Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sci-Fi-Schreckensszenarien Zurück in die Zukunftsangst

Film-Dystopien: Kinohits für Pessimisten Fotos
ddp images

Schwarzsehen ist wieder in! Mit Kassenschlagern wie "Die Tribute von Panem" feiern Dystopien im Science-Fiction-Film ihr Comeback. Dabei war die Zukunft auch früher schon hoffnungslos: einestages erinnert an die finstersten Filme von "Soylent Green" bis "1984". Von

Der Raum, in den der Gefangene geführt wird, ist fensterlos und kahl. Die kleine Wandlampe erhellt ihn nur spärlich. Viel gibt es in dem berüchtigten Zimmer 101 ohnehin nicht zu sehen: Wände und Boden aus nacktem Beton, einen schweren Stuhl mit Fixierschlaufen an den Armlehnen. Was folgt, ist die wohl berühmteste und abscheulichste Szene aus Michael Radfords Orwell-Verfilmung "1984". Der Kopf des Gefangenen Winston Smith (John Hurt) wird so fixiert, dass er direkt in einen perfiden Doppelkäfig starrt. Im hinteren Teil kämpfen zwei ausgehungerte Ratten miteinander. Durch eine kleine, verschließbare Öffnung gelangen sie in den vorderen Bereich. Durch eine weitere in Smiths Gesicht.

So weit, dass die letzte Klappe nach oben gezogen wird, kommt es nicht. Das Grauen spielt sich in der Vorstellung ab. "Was einen in Zimmer 101 erwartet, ist das Schlimmste der Welt", gibt Folterknecht O'Brian (Richard Burton) seinem Opfer mit auf den Weg. Es sind ihre ureigensten Ängste, mit denen die Häftlinge hier konfrontiert werden. Und Winston Smith fürchtet nichts so sehr wie Ratten. Wenig später wird er als geheilt entlassen - gehirngewaschen und ruhiggestellt.

George Orwell hatte seine Schreckensvision eines stalinistischen Überwachungsstaats 1949 als Zukunftsszenario in das Jahr 1984 verlegt, das zur Gegenwart geworden war, als Radfords Film am 9. November 1984 in der Bundesrepublik in die Kinos kam. Mittlerweile ist das 30 Jahre her. Viele denken bei "Big Brother" heute eher an RTL und Sat.1 als an Orwell. Trotzdem bleibt sein Romanstoff aktuell - und sein Pessimismus unverändert beliebt als Stoff für Kinofilme.

Kannibalismus als Kritik an Umweltverschmutzung

So schlägt sich etwa Jennifer Lawrence seit 2012 äußerst erfolgreich in der "Die Tribute von Panem"-Filmreihe durch eine dystopische Zukunftswelt, in der Jugendliche bei tödlichen Gladiatorenkämpfen darum ringen, dass ihr Heimatdistrikt von dem absolutistischen Regime mit Nahrung versorgt wird. Und 2014 stellte sich Shailene Woodley als Tris in "Die Bestimmung - Divergent" in einem ähnlich düsteren Szenario unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Drogen ihren Ängsten, damit sie aus den grauen Sackkleidern ihrer Elternfraktion in die engen schwarzen Fetischklamotten der auserwählten "Furchtlosen" schlüpfen durfte. Eine Gefangene des autoritär-totalitären Regimes blieb sie dennoch.

Wie ein Brennglas, so heißt es, würden solche negativen Utopien gegenwärtige Missstände in die Zukunft hinein vergrößern und verdichten - mit durchaus weltverbesserischer Absicht. Der Blick in die Kinogeschichte scheint zumindest die These vom zeitkritischen Charakter dystopischer Filmwelten zu bestätigen.

Fritz Langs cineastische Urdystopie "Metropolis" verarbeitete 1927 Fließbandkapitalismus und Klassenkampf. Und dass sich die Menschen in Richard Fleischers "…Jahr 2022… die überleben wollen" (Originaltitel: "Soylent Green") von ihresgleichen ernähren und nicht, wie sie glauben, von schmackhaft aufbereitetem Plankton, reflektierte 1973 die Probleme einer im übertragenen Sinn kannibalischen Gesellschaft: Im Jahr der ersten Ölkrise war die Angst allgegenwärtig, die Menschheit könne sich durch Umweltverschmutzung, Überbevölkerung, Ressourcen- und Nahrungsmittelknappheit ihrer eigenen Zukunft berauben.

Dystopie als Teenagergenre

Auch jüngere Beispiele des dystopischen Films griffen immer wieder aktuelle Entwicklungen auf: So entwarf Andrew Niccols "Gattaca" 1997 - ein Jahr nachdem Schaf Dolly geklont wurde - das abschreckende Beispiel eines genetisch selektierenden Staates. Drei Jahre nachdem mit Deep Blue zum ersten Mal ein Computer gegen einen amtierenden Schachweltmeister gewann, verkamen die Menschen 1999 in "Matrix" zu biologischem Zuchtmaterial in einer von künstlichen Intelligenzen beherrschten Welt. Und in Alfonso Cuaróns "Children of Men" (2006), Lars Kraumes "Die kommenden Tage" (2010) oder auch Neill Blomkamps "Elysium" (2013) schotteten sich einige wenige Privilegierte gegen die Flüchtlingsströme der Armen ab - was frappierend an aktuelle Entwicklungen in Europa gegenüber Flüchtlingen aus Afrika erinnert.

