TV-Klassiker Männerwirtschaft auf der Ponderosa-Ranch

Deng-dededeng dedede-dengdengdeng dadaa-daah! Nach Einstellung der TV-Serie "Bonanza" reicht der auf den Tisch getrommelte Titelsong, um die vier Cartwrights auferstehen zu lassen. Dabei hatte die ARD die erste Westernserie in Farbe zunächst abgesetzt - wegen zu großer Brutalität.

interTOPICS/ mptv/ ddp images

Still ruht der türkisfarbene See, schier endlos erscheinen die Kiefernwälder, die sich vor den beiden Männern zu Pferde ausbreiten. "Das ist ein Anblick, da kommst du doch ins Schwärmen, wenn du das siehst. Das gehört alles uns", erklärt der ältere. "Ein Anblick, der dem Himmel ähnelt, wenn dieser sich uns öffnet, das steht im Lesebuch", antwortet der jüngere. Mit diesem für Western-Verhältnisse geradezu weihevollen Wortwechsel zwischen "Pa" Ben Cartwright und seinem erstgeborenen Sohn Adam beginnt die Auftaktfolge von "Bonanza" - der ersten in Farbe gedrehten Westernserie überhaupt und der zweitlanglebigsten hinter "Rauchende Colts".

Vierzehn Jahre und 426 Folgen währte die Epoche der vom Sender NBC ausgestrahlten Männerwirtschaft auf der Ponderosa-Ranch in den USA; in Deutschland begann die ARD Anfang der 60er mit der Ausstrahlung einzelner Folgen, setzte die Serie aber bald wieder ab - 1967 griff dann das ZDF zu und zeigte zehn Jahre lang sonntags um 18.10 Uhr den telegenen Alltag der fiktiven Rinderbarone. Später sorgten Sat.1 (ab 1989) und Kabel 1 (ab 1997) dafür, dass der Mythos nicht verblasste. Wer in den sechziger, siebziger und sogar den (späten) achtzigerer Jahren aufwuchs - und somit im besten Western-Alter war -, konnte der Bekanntschaft Ben Cartwrights und seiner drei Söhne kaum entgehen.

Deng-dededeng dengdede-dengdeng dadaa-daah! Bis heute braucht es nur das auf den Tisch getrommelte zentrale Motiv des berühmten Titelsongs von Jay Livingston und Ray Evans - in der Serie instrumental verwendet, in gesungenen Versionen unter anderem interpretiert von Heino und Johnny Cash -, um vor dem inneren Auge sofort charakteristische Bilder, Eigenheiten und das Personal von "Bonanza" wiederauferstehen zu lassen: die im Vorspann in Flammen aufgehende vergilbte Landkarte, die die ungeheuren Ausmaße der 1000 Quadratmeilen großen Ranch am Lake Tahoe in Nevada veranschaulichte; den souverän-sonoren Bass des von Lorne Greene gespielten Patriarchen Ben - dem übrigens in sämtlichen deutschen Folgen der Schauspieler Friedrich Schütter als Synchronsprecher die Stimme lieh - und natürlich Hop Sing, den chinesischen Koch mit der unvermeidlichen dlolligen Aussprache ("Heute gibt es Schweineblaten, Mistel Kaltleit!").

Pferdeflüsterer und freier (Vieh-)Handel

Wiewohl von der ARD zunächst wegen zu großer Brutalität abgesetzt, ging es bei "Bonanza" - der Titel bedeutet so viel wie Goldgrube, Glücksquelle - vergleichsweise friedlich zu. Der alte Cartwright vermittelte seinen Söhnen das Eintreten für Frieden mit den Indianern und der Natur als moralische Richtlinie. Gekämpft wurde gegen skrupellose Goldsucher, die Land und Ureinwohner ausbeuten wollten, und für ökologische Forstwirtschaft. Sogar Mindestlöhne und fairer (Vieh-)Handel standen schon auf der Drehbuch-Agenda des Serienerfinders und Produzenten David Dortot. Während der älteste Spross Adam (Pernell Roberts) sich meist als besonnener Aufseher betätigte, gab der der dicke Hoss (Dan Blocker) den rau-herzlichen Pferdeflüsterer, der im Zweifel besser mit Vier- als mit Zweibeinern klarkommt. Lediglich der Benjamin des Trios, der von Michael Landon verkörperte Little Joe, hatte gelegentlich Flausen im Kopf und Anwandlungen von Hallodritum.

Konflikte jedoch waren meist spätestens nach einer deftigen Rauferei geklärt - und wenn doch mal einer der Söhne in der nahen Stadt Virginia City in bedenkliche Situationen geriet, holten ihn "Pa" und die anderen zurück an den heimischen Kamin. In der verruchten Außenwelt geweckte Sehnsüchte konnten dann mit Holzhacken bekämpft werden. Dem in den siebziger/achtziger Jahren aufwachsenden Teenager wurden die Cartwrights so zu vertrauten Begleitern, deren Lebenswelt man nicht nur vor dem Bildschirm aufsog - sondern auch in kindlicher Unschuld nachstellte.

