Trickfilm "Fantasia" Als Walt Disney einen Film fuhr

Trickfilm "Fantasia": Als Walt Disney einen Film fuhr Fotos
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Tanzende Pilze, Regenbogentrinker und barbusige Zentaurinnen: Mit knallbunten Bilderwelten und "Fantasound" wollte Walt Disney 1940 die Seh- und Hörgewohnheiten der Kinozuschauer revolutionieren. Doch "Fantasia" floppte fürchterlich. Erst 30 Jahre später wurde das bizarre Werk zum Hit - Drogen sei dank. Von

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So hatte sich Disney das eigentlich nicht vorgestellt. Jungs mit langen Haaren, Mädchen in Schlaghosen und Schlabberhemden liegen in der ersten Sitzreihe des Kinos auf dem Boden direkt vor der Leinwand. Weltvergessen starren sie zu den bunten Bildern hoch, die über ihnen entlangziehen. Manche von ihnen schieben sich kleine Stückchen Papier in den Mund, in ihren Kleidern hängt der süßliche Geruch von Patschuli und Marihuana.

Im Sommer 1969 wurde das experimentellste Filmprojekt des Zeichentrickvisionärs Walt Disney plötzlich zu einem Massen-Event. Zu Tausenden liefen Jugendliche in die Lichtspielhäuser, um "Fantasia" zu sehen. Dabei war der Film fast 30 Jahre alt - und eigentlich Disneys schlimmster Flop gewesen.

Der Trickfilm verband klassische Musik mit farbenfrohen Bildern und war ein Herzensprojekt des berühmten Filmproduzenten. Acht Klassikkompositionen wurden mit kunterbunten Musikvideos unterlegt und durch Zwischenansagen eines verschmitzten Conferenciers im Frack miteinander verbunden. In Tschaikowskys "Nussknacker Suite" etwa lässt Disney Fische, Feen und Distelkosaken tanzen. Igor Strawinskis "Die Frühlingsweihe" wird zu einem Parforce-Ritt durch die Evolution. Von den ersten Einzellern in den Meeren bis zum Aussterben der mächtigen Dinosaurier auf der Erde - inklusive trompetenden Vulkanen und stampfenden Tyrannosauriern. In Beethovens "Pastorale" tollen Baby-Pegasusse, Einhorn-Esel und barbusige Zentaurinnen über die Leinwand.

Vierdimensionales Kinokonzert

Diese Bilderwelten waren Disneys Versuch, die Massen mit seiner Liebe für klassische Musik anzustecken. Dabei strapazierte er die Gewohnheiten der Lichtspielhausbesucher bis zum Äußersten. "Fantasia" sollte viel mehr werden, als ein weiterer Trickfilm. Ein Konzertabend im Kinosaal - das war seine Vision. Wie für einen Abend im Opernhaus ließ er aufwendige Programme drucken, der Dresscode lautete Abendkleid und Frack.

Um die Illusion vom Konzert perfektzumachen, verzichtete er sogar auf die Einblendung des Titels am Anfang des Films. Stattdessen erschien, Musiker für Musiker, ein Orchester auf der Leinwand und begann seine Instrumente zu stimmen. Dann passierte etwas Ungeheuerliches: Der Dirigent wies verschiedene Instrumente an, aufzuspielen - und die Musik ertönte nicht nur von vorn. Der Orchesterchef wies nach links und plötzlich spielten von dort Violinen und Bratschen auf, er dreht sich nach rechts und im nächsten Moment setzen von dieser Seite die Holz- und Blechbläser ein, nur um im nächsten Takt an die Celli und Kontrabässe zu übergeben, die den Zuschauerraum plötzlich von allen Seiten mit ihrem vollen, warmen Klang überfluten.

Mehr als 40 Jahre vor der Erfindung der Dolby-Surround-Technik erfand Walt Disney den "Fantasound". Dafür wurden die Säle, je nach Größe und Platz, mit 30 bis 80 zusätzlichen Lautsprechern ausgestattet. Zu einer Zeit, in der die meisten Kinos nicht einmal Stereo beherrschten, badete Disney die Zuschauer in einem überwältigenden Meer aus Musik. Ursprünglich wollte der Unterhaltungsmagier den Zuschauern sogar eine vierte Dimension spendieren. Doch als die Kosten für das Projekt explodierten, trennte er sich von der Idee, die Kinobesucher auch noch mit zu den Stücken passenden Düften einzunebeln.

