TV-Klassiker Dinner for Every-One

"Same procedure as every year, James!" Keine andere TV-Sendung wurde so oft wiederholt wie der Silvester-Klassiker "Dinner for One". Können jährlich 15 Millionen Zuschauer irren? Zum Jahresende wagt einestages einen Blick unter das legendäre Tigerfell von Miss Sophie und ihrem Butler James.

AP/WDR/NDR/Annemarie Aldag

Eines Tages im Sommer 1962 im nordenglischen Badeort Blackpool an der irischen See. Der Hamburger Fernsehregisseur Dunckhase und der TV-Unterhalter Peter Frankenfeld sitzen morgens um elf Uhr ohne große Erwartungen in dem Varieté-Theater Winter Gardens. Die beiden sind auf der Suche nach neuen Stoffen, um die Nachkriegsdeutschen gut zu unterhalten. Auf dem Programm steht an diesem tristen Vormittag ein Stück mit den englischen Schauspielern May Warden und Freddie Frinton. Der Titel: "Dinner for One, oder: Miss Sophies 90. Geburtstag".

Das klingt nicht gerade nach einem Kassenknüller, doch als der Vorhang nach nur 18 Minuten fiel, wusste Profi Frankenfeld, was er wollte - "Dinner for One" sollte die erfolgreichste Sendung des deutschen Fernsehens werden. Noch in der Garderobe überredete er Freddy Frinton, zu seiner Live-Sendung "Guten Abend, Peter Frankenfeld" und eine TV-Aufzeichnung für den Norddeutschen Rundfunk nach Hamburg zu kommen - im Gepäck hatte Frinton das legendäre Tigerfell mit Kopf.

Als Frinton im Juli 1963 im NDR-Studio B Hamburg-Lokstedt erschien, waren die Requisiteure des Senders etwas erstaunt. Sie hatten für die TV-Aufzeichnung von "Dinner for One" eigens ein Eisbärfell besorgt. Doch Frinton bestand auf seinen Tiger, da er seine insgesamt elf Stolperer oder Hüpfschritte zentimetergenau auf die Höhe des größeren Tigerkopf abgestimmt hatte. Der Eisbär, versehen mit einem Pappanhänger "Freddi Frinton. 90. Geburtstag" verschwand im mittlerweile privatisierten Requisitenlager des Senders, wo er heute noch liegt und ausgeliehen werden kann.

Zärtliche Streicheleinheiten für Miss Sophie

Der Kameramann der TV-Aufzeichnung im Sommer 1963 hieß Frank Banuscher. Sein Name allerdings war auf dem Abspann der späteren Sendefassung einfach weggelassen worden - die nachfolgende "Tagesschau" musste pünktlich anfangen. So wurde der 2008 verstorbene Banuscher erst spät als Zeitzeuge in Sachen "Dinner for One" entdeckt - dafür offenbarte er 2001 Erstaunliches: Womöglich habe es "ein Liebesverhältnis" zwischen May Warden, damals immerhin schon 72 Jahre alt, und dem 55-jährigen Frinton gegeben. Beweise gibt es nicht; gesichert sind jedoch zärtliche Streicheleinheiten, mit denen Frinton den Rücken seiner aristokratischen Partnerin bedachte, "Stop it", soll die Frintons Massage kommentiert haben. "I like it." Im Jahr 1964 wird die Aufzeichnung erstmals in der ARD ausgestrahlt - im Juni. Von Kult ist noch keine Rede.

Vier Jahre später fällt Hauptdarsteller Frinton nach einem Auftritt im englischen Poole zu Hause tot um. Er hinterlässt seinen Kindern auch das legendäre Tigerfell, welches im Nackenbereich mit etwas Leopardenfell ausgebessert werden musste, da es gelegentlich bei Familienfeiern zum Einsatz kam und die Angehörigen nicht mit Frintons Präzision über den Kopf hüpfen. Spaß haben Frintons Nachfahren auch an den Überweisungen aus Deutschland. Denn bis heute bezieht die Familie vom NDR Lizenzgebühren für den Export von "Dinner for One" in 20 Länder, von Spanien bis Australien. Im Vertrag mit Warden und Frinton war ein pauschales Honorar von 4150 DM vereinbart worden, 622,50 DM waren an das Finanzamt in Hamburg abzuführen.

