Tschernobyl-Ingenieurin "Das Sterben wird weitergehen"

Tschernobyl-Ingenieurin: "Das Sterben wird weitergehen" Fotos
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Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte 1986. Larissa Lebedewa hatte als Ingenieurin im Werk fest an die glorreiche Zukunft der Sowjet-Technologie geglaubt. Heute kämpft die Atomphysikerin für die späten Opfer der Katastrophe - die Kinder. Von

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SPIEGEL ONLINE: Sie haben sieben Jahre lang als Ingenieurin im Lenin-Kraftwerk von Tschernobyl gearbeitet, bevor Sie Zeugin der Katastrophe wurden. Was war Ihre erste Reaktion?

Lebedewa: Wir hatten noch nicht einmal Zeit zu erschrecken. Ich war gelähmt vor Schock und unfähig zu verstehen, was da eigentlich war. Keiner der Werksangestellten hat geglaubt, dass ein solcher Ernstfall jemals eintreten würde. Man hatte uns immer erklärt, der Reaktor sei der sicherste der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben sich die Verantwortlichen nach der Explosion verhalten?

Lebedewa: Der eine oder andere ist in Panik ausgebrochen. Es gab auch Vorgesetzte, die sofort mit dem Auto aus der Stadt geflüchtet sind. Die Mehrzahl der Mitarbeiter hat sich aber korrekt verhalten. Mein Mann war Schichtleiter im zerstörten Block 4 des Atomkraftwerks, und er ist ebenso geblieben wie mein Schwiegervater. Beide haben wie alle anderen geschuftet: Vier Stunden Arbeit, kurzes Ausruhen im Bunker, und dann weitere vier Stunden Einsatz.

SPIEGEL ONLINE: Die Bewohner der benachbarten Wohnstadt Pripjat wurden zunächst im Unklaren über das Ausmaß der Katastrophe gelassen.

Lebedewa: Ja, das war gespenstisch. Der Tag nach dem GAU war sonnig, die Leute gingen spazieren und genossen den Frühling. Niemand nahm die Situation ernst. Erst als die Behörden begannen, Jodtabletten zu verteilen und die Straßen mit Wasser abzuspülen, erst als Helikopter über der Stadt kreisten und Rettungswagen durch die Straßen rasten, kam vielen der Verdacht, dass etwas Schreckliches passiert sein musste.

SPIEGEL ONLINE: Welches Versäumnis beim Krisenmanagement ist Ihnen als besonders verhängnisvoll im Gedächtnis geblieben?

Lebedewa: Nach dem Aufruf zur Evakuierung mussten viele Menschen bis zu drei Stunden in der Sonne auf ihren Abtransport im Bus warten. Das hatte schreckliche Folgen, weil es sehr heiß und trocken war und sie über den radioaktiven Staub große Mengen an Strahlung abbekommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben die Stadt nur für kurze Zeit verlassen.

Lebedewa: Ja, ich bin mit meinen drei und vier Jahre alten Kindern zunächst aus Pripjat evakuiert worden, dann aber im Mai wieder zurückgekehrt. Bis Ende des Jahres habe ich in der 30-Kilometer-Zone um den Reaktor als Liquidatorin gearbeitet und dann gekündigt.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es Ihnen heute gesundheitlich?

Lebedewa: Ich halte durch. Wie fast jeder Zweite aus dem verseuchten Gebiet habe ich Probleme mit der Schilddrüse und musste mehrfach operiert werden. Mein Mann ist schwer krank und Vollinvalide. Viele Strahlenkranke hier leiden unter Gefäßkrankheiten und schweren Herzkreislaufstörungen. Am schlimmsten betroffen sind die Kinder: Erst neulich starb ein 14-jähriges Mädchen aus Pripjat an einem Herzinfarkt. Etliche junge Leute haben Knochen, die so brüchig sind wie bei Greisen, sie leiden an Osteoporose. Ärzte berichten von immer mehr Leukämiefällen und verschiedenen Krebserkrankungen.

SPIEGEL ONLINE: Auch 20 Jahre nach dem GAU unterstellen einige Mediziner und Behördenvertreter Strahlenkranken, sie würden simulieren und sich lediglich einbilden, radioaktiv verseucht zu sein.

Lebedewa: Oh ja, die berühmte Radiophobie - diese Diagnose haben schon viele Patienten zu hören bekommen. Ich bin Atomphysikerin, habe am Moskauer Energie-Institut studiert und bin es gewohnt, die Dinge sachlich zu betrachten - genau wie die meisten Menschen aus Pripjat, wo mehr als die Hälfte der Bewohner Akademiker oder sehr gebildet waren. Und die sollen sich alle Phantasien hingeben? Missbildungen bei der Geburt, Diabetes mit fünf, ein Herzinfarkt mit 14 Jahren - alles Einbildung? Wer so etwas behauptet, will kein Geld für die Opfer ausgeben, das ist alles.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Ärzte mit der Zeit dazugelernt?

Lebedewa: Kaum. Viele wollen oder können einfach nicht verstehen, dass ein solcher Unfall nicht nur physisch, sondern auch psychisch schwer zu verkraften ist. Zudem ist das Gesundheitssystem in der Ukraine eine Katastrophe. Selbst wenn sie mühevoll die offizielle Anerkennung als Invalide erkämpft haben, sind die Tschernobylzy doch praktisch ohne Unterstützung. Wer wie ich zweimal im Jahr ins Krankenhaus muss, nimmt am besten seine eigene Bettwäsche und Medikamente mit, weil es die dort sowieso nicht gibt. Dabei muss ich mehr als ein Monatsgehalt pro Jahr allein für die Schilddrüsen-Tabletten ausgeben. Wer solche Summen nicht aufbringt, kommt in die Klinik, kriegt ein paar Vitamine und geht wieder nach Hause.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das Reaktorunglück für Ihr Leben bedeutet?

Lebedewa: Wie ein Krieg hat der Unfall mein Leben in ein Vorher und ein Nachher eingeteilt. Als ich nach Pripjat kam, war die Stadt jung, sauber, umgeben von Wäldern und wunderschöner Natur. Wir waren gut bezahlte Spezialisten mit hervorragenden beruflichen Perspektiven. Alles schien möglich. Und dann brach alles zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich vom Staat betrogen?

Lebedewa: Sicher, irgendwie schon. Aber ich bin keine von denen, die sich auf die Opferrolle zurückziehen und nur noch darauf warten, dass ihnen von außen geholfen wird. Es ist schwer, krank zu sein, alles zu verlieren, bei Null anzufangen. Aber wir müssen nach vorn schauen. Wir müssen den Kindern helfen, gesund zu werden. Sie brauchen kompetente und bezahlbare ärztliche Betreuung, moderne medizinische Geräte, sie müssen die Gelegenheit haben, sich an nicht verstrahlten Orten zu erholen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen für die Menschen wird der GAU noch haben?

Lebedewa: Es ist sehr schwierig, eine Prognose zu treffen. Nur wenige sprechen heute von den Erbgutschäden, auf die wir uns einstellen müssen. Die sogenannten niedrigen radioaktiven Dosen wirken auf jeden Organismus anders - je nach Alter und Konstitution. In der ersten Generation mag sich nichts zeigen, aber in der zweiten oder dritten geht es los. Das hat man auch in Nagasaki und Hiroshima gesehen. Japanische Wissenschaftler haben uns besucht und evakuierte Kinder auf Gen-Mutationen getestet: 20 Prozent von ihnen zeigten bereits Schäden. Die Kinder sind gewachsen - die Probleme auch. Das Sterben wird weitergehen.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 26.04.2006

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