"Tutti Frutti" Deine Nachbarin nackt im Fernsehen

"Tutti Frutti": Deine Nachbarin nackt im Fernsehen Fotos
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Erdbeeren in Glitzerdessous, Länderpunkte und ein Moderator am Rande des Wahnsinns: Am 21. Februar 1993 lief zum letzten Mal "Tutti Frutti", die Mutter aller TV-Strip-Shows. Hugo Egon Balder erhob den gnadenlosen Total-Trash zum Kult - kollabierende Kulissen und klemmende BH-Verschlüsse inklusive. Von

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Man hatte ja nicht so viel damals. Im Internet gab es keine Bilder, außerdem wurde es nur von Naturwissenschaftlern und anderen uncoolen Menschen benutzt. Das Fernsehen war wenige Jahre zuvor noch ein Medium gewesen, für das sich mindestens der Moderator, aber besser auch der Zuschauer einen Schlips umband - und wer einmal einen Blick auf eine entblößte weibliche Brust werfen wollte, dem blieben nur "Bild"-Zeitung, "Playboy", Sexshop oder die hinteren Ecken der Bahnhofsbuchhandlungen.

So war es zu erklären, dass der Januar 1990 in der allgemeinen Wahrnehmung den Monat markierte, in dem das Abendland unterging.

Was war passiert? Nicht viel, gemessen an heutigen Maßstäben. RTL hatte in Italien die Lizenz für eine einigermaßen sinnfreie Show namens "Colpo Grosso" erworben und ihr den Namen "Tutti Frutti" gegeben - ein billig gemachtes Format, das mit allerlei Spielen den Vorwand dafür lieferte, allerlei Frauen und einen Alibi-Mann bis auf den Tanga zu entkleiden.

Eigentlich war noch nicht einmal die Fleischbeschau neu - schon vorher hatte der Sender Formate wie "M - das Männermagazin" oder "Schloss Pompon Rouge" im Programm gehabt, deren tieferer Sinn exakt der gleiche war wie der der neuen Gameshow. Von Perlen bundesdeutschen Filmschaffens der Siebziger wie "Unterm Dirndl wird gejodelt" oder "Lass jucken, Kumpel" im Nachtprogramm mal gar nicht zu reden.

Anja aus Kerpen, Elke aus Koblenz, Gabriele aus Euskirchen

Die frühen erotischen Versuche des Privatfernsehens waren allerdings nur mit gedämpftem Naserümpfen zur Kenntnis genommen worden - doch nach der ersten Ausstrahlung von "Tutti Frutti" brach der Sturm los. "Lämmerpunkte" solle RTL die von den Kandidaten zu erringenden Preise besser nennen, nicht Länderpunkte, erregte sich selbst der normalerweise ruhige Kabarettist Dieter Hildebrandt. Medienanstalten versuchten, dem Format am Zeug zu flicken, die Politik entdeckte ihre Fürsorgepflicht für das sittliche Wohl der Bevölkerung.

Was genau die Aufregung provozierte, darüber kann man heute nur noch spekulieren. Vielleicht war es ja die Tatsache, dass es bei "Tutti Frutti" nicht mehr nur eingekaufte und bezahlte Profi-Aktricen waren, die Pubertierenden jeden Alters zeigten, was sie körperlich zu bieten hatten. Es waren ganz normale Menschen, die sich auf die Bühne wagten. Was Anja aus Kerpen, Elke aus Koblenz oder Gabriele aus Euskirchen köderte, war die Aussicht auf zuerst 3000 Einheiten des Euro-Vorläufers Ecu, dann 3000 D-Mark und zuletzt 1000 Mark pro Länderpunkt. Deine Nachbarin nackt im Fernsehen - rrrrrr!

Nicht alles war schön, was man da so sehen konnte. Angefangen bei der Frisurenmode der Neunziger, die die Themen "ganze Tube Wetgel", Haarspray-Löwenmähne und Tiffy-Dauerwelle gekonnt variierte, über die ergreifenden Farbtrends Senfgelb, Pastellaubergine und Post-Miami-Vice-Altrosa, bis hin zu den eckigen Bewegungen, die unerfahrene und stocknervöse Gelegenheitsstripperinnen vollführten.

