Triumph am Mount Everest Wenn die Luft dünn wird

Triumph am Mount Everest: Wenn die Luft dünn wird Fotos
Peter Habeler

Es galt als unmöglich, der Versuch als Wahnsinn. Ohne Sauerstoffmasken bezwangen Reinhold Messner und Peter Habeler 1978 als erste Menschen den höchsten Gipfel der Erde. Ihr ständiger Begleiter: die Angst, die Ärzte könnten mit ihren Warnungen recht behalten. Von

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So wie die Geburt Jesu, der Bau der Pyramiden, der Dreißigjährige Krieg oder Neil Armstrongs erster Schritt auf dem Mond war es eines jener Ereignisse, die in die Geschichte eingehen sollten - und von denen man noch heute mit Bewunderung spricht. Das Expeditionsduo Reinhold Messner und Peter Habeler hatten sich 1978 einer Expedition des Österreichischen Alpenvereins angeschlossen. Die Gruppe um den Expeditionsleiter und Innsbrucker Alpinisten Wolfgang Nairz - bestehend aus Robert Schauer, Horst Bergmann und den beiden Ärzten Raimund Margreiter und Oswald Oelz sowie unterstützt von rund 130 Trägern und einige Yaks für die acht Tonnen schwere Ausrüstung - wollten den Mount Everest erklimmen. Messner und Habeler wollten das auch - jedoch anders als die übrigen Expeditionsteilnehmer ohne künstlichen Sauerstoff.

"Die Öffentlichkeit hat uns für verrückt erklärt", erzählt Peter Habeler heute. Doch er und Messner seien von ihrem Vorhaben überzeugt gewesen: "Es muss möglich sein." Nach der Erstbesteigung des Mount Everest durch Sir Edmund Hillary und seinen Sherpa Tensing Norgay im Jahr 1953 sollte es möglich sein, den Gipfel des Berges ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff zu erreichen. Bestens akklimatisiert starteten Messner und Habeler ihr eigenwilliges Unternehmen am 21. April 1978 in Topform.

Mediziner und Alpinisten hingegen waren überzeugt: Die Besteigung des Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff ist unmöglich. Sie befürchteten schwere, irreparable Schädigungen des Organismus infolge des niedrigen Sauerstoffgehalts in der Atemluft in diesen Höhen. Eine mangelhafte oder nicht mehr vorhandene Sauerstoffzufuhr zum Gehirn würde dieses schwer in Mitleidenschaft ziehen.

"Ich würde meine Frau nicht mehr erkennen"

Bis in eine Höhe von 6400 Metern marschierten die zwei Extrembergsteiger so, als "wären wir irgendwo in den Bergen unserer Heimat unterwegs." Zügig ging es voran - trotz zunehmender Widrigkeiten: Orkanartige Stürme zerfetzten ein Zelt, heftiges Schneetreiben nahm die Sicht, und Habeler hatte sich zu allem Übel den Magen verdorben. Unermüdlich arbeiteten sich die beiden dennoch voran.

Nairz, Schauer, Bergmann und ihr Sherpa Ang Phu hatten es am 3. Mai 1978 geschafft - ausreichend mit Sauerstoff versorgt standen sie auf dem höchsten Berg der Welt. Doch die Mission von Messner und Habeler dauerte zu diesem Zeitpunkt noch an. Die erfolgreiche Tour ihrer Bergkameraden wirkte auf sie wie ein Motivationsschub. Und doch machte sich Habeler Sorgen: "Den ganzen Weg zum Basislager war ich sehr glücklich. Ich war entspannt, und dann hörte ich einige Geschichten. Das frustrierte mich ein wenig. Ich dachte an zu Hause, und dass ich meine Frau nicht mehr erkennen würde, wenn ich zurück bin, wie mir einige Leute prophezeiten." Habeler befürchtete, durch den Sauerstoffmangel Ödeme oder einen Schlaganfall zu erleiden.

Die Angst war nicht unbegründet. Obwohl das Volk der Sherpas in Nepal das Leben in großer Höhe gewöhnt ist, erlitt einer der Träger bei der Tour auf über 6400 Meter einen Schlaganfall. Das schnelle Handeln des Rettungsteams und der Abstieg zu den Ärzten ins Basislager rettete ihm das Leben, doch seine linke Gehirnhälfte war derart geschädigt, dass eine linksseitige Lähmung zurückblieb.

Alle Gedanken ausgeschaltet

Nach einer kalten Nacht im Lager drei gingen Habeler, Messner, drei Sherpas und der Engländer Eric Jones weiter zum Südsattel auf 7900 Metern, immer weiter ihrem Ziel entgegen. "Ich war wie in Trance", erinnert sich Habeler. Gedanken an zu Hause, seine Frau und das Baby hatte er ausgeschaltet. Alles was zählte, war, dass sie als erste ohne künstlichen Sauerstoff auf den höchsten Berg der Welt gelangen wollten. Die Menschen zuhause seien ihm zwar nicht egal gewesen, aber "ich funktionierte nur noch", sagt Habeler.

Mehrmals dachte er ans Umkehren - wenn sich immer mehr Wolken am Himmel drängten oder der Wind stärker blies. Messner hingegen dachte daran, das große Ziel notfalls mit einem anderen Partner zu schaffen. Ein letztes Mal motivierte er seinen Mitstreiter: "Wenn ich es schaffe, dann kannst du es genauso schaffen!"

Gemeinsam sollte es schlussendlich klappen. Nach den letzten Klettereien erreichten sie kriechend am 8. Mai 1978 kurz nach 13 Uhr den höchsten Punkt der Erde - ganz ohne künstlichen Sauerstoff.

Bei Habeler stellte sich trotz dieses Erfolges allerdings kein Gefühl des Triumphes ein. "Ich war einfach nur glücklich. Ich war nicht stolz darauf. Mir war's nicht einmal bewusst, und Reinhold, so glaub' ich, auch nicht", sagt der heute 65-Jährige in Leo Dickinsons Film "Mount Everest Todeszone". In seinem Buch "Das Ziel ist der Gipfel" schreibt er von einer Leere, die sich im Inneren seines Körpers bemerkbar machte. Wenn Habeler sein Ziel ganz zuoberst erreicht hat, spricht er keineswegs von einem Gipfelsieg, sondern meint fast demütig: "Die Berge lassen dich gewähren."

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1.
Werner von Schleiden 07.05.2008
"... doch seine linke Gehirnhälfte war derart geschädigt, dass eine linksseitige Lähmung zurückblieb ..." Was ein biologisches Wunder wäre. Wenn er links gelähmt ist, muss die rechte Gehirnhälfte geschädigt sein - und umgekehrt.
2.
Hubert Rauer 24.04.2012
"Gedanken an zu Hause, >> seine Frau und das Baby
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