Trickfilm-Propaganda Donald gegen Hitler

Trickfilm-Propaganda: Donald gegen Hitler Fotos
© Disney

Bambi in der Freiwilligenarmee, Micky an der Heimatfront: Amerikas Mobilmachung während des Zweiten Weltkriegs ließ nichts und niemanden aus - selbst Disneys Zeichentrickfiguren dienten der Kriegs- und Propagandamaschine. Und manchmal schlug sogar eine Friedenstaube beherzt zu. Von Sven Stillich

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"Heil Hitler!", schreit Donald Duck und reckt den rechten Arm zum Führergruß. Am anderen trägt er eine Hakenkreuzbinde wie jeder im von Hitler regierten "Nutzi Land", in dem die "Nutzis" selbst die Bäume zu Hakenkreuzen geschnitten haben und am Himmel Hakenkreuzwolken vorbeiziehen. Wo es kaum etwas zu essen gibt, doch selbst der Hahn den Tag lauthals mit "Heil Hitler!" begrüßt.

Donald steht an einem Fließband einer Fabrik, von Soldaten bewacht. Sie treiben ihn dazu, Munition zusammenzuschrauben, Futter für den Krieg. Immer schneller und schneller wirbeln Donalds Hände, und im Akkord muss er dabei immer wieder "Heil Hitler!" schreien, bis er wahnsinnig wird - und endlich aus einem bösen Traum erwacht. Tatsächlich liegt er nun in einem flauschigen Bett, in einem Schlafanzug mit weißen Sternen auf blauem Grund samt rotweiß gestreifter Hose - wie die Flagge der USA. "Oh, wie froh ich bin, ein Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein", sagt Donald Duck. Schnitt. Hitler fliegt eine Tomate ins Gesicht.

Zeichentrick in staatlichem Auftrag: 1943 kommt der Film "The Fuehrer's Face" in die Kinos, im selben Jahr gewinnt er den Oscar als bester animierter Kurzfilm. Er ist bei weitem nicht der einzige Propagandastreifen aus den Studios von Walt Disney. Neben der agilen Ente werden auch Micky Maus, Bambi und selbst Hund Pluto fester Bestandteil der amerikanischen Kriegsmaschine.

Soldatenschulung mit Zeichentrick

Bereits im Dezember 1941, in den Tagen rund um den Angriff auf Pearl Harbor, war das US-Militär bei Disney vorstellig geworden: Die Army will einen Teil der Studios zur Verteidigungsanlage ausbauen, um eine nahe gelegene Flugzeugfabrik vor Luftangriffen zu schützen. Außerdem bestellt die Navy Zeichentrickfilme - extra hergestellt für die Schulung ihrer Soldaten. Weitere Aufträge folgen.

Im Mai 1942 meldet sich die berühmteste Ente der Welt in "Donald Gets Drafted" zum Militärdienst, im Film "The Spirit of '43" wirbt er bei den amerikanischen Bürgern dafür, Geld für die Steuer zurückzulegen und pünktlich zu bezahlen. Schließlich werde ihr Beitrag dringend für den Krieg gebraucht, denn "Steuern lassen die Demokratie marschieren", und "jeder unnötig ausgegebene Dollar ist ein Dollar für den Feind".

In Auftrag gegeben wird dieser Film von Henry Morgenthau Jr., dem späteren Vater des Morgenthau-Plans und damaligen Finanzminister. 26 Millionen Amerikaner sehen "The Spirit of '43", mehr als ein Drittel davon gibt später an, dass sie auch wegen Donald nun für die Steuer sparen.

Bambi in der "Freiwilligenarmee"

Zeichentrickfilme richten sich in jenen Jahren ganz bewusst nicht nur an Kinder. Zwei Drittel der Amerikaner gehen jede Woche ins Kino. Und sie lieben die Figuren von Disney. Bald macht auch Goofy Propaganda, Micky und Minnie Maus erklären in einem Film, dass selbst altes Bratfett wichtig für den Sieg sein kann, und immer wieder rückt Donald aus: In "Commando Duck" zerstört er sogar im Alleingang (und eher aus Versehen) eine ganze Flotte von japanischen Flugzeugen.

1942/43 produzieren die Disney-Studios mehr als 62.000 Meter Film - fünfmal mehr als in besten Friedenszeiten. Und Walt Disney macht nicht nur im Kino mobil: In Comics wirbt Familie Duck für Kriegsanleihen, als Heftchen erscheint auch "Micky Maus an der Heimatfront". Alle Disney-Figuren sind nun im Einsatz, selbst das scheue Bambi kämpft in Disneys "Freiwilligenarmee" gegen die Achsenmächte.


Die Propaganda-Trickfilme auf Youtube:

Der oscarprämierte Disney-Cartoon von 1943: "Der Fuehrer's Face"

Auch Warner machte Stimmung gegen die Nazis: "The Ducktators"

Trickfilm über die Erziehung der Kinder in Nazi-Deutschland: "Education For Death: The Making Of The Nazi"


Diese Filme und Hefte sind wichtig für die Moral: In ihnen wird nicht nur der Feind lächerlich gemacht; für ein paar Minuten darf das Publikum auch über den eigenen Alltag lachen, über Lebensmittelknappheit und die eigene Angst. Walt Disney macht den Amerikanern Mut.

Blonder Hans muss sterben

Disney im Zweiten Weltkrieg, das ist auch politische Erziehung für die Bevölkerung - und die Soldaten an der Front: 1943 kommt der Film "Education for Death: The Making of the Nazi" ins Kino - ein bedrückender Film ohne Donald oder Micky Maus. Er beschreibt in beeindruckenden Bildern, wie in Nazi-Deutschland Kinder zum Hass und für den Krieg erzogen werden. Wie der blonde Hans geboren wird, nur um an der Front zu sterben.

