TV-Geschichte Sternstunde der Ekelpakete

Dallas oder Denver? Eine Gewissensfrage, die Deutschland Anfang der Achtzigerjahre spaltete. Mit Joan Collins als Superzicke Alexis wollte das ZDF dem Oberfiesling J. R. Ewing im ARD-Quotenbringer "Dallas" ans Leder. Sein Ende fand das Drama in einem süddeutschen Krankenhaus.

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Eine Fernsehserie rund um Familienknatsch, Intrigen, Machtkämpfe in einer texanischen Öldynastie? Zu niveaulos, befanden die ZDF-Programmmacher Ende der siebziger Jahre und lehnte den Kauf der Rechte an der US-Erfolgsserie "Dallas" ab. Die hatte dem Fernsehsender CBS ab 1978 traumhafte Einschaltquoten beschert, aber: "Irgendwo ist eine Grenze", wie ZDF-Intendant Dieter Stolte seinerzeit gesagt haben soll.

Der Konkurrenz von der ARD war das Niveau der Reihe gut genug - sie schlug zu. Am 30. Juni 1981 flimmerte das feiste Gesicht des texanischen Öl-Tycoons J.R. Ewing, von einem breitkrempigen Cowboyhut bekrönt, zum ersten Mal über die deutschen Bildschirme. So plump wie der dauergrinsende Fiesling, gespielt von Larry Hagman, hatte bisher niemand seine Geschäftspartner betrogen, so intrigant, so geldgierig und hinterhältig hatte sich bisher noch kaum ein Charakter im deutschen Fernsehen geriert.

Das kam an. Der ARD gelang mit dem Import ein echter Quoten-Coup: 15 Millionen Zuschauer schalteten im Schnitt bei jeder "Dallas"-Folge ein. Knapp zwei Jahre sahen die Kollegen vom Zweiten wutkochend zu, wie sich die ARD in ihrem Erfolg sonnte. Dann befanden auch die Entscheider des Mainzer Senders, dass nicht alles im deutschen Fernsehen immer unbedingt "Niveau" haben muss: Das ZDF kaufte die US-Serie "Dynasty" ein, die der US-Sender ABC 1981 ins Rennen um die Publikumsgunst geschickt hatte.

Showdown um die Quote

Auch in "Dynasty" ging es um Betrug, Hass und Liebe - und, so ein Zufall, um eine vom Reichtum verdorbene Familie aus dem Öl-Business: die Carringtons. Er habe einen Lernprozess durchgemacht und wisse nun das Bedürfnis des Publikums nach großen Familienepen einzuschätzen, begründete ZDF-Intendant Stolte seine Kehrtwende in Sachen TV-Trash.

Die offene Kampfansage an den Bildschirm-Platzhirsch "Dallas" dokumentierten die Mainzer Nachzügler auch mit dem deutschen Titel der Serie: Aus "Dynasty" wurde kurzerhand "Denver-Clan". Und den Zeitpunkt um Frühjahr 1983 hätte aus dem Intrigantengehirn von J.R. selbst stammen können: "Dallas" machte zu diesem Zeitpunkt für fünf Monate Sendepause, weil die neue Staffel synchronisiert werden musste - die perfekte Gelegenheit für das ZDF, um ganz in Ruhe so viele "Dallas"-Fans wie möglich auf den "Denver-Clan" und die skandalumwitterten Carringtons einzuschwören, bevor es im Herbst zum Showdown kommen würde: Dann nämlich sollte die neue "Dallas"-Staffel starten.

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TV-Geschichte: Sternstunde der Ekelpakete

Die bundesdeutsche Boulevardpresse versetzte das TV-Duell mit Ansage in helle Aufregung. Denn so viel war aus den USA bereits durchgesickert: Bei den Carringtons sollte es noch protziger, noch ruchloser und noch intriganter zugehen als bei den Ewings. Daran ließ auch der Pilotfilm des "Denver-Clans" keinen Zweifel: Die reichen Ewings aus Texas wirkten mit ihren Jeans und Cowboyhüten wie Bauerntrampel neben den piekfeinen, noch reicheren und immer perfekt gestylten Carringtons aus Colorado, die öfter in einen Privatjet stiegen als in ein Auto. Selbst die Southfork-Ranch der Ewings war im Vergleich zu der altenglisch möblierten 48-Zimmer-Villa der Carringtons geradezu popelig.

Gut geerdete Helden

Beim deutschen Publikum allerdings kam der Oberklasse-Pomp der Carrington-Dynastie nur mäßig an. Nur elf Millionen Zuschauer - ein Viertel weniger als bei "Dallas" - verfolgten im Sommer 1983 die Episoden rund um den silbermähnigen Patriarchen Blake Carrington (John Forsythe) und seine sanftmütige Frau Krystle (Linda Evans). Erst als in der 13. Folge des "Denver-Clan" die sexbesessene Superzicke und Oberintrigantin Alexis Colby, gespielt von Joan Collins, auf der Bildfläche erschien und einen Rachefeldzug gegen ihren Ex-Gatten Blake anzettelte, ging es bergauf: "Denver" wurde deutlich fieser - und deutlich erfolgreicher.

Die Frage "Dallas" oder "Denver-Clan" wurde für die Bundesdeutschen zu einer Glaubensfrage wie die Entscheidung zwischen Adidas und Puma, Levi's und Wrangler, CDU und SPD. Welche Serie war besser? Wer war fieser, Alexis oder J.R.? Und wer würde im direkten Vergleich das Rennen um die höchsten Einschaltquoten machen? Die "Bunte" gab sogar eine Umfrage beim Hamburger Meinungsforschungsinstitut Sample in Auftrag, Ergebnis: Für "Denver" stimmten nur 36 Prozent, 52 Prozent der Befragten gefiel "Dallas" deutlich besser.

