macht, was das Management vorschreibt. Ich war damals übrigens auch auf dem Weg, mir einen Ruf als "schwierig" aufzubauen.

Eine neue Identität für Elton John

Elton hatte schon alles erlebt, Zeiten höchster Kreativität, in denen alles, was er tat, bejubelt wurde, genauso wie Zeiten, in denen seine Kritiker ihn zerrissen und seine Alben floppten. Er hatte zahlreiche Skandale hinter sich und hatte eine fast schon zur Hörigkeit tendierende Beziehung zur Öffentlichkeit.

Als ich ihn zum ersten Mal interviewte, bewarb er gerade sein neues Album "Reg Strikes Back". Von vielen wurde es zum Comeback-Album deklariert, weil Elton gerade ein tiefes Tal durchschritten hatte. Die britische Boulevardzeitung "The Sun" hatte ihn bezichtigt, sich mit Callboys eingelassen zu haben. Elton erreichte eine außergerichtliche Einigung, die, so munkelte man, eine Million britische Pfund wert war.

Er war entlastet. Jetzt musste er sich nur noch neu erfinden. Reginald Kenneth Dwight, wie Eltons richtiger Name lautete, war zurück, aber sein alter Style musste auf der Strecke bleiben. Um seinem Vorhaben mehr Nachdruck zu verleihen, versteigerte Elton John seine alten Bühnenoutfits zu wohltätigen Zwecken.

Interview im Früchtekostüm

Ich fand mich also in einem alten, englischen Ledersessel in einem Raum wieder, in dem normalerweise Konferenzen abgehalten wurden. Der Raum war vollgestopft mit knallbunten Kostümen. Ich war umringt von exakt den gleichen Kleidern, Hüten und Brillen, die man auch auf seinen Album-Covern sehen konnte. Manche davon waren die durchgeknalltesten Outfits, die jemals erdacht wurden. In gewisser Weise waren sie es, die Elton John ausgemacht hatten. Vielleicht waren sie für ihn eine Maske, weniger ein Ausdruck seiner Persönlichkeit als ein Schutz vor der Welt.

Nach ein paar Minuten siegte meine Neugier darauf, wie man sich in einem echten Elton-John-Outfit fühlen mochte. Ich zog mir ein Kostüm an. Dann probierte ich das nächste und das nächste. Als Elton mit einer Stunde Verspätung ankam, trug ich gerade ein Kostüm, bei dem Bananen und andere Früchte von meinen Schultern hingen. Außerdem saß die obligatorische Sternenbrille auf meiner Nase. Statt mich zu bitten, das Kostüm auszuziehen, sagte Elton mir, ich solle es während des Interviews tragen. Er war charmant und auf eine schelmische Art respektlos, konnte mir aber gleichzeitig kaum in die Augen gucken. Rückblickend betrachtet würde ich sagen, dass er damals auf dem Höhepunkt seiner Aufmerksamkeitssucht war. Aber er war nicht im Ansatz "schwierig" - eher unsicher.

Er fragte, wie er aussähe, und suchte danach in den Gesichtern der im Raum herumstehenden Mitarbeiter der Plattenfirma nach Bestätigung. Jedes Mal, wenn ich ihm eine Frage stellte, die ihm unangenehm war, etwa die nach seiner Ehe mit Renate Blauel oder dem Prozess gegen "The Sun", wich er mit einem flapsigen Kommentar oder einem Witz der Frage aus. Elton wollte unbedingt, dass sein neues Album ein Erfolg würde und schien verzweifelt nach Bestätigung zu suchen.

Kokainbeichte eines Superstars

Danach habe ich Elton John noch mehrmals interviewt, meist auf Events, Preisverleihungen oder Videodrehs, doch erst 1995 kamen wir für ein längeres Interview zusammen. Ich traf auf einen völlig anderen Menschen. Das Interview fand im Londoner Hard-Rock-Café statt. Die Rock-Memorabilia, die uns umgaben, stammten nicht mehr von ihm, und obwohl wir vor der Kamera sprachen, saßen dahinter ausgewählte Journalisten, die über das Interview berichteten. Trotz der wesentlich weniger intimen Atmosphäre war Elton viel selbstsicherer. Ab und zu spielte er zwar immer noch mit dem Publikum, aber ansonsten war er so ehrlich und authentisch, wie ich es noch nie zuvor in einem Interview erlebt hatte.

Er erzählte aus seiner kurzen Ehe mit Renate, die zerbrochen war, weil Elton seine Homosexualität nicht länger unterdrücken konnte, sprach aber immer respektvoll von ihr. Er gestand seine Schuldgefühle als Überlebender, weil er, anders als viele Freunde und Bekannte, nicht an Aids gestorben war. Er berichtete von seinen Drogenproblemen und konnte sogar lachen darüber, zu was für einem Menschen sie ihn gemacht hatten.

Zum Beispiel darüber, wie er am Ende einer exzessiven Nacht oft einfach bewusstlos wurde, am nächsten Morgen aufwachte und sein erster Gedanke war: "Mehr Kokain!" Wie er dann, wenn er auf dem Tisch nichts mehr fand, über den Boden kroch und die Reste mit der Nase vom Teppich aufschnorchelte wie ein Staubsauger. Es war jedem im Raum klar, dass er nur so darüber sprechen konnte, weil er mit diesem Leben abgeschlossen hatte.

Plötzlich wurde mir klar, dass eine Diva nicht einfach eine Prima Donna ist, jemand, der launisch ist und seinen ausgefallenen Status für selbstverständlich nimmt. Sondern ein Idol, mit dem wir uns identifizieren. Nicht nur wegen ihrer Musik, sondern vielmehr durch seine persönlichen Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste und Verfehlungen, die sie öffentlich erlebet. Elton vereinte all das für uns, und an diesem Tag ließ er alles raus.

Er hatte offensichtlich eine Phase seines Lebens erreicht, in der er offen und ohne Ängste über seine Vergangenheit sprechen konnte. Die Bestätigung, nach der er früher so offenkundig gesucht hatte, kam inzwischen aus seinem Inneren, das merkte man. Ich merkte auch, dass ich noch einen weiten Weg vor mir hatte, bis ich in diesen Zustand der Ausgeglichenheit kommen würde. Ich suchte noch danach. Aber an diesem Tag begriff ich, dass Eltons Ehrlichkeit ihn zu einem viel attraktiveren Menschen gemacht hatte. Plötzlich war er keine Diva mehr. Sondern einfach ein Mensch.

Steve Blame war von 1987 bis 1994 Redakteur und Moderator bei MTV News - und traf in dieser Zeit die Stars dieser Welt: von Morten Harket bis Madonna, vom Dalai Lama bis zu Michail Gorbatschow. Auf einestages erinnert er sich an die besten Begegnungen - ab sofort immer am ersten Sonntag des Monats.

Zum Weiterlesen:

Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

Artikel bewerten
3.0 (16 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH