Treffen mit Frank Zappa "Er hatte eine Botschaft"

Treffen mit Frank Zappa: "Er hatte eine Botschaft" Fotos
Andy Ridder

Als Moderator von MTV traf Steve Blame in den neunziger Jahren die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich jeden Monat an die besten Begegnungen. In Folge neun: wie Frank Zappa ein MTV-Interview für politische Statements nutzte - und Europa vor den USA warnte. Von Steve Blame

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Ich rückte ein Regal vor das Fenster. Ich stellte eine Topfpflanze drauf, in der Hoffnung, dem Hintergrund aus unauffälligen Vorhängen wenigstens einen kleinen Farbtupfer zu verpassen. Ich knipste das Licht an, um der ganzen Szenerie ein wenig Wärme zu spenden. Dann gab ich auf. Durch eine Kamera sieht ein Hotelzimmer immer aus wie ein… Hotelzimmer. Zum Glück war der Interviewpartner, auf den ich da 1988 wartete, ein bunter Hund.

Fünf Jahre später war Frank Zappa tot, seinem Prostatakrebs erlegen. Als Solokünstler und mit seiner Band The Mothers of Invention hatte er in seiner drei Dekaden umspannenden Karriere mehr als 60 Alben herausgebracht. Er hinterließ ein wahrhaft gigantisches musikalisches Vermächtnis. Gleichzeitig war er von den Mainstream-Medien nie ganz wahrgenommen worden. Wohl auch, weil er als Außenseiter, sogar als Freak galt.

Doch an jenem Tag im Jahr 1988 wurde er von MTV Europe zu einem Interview eingeladen, vermutlich weil sein Sohn Dweezil VJ bei MTV Amerika war.

Charmeur mit politischer Botschaft

Kaum hatte sich Zappa gesetzt, prüfte ich das Bild auf dem Kameramonitor. Ich hätte wissen müssen, dass mein ganzer Hokuspokus mit der Kulisse überflüssig gewesen war. Zappa zog einen sofort in den Bann, egal, ob vor laufender oder ausgeschalteter Kamera. Er schwitzte seinen Charme förmlich aus und besaß eine fast schon magische Anziehungskraft. Anders als viele andere Stars, die ich im Laufe der Zeit interviewte, hatte er auch eine politische Botschaft. Er wusste, dass ihm das Gespräch auf MTV die Möglichkeit bot, eine Zielgruppe zu erreichen, mit der er sonst nur schwer in Berührung kam. Und es war sonnenklar, dass er sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte.

Das Interview fand zu einer Zeit statt, in der sich in den USA zunehmend christlicher Fundamentalismus breitmachte. Das Land befand sich mitten in den Vorwahlen zur Präsidentenkür. Zappa ließ sich zu der Frage aus, ob der ehemalige TV-Prediger Pat Robertson oder der Baptistenpastor Jesse Jackson die bessere Wahl wäre - und kam zu dem Schluss, dass keiner von beiden eine gute Wahl wäre. Robertson hatte er sogar einen Song gewidmet: "Jesus Thinks You Are a Jerk".

Doch am krassesten ging er mit George Bush Senior ins Gericht. "Bush ins weiße Haus zu lassen, ist fahrlässig. Und Robertson zum Mitglied des Bush-Kabinetts zu machen, wäre eine Beleidigung." In allem, was Zappa sagte, wirkte er wie jemand, der die USA zutiefst verabscheute. Seine Äußerungen waren als Warnung an Europa gemeint, das er liebte und mit dem ihn eine große Zuneigung verband. Er wollte die jungen Zuschauer wachrütteln und dazu ermutigen, sich politisch zu engagieren. "Die christlichen Fundamentalisten sind auch in Europa auf dem Vormarsch", warnte er.

Wider den amerikanischen Irrsinn

Er präsentierte sich außerdem als glühender Verfechter der Redefreiheit und verdammte jede Form von Zensur, vor allem die der PMRC (Parents Music Resource Center), einer Organisation in den USA, die den elterlichen Einfluss auf die Popmusik vergrößern wollte. Diese hatte gerade ihre Liste der "Fiesen Fünfzehn" veröffentlicht, 15 Songs, die sie als nicht tauglich für Kinder erachtet hatten. Darauf fanden sich Stücke von Prince, Madonna und der nun wirklich harmlosen Sheena Easton. Die meisten der dort genannten Künstler waren damals die Gesichter von MTV.

Zappa Aussage dazu: "Der Vorstoß der PMRC ist unausgereifter Schwachsinn, der den Kindern keinerlei echte Vorteile schafft, dafür aber die Grundrechte aller verstößt, die keine Kinder sind und die Gerichte auf Jahre beschäftigen wird." Er erzählte außerdem von einer Einrichtung in New York namens "Freedom Village", wo man gegen eine gewisse Summe seinen Rock'n'Roll-Youngster entgiften kann. Ich wollte wissen, wie genau denn diese Entgiftung vor sich gehen würde, allerdings wusste Zappa auch nur, dass das Programm von einem Pastor namens D. Fletcher betrieben wurde, der eine "Liste mit den bösen Jungs und Mädels des Rock'n'Roll" angefertigt hatte. Der wirre Mix umfasste unter anderem Künstler wie The Who, Linda Ronstadt and Stevie Wonder.

Wie er so dasaß in seinem cremefarbenen Anzug und klar, präzise und selbstbewusst antwortete, hätte er auch ein Politiker sein können. Er war jemand, den man nicht so leicht für dumm verkaufen konnte. Doch seine selbstbewussten Standpunkte standen einem ausgeprägten Misstrauen den Medien gegenüber.

Über Aids sagte er beispielsweise, dass er es "für eine biologische Waffe" halte, die in einem Labor entwickelt worden war. "Noch nie zuvor in der Geschichte", fuhr er fort, "hat sich ein Virus so schnell ausgebreitet und so viele Menschen auf einmal getötet."

Als wir am Ende des Interviews angelangt waren, fragte mich Zappa, ob MTV das Gespräch in seiner ganzen Länge und ungeschnitten zeigen würde. Damals konnten wir noch frei entscheiden, was auf Sendung ging. Ich versicherte ihm, dass es kein Problem sei, das Interview auszustrahlen. Zumindest nicht in Europa. Nicht auf MTV. Nicht 1988. Fünf Jahre später, als Zappa tot war, hatte sich das geändert. MTV Europe hatte sich verändert. Und ich auch. Auf einmal verstand ich seinen Zynismus.

Zum Weiterlesen:

Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.

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1.
Ronald Vogel, 06.11.2011
Hi Steve, danke für die Insights in einen der wichtigsten Künstler von damals. Kleiner Typo: sein Sohn heißt nur Dweezil, Moon ist die Tochter. Ich habe kein gutes Portrait von dir gefunden - lass dich doch mal richtig portraitieren; zum Beispiel von mir. Siehe: http://www.daedalus-v.de :) Ronald
2.
Christian Weiss, 06.03.2012
Ach wie gut ist es doch, wenn ein Musiker einfach Musik macht und eben keine politische Botschaft hat, dann erzählt er auch nicht so einen himmelschreienden Unsinn über AIDS. Hätte er mal ein Geschichtsbuch aus der Nähe gesehen, hätte er nicht was von der schlimmsten Seuche erzählt.
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