Trimm dich Das Männlein, das uns Beine machte

Trimm dich: Das Männlein, das uns Beine machte Fotos
DOSB

Es war der Urknall des Fitnesswahns: Ein kleiner Quadratschädel in roter Turnhose infizierte die Deutschen Anfang der siebziger Jahre mit dem Trimm-dich-Fieber. Dauerlaufen, Rumpfbeugen und Bockspringen bewegten die Republik - bis heute haben wir uns nicht davon erholt. Von Jürgen Bröker

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Plötzlich war er überall. Trimmy lächelte von Plakaten, reckte Zeitungslesern seinen Du-schaffst-das-auch-Daumen entgegen, turnte den Deutschen in Werbespots vor. Dazu hallte seine unverkennbare Trimm-Dich-Melodie aus dem Radio. Kein Bundesbürger konnte sich Anfang der siebziger Jahre dem stets lächelnden Strichmännchen mit dem Kastenkopf, der roten Hose und dem weißen Turnhemd entziehen.

Trimmys Feldzug für mehr Fitness schaffte das, wovon heutige Werbekampagnen nur träumen können. Mit Slogans wie "Laufen ohne schnaufen" oder "Ein Schlauer trimmt die Ausdauer" brachte die Trimmy-Kampagne binnen weniger Jahre neun Millionen Bundesbürger dazu, aktiv Sport zu treiben. Der Bekanntheitsgrad des kleinen Quadratschädels mit der schwarzen Haartolle bei der westdeutschen Bevölkerung lag bei sagenhaften 80 Prozent. "Bei den Jugendlichen waren es sogar fast 100 Prozent", sagt Verena Mörath, die 2005 im Auftrag des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) die Trimm-Aktionen des Deutschen Sportbundes untersucht hat.

"Trimm dich" - das war so etwas wie der Urknall des allgemeinen Bewegungswahns, der die Republik seither erfasst hat. Man sagte noch "Dauerlauf" und nicht Jogging, und statt ins Fitnessstudio ging man zwecks Leibesertüchtigung in den Wald - aber der Startschuss für Sport als Freizeitspaß war gefallen, und Trimmy war derjenige, der der Republik Beine machte.


Eine Republik im Trimm-Dich-Fieber

Video 1: Maskottchen Trimmy stellt die Trimm-Freunde vor

Video 2: "Das neue Laufen ohne zu schnaufen"

Video 3: Ein Schlauer trimmt die Ausdauer

Video 4: Olympioniken beim Trimm-Trab

Video 5: "Spiel mit - da spielt sich was ab"

Video 6: Schnee-Geplauder


"Bewegt euch!"

Bis in die siebziger Jahre war Sport eher mit Begriffen wie Wettkampf und Leistung, Jugend und Erfolg besetzt. Es gab keinen Breiten- und kaum Individualsport. "Die Trimm-Aktion hat das geändert", sagt Gerhard Bergel, beim Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), dem Nachfolgeverband des DSB, zuständig für die Breitensportförderung. "Da war der Anspruch dann plötzlich: Sport für alle. Also auch für die Übergewichtigen, Älteren und Leistungsschwachen."

Die Erfinder von "Trimm dich" hatten den richtigen Riecher. Ihre Kampagne fiel in eine Ära, in der die Deutschen, Arbeitszeitverkürzung sei Dank, mehr Freizeit zur Verfügung hatten. Und die Städter strebten an den Wochenenden hinaus in den Wald, um sich im Grünen zu entspannen. "Die Kampagne hat den Zeitgeist getroffen", sagt Forscherin Mörath. Ein weiterer Schub kam durch die die Olympischen Spiele 1972 in München: In vielen Kommunen entstanden damals neue Sportanlagen, die Bürger waren plötzlich für den Sportgedanken sensibilisiert - das Badengehen etwa wurde zum Schwimmen und damit zum Sport. Ähnliches galt für Kniebeugen am Arbeitsplatz oder das Mähen des heimischen Rasens: Bewegt euch, egal wie und wo, lautete die einfache Botschaft.