Disney ist jetzt überall - und immer dicht dran am Militär. Bereits seit 1942 gestalten seine Zeichner grafische Embleme für amerikanische Truppenteile: einen Moskito etwa, der auf einem Torpedo reitet, für die neuen Torpedoboote der Navy, eine kriegerische Krähe aus "Dumbo" für ein Bombergeschwader oder eine Schildkröte mit einem Besen für Minenräumer.

Grafiker, die gerade noch Bambi oder Schneewittchen gezeichnet haben, malen jetzt Insignien für Panzer, Bomber und Schiffe. Viele Soldaten schmücken ihre Fighter und Tanks auch selbst mit Mickys, Donalds und Plutos: Symbole für den "Amercian Way of Life", für Freiheit und Demokratie - für alles, das auf dem Spiel steht. Am D-Day, der Invasion in Europa, soll "Mickey Mouse" sogar ein Passwort unter den alliierten Streitkräften gewesen sein.

"Ähnlichkeiten beabsichtigt!"

An der Propaganda beteiligen sich indes auch andere Hollywood-Studios - besonders der "Führer" ist immer wieder das Ziel von Spott.

Warner Brothers bringt 1942 "The Ducktators" in die Kinos. Der Film spielt auf einem friedlichen Bauernhof, auf dem eine Entenfamilie Nachwuchs erwartet. Als die Schale des schwarzen Eis bricht, schlüpft ein Küken mit Hitlerbart, Hitlerfrisur und Hakenkreuzbinde. Es hebt den Arm und schreit "Sieg Heil!": der Anfang vom Unglück. Aus dem Küken wird ein Demagoge, dem bald schon die dummen Gänse applaudieren, und auch der Wetterhahn trägt nun Hakenkreuzbinde. Am Ende werden Hitler und seine Kumpanen von einer Friedenstaube verprügelt.

In "Daffy: The Commando" fliegt die Trickfilm-Ente Daffy Duck als lebende Kanonenkugel nach Deutschland und haut Hitler mit einem Holzknüppel auf den Kopf, in "Scrap Happy Daffy" beißt Adolf Hitler vor Wut in einen Teppich, weil Daffy einen so großen Haufen Altmetall gesammelt hat.

Der Film "Blitz Wolf" von Metro-Goldwyn-Mayer, in dem der böse Wolf (mit Hitlerbart) erfolglos versucht, die drei kleinen (amerikanischen) Schweinchen klein zu kriegen, beginnt gar mit dem Vorwort: "Der Wolf in diesem Film ist nicht fiktiv. Alle Ähnlichkeiten zwischen dem Wolf und dem (*!!--%) Deppen Hitler sind völlig beabsichtigt!". Am Ende des Kurzfilms landet der geschlagene "Adolf Wolf" in der Hölle.

Späte Ehre für Donald

Durchhalten! Wir werden siegen, wenn ihr alle dabei helft. Dieser Krieg ist euer Krieg! Das sind die Botschaften, die Hollywood in jenen Jahren verbreitet - auf der Leinwand, in Comics, auf Panzern und Plakaten.

Nach dem Krieg verschwinden diese Filme für viele Jahrzehnte in den Giftschränken der Studios.

Das hat seinen Grund. Eine neue Zeit ist angebrochen, und Disney will seine neuen Freunde (und das Geschäft auf den zurück eroberten Absatzmärkten) in Europa nicht mit alten Geschichten belasten.

Donald Duck musste deshalb 50 Jahre alt werden, um doch noch eine Auszeichnung für seine Kriegsdienste zu erhalten: 1984 wird er zu seinem Geburtstag von der US-Armee als Zeichen des Dankes zum Unteroffizier befördert und ehrenhaft aus dem Militär entlassen.

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1.
Peter Strom 03.08.2009
Die Figur unten im Bild 6 ist definitiv nicht Kaiser Hiroito sondern Premier Tojo (rundes Gesicht, Brille, Schnurrbar), ein zu der Zeit geläufiger Name in der US-Öffentlichkeit und oft in der Propaganda dargestellt.
2.
Uwe Teichert 04.08.2009
>Die Figur unten im Bild 6 ist definitiv nicht Kaiser Hiroito sondern Premier Tojo (rundes Gesicht, Brille, Schnurrbar), ein zu der Zeit geläufiger Name in der US-Öffentlichkeit und oft in der Propaganda dargestellt. Im Film wird er aber schon so genannt.
3.
Burkhard von Grafenstein 07.08.2009
Auch die Sowjets haben Cartoon-Filme gegen die Nazis aufgelegt, auch mit animierten Tieren wie Haien als Nazi-U-boote. Wer eifrig bei Youtube sucht, der findet.
4.
Burkhard von Grafenstein 01.11.2009
Hier ein Link zu den sowjetischen Propaganda-Cartoons: http://www.youtube.com/watch?v=FRcBt904OJ0
5.
Susanne Modeski 31.01.2011
Man sollte aber schon dazu schreiben, dass Walt Disney bis 1942 ein großer Sympathisant des Führers war - er hat sogar 1938 Leni Riefenstahl nach Hollywood eingeladen, in der Absicht, sie zu engagieren, traute sich dann aber nicht wegen der schlechten Presse nach der Kristallnacht. Disney hat aber noch bis Ende 1941 Filme nach Deutschland verkauft - und umgekehrt, Hitler ließ Privatvorstellungen mit Disneyfilmen veranstalten. Das hörte erst 1942 nach Pearl Harbor auf. Dann wäre es natürlich auch illegal gewesen.
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