Todeszone um Tschernobyl "In einem Augenblick kollabierte unser ganzes Leben"

Sie feierten Partys, verliebten sich, bekamen Babys: In Prypjat konnte man glücklich sein - bis zum Super-GAU. 15 frühere Bewohner kehrten mit Fotografin Alina Rudya in ihre zerfallene Heimat zurück.

Alina Rudya/ Distanz Verlag

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Zur Person
  • Alina Rudya wurde 1985 in der Ukraine geboren und verbrachte ihr erstes Lebensjahr in Prypjat nahe Tschernobyl. Dann explodierte der AKW-Reaktor in Block 4. Sie flüchtete mit ihrer Familie in einen Vorort von Kiew, wo sie später Politikwissenschaft und Journalistik studierte. Ihre weiteren Stationen: Fotografie-Ausbildung beim Lette-Verein, Studium an der Berliner Universität der Künste sowie an einer New Yorker Design-Schule. Derzeit arbeitet Rudya als freie Fotografin und Grafikerin in Berlin. Ihre Homepage: www.alinarudya.com.

Galina erinnert sich genau an den Duft der Rosen von Prypjat. In schlaflosen Nächten schwebt sie häufig dorthin, fliegt mit einem hellen, knöchellangen Kleid über die Stadt ihrer Jugend.

Yurij denkt an die aufregenden Stunden im Stadion zurück. Wie er als kleiner Junge im Hof Fußball spielte, durch die Wälder streifte, mit seinen Eltern zur Silvesterfeier ging, auf den großen Platz vor dem Kulturpalast Energetik.

Und Marina schwärmt vom letzten Film, den sie im Prometheus-Kino von Prypjat sah. "Winterkirschen" handelte von einer geschiedenen Frau, die vergeblich nach dem großen Glück sucht.

Das Kino ist verfallen, im Stadion kicken seit 30 Jahren keine Fußballer mehr. Nur die Rosen von Prypjat blühen weiter, als Wildrosen: Mehr und mehr ergreift die Natur Besitz von der menschenleeren Stadt, einem Ort, der nur noch in der Erinnerung existiert - von Galina, Yurij, Marina und all jenen, die einst dort lebten.

Das verlorene Paradies

Fotografin Alina Rudya, selbst ein Tschernobyl-Kind, ist mit 15 anderen zurückgekehrt in ihre alte Heimat. Gemeinsam reisten sie im Herbst 2015 in die Vergangenheit, bahnten sich ihren Weg durchs hüfthohe Gras, bis jeder sein einstiges Zuhause, seine Arbeitsstätte, seinen Lieblingsort gefunden hatte. Am postnuklearen Ground Zero lichtete Rudya, 31, die Menschen ab und hörte den Anekdoten zu, die in den Rückkehrern aufstiegen.

"Prypyat mon amour" heißt ihr Projekt, das jetzt als Bildband erschienen ist. Rudyas leise, sehr persönliche Liebeserklärung (siehe Fotostrecke) kommt ohne die übliche Düsternis aus, ohne krebskranke Kinder, zertretene Teddybären, eingeschlagene Fensterscheiben. "Ich wollte die einzigartige Schönheit des Ortes dokumentieren, nicht den Schrecken in Szene setzen", sagt sie.

Die Zeitzeugen fand Rudya teils im eigenen Freundeskreis, teils via Facebook - über Prypjat als Geburtsort. Zur Finanzierung initiierte sie eine Crowdfunding-Kampagne bei Kickstarter. Binnen 30 Tagen hatte sie das Geld für die Expedition ins Herz der sogenannten "Todeszone" beisammen - die für sie trotz der radioaktiven Gefahr nichts Gruseliges birgt.

Für Rudya wie für die anderen Ex-Bewohner ist Prypjat keine "Geisterstadt", keine Horrorfilm-Kulisse und Lost-Place-Attraktion, sondern: ein verlorenes Paradies. Dort machten sie ihre ersten Schrittchen und durchlitten ersten Liebeskummer, gingen auf Rockkonzerte und bekamen Babys, sammelten Pilze im Wald und feierten Partys.

"Wir fühlten uns wie Könige"

Prypjat war jung. 26 Jahre betrug der Altersdurchschnitt der knapp 50.000 Einwohner in der 1970 errichteten sozialistischen Musterstadt. Atomkraft war die neue Verheißung - und Prypjat ihr Zentrum. Die besten Talente der Sowjetunion siedelten sich dort an, um im drei Kilometer entfernten Kraftwerk Tschernobyl zu arbeiten. Auch Atomphysiker Constantine Rudya, Vater der Fotografin.