Trotz dieser Rückgriffe auf aktuelle Themen fällt auf, dass viele Grundthemen der dystopischen Zukunftsentwürfe sich beständig wiederholen: die Übermacht der Technik, der Medien, der Reichen, des Staates, der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Freiheit und Kontrolle.

Aktuell erfreuen sich dystopische Filme dank des Erfolgs der "Tribute von Panem" wieder wachsender Beliebtheit. Doch die Zukunftsvisionen von "Tribute von Panem", "Divergent" oder auch Philip Noyces "Hüter der Erinnerung - The Giver" fallen weniger durch ihre Beschäftigung mit den klassischen Themen des dystopischen Kinos auf als vielmehr durch jüngere Protagonisten. Der dystopische Science-Fiction-Film hat sich zum Teenagergenre entwickelt.

Entsprechend geht es darin nun vor allem um Teenagersorgen. Wer bin ich? Was will ich? Wie kann ich meinen eigenen Weg gehen? Hinter den fiktiven Machthabern der Zukunftsregimes dieser Filme lugen Eltern, Lehrer und andere Gutmeinende hervor. Die im Schatten sozialkritischer Deutungen lange übersehene psychologische Dimension von Dystopien lässt sich kaum noch leugnen. Für Heranwachsende in der Grauzone zwischen kleinem Mädchen und Frau können starke Heldinnen wie Tris oder Katniss aus "Die Tribute von Panem" als Mutmacherinnen dienen, die sich in der dystopischen Erwachsenenwelt behaupten. Und Jungen kann der 16-jährige Jonas aus "The Giver", der als "Hüter der Erinnerung" von einer Flut unbekannter Gefühle überwältigt wird, als Identifikationsfigur dienen.

All diese Jugendlichen tauschen die Sicherheit ihrer Kindheit gegen eine unberechenbare, bedrohliche Freiheit ein. Die soziale Revolte des Kampfes gegen einen totalitären Staat wird zur Metapher für das Erwachsenwerden. Die Zukunft, der sich diese neuen dystopischen Helden entgegenkämpfen, mag vielleicht nicht einfacher werden - aber wenigstens werden sie selbst darüber bestimmen.

Zum Autor
  • Dr. Stefan Volk hat in Freiburg i. Br. und Madison, Wisconsin, Germanistik und Geschichte studiert. Anschließend hat er über Literaturverfilmungen promoviert und trotzdem nicht die Lust am Kino verloren. Er ist freier Filmkritiker und Autor des im Schüren Verlag erschienenen Buches "Skandalfilme - Cineastische Aufreger gestern und heute" sowie von "Was Sie schon immer über Kino wissen wollten". Weitere Infos: www.skandalfilm.net, facebook.com/skandalfilme und facebook.com/kinobuch.

Artikel bewerten
2.7 (126 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Film gesehen?
Thomas Buuk, 24.11.2014
Hallo Dr. Volk. Haben Sie die Filme denn auch nur ansatzweise gesehen? V wie Vendetta als "eine hemmungslose cineastische Gewaltorgie" zu bezeichnen ist ja wohl etwas weit hergeholt. Ich finde die Story eher bedrohlich und den Plot durchaus komplex - Gewalt kommt vor, ja. ... aber welche Beschreibung gibt es dann noch für "John Rambo"?
2. Metapher für das Erwachsenwerden ?
Dirk Kaufmann, 24.11.2014
---Zitat--- Die soziale Revolte des Kampfes gegen einen totalitären Staat ---Zitatende--- irgendwas stimmt da am Satzbau nicht... Meinten Sie nicht eher, das diese Art von Filmen eine Metapher für die Unterdrückung der Menschen durch Totalitäre Staaten ist ? anders gesagt Tribute von Panem ist die Folge von patriot act.
3. Die
Stefan Blanck, 24.11.2014
Für den selbst erklärten Anspruch des Superlativs liefert Stephan Volk leider nur eine bescheidene Auswahl der "finstersten" Sci-Fi Filme. Wo bleiben beispielsweise: THX 1138 Der Omega Mann Planet der Affen Invasion of the body snatchers
4. Equilibrium
Karl-Peter Lenhard, 24.11.2014
Als eine Mischung aus verschiedensten Dystopien sollte auch Equilibrium genannt sein. Der Film fristet zwar ein Schattendasein, ist meiner Meinung nach aber ein sehr interessanter Vertreter seiner Art und mit Christian Bale in der Hauptrolle auch mit einem höchst wandelbaren und glaubwürdigen Charakter besetzt.
5. minority report....
Michael Kaplan, 24.11.2014
... basiert genauso wie Blade Runner und Total Recall auf einem Roman von Philip K. Dick ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH