Fluchthelfer vom "Tunnel 57" 145 Meter bis zur Freiheit

1964 wurde der "Tunnel 57" in Berlin zum Schauplatz einer spektakulären Befreiung. Ein DDR-Grenzsoldat starb im Kugelhagel - und eine Propagandaschlacht folgte.

Privatarchiv Ralph Kabisch

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An diesem Wintertag 1964 sieht er zum ersten Mal alles selbst. Ralph Kabisch, Westberliner Ingenieurstudent Anfang 20, sitzt im Linienbus, unterwegs zu einer Vermessungsübung. Richtung Wedding, vorbei am Nordhafen.

Am Ostufer, unweit der Charité, springt ein junger Mann ins Wasser. Er trägt nur eine Badehose, will schwimmend rübermachen. Aus einem Schnellboot greifen ihn Soldaten, heben ihn aus dem Wasser, verdreschen ihn. Eine Flucht und ihr Scheitern.

Die Mauer steht zu diesem Zeitpunkt bereits seit über zwei Jahren. Regelmäßig liest Ralph Kabisch von Schicksalen wie dem des 18-jährigen Peter Fechter, der in der Nähe des Checkpoint Charlie am 17. August 1962 über die Mauer klettern will. Der von DDR-Grenzsoldaten angeschossen wird, in den Grenzstreifen fällt, dort verblutend liegen bleibt und um Hilfe schreit. Der erst nach einer Stunde von Grenzern weggebracht wird und im Krankenhaus stirbt.

Kabisch hat eine Cousine in Ostberlin. Auf einer Familienfeier in seiner Geburtsstadt Görlitz spricht die Studentin ihn und seine Schwester an: "Ich muss raus hier, tut was für mich!" Am Ende der Feier steht sein Entschluss. In Berlin schließt er sich der Fluchthelfergruppe um Wolfgang Fuchs, 24, an. Fuchs hat schon mehreren DDR-Bürgern zur Flucht in den Westen verholfen. Er ist hartnäckig, verwegen, ein brillanter Organisator. Seit einiger Zeit versucht er, die Mauer zu überwinden, indem er unter ihr hindurch gräbt.

In der Bernauer Straße 97, unmittelbar an der Mauer, hat er den Keller einer stillgelegten Bäckerei gemietet. "Für unsere Foto-Arbeitsgemeinschaft", hatte er dem Bäcker gesagt.

Berlin eignet sich schlecht für Tunnel: hoher Grundwasserpegel, viel Sand, kein fester Boden. Nur an wenigen Stellen meint es das Erdreich gut mit den Fluchthelfern. Eine davon ist die Gegend um die Bernauer Straße. "Das war anstehender Lehm, in dem Fall: Mergel, ein sehr hartes, festes Material, was aber in sich stabil genug war, sodass man es nicht abstützen musste", sagt Kabisch heute, mit der Detailversessenheit eines Fachmanns. Lange nach dem Berliner Stollen sollte er als Bauingenieur auf der ganzen Welt Tunnel bauen.

Die Gruppe um Fuchs hatte wenige Monate zuvor schon einen ersten Tunnel vom Haus in der Bernauer Straße in den Ostteil gegraben. Drei junge Frauen konnten nach Westberlin flüchten, bevor die Stasi den Tunnel bemerkte und mit Handgranaten sprengte.

Fuchs versucht es erneut. "Wir machen das gleiche Ding von derselben Stelle noch mal. Das wird die Stasi niemals denken, dass wir so frech sind."

Im April 1964 beginnen die Arbeiten am zweiten Tunnel. Etwa 30 junge Westberliner, zumeist Studenten, beginnen zu buddeln. Westberliner CDU-Mitglieder unterstützen die Gruppe mit Geld, einzelne Polizisten mit Walkie-Talkies, Gasmasken und vier Pistolen. Die Helfer hoffen, sie nicht benutzen zu müssen.

Sie schippen einen Schacht. Von oben nach unten: knapp zwölf Meter, bis zur Grundwassersohle. Dann von West nach Ost: 145 Meter, bis in den Hof der Strelitzer Straße 55. Sie arbeiten in Schichten. Sieben bis zehn Tage buddeln, in der Bäckerei wohnen, dort auf Feldbetten schlafen; dann sieben bis zehn Tage frei.

Buchstäblich in der Scheiße gelandet

An der Kellerdecke bringen sie ihren Aufzug an - einen Flaschenzug mit einer Schaukel am Haken. Nach unten abgeseilt, graben sie die horizontale Röhre, mit einem Spaten, auf dem Rücken liegend. 80 bis 100 Zentimeter Durchmesser. So wenig Aushub wie möglich, so viel wie zum Durchkrabbeln nötig. Alle paar Meter befestigen sie eine 20-Watt-Glühbirne.

Oben wird aus Frühling Sommer, aus Sommer Herbst. Unten dauert das große Graben fast ein halbes Jahr. Als die Fluchthelfer im Osten auf Graswurzeln stoßen, merken sie: Sie haben sich bei der Vermessung vertan. Statt in einem Keller sind sie in einer stillgelegten Not-Toilette herausgekommen, einem Relikt der Bombennächte des Zweiten Weltkriegs. "Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes in der Scheiße gelandet", erinnert sich Ralph Kabisch. "Was unser ganz, ganz großes Glück war, wie sich später herausgestellt hat." Diese "Bretterbude mit Herzchentüre", wie Kabisch sie aus Karikaturen kennt, wird zur Basis der Helfer im Osten.