Die Bewohner führten ein gutes Leben, weit über dem damaligen Standard. "Wir fühlten uns wie Könige", sagt Rudyas Mutter Marina im Buch und denkt ans erste Date mit ihrem künftigen Ehemann im Nobelrestaurant Polissya zurück.

Sie erinnert sich an die köstlichen Melonen, die es auf der Straße zu kaufen gab; an die luxuriöse Waschmaschine namens "Eureka", die Constantine direkt aus Moskau liefern ließ. Regelmäßig gastierten Sowjetstars im Kulturpalast, am 1. Mai 1986 sollte ein schicker Vergnügungspark mit Autoscooter und Riesenrad eröffnen.

Dazu kam es nicht mehr: In der Nacht zum 26. April explodierte um 1.23 Uhr bei einem Testlauf der Reaktor in Block 4 des Kernkraftwerks - der Super-GAU, die bislang schwerste Atomkatastrophe der Geschichte. "In einem Augenblick kollabierte unser ganzes Leben", sagt Zeitzeugin Ekaterina. Auch wenn die meisten zu jenem Zeitpunkt tief und fest schlummerten.

Das letzte Brautpaar von Prypjat

So wie Irina und Sergei, die Eltern von Katya, einer Freundin der Fotografin. Als zwei Explosionen die nächtliche Stille zerfetzten, dachten sie an ein Gewitter, drehten sich um und schliefen weiter. Sie wollten doch am nächsten Tag heiraten, er im gestreiften Anzug, sie ganz in Weiß, mit Hütchen statt Schleier. An jenem Samstagmorgen wollte Sergei zum Markt, Rosen kaufen für seine Braut, aber alle Läden waren geschlossen. Er konnte nur noch einen Strauß gelber Narzissen auftreiben.

Die beiden heirateten trotzdem - am 26. April 1986, als letztes Paar in Prypjat. Wie alle frisch Vermählten legten sie Blumen am Grabmal des unbekannten Soldaten ab. Erst dann erfuhren sie von einem "Unfall" im Atomkraftwerk.

Statt zu tanzen und in die Flitterwochen zu fahren, mussten Irina und Sergei am 27. April fliehen. Alle Einwohner von Prypjat mussten das. Es sei nichts Ernstes, sie würden in drei Tagen zurückkommen, hieß es vor der Zwangsevakuierung im Radio.

Die Familie Rudya kam erst bei der Großmutter in Charkiw unter und zog dann in die Plattenbausiedlung Trojeschtschina, "das Marzahn Kiews", so die in Berlin lebende Fotografin. Lange wusste sie mit der eigenen Identität als Tschernobyl-Kind nicht viel anzufangen.

Als junges Mädchen fragte Alina nicht groß nach. Sie genoss das Gratisessen in der Schulkantine, die Hilfslieferungen, die für evakuierte Kinder organisierten Reisen nach Deutschland, Italien, Frankreich. Erst nach dem Tod ihres Vaters wurde Rudya wirklich bewusst, wo ihre Wurzeln liegen.

Ein Babyfoto aus unbeschwerten Tagen

Constantine Rudya hatte im Atomkraftwerk Nachtschicht, als der Reaktor explodierte. 2006 starb er an Krebs, mit gerade einmal 47 Jahren. Nach dem Super-GAU hatte er Job-Angebote aus den USA, Kanada und Japan ausgeschlagen und weiter in Tschernobyl gearbeitet - das sei nun einmal seine Heimat. Er gab diese Verbundenheit an seine Tochter Alina weiter.

Als sie 2011 erstmals allein nach Prypjat zurückkehrte, in die alte Familienwohnung am Lenin-Boulevard Nr. 17, Apartment 24, fand Alina ein Babyfoto auf dem Fußboden. Schwarz-weiß, 10 mal 15 Zentimeter groß, ein Schnappschuss von ihr und Mutter Marina. Rudya hielt inne: "Wehmut ob eines Lebens, das sich für mich niemals in Prypjat abspielen durfte."

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Das vergilbte Foto, Symbol unbeschwerter Tage, ließ sie in der von Plünderern nahezu leergeräumten Wohnung liegen. Als sie ein Jahr später für ein Selbstporträt-Projekt wieder nach Prypjat kam, hatte Feuchtigkeit das Bild noch stärker zerfressen. Und beim letzten ihrer rund zehn Besuche in der Sperrzone war kaum noch etwas darauf erkennen.