Bei den strippenden Männern, dann und wann als Alibi dazwischengeschoben, wurde es noch viel übler. Ästhetik spielte hier eine klägliche Nebenrolle, die Motivation schien zwischen "Ich hab mit den Kumpels aus dem GTI-Club gewettet" und "Bei uns in der Disse krieg ich jede" zu variieren, sodass "Tutti Frutti" mit der Zeit ein stolzes Arsenal an Hängebäuchen, Schenkelbürsten und Herrentangas ansammelte.

Hauptsache billig

Hinzu kam, dass "Tutti Frutti" alles kosten durfte, außer Geld. Für angeblich schodderige 40.000 Euro pro Show wurde die Sendung in den alten Kulissen des italienischen Vorläufers und mit dessen übrig gebliebenen Personal heruntergeknüppelt.

Einmal im Jahr reiste der RTL-Tross für vier Wochen nach Norditalien und prügelte eine komplette Jahresproduktion am Fließband durch. Nicht zuletzt das steigerte den Trash-Faktor der Show ins Unermessliche: Wegen der harten Produktionsbedingungen wurden selbst offenkundige Pannen nicht geschnitten, sondern einfach mit ausgestrahlt. Fiel ein Teil der Bühnendeko um, dann war er halt umgefallen, hatte sich Assistentin Nora mit den Punkten verrechnet, dann war das Pech (allerdings wurde sie wegen ihrer Rechenschwäche nach der ersten Staffel gefeuert) - und klemmte die Slot-Maschine für das nächste Spiel, dann musste man halt improvisieren.

Regelrecht zum Running Gag wurden die teils minutenlangen Kämpfe der Kandidaten mit widerspenstigen Reiß- und BH-Verschlüssen, die so lange dauerten, bis irgendwann ein willfähriger Adlatus im Steward-Kostüm kam und das Problem löste.

"Tittenonkel" und "Schmuddel-Egon"

Ebenfalls verheerende Auswirkungen hatte der Druck auf die Moderation von Gastgeber Hugo Egon Balder, der sich aus Zeitnot nicht wirklich auf seine Kandidaten vorbereiten konnte. Die Ergebnisse reichten von puren Verlegenheitsfragen ("Genf - da finden doch immer diese Konferenzen statt?") über gelegentliche Phasen der Verzweiflung ("Hoffentlich hat das keiner von meinen Freunden gesehen") bis hin zu derbstem Machismo - etwa wenn Balder eine Kandidatin mit den Worten "Hast Du nicht Lust, auch mal ein bisschen was zu arbeiten?" zum Strip auf die Bühne schickte.

Durch solche Eskapaden - eigentlich aber schon allein durch seine Funktion als Gesicht der Sendung - rutschte Balders Image bald ins Bodenlose. Dabei vergaßen die meisten, dass der "Tittenonkel" und "Schmuddel-Egon" damals schon zusammen mit Harald Schmidt Kabarett gemacht hatte und gemeinsam mit Ulknudel Hella von Sinnen die Tortenschlacht "Alles nichts oder" verantwortete, nach wie vor eines der anarchischsten Fernsehformate aller Zeiten.

Je länger "Tutti Frutti" lief, desto mehr schlich sich denn auch der Wahnwitz von Balders anderer Sendung in die Stripshow ein: Zwar blieb die schmierige Attitüde, doch moderierte Balder auf einmal ganze Sendungen aus fiktiven Stadthallen in Niederbayern, ließ sich von den Tänzerinnen des Cin-Cin-Balletts herumschubsen und führte das ganze Konzept immer mehr ad absurdum. Allerdings nahm das damals kaum jemand wahr - die Zuschauer achteten auf ganz andere Dinge.

"Strip!" mit Jürgen Drews? Nein, danke

Trotz des Skandals oder eher deswegen: Für RTL wurde "Tutti Frutti" schnell zur Goldgrube. Nach vier Millionen Zuschauern zum Sendestart pendelte sich die Quote bei brauchbaren zwei Millionen ein - da die ganze Show nur wenig mehr kostete, als sich mit ein oder zwei Werbespots verdienen ließ, dürfte das Einsatz-Gewinn-Verhältnis eines der besten in der Sendergeschichte gewesen sein.

