Türkische B-Movies Süpertrash aus Hüllywood

Türkische B-Movies: Süpertrash aus Hüllywood Fotos

"Star Wars" mit Zombies? "E.T." mit Blähungen? In den achtziger Jahren drehten türkische Regisseure US-Blockbuster nach - und scherten sich weder um Urheberrechte noch Originaltreue. Das Ergebnis war irrsinnig komischer Trash. einestages präsentiert die absurdesten Werke. Von

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Erinnern Sie sich noch an "Star Wars"? Die Stelle, an der der Held einem knallroten Wuschelmonster mit einem Handkantenschlag den Arm abhaut, um es dann mit eben diesem Arm zu erwürgen? Oder die Szene, in der er das goldfarben lackierte Holzbrett in Riesenschwertform erbeutet, mit dem er dann den Zombie-Gorilla erledigt? Oder den legendären Moment, in dem der Protagonist seinen Körper stählt, indem er minutenlang auf Felsbrocken eindrischt - zum Soundtrack von "Kampfstern Galactica"?

Kennen Sie alles nicht? Dann haben Sie vermutlich nur das US-Original gesehen und nicht "Turkish Star Wars", eine zugegebenermaßen ziemlich eigenwillige Variante des erfolgreichen Weltraummärchens. Dabei ist "Dünyayi Kurtaran Adam" ("Der Mann, der die Welt rettet"), wie der offizielle Titel des türkischen Werks von 1982 lautet, unter Filmfans berüchtigt: Er gilt als schlechtester Film, der je gedreht wurde.

Und tatsächlich sucht der Low-Budget-Sternenkrieg in vielerlei Hinsicht seinesgleichen. So schneidet der Regisseur nicht nur einfach die "Star Wars"-Originalszenen des Rebellenangriffs auf den Todesstern in den eigenen Film hinein. Er behauptet auch noch, die Rebellen wären Truppen eines bösen Zauberers - und der Todesstern sei die Erde. Noch dreister behilft sich "Turkish Star Wars" beim Soundtrack. Den klaut er nicht nur aus "Star Wars" und "Kampfstern Galactica", sondern bedient sich zudem bei "Planet der Affen", "Moonraker", "Flash Gordon" und der Titelmelodie von "Indiana Jones".

Spiderman terrorisiert Istanbul

"Dünyayi Kurtaran Adam" ist zwar der berüchtigtste türkische Trashfilm. Aber er ist nur die Spitze des Eisbergs. Vorwiegend in den siebziger und achtziger Jahren entstanden in der Türkei etliche Werke, die es mit Urheberrecht und geistigem Eigentum nicht so genau nahmen - und die Grenzen des guten Geschmacks ausloteten. So gibt es etwa türkische Versionen von "Der weiße Hai", "Rambo", "Rocky", "Der Exorzist" und "E.T. - Der Außerirdische".

Auch Filme mit Comic-Heroen wie Batman und Superman wurden gedreht. Das berühmteste Superheldenspektakel hat mit den Vorbildern allerdings nicht mehr viel zu tun. In "3 Dev Adam" ("Drei große Männer") treten Spiderman und Captain America auf. Nur ist Spiderman hier kein Held, sondern ein ultrabrutaler Bösewicht, der Istanbul terrorisiert. So lässt er etwa am Anfang des Films aus unerfindlichen Gründen eine Frau am Strand einbuddeln, bis nur noch ihr Kopf hervorschaut. Dann tötet er sie - mit der Schraube eines laufenden Schiffsmotors. Nicht nur in dieser Szene merkt man, dass Spezialeffekte ganz offensichtlich außerhalb des Budgets dieses schrägen Machwerks liegen, denn keiner der Helden verfügt über Superkräfte. Dafür ist der Soundtrack auch hier erstklassig - schließlich stammt er aus James-Bond-Filmen.

Die schrägen Low-Budget-Produktionen aus der Türkei haben sogar eine eigene Genre-Bezeichnung: Turksploitation. Und vielleicht sind sie das sympathischste und anarchischste Subgenre des Exploitation-Films - also der Streifen, die versuchen, mit möglichst wenig Budget möglichst viele Zuschauer ins Kino zu locken. Versuchen zum Beispiel Nazisploitation, Women-in-Prison-Films oder Nunsploitation (Sadomasofilme mit Nonnen) ihr Publikum oft mit geschmacklosen Tabubrüchen, viel nackter Haut und extremer Gewalt zu begeistern, sprühen Turksploitation-Filme vor kindlicher Zeigefreudigkeit.

Klopapiermumien und goldene Ninjas

So begnügt sich "Turkish Star Wars" nicht damit, Monster auftreten zu lassen, die eher in die Sesamstraße als in einen Science-Fiction-Film passen würden. Nein, es müssen auch noch in Klopapier gewickelte Mumien aus ihren Gräbern steigen! Und natürlich braucht es Zombies! Was fehlt noch? Vielleicht goldene Ninjas? Auch die treten auf. Der schönste Effekt des Films kommt aber ganz zum Schluss. Da wird der Bösewicht mit einem einzigen Handkantenschlag in zwei Hälften geteilt. Ein irrer Trick, bei dem der Kameramann, um den Schurken zu halbieren, einfach eine Hälfte der Linse mit einem Stück schwarzer Pappe verdeckt hat.