An Silvester 1972 wurde "Dinner for One" zum ersten Mal am letzten Tag des Jahres gesendet, beschränkt auf das Sendegebiet von NDR 3. Nun beginnt der internationale Siegeszug des Sketches - auch wenn die Schweden wegen angeblicher Anstiftung zum Alkoholmissbrauch ab 1973 eine sechsjährige Sendepause einlegen. Ab 1974 präsentieren auch der Westdeutsche Rundfunk, der Hessische Rundfunk und der Bayerische Rundfunk erstmals "Dinner for One", und ab 1975 erfreuen sich auch die Dänen am 31. Dezember an "90 ärs foeselsdagen". Es folgen noch die Niederlande, Norwegen, Österreich und Finnland, wo der Titel "Illallinnen yhdelle" sich selbst nüchtern nur schwer aussprechen lässt.

Permanentes, ungehemmtes Glucksen

Schließlich kann auch die DDR nicht nachstehen. Im ostdeutschen Staatsfernsehen kommt 1978 allerdings nicht der Klassiker mit Frinton und Warden zur Ausstrahlung, sondern eine frühe Variante mit den Schaupielern Ernest E. Regon und June Royal unter dem spröden Titel "Erinnerungsmahl", der bereits 20 Jahre zuvor auf der Münchner Varieté-Bühne "Annast" gespielt worden war. So muss sich die - noch weitgehend unerforschte - DDR-Fangemeinde von "Dinner for One" zehn Jahre lang beim Klassenfeind bedienen. Silvester 1988, ein knappes Jahr vor dem Mauerfall, zeigte dann auch das DDR-Fernsehen den West-Klassiker, der es im gleichen Jahr als meistwiederholte TV-Sendung in das Guinness-Buch der Rekorde schaffte.

Dass "Dinner for One" zu einem derartigen Lacherfolg wurde, war nicht allein der Verdienst von Frinton und Warden, sondern auch der damaligen NDR-Sekretärin Sonja Göth. NDR-Mitarbeiter waren zu der Aufzeichnung - bei der Göths Mann als Oberbeleuchter Dienst tat - als Studiopublikum geladen worden. Der fortwährende Lachkrampf und das permanente, ungehemmte Glucksen Göths führte fast zu einem Abbruch der Aufzeichnung - lieferte schließlich aber den perfekten Soundtrack zur Sendung.

Ausgerechnet im Heimatland des britischen Humors ist "Dinner for One" bis heute völlig unbekannt. Die BBC in London ließ auf Anfrage noch 2003 miteilen, dass "wir diese Sendung gar nicht kennen" - was schon deshalb erstaunt, weil beim NDR auch aus Großbritannien und selbst von BBC-Mitarbeitern Aufzeichnungen des Sketches angefordert und auch in das Vereinigte Königreich verschickt wurden.

Das kolorierte Heiligtum

Zum Eklat um Miss Sophie und ihren beschwipsten Butler kam es 2002, als der damalige NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meier-Beer zwei Studios in Los Angeles und in Neu-Delhi beauftragte, den Schwarzweiß-Klassiker mit Hilfe computergestützten Verfahren in einen Farbfilm zu verwandeln. Obwohl dem Klassiker nur dezente Pastelltöne verpasst wurden und allein der Blumenstrauß aus der Vase, deren Wasser Butler James im Laufe des Dinners austrinkt, "schön eklig pink-rot gefärbt" worden war, herrschte beim Publikum Entsetzen. "Welcher Idiot hat den Schwarz-Weiß-Klassiker 'Dinner for One' eingefärbt?", schäumte etwa die Berliner Boulevardzeitung "B.Z.".