Und doch die Zeit ging schnell hinweg über die Früchtchen in den Glitzerdessous, die sich "Tutti Frutti!" rufend BH-Körbchen vom Körper rissen. Nachdem bereits das italienische Original "Colpo Grosso" eingestellt worden war, schlug nach der dritten Staffel auch das Sterbeglöckchen für die deutsche Ausgabe. Am 21. Februar 1993 wurde die letzte Sendung ausgestrahlt, die ganze anfängliche Erregung über das Schock-Format war einer gewissen Ermüdung gewichen.

Die Zeiten hatten sich einfach geändert - auch ein Versuch von RTL II, das Konzept unter dem Titel "Strip!" mit Jürgen Drews als Moderator noch einmal aufzuwärmen, wurde schnell wieder zu den Akten gelegt.

Heute gibt es das Dschungelcamp. Was Hildebrandt dazu wohl zu sagen hätte?

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1.
Andreas Kraneis 21.02.2008
Jaja, "Tutti Frutti"... Es wurde am Sonntag, den 21.Januar 1990, das erste Mal ausgestrahlt. Jener Tag war der erste, an dem übers (bescheidene) Kabelnetz von Halle-Neustadt nun auch die Sender "RTL plus" und "SAT.1" empfangbar waren. Was aber nun auf den Programmen stand, war in keiner damals üblichen Zeitung zu finden. Es war erst seit Dezember 1989 üblich, ARD und ZDF neben den DDR-Fernsehprogrammen abzudrucken. An RTL plus oder SAT.1 war da noch nicht zu denken. Dass ich trotzdem einer der ganz neugierigen Zuschauer der ersten Sendung sein konnte, verdankte ich dem Fernsehprogramm der ungarischen Zeitung "Népszava", welche meine Mutter schon eine Weile aboniert hatte. Dort waren schon seit Beginn 1989 sämtliche per Satellit in Ungarn empfangbaren Programme aufgelistet. Meine Euphorie für "Tutti Frutti" schwand dann aber recht schnell. Worüber ich mich jedoch enorm wundern musste: ganz Deutschland war es angeblich ein Rätsel, wovon die Vergabe eines Länderpunktes abhängig war. Es waren wohl die meisten (Zeitungsredakteure) zu dumm, dies zu durchschauen ;-) Dabei war es wirklich genauso primitiv, wie die Sendung selber. Dunkel erinnere ich mich noch, dass es ab Ende 1990 oder Anfang 1991 auch sogenannte 3D-Einlagen gab. Dazu musste man sich eine 3D-Brille aufsetzen und hatte ein wenig den Eindruck, der vollführte Strip wirke plastischer. Aber das war wohl nur kurz der Fall. Sonst wäre es dem Autoren wohl eine Bemerkung wert gewesen ;-) Einen kleiner Fehler hat der Autor allerdings gemacht: die unsägliche Serie "Schloss Pompom Rouge", die als erotisch und witzig angekündigt war - sie war alles ander als das - lief erst 1991 und war somit nicht, wie der Autor es andeutete, ein vorangegangenes Sendeformat.
2.
Andreas Waidosch 21.02.2008
Wir waren geade mal 10 und wie Brüder. Immer wenn mein angeheirateter Bruder mich, seinen Vater und meine Mutter Ende der 80er / Anfang der 90er besuchte, konnten wir es nicht erwarten, bis die Alten in Bett gingen oder den Abend außer Haus verbrachten. Dann haben wir uns die Treppe ins Wohnzimmer herunter geschlichen und die Glotze angeknipst. Oft war die Fernbedienung versteckt, oder das Antennenkabel entfernt worden - die junge Jugend musste ja vor dem Schund des ebenfalls juvenilen PrivatFernsehen geschützt werden. Das Kabelfernsehen war gerade neu in der Stadt und wollte erforscht werden. Neue Welten für zwei, die mit Peter Lustig und Pipi Langstrumpf aufgewachsen sind. Auch unsere Gefühle für das andere Geschlecht war etwas neues und wollten ebenfalls erforscht werden. Pipi hat uns dafür nur noch bedingt getaugt (obwohl befeinstrumpft) und in Unterwäschekatalogen waren die Frauen ja so gut wie