Und die kam an, zumal sie mit konkreten Angeboten einherging. So entstanden etwa erste, lockere "Lauftreffs", ungezwungen, ohne Vereinsmeierei. Unter Anleitung, aber nach eigenem Leistungsvermögen trabten sie los, wann und wo sie Lust hatten. Bald liefen immer mehr Aktive in strammsitzenden Trainingsanzügen mit schrillen Siebziger-Jahre-Farben durch den Wald. Auf "Trimmpfaden", die viele Kommunen zu dieser Zeit einrichteten, entdeckten die Deutschen den Klimmzug neu, machten fleißig Rumpfbeugen und setzten per Bocksprung über Holzpfähle. Natürlich hing neben jeder Station des Trimm-Parcours eine detaillierte Anleitung für die zu absolvierende Übung.

Freizeitvergnügen oder Leistungsschau?

Mit der "Trimm-dich-fit"-Aktion des DSB hatten die Trimmpfade aber eigentlich gar nichts zu tun. Dennoch verband ein Großteil der Bevölkerung beides miteinander - ein Missverständnis, dass sich bis heute gehalten hat. "Die Pfade waren dem Vita-Parcour nachempfunden, der in der Schweiz seinen Ursprung hatte", weiß Expertin Mörath. Sogar Kritik habe der DSB für diese Pfade einstecken müssen, obwohl er keine Verantwortung für sie trug: Viele Kommunen meinten, der Sportbund werde für die Wartung der schnell modernden Trimmpfade aufkommen.

Auch häuften sich bald Sportunfälle auf den Pfaden, weil die Geräte nicht den sportwissenschaftlichen Standards genügten. 1973 reagierte der Deutsche Sportbund deshalb mit seinem "Trimm-Park": "Eine Freizeitsportanlage im Wald, die vier Bedürfnisse erfüllen sollte: Ausdauer, Übung und Kraft, Geschicklichkeit, Spiel und Geselligkeit für die ganze Familie", wie Mörath erklärt. Es gab eine meist drei Kilometer lange Laufstrecke, einen Trimmplatz, auf dem die Geräte standen, dazu meist noch einen Trimmspielplatz für Federball oder Fußball und eine Hütte als Unterstand.

Dass sich Freizeitsportler außerhalb von Vereinen trafen, bereitete den etablierten Sportclubs verständlicherweise Sorgen - der Trend schien sich von ihnen weg zu entwickeln: Sport als Freizeitvergnügen, weniger als Leistungsschau. Doch die Vereine reagierten richtig und schufen neue Angebote, speziell für Frauen. "Ohne die Kampagne des DSB hätten sich die Sportvereine vielleicht nicht für den Breitensport geöffnet", meint Mörath über das vielleicht größte Verdienst der Trimm-Dich-Bewegung.

Wiedersehen am Trimm-Parcours

Ob Aerobic, Jogging oder Nordic Walking - Trimmy hat der Fitnesswelle unserer Tage erst den Weg geebnet, auch wenn der moderne, konsumorientierte Individualsport nur noch wenig mit dem damals propagierten Kollektiverlebnis im Dienste der Volksgesundheit zu tun hat. Geblieben sind aus den Trimm-dich-Tagen die Lauftreffs, die Erkenntnis, dass Sport nicht zwingend Leistungssport heißen muss - und Trimmy, das freundliche Männchen mit roter Hose und bravem Scheitel.

Heute trägt Trimmy das Logo einer großen Molkerei auf dem weißen Rippstrick-Turnhemd und begleitet eine neue Breitensport-Kampagne. Vieles nämlich ist auch beim Alten geblieben: Die Deutschen bewegen sich weiterhin zu wenig und sind übergewichtig. Bereits in vier deutschen Städten hat der DOSB darum neue Trimm-Parks eingerichtet, weitere sollen folgen. Auf den Schildern der neuen Parcours werden die Freizeitathleten unserer Tage freundlich von einem alten Bekannten begrüßt - natürlich Trimmy.


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Maximilian von Platen 28.11.2008
Von wem stammte die Trimm-Dich-Melodie? Ist sie auf MC oder CD veröffentlicht?
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