"Sex & Crime"-Magazine Nichts als die Wahrheit

"Sex & Crime"-Magazine: Nichts als die Wahrheit Fotos
Taschen Verlag

Sex und Verbrechen auf rosarotem Papier: In den Zwanzigern eroberte ein abstruses Magazingenre die US-Presselandschaft. Sogenannte "True Crime"-Hefte erzählten wahre Geschichten aus dem Abgrund der amerikanischen Gesellschaft - und verirrten sich Jahre später in ihm. Von

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Das große Rätsel passte auf 18 mal 25 Zentimeter rosarotes Papier und war garniert mit neugierig machenden Zeilen. Wer wollte nicht gern wissen, was der "Frau der 1000 Verbrechen" eigentlich genau zur Last gelegt wurde, wer "des Henkers Strick" gedreht hat oder wie gefährlich die "SEX-Zigarette Marihuana" tatsächlich war? Die Antworten steckten alle in einem Heft. Ab zehn Cent war man dabei.

In den zwanziger Jahren eroberte eines der wohl abstrusesten Magazingenres der Mediengeschichte die amerikanische Presselandschaft. Die sogenannten "True Crime"-Magazine setzten dem Leser den Schlapphut auf - und machten ihn zum Ermittler in spannenden Kriminalfällen.

In den Heften, die vornehmlich auf labberigem rosa Holzfaserpapier - dem sogenannten "pulp paper" - gedruckt wurden, ging es um das Dreckige, das Abstoßende, das, worüber niemand sprach, aber jeder gerne Bescheid wusste: über die frühe Rotlichtszene der USA, wilde Drogenpartys und wahnwitzige Killer. Das Pikante: Alles war echt. Selbst die Namen der Opfer und Täter stimmten.

Fleischermörder, Sex-Fakire, gezeichnete Grazien

Da ist etwa die Rede von James A. Monagle, einem Fleischer in Massachusetts, der vor den Augen seiner Tochter im eigenen Laden niedergestreckt wurde. Von Dr. Otoman Zar-Adusht Ha'nish, einem "kalifornischen Sex-Fakir". Und auch von Bonnie Parker und Clyde Barrow, jenem berühmten Gangsterpaar, dessen Mordserie zwar sicherlich auch ohne die Krimimagazine bekannt geworden wäre, aber womöglich nie eine derart breite Aufmerksamkeit erlangt hätte.

Gewürzt waren die Schockergeschichten aus den Abgründen der amerikanischen Gesellschaft in der Regel mit aufreizenden Illustrationen hübscher Frauen, die mal gefesselt, mal erstochen, mal selbst mit Knarre in der Hand auf dem Cover posierten. Mit ihren Hotpants und tief ausgeschnittenen Kleidchen sollten die gezeichneten Grazien vor allem diejenigen ansprechen, die normalerweise einen großen Bogen um jedes Zeitungsregal machten oder höchstens für ein Päckchen Zigaretten zum Kiosk schlurften.

Der US-Autor Eric Godtland und die berühmte New Yorker Porno-Verlegerin Dian Hanson haben den sexy Krimiblättchen schon vor ein paar Jahren einen Bildband gewidmet, der jetzt als Kompaktausgabe neu aufgelegt wurde. Unter dem Titel "True Crime: Detective Magazines 1924-1969" zeichnen Godtland, Hanson und ein paar Zeitzeugen auf 336 Seiten, mit mehr als 450 Originalcovern und Dutzenden Anekdoten Aufstieg - und Verfall - der lange verkannten Kultur des Detektiv-Trashs nach.

Trotz ihres Namens sahen die "True Crime"-Magazine die Sache mit der Wahrheit anfangs nicht ganz so eng. Als 1924 der US-Verleger Bernarr Macfadden mit seinen "True Detective Mysteries" - ohne es je beabsichtigt zu haben - das erste Heft des Genres schuf, war ein Großteil der Geschichten schlichtweg noch zusammengedichtet. Das sollte auch so sein, schließlich waren die Hauptkonkurrenten des neuen Magazins damals noch andere Krimihefte. Und die dachten sich allesamt ihre Geschichten aus.

Bevor Macfadden zum Vater des sexy Krimikults avancieren sollte, war er mit einem Fitnessmagazin namens "Physical Culture" reich geworden. Macfadden war geradezu besessen von gesunden, hübschen Körpern (das bekannteste Foto des Verlegers zeigt ihn als durchtrainierten Jungspund in der Pose von Michelangelos David). Und so lag es wahrscheinlich auch an dieser einen Vorliebe Macfaddens, dass die dunklen Storys von Beginn an von hübschen Covergirls bedeckt waren, die - anfangs noch relativ züchtig - mit den Jahren immer mehr ihrer Kleidung einbüßen sollten.

"True Detective Mysteries" hätte wohl zu keinem besseren Zeitpunkt den Markt erobern können. Es war die Ära des Jazz, und die Prohibition hatte selbst aus dem größten Genießer einen kleinen Verbrecher gemacht. Die Mischung aus Sex und Crime kam gut an und brachte Menschen zum Lesen, die vorher niemals eine Zeitung oder ein Buch angerührt hätten.

250 Dollar für 5000 Wörter

Auch wenn Macfadden längst Millionen mit seinen Publikationen gemacht hatte - und die "True Detective Mysteries" wohl einen erheblichen Teil dazu beigetragen haben dürfen -, wollte der Verleger eine Kursänderung des Magazins. Die Verbrecherstorys auf den Straßen Amerikas waren zu jener Zeit einfach besser als all das, was sich seine Autoren aus den Fingern hätten saugen können. Und so startete Macfadden 1928 ein Experiment: Fortan sollte "True Detective Mysteries" keine Fiktion mehr drucken, sondern ausschließlich wahre Kriminalfälle.

