Triumphe und Tragödien am Eiger Mordwand Nordwand

Triumphe und Tragödien am Eiger: Mordwand Nordwand Fotos
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Dramen zwischen Fels und Eis: Vor 75 Jahren durchstieg eine deutsch-österreichische Seilschaft erstmals die Eiger-Nordwand. Der Mythos der Unbezwingbarkeit war damit widerlegt. Doch der Aufstieg blieb eine mörderische Herausforderung. einestages erinnert an Höllentouren und Heldentaten. Von

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Die Dämmerung legt sich über die Berge des Berner Oberlandes, als am 24. Juli 1938 vier durchgefrorene und ausgelaugte Gestalten über Geröllfelder zur Station Eigergletscher der Jungfraubahn taumeln. Die Männer - es handelt sich um die beiden Deutschen Anderl Heckmair und Ludwig Vörg sowie die Österreicher Heinrich Harrer und Fritz Kasparek - haben Historisches geleistet: Sie haben zum ersten Mal die Nordwand des Eigers durchstiegen. Es ist jener Berg, dessen Name sich vom Oger ableitet, einer menschenfressenden Sagengestalt, die angeblich hoch oben in der Wand haust.

Beinahe wäre auch den Bezwingern der 1800 Meter hohen Bastion das gleiche Schicksal widerfahren wie acht Bergsteigern in den drei Jahren zuvor - der Tod durch Absturz, Lawinen, Steinschlag, Erfrieren oder Erschöpfung.

Seit Mitte der dreißiger Jahre versuchten vor allem Bergsteiger aus dem Deutschen Reich und aus Österreich die zum "letzten Problem" der Alpen stilisierte Wand zu durchsteigen. Jeden Sommer rückten neue Herausforderer an, um dem Berg mit Steigeisen und Eishaken zu Leibe zu rücken. Bei örtlichen Bergführern und vielen Kletterern aus den Westalpen waren diese technischen Hilfsmittel verpönt, ebenso wie der übersteigerte Opfermut der Aspiranten. "Wenn die Wand zu machen ist, machen wir sie. Oder bleiben drin", hatten etwa die Österreicher Edi Rainer und Willy Angerer 1936 einem Reporter gesagt, bevor sie beim Versuch der Besteigung ums Leben kamen. Die propagandistische Inszenierung der meist jungen Kletterer verlieh den Besteigungsversuchen eine politisch-militärische Komponente, die aus heutiger Sicht wie eine alpinistische Ouvertüre der folgenden kriegerischen Konflikte in Europa anmutet: Harrer ist Mitglied der SS und NSDAP, Heckmair und Vörg sind Bergführer an der NS-Ordensburg in Sonthofen.

Band zwischen Deutschen und Österreichern

Die Erstbesteiger sind nicht optimal vorbereitet, als sie im Juli 1938 nach Grindelwald kommen. Zwar haben sowohl Heckmair als auch Vörg den Berg akribisch studiert, Letzterer sich nach einem Besteigungsversuch im Jahr zuvor gar aus der Wand retten können - trotzdem aber macht neben der Steilheit des Geländes die Kombination aus abwärts geschichtetem Kalk, Eis und Schnee die Nordwand unberechenbar für die vor allem in der Felskletterei geschulten Männer. Dazu kommt das unvorhersehbare Wetter an Eiger, Mönch und Jungfrau, die sich als erste Bergriesen den von Nordwesten heranrauschenden Kaltfronten in den Weg stellen. Heckmair und Vörg haben nur ein Paar moderne Steigeisen dabei, Harrer und Kasparek lediglich ein Paar veraltete.

Ursprünglich sind sie getrennt unterwegs: Die Zweierseilschaften Kasparek/Harrer, Vörg/Heckmair und zwei weitere Österreicher, die sich allerdings noch im unteren Teil der Wand zur Umkehr entschließen.

Die verbliebenen vier Männer am Berg kommen darin überein, den Aufstieg als Viererseilschaft zu wagen - ein Schritt, der später von der NS-Propaganda als Beleg für das unverbrüchliche Band zwischen Deutschen und Österreichern ausgeschlachtet wird. In Wahrheit passt es Heckmair und Vörg nicht, dass sie die langsameren Kletterer mit durch Wand ziehen sollen.

Trotz einer stark blutenden Handverletzung von Vörg und dem unvermeidlichen Wettersturz kämpfen sich die Bergsteiger über die Schlüsselstellen Hinterstoisser-Quergang, Rampe, Weiße Spinne und die Ausstiegsrisse nach vier Tagen auf den Gipfel vor. Heckmair steigt den größten Teile der Route vor und führt seine Bergkameraden durch den Schneesturm zurück ins Leben und ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit.

"Mordwand"

Den größten Teil des Ruhms erntet jedoch der geschickte Selbstvermarkter Harrer, der noch heute unter Bergführern als schwächster Bergsteiger des Quartetts gilt. Sein Buch "Die Weiße Spinne" wird später zum Bestseller.

Mit ihrer Leistung nehmen die Kletterer der Nordwand den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Dem mythischen Ruf als "Mordwand" wird der dunkle Abbruch aber auch in den folgenden Jahrzehnten gerecht - dafür sorgen die vielen Tragödien mit tödlichem Ausgang, die immer wieder die alpinistischen Triumphe in den Schatten stellen.

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Christoph Blase 22.07.2013
Nach dem sog. Anschluss Österreichs am 12. und 13. März 1938 gab es leider die österreichische Staatsbürgerschaft nicht mehr. Alle Expeditionsteilnehmer waren - zumindest per Juli 1938 - Deutsche.
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