Erst da hob Rudya das Foto vorsichtig auf und legte es in eine Schublade. "Könnte doch sein, dass ich es mir irgendwann noch einmal anschauen möchte", sagt sie. Vorerst jedoch hat die junge Frau genug von der "Geisterstadt".

"Alles, was ich geliebt habe, existiert nicht mehr"

Auch die Menschen, die Rudya für ihr Fotoprojekt begleitete, haben nicht vor, sich dem Trauma ihrer Vergangenheit so schnell wieder zu stellen. "Ich denke, dies war mein letzter Besuch dort, ich kann wohl nicht mehr zurückkehren. Alles, was ich geliebt habe, existiert nicht mehr", so Yurij, Jahrgang 1976. "Die Vergangenheit sollte in Ruhe gelassen werden", sagt auch Alexandra, Jahrgang 1982.

Obwohl dort offiziell niemand leben darf, sind derzeit für den ukrainischen Teil der "Todeszone" um Tschernobyl 106 Menschen registriert: vorwiegend ältere Frauen, die nach der Evakuierung nicht zurechtkamen in ihrer neuen Umgebung. Die von der Regierung geduldeten "Babuschkas" kehrten zum Sterben in ihre alte Heimat zurück - Monat für Monat werden sie weniger.

Eines der "Mütterchen" schenkte Alina Rudya selbst gebrannten Wodka, die Flasche steht in ihrer Berliner Wohnung im Kühlschrank. "Die meisten meiner Freunde lehnen ab, wenn ich den Wodka aus Tschernobyl raushole", sagt sie nachdenklich und winkt zum Abschied.

Bei Kanya Berlin (Choriner Straße 81) läuft vom 22. April bis zum 15. Mai eine Ausstellung der "Prypyat Mon Amour"-Fotografien von Alina Rudya. Am 30. April findet dort um 17.00 Uhr ein Artist Talk mit Fotografin Rudya statt.

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insgesamt 8 Beiträge
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Jens Habermann, 25.04.2016
1. Erschütternd
Schöne, aber mich vor allem erschütternde Bilder, die in ihrer Endzeitstimmung mit zu den besten zählen, die ich kenne. Ich persönlich finde sie schlimmer, als Weltkriegsbilder, da hier ja eine scheinbar intakte Stadt einfach aufgegeben wurde. Beim Betrachten musste ich immer an Szenen aus "I'm legend" denken.
Jerny Buchholz, 25.04.2016
2. Super-GAU
Gewöhnt euch diesen Begriff ab. Es gibt kein Super-GAU. Die Abkürzung GAU heißt Größter Anzunehmender Unfall. Ein Super-GAU wäre größer als der GAU, was einen Widerspruch darstellt. Wenn der Unfall kleiner ist, dann ist es kein GAU. Tschernobyl war bislang der GAU, bis Fukushima. Dabei ist Fukushima kein von Menschen verursachter Unfall, Tschernobyl schon. Die gesamte Menschheit wird noch Jahrmillionen mit den Folgen hadern.
Pierre LeBlanc, 25.04.2016
3. Negative Atom-Romantik - scheusslich!
Ein gelungenes Beispiel fuer gefuehlvolle "Fehl-Indormation" (= kontrollierbare Sachinformation fehlt)
Rainer Seifert, 25.04.2016
4. Nähe
Der Photographin ist es gelungen, das Thema in unsere Gegenwart nahe zu bringen, ohne Romantik, falsche Sentimentalität, und ohne Sensationslust oder Voyeurismus zu bedienen. Die Ausstellung in der Galerie werde ich besuchen. Ich erinnere mich noch gut an die Tage in 1986, meine Kinder waren 3 und 1. Die Wirklichkeit von Prypjat, und was das für die Bewohner an Konsequenzen hatte, ist damals nicht so recht bis zu uns durchgedrungen. Sehr gute Reportage von Katja Iken!
Pierre LeBlanc, 25.04.2016
5.
"However, the Cernobyl accident is known to have had major effects that are not related to the radiation dose. They include effects brought up by anxiety about the future and distress, and any resulting changes in diet, smoking habits, alcohol consumption and other lifestyle factors, and are essentially unrelated to any actual radiation exposure" http://www.unscear.org/docs/reports/2008/11-80076_Report_2008_Annex_D.pdf Annex D: Health effects due to radiation from the chernobyl accident, S. 57
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