Mit der Kolorierung des Heiligtums setzte Meier-Beer allerdings lediglich eine Idee um, die beim NDR schon 1968 entwickelt worden war. Damals war mit den Darstellern eine Neueinspielung in Farbe bereits vertraglich vereinbart gewesen - nur der frühe Tod Frintons vereitelte die Umsetzung. Inzwischen kann die Dinner-for-One-Fangemeinde zuverlässig darauf vertrauen, dass die Urfassung in Schwarzweiß verlässlich vor dem 20-Uhr-Termin an Silvesterabend ausgestrahlt, die Farbversion kommt auf den vom Nachmittag bis weit nach Mitternacht gestaffelten Sendeplätzen in den Dritten Programmen des NDR zum Einsatz.

Mittlerweile arbeitet die NDR-Tochterfirma Fernseh Allianz GmbH (FA) daran, "Dinner for One", das auch immer mehr im Netz über Google oder YouTube sogar in der NDR-Originalfassung zu bekommen ist, zu einem globalen Hit zu machen. FA-Geschäftsführer Gerd Richter-Kiewing hält den US-Markt mit rund 50 Millionen deutschstämmigen Einwanderer für "äußerst interessant", und auch China hat man in Hamburg fest im Blick. Dass "Dinnel for One" dort zum Erfolg werden könnte, hält Jörg M. Rudolph, ehemaliger Präsident der deutschen Handelskammer in Peking, allerdings für unwahrscheinlich. Zwar genieße in China Respekt, wer sich "geordnet volllaufen" lassen könne und dabei "Standfestigkeit" zeige. Bei einer Testvorführung mit chinesischen Freunden hörte Rudolph auch den Kommentar: "Was ist denn daran lustig?".

Diese Meinung allerdings teilen statistisch gesehen immerhin 65 Millionen Deutsche, die am Silvesterabend ohne "Dinner for One" auskommen. Die meisten Freddie-Frinton-Muffel wohnen laut NDR-Medienforschung in den Sendegebieten des Hessischen Rundfunks sowie von Radio Berlin-Brandenburg. Dennoch hat der NDR keinen Grund zu klagen - 2007 wurde ein Allzeithoch von 18,6 Millionen Zuschauern verbucht. Und auch insgesamt entwickelten sich die Einschaltquoten für alle prächtig: Seit den ersten Erhebungen im Jahre 1976 zeigt "Dinner for One" eine bessere Performance als der Aktienindex Dax.

Cheerio, Miss Sophie!

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Hans Walter, 01.01.2009
1.
Der Klassiker schlechthin zu Silvester. Freue mich schon wieder drauf. :-)
Vincent Weil, 01.01.2009
2.
Kleiner Hinweis aus dem kalten Dänemark: Die Sendung heisst auf Dänisch "90 års fødselsdagen" :-) Zum copy-paste Freigegeben ;-)
Axel Seeher, 01.01.2009
3.
Mindestens fünf begeisterte Zuschauer gab es gestern auch in Australien: Der Sender SBS strahlte die leicht gekürzte Originalfassung von "Dinner for One" am Abend aus. Der deutschsprachige Kommentar von Heinz Piper zu Beginn war fast in vollem Umfang Bestandteil der Ausstrahlung. Einzig der Teil, in dem den Zuschauern die Bedeutung von "the same procedure as last year" erklärt wird, wurde heraus gestrichen. Im Gegenzug gab es dafür englische Untertitel der Erläuterungen Pipers. Auch der Abspann wurde gesendet. Dabei beließ es der Sender beim Original und verzichtete auf englische Untertitel.
Werner von Schleiden, 02.01.2009
4.
Ob es zwischen den Darstellern "wöglich ... ein Liebesverhältnis ... gegeben" hat, ist reine Spekulation. Aber nach meinen einschlägigen texkritischen Analysen (zehn Silvester Medienwissenschaft studiert) bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass der Butler auch noch eine Etage höher seinen Mann stehen muss ("Same procedure ..."). Nur so ergibt auch seine wachsende Nervosität während des Dinners (Mut antrinken) einen Sinn ...
Joachim Freitag, 31.12.2015
5. Ein echter Klassiker,
aber leider völlig überstrapaziert und inzwischen zu einer Ikone der Ideenlosigkeit des Fernsehens geworden.
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