Treffen mit Madonna "Sie hatte Angst, die Kontrolle zu verlieren"

Treffen mit Madonna: "Sie hatte Angst, die Kontrolle zu verlieren" Fotos
Steve Blame

Als Moderator von MTV traf Steve Blame in den neunziger Jahren die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich jeden Monat an die besten Begegnungen. In Folge vier: Wie Blame einen harten Kampf mit Madonna ausfocht - der ihm am Ende den besten Sex seines Lebens bescherte. Von

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Mit Madonna ein Interview zu führen, ist nicht nur eine große Herausforderung, es kann auch dein Sexleben stark aufwerten. Mein erstes Gespräch mit Madonna fand in Mailand statt. Es war nicht nur für mich eine Premiere, sondern auch für MTV Europe, das noch nie zuvor ein Interview mit ihr führen durfte.

Kein Treffen mit irgendeinem Star kann es mit einem Madonna-Interview aufnehmen. Das liegt zum einen an dem ungeheuren Personalapparat, der sie stets begleitet, zum anderen natürlich am Grad ihres Superstartums und nicht zuletzt an ihrer einschüchternden Art. Als Interviewer bist du automatisch erst mal der Unterlegene und musst hart kämpfen, um im Gespräch wieder die Oberhand zu gewinnen.

Als guter Interviewer musst du es schaffen, den Star einen imaginären Pfad entlangzuführen, in dessen Verlauf er sich öffnet, die Kontrolle abgibt und Dinge verrät, die er bisher noch nicht preisgegeben hat. Bei der Vorbereitung für das Interview war ich auf eine Aussage der amerikanischen Kunst- und Kulturhistorikern Camille Paglia gestoßen, die Madonnas Art, ihre Schönheit und ihren Sex-Appeal einzusetzen, als die Zukunft des Feminismus bezeichnet hatte. Ich nahm mir vor, das zum Thema des Interviews zu machen.

Die Gerüchteküche kocht über

Damals lebte ich mit Kristos zusammen, einem australischen Model mit griechischen Wurzeln, den ich bei einem Urlaub in Griechenland kennengelernt hatte. Die Beziehung war eigentlich platonisch. Kristos war Hetero, doch wir hatten ein paarmal miteinander geschlafen und nun lebte er bei mir in London. Kristos war ein unglaublicher Madonna-Fan, der stets einen Berg an Madonna-Memorabilia mit sich um die Welt schleppte. Ich bot ihm an, mich zu dem Interview zu begleiten.

Für MTV war der Termin mit Madonna ein Riesending. Man sagte mir, dass ich das neue Album nicht vorab bekommen würde, sondern mich mit einem Tape begnügen müsse, dass mir zwei Stunden vor dem Interview ausgehändigt würde. Außerdem entschied MTV, mir eine mannstarke Entourage mitzuschicken. Unter anderem eine ganze Abteilung namens Talent Artist Relation, die sich um nichts kümmerte, als den Kontakt mit dem Management von Superstars zu halten. Außerdem begleiteten mich die Geschäftsführerin von MTV News, der Präsident von MTV Europa und tausend andere Leute.

Am Abend vor dem Interview landeten wir in Mailand. Vor dem Hotel warteten Horden von Madonna-Fans, der Aufbau für das Interview hatte bereits begonnen. Am nächsten Morgen erreichten die Gerüchte, die zwischen der Madonna-Entourage und dem MTV-Camp ausgetauscht wurden, ihren Siedepunkt.

Sie hat schlechte Laune.

Sie hat gute Laune.

Sie ist schwierig. Sie ist unfreundlich. Sie ist total nett.