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Spektakuläre Mauerfluchten: Kreativ und lebensgefährlich

Jetzt erst, am 3. Oktober 1964, beginnt die eigentliche Flucht. Auf dem Dachboden des Hauses Bernauer Straße 97 guckt ein Fluchthelfer durchs Fenster nach Osten und gibt seinen Kollegen per Walkie-Talkie Informationen. Abends ab acht Uhr werden die Flüchtlinge im Viertelstundentakt zur Strelitzer Straße 55 bestellt. Dort sollen sie an die Tür klopfen und das Passwort sagen: Tokio - die Olympiastadt 1964, leicht zu merken.

23 Männer, 31 Frauen und drei Kinder krabbeln durch die Röhre gen Westen. 57 sind es insgesamt - diese Zahl gibt dem Tunnel seinen Namen. 28 Flüchtlinge in der ersten Nacht, 29 in der zweiten.

Der letzte von ihnen ist soeben durch. Die vier Fluchthelfer auf der Ostseite beginnen, den Tunnel für die Nacht zu schließen, als es an der Tür noch einmal klopft. Der Helfer, der an die Tür tritt, wird später berühmt werden: Er heißt Reinhard Furrer und wird 1985 mit der Raumfähre Challenger abheben, einer von bis heute elf Deutschen im Weltall.

Wer erschoss Egon Schultz wirklich?

Die Klopfenden kennen das Passwort nicht; es sind Offiziere der Stasi. Von den Flucht-Kandidaten der ersten Nacht war einer in Ostberlin geblieben und hatte den Fluchtplan verraten. Eine Kontaktperson des Staatssicherheitsdienstes. Mit bewaffneter Unterstützung vom 33. Grenzregiment am nahen Arkonaplatz kehren die Stasi-Leute in die Strelitzer Straße 55 zurück. Auftrag: verdächtige Personen kontrollieren und festnehmen. Befehligt werden die vier Grenzer von Unteroffizier Egon Schultz, 21. Den eigentlichen Einsatzgrund erfahren sie nicht: Sie sollen einen Fluchtversuch verhindern.

Als erster betritt Schultz den Hinterhof. Die Fluchthelfer fliehen Richtung Tunnel. Einer von ihnen, der Medizinstudent und spätere Gynäkologe Christian Zobel, schießt in den dunklen Hof. Die Kugel trifft Schultz im Oberkörper. Ein Grenzer schießt mit der Kalaschnikow zurück. Die vier Westberliner retten sich durch den Tunnel. Egon Schultz stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.

In der DDR wird Schultz wie ein Märtyrer gefeiert, sein Tod zu Propagandazwecken genutzt. Die DDR-Nachrichten melden, der Unteroffizier sei von "Westberliner Agenten durch gezielte Schüsse meuchlings ermordet" worden. Straßen und Schulen werden nach Schultz benannt. "In tiefer, zorniger Trauer und angesichts der Tränen deiner Mutter, die dich, ihren Sohn, beweint", klagt beim Staatsbegräbnis Politbüromitglied Erich Honecker die "Mörder an, die Mordschützen und ihre Hintermänner in Westberlin und Bonn".

Offener Brief von den Fluchthelfern an die Mutter von Egon Schultz
Archiv Gedenkstätte Berliner Mauer

Offener Brief von den Fluchthelfern an die Mutter von Egon Schultz

Auch die Westberliner Fluchthelfer wenden sich an die Mutter von Egon Schultz. "Als Erstes möchten wir Ihnen unsere aufrichtige Teilnahme für den für Sie so schweren Verlust aussprechen", schreiben sie in einem offenen Brief, den sie, an Luftballons befestigt, über die Mauer schicken. Und weiter: "Der eigentliche Mörder ist jedoch das System, welches der Massenflucht seiner Bürger nicht durch Beseitigung der Ursachen begegnete, sondern durch die MAUER und einen Schießbefehl von Deutsche auf Deutsche."

Was danach geschah: Diese Nacht ließ Christian Zobel nie wieder los, bis zu seinem Tod 1992. "Er ist mit dieser Situation psychisch nicht fertig geworden. Er ist Alkoholiker geworden", erinnert sich Ralph Kabisch. "Das hat ihn sein Leben lang verfolgt." Zobel und er blieben Freunde, sprachen auch später noch oft darüber. "Er war bis zu seinem Tod der festen Überzeugung: Ich habe einen Menschen umgebracht."

Erst nach Zobels Tod wurde ein Obduktionsbericht öffentlich, den das Ostberliner Regime jahrzehntelang als Staatsgeheimnis gehütet hatte. Ein Bericht, der - früher bekanntgemacht - Christian Zobel wohl viel Leid erspart hätte: die Ungewissheit, die Selbstvorwürfe, den Griff zur Flasche.

Der Obduktionsbefund zeigt: Zobel verletzte Egon Schultz durch einen Lungensteckschuss. Getroffen wurde der DDR-Soldat aber von insgesamt zehn Kugeln, überwiegend aus einer Kalaschnikow. Zum Tod des Grenzers führten Schüsse eines seiner Kameraden.

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