Selbst der SPIEGEL beschäftigte sich mit der "Denver-Dallas-Frage": "Vermutlich taugen die kleinkrämerischen Southfork-Simpel eher als Identifikationsfiguren", orakelte das Hamburger Nachrichtenmagazin. "Am Ende fühlen sich die Deutschen in Miss Ellies miefiger Wohnküche vielleicht doch behaglicher als im neo-viktorianischen Mamorpalais der schlimmen Carringtons. Die Deutschen, so die offenkundige Moral, hatten ihre Helden damals noch gerne gut geerdet - auch die Widerlinge.

Mächtige Schulterpolster, gigantische Föhnfrisuren

So schien es, als werde "Denver" in Deutschland dasselbe Schicksal blühen wie in den USA: das des ewigen Zweiten. Dennoch wurde der Showdown mit Spannung erwartet: Am 13. September 1978 ging die neue "Dallas"-Staffel an den Start, nur einen Tag darauf lief "Denver". Die Entscheidung der Zuschauer war eindeutig: 13,9 Millionen Menschen schauten die neue Folge von "Dallas". "Denver" kam einen Tag später nur auf 11,5 Millionen Zuschauer.

Dass "Denver" 1984 den Golden Globe gewann, während "Dallas" leer ausging - geschenkt. Dass Blake-Darsteller John Forsythe als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, während "J.R." Larry Hagmann nicht einmal nominiert worden war - wen interessierte es. Und doch erwies sich "Denver" als die einflussreichere der beiden Sendungen. Der Look von Krystle, Alexis und Fallon mit mächtigen Schulterpolstern und gigantischen Föhnfrisuren prägte eine ganze Modeära. Alle Frauen wollten plötzlich so aussehen wie die verruchte Joan Collins alias Alexis. Die Kleider, die Stardesigner Nolan Miller entwarf, beeinflussten den Stil der achtziger Jahre.

Irgendwann geriet die Rivalität der beiden Serien in Vergessenheit; beide versanken in friedlicher Koexistenz. Dienstags präsentierte "Dallas" den deutschen Zuschauern die Schattenseiten des Daseins amerikanischer Ölmillionäre, Mittwochs "Denver" die Luxusprobleme von Mega-Tycoonen aus dem Mittleren Westen. Laut einer Umfrage der "Funk-Uhr" lagen "Denver-Clan" und "Dallas" 1986 in der Gunst der Zuschauer zwar gleichauf, doch nur noch jeweils 18 Prozent wählten sie zu ihrer Lieblingsserie. Die amüsanten Lügner und Betrüger aus dem Öl-Business wurden von einem neuen Blockbuster um Halbgötter in Weiß plattgemacht, dem auch Ölmillionäre nichts entgegenzusetzen hatten: Mit 55 Prozent lag eine heimische TV-Produktion unangefochten auf Platz eins der beliebtesten Serien: Statt Southfork-Ranch schauten die Deutschen nun die "Schwarzwaldklinik" .



insgesamt 4 Beiträge
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André Moch, 25.11.2008
1.
wie schön, dass sich jemand mal mit diesem fernseh-kult auseinandersetzt. aber: COLBYS VERGESSEN! kleine ergänzungen: http://meistermochi.de/?p=572 http://meistermochi.de/?p=570 http://meistermochi.de/?p=564
Sylvia Götting, 25.11.2008
2.
Ich meine mich zu erinnern, dass ich damals beide Serien am Anfang oefter sah. Aber, die Stories blieben letztlich einfach zu platt und zu vorhersagbar. Man bediente sich des typischen Gestaltungsmittels: Wenn die Story einzuschlafen droht, holt man aus irgend einer Ecke ein vergessen geglaubtes Familienmtglied oder ein/eine Ex her, hat am Anfang etwas Dynamik mit dem neuen Ensemble-Mitglied und gleitet dann wieder in die gewohnte statische Langweiligkeit ab. Letztlich waren alle Charactere menschlich "pathetic": entweder waren sie Heulsusen, Jammerlappen, duemmlich oder hatten Dollars dort, wo andere Gehirn haben (und wenn aus einer Serie nun wirklich nichts mehr herauszuholen ist, kommt die Schwarwaldklinik. Nun ja, auch damals bekam die Fernsehnation das zu ihr passende Niveau vorgesetzt). So guckte ich denn nur noch sporadisch, und das Einzige, was mich interessierte, war die Kleidung der weiblichen Darsteller. @Andre Moch Die Links funktionieren zwar, aber auf p.572 und p.570 sind die oberen Videos nicht mehr verfuegbar.
Björn Beitter, 27.11.2008
3.
bei aller Liebe sollte man doch m. E. nicht vergessen, daß es vorher im deutschen Fernsehn noch keine Serie gab die so wie eine Soap aufgebaut war aber wesentlich mehr Intriegen und Boshaftigkeiten gab wie die beiden hier erwähnten. Keine Familie Hesselbach, kein Forellenhof, keine Unverbesserlichen ließen die Zuschauer so in die Welt der "Schönen und ganz schön Reichen" eintauchen und feststellen - GELD IST AUCH NICHT ALLES - macht aber alles einfacher..... ;-) oder um mit J.R. zu antworten: HÄH, HÄH, HÄH; (hämisches Lachen)
Harald Vienhues, 23.05.2018
4. Bildunterschrift
Die Bildunterschrift im ersten Bild suggeriert, dass der Dallas-Clan abgebildet ist, es sind jedoch die Protagonisten vom Denver-Clan...
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