"No Drumming Laws" Als Amerika das Trommeln verbot

Amerikanische Kolonien stellten im 18. Jahrhundert das Trommelspiel unter Strafe - um eine Revolution zu verhindern. Das ging nach hinten los: Dem Verbot verdanken wir das moderne Drumset.

JP Jazz Archive/Redferns

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"Es ist unbedingt erforderlich für die Sicherheit dieser Provinz, mit aller Sorgfalt den Gebrauch von Trommeln ... oder anderen lauten Instrumenten einzuschränken, die geeignet sind, zusammenzurufen oder Zeichen zu geben oder einander über bösartige Pläne zu benachrichtigen", hielt ein Gesetz South Carolinas 1740 fest. Und präzisierte: "Jeder Meister, ... der es seinem Neger ... erlaubt oder duldet, dass er Trommeln spielt ... , soll ein Bußgeld von 10 Pfund zahlen für jeden Verstoß."

So bizarr der Artikel 36 des "Slave Act" heute klingt, es war nur eines der "No Drumming Laws" nordamerikanischer Kolonien im 18. Jahrhundert. So schuf etwa Georgia ein fast wortgleiches Gesetz, auch Gemeinden in Louisiana verboten Sklaven das Trommelspiel. Noch ein Jahrhundert später unterband man im Süden Nordamerikas bei Musikaufführungen das Trommeln - notfalls mit Polizeigewalt.

Die Furcht der Sklavenhalter vor Kommunikation per Drumbeat war keineswegs unbegründet. Doch anders als erhofft, konnten sie das Trommeln nicht stoppen. Mit ihren Verboten legten sie sogar den Grundstein für die Erfindung des modernen Schlagzeugs.

Dschungel-Telefonie

Es war die Blütezeit der Sklaverei in Nordamerika: Hunderttausende wurden ab Beginn des 16. Jahrhunderts über die sogenannte "Mittelpassage" aus Westafrika eingeschifft, um auf Plantagen zu schuften. Bereits bei frühen Afrika-Expeditionen hatten manche weißen Kolonisten feststellen müssen, dass Trommeln hier auch der Kommunikation dienten: etwa wenn sie nach Abreise aus einem Ort ferne Rhythmen im Dschungel hörten und bei Ankunft im nächsten Ort schon erwartet wurden.

"Sprechende" Trommeln verwendete man in Afrika seit Jahrhunderten. So traten beim Initiationsritus der Adiukru junge Männer in ein Zwiegespräch mit Trommeln. Und Tonsprachen wie jene der Bulu bestehen aus durch Rhythmus und Tonhöhen unterscheidbaren Worten. In der Fernkommunikation trommelt der Sender erst seinen Namen, dann den des Empfängers und schließlich die Botschaft - die bis zu 24 Kilometer überwinden kann.

Demonstration afrikanischer Talking Drums

Oft spielten die Musiker spezielle Sprechtrommeln. Die Dundun-Trommeln des Yoruba-Volks zum Beispiel sind mit Lederschnüren überzogen, was die Tonhöhe der Schlagfelle verändert, und werden unter den Arm geklemmt. Beim Spielen variieren die Trommler den Druck auf die Schnüre und ahmen damit Wort- und Satzmelodien und Wortrhythmen nach. Diverse afrikanische Sprachen können so getrommelt werden.

Bei der Verschiffung von Afrikanern nahmen Sklavenhändler viele traditionelle Trommeln mit, aus pragmatischen Gründen: Tanzen und Trommeln wurde auf den Schiffen Teil der obligatorischen Leibesertüchtigung und sollte die Fitness der "Ware" erhalten - und deren Marktwert. Doch so kam auch ein Werkzeug zur Revolte an Bord.

Trommeln ohne Trommeln

Entsetzt entdeckten fortan Plantagenbesitzer, dass ihre Sklaven über weite Distanzen kommunizieren konnten - in einer Sprache, die ihre Peiniger nicht verstanden. So konnten die Schwarzen Entflohenen helfen und sogar Aufstände koordinieren: etwa den Stono-Aufstand von 1739, die größte Sklavenrebellion der britischen Kolonien Nordamerikas.

Also erließ man vielerorts "No-Drumming-Laws", die zunächst zu greifen schienen: Ab 1740 verschwanden afrikanische Trommeln in Nordamerika. Aber schon bald trommelten Sklaven mit Alltagsgegenständen wie Löffeln, Stöcken, Butterfässern. Vor allem aber, so der Soziologe Ortiz Walton 1980 in seinem Buch "Music: Black, White, and Blue", machte "die Durchsetzung von Anti-Trommel-Gesetzen es nötig, die Funktion der Trommel auf die Füße, die Hände und den Körper zu verschieben" - in Form eines Tanzes, der Geschichte schrieb.

Beim "Pattin' Juba" (auch "Hambone" genannt) stampfte man mit den Füßen auf den Boden und klatschte mit den Händen auf Oberschenkel, Brust, Arme und Wangen. Bald tanzte man so nicht mehr nur auf Plantagen, sondern auch vor weißem Publikum bei Minstrel Shows. Der als "Master Juba" bekannte Tänzer William Henry Lane trat etwa um 1840 als einer der ersten schwarzen Künstler überhaupt vor Weißen auf.

"Pattin' Juba" wurde Vorvater des Stepptanzes und revolutionierte zudem Perkussion: Zuvor war Trommeln meist eine Gruppenaktivität, etwa in einer Marschkapelle mit je einem Musiker an einer Trommel. Beim "Pattin' Juba" spielte nun erstmals eine Person mit allen Extremitäten vier rhythmische Stimmen zugleich und wurde zur Ein-Mann-Perkussionsgruppe.