"Das türkische Kino ist unwiederholbar und einzigartig. Kein anderes Land produzierte solche Filme", schwärmte Bill Barounis 2008 in einem Interview mit dem Filmblog Cinema Strikes Back. Der Grieche verstarb 2011. Er war Chef und einziger Mitarbeiter von Onar Films, einem DVD-Label für türkische Trashfilme wie "Turkish Star Wars" oder "3 Dev Adam". Er war weltweit der einzige, der versuchte, die Blockbuster-Kopien auf DVD herauszubringen - mit mäßigem Erfolg: "Wenn ich DVDs mit Filmen veröffentlichen würde, die zeigen, wie Farbe trocknet oder meine Schwiegermutter das Geschirr spült, wären die Verkaufszahlen besser."

Dennoch suchte er mit großem Engagement nach den häufig in Vergessenheit geratenen Filmen. Für seine DVD-Release von "3 Dev Adam" fand er nicht einmal mehr in der Türkei eine Vorlage, denn das Original war zusammen mit Hunderten anderen Filmen 1998 in einem Feuer vernichtet worden. So wurde aus der Produktion ein europäisches Projekt: Der Grieche lieh sich eine deutsche VHS-Kassette von einem italienischen Sammler. "Der türkische Produzent traute seinen Augen nicht, als ich ihm die DVD seines Films schickte."

Doch nicht nur DVD-Verleger Barounis, auch die Turksploitation-Regisseure sorgten mitunter für echte Überraschungen. Denn manchmal waren sie ihrer Zeit sogar voraus. Bereits 1973 lief "Turist Ömer Uzay Yolu'nda" ("Ömer, der Tourist in Star Trek") in den türkischen Kinos - ganze sechs Jahre vor dem ersten US-"Star Trek"-Kinofilm. Ein dreistes Rip-off war die Billigvariante trotzdem. Der Film lehnte sich an eine Folge aus der ersten Staffel von "Raumschiff Enterprise" an. Nur dass in "Ömer" die Uniformen noch mehr wie Schlafanzüge aussehen - und der Teleportations-Spezialeffekt daherkommt, als würde die Mannschaft nicht gebeamt, sondern von weißen Würmern gefressen. Ein herrlicher Schwachsinn!

Leider fand sich nach dem Tod des Turksploitation-Fans Barounis kein Verrückter, der Onar Films weiterführte. An den Werken können sich Filmfans trotzdem bis heute erfreuen: Durchs Netz geistern etliche Schnipsel der schrägen Filme und manche haben es sogar als Ganzes auf Videoplattformen geschafft. Viele der Filme sind wilder, verspielter und anarchischer, als man es mit Worten beschreiben kann. Deshalb präsentiert einestages in der Bildergalerie die außergewöhnlichsten türkischen Versionen von Hollywood-Blockbustern - und die schönsten Filmausschnitte.

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1.
Kintaro Oe 02.05.2012
"Der Mann, der die Welt rettet" aka "Turkish Star Wars" ist einfach nur genial. Alleine konnte ich mir den nie anschauen, weil er so schlecht ist, das kann man nicht ertragen. Zusammen mit deutschen Freunden habe ich den erst komplett ansehen können, wobei meine Kollegen immer um Übersetzungen gebeten haben. Dabei ist es bei diesem Film ausnahmsweise von Vorteil, wenn man nicht weiß, wovon die gerade reden.
2.
Christian Ladewig 27.04.2012
Turkish Star Wars gab's nie als Veröffentlichung bei Vasilis' Onar Films..
3.
Andreas Brikalin 27.04.2012
Getürkte Filme also...
4.
Kintaro Oe 02.05.2012
"Turkish Star Trek" hebt sich positiv von den anderen ab, da er als Parodie gedacht und durchaus lustig ist. Komisch sind die anderen Filme zwar auch, aber eher unfreiwillig.
5.
Roman Calaki 27.04.2012
"Türkish Rambo" wird momentan von Darkmaze.com vertrieben. Da hat sich eine Person die Rechte gesichert und in Eigenregie dubben lassen (englisch). Der Film ist ein Heidenspaß und hat auch Elemente von Rambo 1, zum Beispiel einen durch die Umsetzung urkomischen Folterflashback. Der Film kann auch relativ günstig nach Deutschland geordert werden. Abhängig vom Erfolg des DVD Releases besteht auch die Möglichkeit, dass mehr Filme durch Darkmaze.com veröffentlicht werden, der Betreiber scheint ein großer Fan der tükischen Remakes zu sein und hat auch eine Videoreihe "Deja View" gestartet, in der er verschiedene Einträge in das "Genre" vorstellt. Wer nach dem Artikel hier interessiert ist, sollte dort also vllt. mal vorbeischauen.
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