Schließlich war es - womöglich kein Zufall? - auch die Zeit des chopper-artigen Bonanza-Rads, das, mit Fuchsschwanz aufgerüstet, sehr wohl als Pferd-Ersatz dienen konnte, wenn man zwischen Karl-May-Lektüre, "Bonanza" und "Western von gestern" Zeit fand, das Haus zu verlassen und draußen "spielen zu gehen". Erst mit dem Aufkommen von "Ein Colt für alle Fälle" ging diese Lebensphase zu Ende: Nun rückten allmählich doch die Reize von Stuntfrau Jody alias Heather Thomas ins Blickfeld.

Homoerotik auf der Ponderosa?

Die mysteriöse Absenz des Weiblichen auf der Ponderosa-Ranch, einst nicht weiter hinterfragt, ist es tatsächlich auch, die bei heutiger Wiederansicht der alten "Bonanza"-Folgen am merkwürdigsten berührt. Mehr noch als der irritierende Umstand, in der deutschen Stimme Little Joes nunmehr auch den später vom selben Sprecher synchronisierten Hawaii-Detektiv Magnum zu erkennen, gibt die Grundkonstellation zu denken: Wie absurd ist eigentlich ein Vater mit drei Söhnen von drei unterschiedlichen Frauen, die allesamt verstorben sind? Welches Geschlechterrollen-Verständnis liegt zugrunde, wenn dieser Patriarch sich - bei aller Berücksichtigung der erzählten Zeit um 1850 - wie eine männliche Glucke aufführt und seinen Nachwuchs nicht ins Leben entlässt? Müsste man das Treiben auf der Ponderosa gar auf homoerotische Züge hin untersuchen?

Nicht umsonst sind die Cartwrights schon in Barry Levinsons Komödie "Tin Men" zum Gegenstand gemeiner Scherze geworden - da höhnen Richard Dreyfuss und Danny DeVito als sich kabbelnde Aluminiumfassaden-Verkäufer über "den 50-jährigen Vater und seine drei 47-jährigen Söhne" sowie das rätselhafte Gattinensterben: "Der hat es mit jeder einmal gemacht und sie dann umgelegt", lästert DeVito - doch so viel Spott haben die ehrbaren Rancher nicht verdient. Unbestreitbar sind schließlich ihre Verdienste als Vorreiter in Sachen Umweltschutz und nachhaltiges Wirtschaften. Und unter cineastischen Gesichtspunkten ist zu erwähnen, dass sogar Regie-Größen wie Robert Altman und Jacques Tourneur zur zweiten Staffel Episoden beisteuerten. Zu den Schauspieler-Gaststars zählten im Lauf der Jahre so illustre Persönlichkeiten wie Dennis Hopper und Charles Bronson, Telly Savalas und James Coburn.

Vielleicht sollte man die schwarzen Löcher hinter der Fassade der heilen Männerwelt besser unerforscht lassen - und "Bonanza" als abgeschlossenes und einzigartiges Kapitel der Fernsehgeschichte für sich stehen lassen. Für diese Sichtweise spricht auch das Ende der Serie: War der Ausstieg des Adam-Darstellers Pernell Roberts 1965 noch kompensierbar gewesen, so markierte der plötzliche Tod des Hoss-Mimen Dan Blocker 1972 das unwiderrufliche Ende: Mitten in der 14. Staffel wurde "Bonanza" eingestellt. Alle Versuche, die Saga danach noch einmal wiederzubeleben - ob mit TV-Filmen wie "Bonanza - The Next Generation" (1988) oder dem Spin-off "Ponderosa" (2001/2002) -, scheiterten kläglich. Little-Joe-Darsteller Michael Landon dagegen hatte noch mit zwei anderen Serienprojekten Erfolg: Auch "Unsere kleine Farm" und "Ein Engel auf Erden" avancierten ebenfalls zu Klassikern.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nick Head, 14.02.2008
1.
Und hier in Nevada liegt die Ponderosa http://www.earth-dots.de/ponderosa-am-lake-tahoe-nevada-usa-341.html
Uwe Frank, 15.02.2008
2.
Ich wollte bei meinem nächsten USA Besuch noch mal vorbeisehen. Leider wurde die Ponderosa geschlossen. http://www.ponderosaranch.com/ Gibt wohl keine Kundschaft mehr. Wir sterben aus. Uwe
Charly Höving, 24.06.2008
3.
Foto Nummer 6 zeigt nicht Pernell Roberts, sondern jemanden der mal einen Vorman auf der Ponderosa gespielt hat. Der Untertitel ist falsch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.