All diese widersprüchlichen Informationen begannen, mich ernsthaft nervös zu machen. Kristos war keine große Hilfe. Er wollte nur eins: Madonna treffen, und machte mir Druck, dass ich das einfädeln müsse. Zwei Stunden vor dem Interview erreichte mich ein Tape des neuen Albums "Erotica". Kristos riss es mir sofort aus der Hand, doch ich konnte es zurückergattern, dann schmiss ich ihn aus dem Zimmer, um die Kassette in Ruhe zu hören und mir noch Fragen zur Musik auszudenken. Doch mein Hauptthema hatte ich ja schon: Madonna und der Feminismus.

Erste Salve von Madonna

Zehn Minuten vor Beginn des Interviews wurde ich in das Zimmer gerufen, in dem das Gespräch stattfinden sollte. Das Filmteam hatte schon alles aufgebaut und wartete. Im Hintergrund waren zwei Stuhlreihen aufgebaut, wo der Rest der MTV-Leute sitzen würde. Ich hasste das. Zu viele Zuhörer können die fragile Atmosphäre bei einem Interview im Nu zerstören. Doch ich war überstimmt. Also saß ich da und ging noch ein letztes Mal meine Fragen durch. Dann erschien Madonna, pünktlich auf die Minute. Sie wurde von Liz Rosenberg, ihrer langjährigen PR-Frau, hineingeführt. Sie setzte sich, und während der Tontechniker ihr Mikrofon richtete, stellte ich ihr die belanglose Frage, wie ihr Tag bisher verlaufen sei.

"Ich will nur ein Licht, ich will es direkt über meinem Kopf und ich will, dass du es bedienst", sagte Madonna und zeigte auf Fiona, die Geschäftsführerin von MTV News.

Fiona konnte noch nicht mal eine normale Glühbirne wechseln, geschweige denn das Licht für ein Madonna-Shoot ausrichten. Sie duckte sich in eine Ecke. Der Beleuchter versah also seinen Dienst und Madonna sprach weiter.

"Test. Eins, zwei drei. Soll ich das sagen?"

Ich lachte. "Ja, das ist okay."

Dann begann ich das Interview mit einer vorsichtigen Frage bezüglich ihres neuen Videos, dass bei MTV nur nachts gespielt werden durfte.

"Würdest du dein neues Video als gewagt bezeichnen?", fragte ich, in der Hoffnung, sie langsam in das Interview hineinzuziehen. Doch Madonna hatte anderes im Sinn. Sie wollte mich in die Defensive drängen.

"Hast du es überhaupt gesehen?", fragte sie.

"Ja, habe ich", antwortete ich.

Dann feuerte sie ihre erste Salve zurück.

"Gut, ich wollte nur sichergehen, dass wir über die gleiche Sache sprechen."

Angriff ist die beste Verteidigung

Spätestens jetzt war mir klar, dass das hier kein normales Interview werden würde. Die Atmosphäre war aufgeladen und aggressiv, Madonna war offensichtlich angriffslustig. Ich musste zurückschlagen und mich verteidigen. Und das tat ich. Jede meiner Fragen wurde von ihr hinterfragt. Jeder ihrer Antworten lange abgewogen, jedes Wort genau gewählt. Dann geschah etwas Ungewöhnliches. Für mich hat jedes Interview einen Schlüsselmoment, der dessen Charakter definiert. In diesem Fall ereignete sich der Schlüsselmoment während der Einleitung einer meiner Fragen.

Ich fragte sie, ob sie Paglias Aussage, dass sie die Zukunft des Feminismus sei, zustimme. Und wie sie ihre feminine Schönheit einsetze.

"Indem ich das mache, was ich mache", erwiderte sie scharf. Dann dachte sie einige Sekunden nach. Die größte Ikone der MTV-Ära wusste sehr wohl, dass sie nicht ewig die Kontrolle darüber haben würde, wie ihr Äußeres wahrgenommen wird. Und die größte Angst von Menschen, die alles kontrollieren wollen, ist es, die Kontrolle zu verlieren. "Es gibt viele Menschen, die mich nicht schön finden", fuhr sie endlich fort. "Camilles Theorie funktioniert also nicht."