Macfadden kaufte ein paar der begnadetsten Schreiber der USA ein. Für eine 5000-Wörter-Geschichte zahlte er 250 Dollar, manchmal sogar 300 - damals ein üppiges Honorar. Nach Meinung des Verlegers sollte jede der Schurkengeschichten "das verwirrte Knäuel der Ereignisse langsam und geduldig entflechten, bis zuletzt das große Geheimnis aufgeklärt und der Verbrecher seiner gerechten Strafe zugeführt ist".

Überall tauchten plötzlich neue Magazine nach der Machart von Macfaddens Magazin auf. Zu Spitzenzeiten lieferten sich je nach Zählart zwischen 75 und 200 Hefte des "True Crime"-Genres einen Konkurrenzkampf um die besten wahren Gangstergeschichten des Landes. Kultautoren wie Jim Thompson, Lawrence Treat oder der US-Journalist Lionel White haben in den Heften ihr schreiberisches Talent verfeinert und sicherten mit den Krimitexten auf rosa Papier über Jahre ihren Lebensunterhalt. Angeblich soll in den Dreißigern sogar der berüchtigte FBI-Chef J. Edgar Hoover für einige der Magazine geschrieben haben.

Hohe Mordrate gleich hohe Auflage

Je schlechter es um Recht und Ordnung in den USA bestellt war, desto besser schien es den Revolverheftchen zu gehen. In den Dreißigern schwoll die Mordrate in den USA um 77 Prozent an, gleichzeitig erreichten manche der Magazine Auflagen im Millionenbereich und liefen so - als eine Art Verbrecher-Fachmagazin - sogar einigen renommierten Tageszeitungen den Rang ab.

Die Geschichten sollten nie mehr davor und danach so gründlich recherchiert gewesen sein, wie in den dreißiger Jahren, erzählt Eric Godtland in seiner Bildband-Hommage an die Hefte. Gangstergeschichten galten plötzlich als schick, Namen wie Machine Gun Kelly, John Dillinger und Al Capone mutierten zu Mythen, selbst in renommierten Magazinen wie dem "New Yorker" oder der "Vanity Fair" wurde plötzlich Krimi gedruckt.

Der Erfolg war auch rein optisch zu erkennen: Das Papier vieler "True Crime"-Magazine wurde besser, für die aufwendigen Coverzeichnungen konnte man bekannte US-Illustratoren wie Benjamin "Stookie" Allen oder Stockton Mulford gewinnen. Und auch Polizisten und Verbrecher sollen sich angeblich gleichermaßen geschmeichelt gefühlt haben, wenn sie in einem der Hefte erwähnt oder abgebildet wurden. In seinem Buch schreibt Godtland: Schwerverbrecher wie Al Capone oder Babyface Nelson "verdanken es den Detective Magazines, dass sie heute noch Größen in den Annalen des Verbrechens sind".

Das Ende einer Ära

Doch der Ruhm der Magazine sollte nur kurz halten. In den Vierzigern nahm die Qualität der Hefte deutlich ab - und der Sex-Anteil immer weiter zu. Die Prohibition war schon eine ganze Weile vorbei, und mit ihrem Ende wurden auch die Verbrechen langweiliger. Außerdem hatte man während des Zweiten Weltkriegs handfestere Probleme als ein paar Schmuggler und Gangster im eigenen Land.

Während des Kriegs wurde das Papier rationiert, viele kleinere Titel mussten eingestellt werden. Weil außerdem Zeichnungen zu teuer geworden waren, schwenkten ein paar der übriggebliebenen Magazine auf günstigere Fotos um.

Zwar gelangen zu der Zeit einigen der großen Titel hier und da noch spannende Geschichten. Vor allem der Mordfall "Black Dahlia", in dem das Hollywood-Sternchen Elizabeth Short nackt und verstümmelt auf einer Wiese in L.A. gefunden wurde, verhalf den Heften noch einmal zu einem Zwischenerfolg. Den Abstieg der Magazine in die Bedeutungslosigkeit konnte der spektakuläre Mord, der bis heute ein Mysterium ist, aber nur um ein paar Jahre hinauszögern.

Angeln und Herrenmode

1955 starb Macfadden und mit ihm das letzte bisschen Idealismus, das den "True Crime"-Magazinen geblieben war. Krimis liefen längst im Fernsehen, was den Magazinen blieb, war Sex - denn der durfte im TV noch nicht gezeigt werden. Viele der Magazine wurden an Softporno-Verlage verkauft. Um sich die Recherche zu sparen, nahm man Angelgeschichten und Herrenmode ins Heft.

Obwohl sich "True Detective", wie Macfaddens Magazin später hieß, im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten auch noch Jahrzehnte nach dem Tod des Verlegers am Markt halten konnte, waren die goldenen Zeiten vorbei: Zwar brachte das Heft in den Siebzigern und Achtzigern noch einige bekannte Krimiautoren hervor, doch deren Texte nahm kaum noch jemand wahr. Die Auflage schrumpfte und schrumpfte, verzweifelt drehte man den Schmuddelregler mit den Jahren immer weiter auf. Doch es sollte alles nichts nützen: Im Sommer 1995 erschien "True Detective" in den USA zum letzten Mal.

Zum Weiterlesen:

Dian Hanson / Eric Godtland: "True Crime Detective Magazines". Taschen Verlag, Oktober 2013.

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Peter Panther 17.09.2013
Zu Bild Nr. 9: "Leave them alone" würde auf Deutsch wohl eher "sie in Ruhe lassen" anstelle von "sie allein lassen" bedeuten.
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