Außer Kontrolle geratene Rettungsaktion

2,28 Millionen Dollar kostete "Fantasia". Beinahe ein Fünftel des Budgets verschlang allein die neue Soundtechnologie sowie die aufwendigen Orchesteraufnahmen. Doch genau diese technische Revolution geriet zum Sargnagel für Disneys Wunderfilm. Der Verleih RKO Radio Pictures zog sich zurück, als bekannt wurde, dass jeder Kinosaal, in dem "Fantasia" gezeigt werden sollte, vorher mit Dutzenden zusätzlichen Lautsprechern ausgestattet werden müsse.

Disney aber gab nicht auf - er übernahm den Verleih einfach selbst. So startete das millionenschwere Filmprojekt wegen des aufwendigen "Fantasound" am 13. November 1940 mit nur zwölf Kopien. Es wurde ein finanzielles Desaster, dass Disney trotz seines Megaerfolgs "Schneewittchen und die sieben Zwerge" 1937 beinahe in den Ruin trieb.

Dabei war die Idee für "Fantasia" eigentlich nur entstanden, um ein anderes außer Kontrolle geratenes Projekt profitabel zu machen: Den Kurzfilm "Der Zauberlehrling", ein Rettungsversuch für Disneys Lieblingsfigur Mickymaus. Die wollte nämlich Ende der dreißiger Jahre kaum noch jemand sehen, stattdessen wurde der Tollpatsch Donald Duck immer beliebter. Um seine Maus in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, gab Disney ihr die Hauptrolle in dem aufwendigsten Kurzfilm, den er je produziert hatte.

Wie im Film, in dem Micky als neunmalkluger Magier in Ausbildung das Haus seines Meisters verwüstet, endete jedoch auch Disneys Trick in einer Katastrophe. Die Produktion des Neunminüters kostete 125.000 Dollar - mehr als das Doppelte dessen, was ein Kurzfilm damals wieder einspielen konnte. Weil mit einem abendfüllenden Trickfilm weit mehr Geld zu verdienen war, fügte Disney seinem Imagestreifen für Mickymaus weitere aufwendige Kurzfilme hinzu - "Fantasia" war geboren.

Che Guevara, Mickymaus und eine schwarze Zentaurin

Das junge Publikum, das dreißig Jahre nach diesen Debakeln die Kinosäle stürmte, interessierte sich freilich weder für Mickymaus, noch für klassische Musik. Sie verehrten The Grateful Dead, die Doors und Che Guevara. Sie hatten andere Qualitäten in dem Bilderreigen nach Noten entdeckt: Denn um die Musikstücke in visuelle Eindrücke zu übersetzen, ließen die Zeichner ihrer Fantasie die Zügel schießen.

In der visuellen Untermalung von Bachs "Toccata und Fuge in D Moll" bilden sich Lichtkathedralen vor einem wolkenverhangenen Himmel, abstrakte Bilderreigen wabern über die Leinwand. Modest Mussorgskis "Johannisnacht auf dem kahlen Berge" schickt den Betrachter auf einen Horrortrip einmal aus den Ruinen einer Stadt in die tiefen der Hölle und zurück. Und nach der Hälfte des Films wird der Irrsinn auf ein neues Niveau geschossen: Da nämlich interviewt der Conferencier den Soundtrack, eine Tonspur, die minutenlang unter den Klängen verschiedener Instrumente erzittert.

Ohne es zu merken, hatte Disney den wohl ersten psychedelischen Film gemacht. Elefanten in rosa Tutus, ungewollte Drogenanspielungen wie tanzende Pilze und ein Regenbögen trinkender Bacchus - Kifferhumor par Excellence. Der Disney-Konzern reagierte 1969 flexibel auf den Hype: Er designte neue Filmplakate in psychedelischem Look und kündigte das reanimierte Werk als "Trip-Film" an.