Schlecht gespielt, gut gedacht

Die Wirkung dieses Konzepts reichte weit über die Abschaffung der Sklaverei in den USA 1865 hinaus. Weil es Geld und Platz sparte: Ende des 19. Jahrhunderts veränderten sich Musikaufführungen in Amerika. Hatten Musiker früher in Orchestergräben gesessen, spielte man nun auf Tanzabenden in Kneipen, in Bordellen oder auf Flussdampfern. Also auf winzigen Bühnen und für miese Honorare. Saßen früher mehrere Perkussionisten an je einer Trommel, reichten Platz und Geld nun nur noch für einen. Behelfsmäßig stellten viele Trommler eine Bassdrum und eine kleine Trommel auf und spielten beide mit den Händen.

Patent des Bassdrum-Pedals (1909)

Patent des Bassdrum-Pedals (1909)

"Double Drumming" hieß diese Technik. Von der Komplexität des "Pattin' Juba" war sie noch meilenweit entfernt. Doch das sollte sich ändern - dank eines Mannes, der einfach zu schlecht spielte.

Der aus Deutschland stammende William Ludwig, ein aufstrebender 19-Jähriger Schlagzeuger, trat 1908 regelmäßig im Chicagoer Auditorium Theatre auf. Doch Ludwig hatte seine Schwierigkeiten mit den angesagten schnellen Jazz- und Ragtime-Nummern. Das Trommeln bewegte sich damals weg von traditionellen, geraden Marschkapellen-Beats hin zur Polyrhythmik der afrikanischen Musik: sich gegeneinander verschiebenden Rhythmen, die es parallel zu spielen galt. Allein mit Hilfe des Double Drumming eine zähe Aufgabe.

Doch Ludwig hatte eine geniale Idee, wie er seine Arme entlasten konnte: Er entwarf ein Pedal, das einen Schlägel gegen die Basstrommel schnellen ließ - und ihn per Federzug zurückholte, wenn er den Fuß anhob. Die Erfindung war so bahnbrechend, dass Ludwig sie bereits 1910 in Massenfertigung herstellte.

Trommeln mit Händen und Füßen

Die Idee, auch mit den Füßen zu spielen, machte Schule. Wenig später fingen Schlagzeuger an, zusätzlich zu den per Hand gespielten Becken den "snow shoe" zu verwenden: eine Art Holzsandale, die zwei Zimbeln aneinanderschlug. Aus dem archaischen Gerät schuf die "Walberg and Auge Drum Company" in den Zwanzigerjahren die moderne Hi-Hat, die sowohl per Pedal als auch mit den Händen gespielt werden kann.

       "Snow shoe        "        : Vorgänger der modernen Hi-Hat
olympicdrums.com

"Snow shoe " : Vorgänger der modernen Hi-Hat

Mit dem modernen Drumkit war das erste Perkussionsinstrument geboren, das der Musiker mit allen vier Extremitäten gleichzeitig spielen konnte - so wie schon der "Pattin' Juba"-Tänzer im 18. Jahrhundert seine Rhythmen mit Händen und Füßen stampfte und klatschte.

Ohne es zu ahnen, hatten Amerikas Sklavenhalter mit ihren Trommelverboten die Evolution des Schlagzeugs vorangetrieben. Wie die Ironie der Geschichte es wollte, sollte genau dieses Instrument die afrikanische Polyrhythmik wie kein anderes in der US-Musik verankern.

Die Schlagzeuggeschichte kennt viele Innovationen. Ob futuristische Elektro-Drums, durchsichtige Schlagzeuge oder Trommeln in Tropfenform - einestages zeigt die schönsten und ungewöhnlichsten Drum-Kits.



insgesamt 6 Beiträge
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Jens Habermann, 04.04.2016
1. Gut
Schöner Artikel, dessen Inhalt mir so nicht vertraut war. Danke. Schöne Fotos, bei welchem mir jedoch einer der größten und genialsten Drummer aller Zeiten fehlt: John Bonham.
Heinz Türksch, 04.04.2016
2. Was wäre die Welt
ohne die Trommler Charly Antonini oder Gene Krupa mit dem bis heutig gültigen " Sing, sing, sing " von 1936. Ein wahrer Ohrenschmaus.
Dietmar Warschkun, 04.04.2016
3. @1.Jens Habermann
Bonzo war sicher "einer der größten und genialsten Drummer aller Zeiten", ohne Frage. Unter dem Aspekt betrachtet fehlen da 'ne ganze Menge Namen. Nur: möglicherweise hatten diese Maestros alle keine besonders ausgefallenen drumkits. Bei Bonzo bin ich mir ziemlich sicher, dass der nur ganz normale set-ups benutzt hat, von optischen Auffälligkeiten ganz zu schweigen...und die Fotoserie will die "schönsten und ungewöhnlichsten Drum-Kits" zeigen. Also geht die Nichterwähnung schon in Ordnung.
Martin Scholl, 05.04.2016
4. Jazz für die USA, Salsa für alle anderen
Ein alter Salsa Musiker in Puerto Rico erklärte mir dass die Afrikanischen Rythmen in den Spanischen Kolonien weiterlebten und so als Rumba, Samba, Merengue und der ganzen Soße (Salsa) überlebten während sie in den USA verkümmerten und nach der Sklavenbefreiung wiedererfunden wurden als Jazz.
Philipp Börker, 06.04.2016
5. Slim Jim Phantom
Eher hätte Slim Jim Phantom in die Fotoserie gepasst, weil er mit minimalistischem Drumkit und dafür im Stehen trommelt. Finde ich jedenfalls sehr viel cooler als diese ganzen aufgeblähten Trommelburgen, die sich soviele Bands auf die Bühne stellen. Tatsächlich finden doch nur Drummer Trommelsoli interessant... :o)
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