Am Ende kommt der Super-Sex

Madonna entzog sich meinem Thema für das Interview, indem sie die These einfach vom Tisch wischte. In gewisser Weise hatte sie davor für einen Moment die Kontrolle verloren, nun errang sie die Oberhand zurück, indem sie sich verweigerte. Für mich war das eine klare Parallele zu ihren Videos, von denen jedes nur ein kurzes, stilistisches Abenteuer war, in denen immer neue Bilder das alte ablösten, gerade rechtzeitig, bevor sich das Publikum zu langweilen begann. Pure Oberflächlichkeit in einer oberflächlichen Ära. Und bei MTV lebte ich dieses Leben mit.

Erst am Ende des Interviews war Madonna zum ersten Mal freundlich und offen zu mir. Mich schockte dieser Sinneswandel regelrecht. Aber ich nutze die Gelegenheit, um sie zu fragen, ob sie meinem Freund, der draußen wartete, Hallo sagen könnte. Sie fragte mich nach seinem Namen und ging aus dem Raum. Als sie Kristos vor der Tür sah, ging sie zu ihm hinüber, zog in bester "Madonna trifft Marylin Monroe"-Manier einen Schmollmund und hauchte: "Hi Kristos!" Er fiel fast hintenüber und musste von zwei Bodyguards aufgefangen werden.

Zwei Jahre später interviewte ich Madonna noch einmal, diesmal war sie freundlich, hatte aber vorsorglich die Interviewzeit auf magere 15 Minuten begrenzt. 1995, ich arbeitete damals bereits für VIVA 2, kontaktierte ich Liz Rosenberg mit einer weiteren Interviewanfrage. Sie beschied mir, dass sich Madonna einen leichtgewichtigeren Interviewpartner wünschte und dass ich das Interview nicht führen dürfe. So wie es aussah, war die Erinnerung an unser Aufeinandertreffen in Mailand bei Madonna noch recht präsent. Auf meinen Freund Kristos hatte es ebenfalls mächtig Eindruck gemacht. Am Abend nach dem Interview gingen wir damals alle Essen, das Kamerateam, die Führungskräfte, Kristos und ich. Danach bescherte er mir den besten Sex meines Lebens.

Danke, Madonna!

Steve Blame war von 1987 bis 1994 Redakteur und Moderator bei MTV News - und traf in dieser Zeit die Stars dieser Welt: von Morten Harket bis Madonna, vom Dalai Lama bis zu Michail Gorbatschow. Auf einestages erinnert er sich an die besten Begegnungen - ab sofort immer am ersten Sonntag des Monats.

Zum Weiterlesen:

Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Thomas Löw 06.06.2011
"die größte Angst von Menschen, die alles kontrollieren wollen, ist es, die Kontrolle zu verlieren." Danke für den Hinweis. Zumindest das Lektorat scheint hier ein angstfreies Leben zu führen.
2.
Evelyn Bechtle 06.06.2011
Frei nach: If I can make it here, I make it ... auch im SPIEGEL!! Donnerwetter, chapeau Muenchhausen, auf online schon geschafft - who is to Blame?
3.
Rainer Junkereit 06.06.2011
Wer interssiert sich schon für Madonna? Nur sie selbst!
4.
Burkhard Müller-Ullrich 06.06.2011
Ich bin so glücklich, dass ich das lesen durfte. Haben Sie noch mehr Lübbe-Bücher? Bitte alles online stellen! Kann nicht auch dieser Kristos mal was schreiben? Der scheint ein unglaublich interessanter Mann zu sein.
5.
Sven Bölter 07.06.2011
Ist ja gut. Mittlerweile hat ja jeder begriffen, dass Herr Blame schwul ist. Mir persönlich ist das völlig gleichgültig, aber wieso muss das denn immer erwähnt werden? War bisher in jedem Kapitel so. Wir haben 2011, es ist also nicht mehr "schlimm" ;)
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