Die neue Vermarktung war allerdings nicht der einzige Tribut an die Hippie-Generation: Unter den bildschönen Zentaurinnen, die sich in der Ursprungsfassung Oben ohne an einem See vergnügten, tummelte sich auch Sunflower, eine schwarze Zentaurin. Sie war kleiner als die anderen, weniger elegant, dümmlicher, hatte den Körper eines Esels - und sie polierte den anderen Pferdemädchen die Hufe. So etwas konnte man der politisch bewegten Generation Summer of Love natürlich nicht anbieten.

Im Vergleich zu den Beschneidungen, die das Werk zuvor hatte hinnehmen müssen, war dies eine Kleinigkeit. "Fantasia" war zu diesem Zeitpunkt bereits zum vierten Mal wiederveröffentlicht worden - eine drei Jahrzehnte dauernde Odyssee der faulen Kompromisse, während der der magische Fantasound auf Mono zusammengestaucht und der Film von mehr als 125 auf 81 Minuten gekürzt worden war.

Nun endlich hatte Disneys Vision ein begeistertes Publikum gefunden. Bis heute hat das durchgeknallte Meisterwerk mehr als 75 Millionen Dollar eingespielt und gilt als einer der wichtigsten Filme Disneys. Der Meister selbst konnte diesen Erfolg nicht mehr erleben. Er war 1966 - drei Jahre vor dem Durchbruch von "Fantasia" - gestorben.

Zum Weitersehen:

Walt Disney: "Fantasia". 2-Disc Special Edition. Blu-Ray und DVD. Der Film liegt auf Blu-Ray in der 124-minütigen Version vor, auf DVD in einem 119-Minuten-Schnitt - in beiden wurde die schwarze Zentaurin Sunflower ausgespart.

Die DVD erhalten Sie bei Amazon.

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
Rüdiger Toebert 02.12.2010
... und Mitte der 1970er Jahre gab es dann noch den Film "Allegro non tropo" als gelungene Persiflage von Fantasia - ebenfalls in den einschlägigen Programmkinos ein Hit, den man nüchtern betrachtet....äh, wer schaute sich das nüchtern an?
2.
Monty Stiegmann 02.12.2010
Hübscher Artikel, danke dafür. Weiß denn auch jemand den Grund, warum die Blue-Ray 5 Minuten länger ist als die DVD?
3.
vorname nachname 02.12.2010
>Hübscher Artikel, danke dafür. > >Weiß denn auch jemand den Grund, warum die Blue-Ray 5 Minuten länger ist als die DVD? Klar! Es sollten beide, DVD und BluRay die gleichen Versionen sein. Die unterschiedlichen Längen hängen mit dem Format zusammen: während BluRays im 1080p Format abgespielt werden, liegen europäische Pal-DVDs im Format 567i vor. Letzeres hat den "Speed-Up" Effekt zur Folge, durch den die Filme schneller laufen, als im Kino oder im NTSC- oder Bluray- Format. Deshalb sind blurays ein so großer Fortschritt; zum ersten Mal können wir Meisterwerke so genießen, wie sie sein sollen!
4.
m lab 02.12.2010
Eine Bluray wird mit 24 Bildern pro Sekunde wiedergegeben, so ist der Film auch produziert; das ist die Originalgeschwindigkeit (also Originallänge). Eine DVD läuft mit 25 Bildern pro Sekunde; dabei läuft der Film etwas schneller als die Originalgeschwindigkeit vorgibt. Das wird in Europa schon immer so gemacht, da die Fernsehnorm hier 25 Vollbilder pro Sekunde vorgibt. So ergibt sich eine Beschleunigung von etwa 4 Prozent, etwa 4 - 5 Minuten bei einem Kinofilm.
5.
Kolja Nowak 02.12.2010
Kinofilme haben 24 Bilder pro Sekunde, müssen aber wegen Kompatibilität mit der europäischen Fernsehnorm PAL auf DVDs mit 25 Bildern pro Sekunde präsentiert werden. Das ergibt eine Laufzeitverkürzung von ca. vier Prozent, obwohl kein einziges Bild fehlt. Die neueren Fernsehnormen des Digitalzeitalters und damit auch BluRay verzichten auf diese Abwärtskompatibilität und präsentieren den Film unverändert mit 24 Bildern pro Sekunde. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/PAL-Beschleunigung
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