angezogen. "Tutti Frutti" erwies sich für uns als die effektivste und spannendste Art zu sehen, wie Frauen unten drunter aussehen. Das mit den Früchten haben wir zwar nicht verstanden, aber darum ging es auch gar nicht. An solchen Abenden in zweisamer Glückseligkeit ist freilich die Frage am spannendsten gewesen, wann die Elternteile wieder nach Hause kommen. Und ob wir es schaffen würden den Fernseher auszuschalten, die Fernbedienung wieder am selben Platz zu verstecken und das Kabel herauszuziehen, bevor sie uns im Wohnzimmer erwischen würden. Meist ging irgendetwas schief und wenn uns auch nur der "Fühltest" verraten hat. Die Gehäuse der Bildröhren-Glotzen waren nach Gebruach immer verräterisch warm... Die paar Tage sonstiges Fernsehverbot haben sich dank Hugo Egon Balder aber trotzdem immer gelohnt!
3.
gerhart wiesend 23.07.2009
Also, dass Tutti Frutti im Set und mit den Kulissen des italienischen Vorbildes Colpo Grosso (Riesen-Coup) gedreht wurde, ist erwähnt. Nicht aber die Strips der Profi-Früchtchen bei den Länderpunkten. Diese Strips wurden nämlich von Colpo Grosso übernommen, waren aber im italienischen Original Totalstrips bis runter auf die Schamhaare, während bei Tutti Frutti immer abjeblendt wurde, bevor das Höschen fiel. Dieses Abblenden wurde sehr ungeschickt gemacht, indem man einfach das Bild abdunkelte und den Ton herunterfuhr. Dazu wurde dann künstlicher Applaus eingespielt. Also war Tutti Frutti doch eine Familiensendung, jedenfalls im Vergleich zu Colpo Grosso, das übrigens aus dem Hause Berlusconi stammte. Und der hätte sich mit einem zensierten Strip nicht zufrieden gegeben.
4.
Peter Ken Smith 10.07.2012
Ich erinnere ich gerne an diese Zeit, als SAT1 und RTL plus bei uns plötzlich über Antenne das Programm erweiterten. Gerade RTL plus mit "Alles nichts oder", "Tutti Frutti" (das natürlich jeder gesehen hatte, aber nicht zugeben woillte) oder die famose Catch-Sendung "Catch up" haben mich als Teenager dazu gebracht, einen wirklich fiesen Ferienjob anzunehmen, um einen eigenen Fernseher und Videorekorder für mein Zimmer anzuschaffen. Da gab es noch einen Sendeschluss, nachdem das noch rot/gelb/blaue RTL-Logo über einem Meer ausblendete. Als Andenken habe ich tatsächlich noch in einer Kramkiste eine Tutti-Frutti 3D-Brille, sowie Autogrammkarten von Hugo und den Catch-Up-Moderatoren - der RTL Club machte das möglich :) War eine coole Zeit irgendwie.
5.
Detlef Kensa 26.12.2012
"Das Fernsehen war wenige Jahre zuvor noch ein Medium gewesen, für das sich mindestens der Moderator, aber besser auch der Zuschauer einen Schlips umband - und wer einmal einen Blick auf eine entblößte weibliche Brust werfen wollte, dem blieben nur "Bild"-Zeitung, "Playboy", Sexshop oder die hinteren Ecken der Bahnhofsbuchhandlungen. " Ds is ja wo dreisteste Geschichtsverfälschung. Die Achtziger Jahre waren freizügig wie nur was. Tutti Frutti läutete eher das Ende einer Ära ein. Aber zu dieser Zeit gab es kaum einen Abend, wo nicht auf irgendeinem Kanal abends nackte Brüste zu sehen gewesen wären. Oben ohne war selbst im öffentlichen Schwimmbad nicht ungewöhnlich, an Baggerseen fast die Regel. Die "Neue Revue" im Zeitschriftenständer lag gerne zwischen Süßigkeiten und Spielzeugpistole. Erst mit oder nach Tutti Frutti begann eine neue Prüderie. Weiß nicht woran es lag - an AIDS oder am Wonderbra, aber so zu tun als wären diese Zeiten verklemmter gewesen - man(n) hätte es halt nötig gehabt, ist einfach falsch.
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