TV-Krimis Die derben Detektive

Auf einmal ging es Faust auf Faust: Anfang der Achtziger mischten Schimanski, Kottan und der Fahnder den deutschen Fernsehkrimi auf. Mit Prolo-Charme, wahnwitzigen Plots und rauer Action brachten sie Leben in die Ermittlungen auf der Mattscheibe - für die Zuschauer ein knallharter Kulturschock.

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Von Kai Kolwitz


Eigentlich war es ja gar nicht so schlecht, Anfang der achtziger Jahre ein Junge und zwölf Jahre alt zu sein. Zumindest fernsehtechnisch: Es gab Colt Seavers mit seinem Truck und Heather Thomas, die im Vorspann im Bikini durch die Schwingtür kam. Magnum fräste auf Hawaii im Ferrari die Rasenstücke aus der Straßenböschung - und wer richtig Glück hatte, der wohnte in der Nähe der holländischen Grenze und konnte per NL-TV schon mit Miami Vice sein Englisch aufpolieren ("Ey, you owe me three keedees, man." - "Guter Mann, ich bekomme noch drei Kilo Kokain von Ihnen.").

Nur die Serien, die aus Deutschland kamen, die stanken ganz gewaltig ab: Klar, es gab "Auf Achse". Aber sonst eigentlich nicht viel. Gerade die Krimis vermittelten den Eindruck, als seien sie von alten Männern für alte Männer gemacht worden: Die Strukturen streng hierarchisch, hier der Chefermittler, da einer oder mehrere servile Assistenten als Stichwortgeber und Deppenjob-Erfüller ("Da wäre ich nie drauf gekommen, Stefan"). Die Fälle waren konstruiert wie ein Blick durchs Schlüsselloch in die bessere Gesellschaft ("siehst du Berta, da ist es auch nicht besser").

Auch Action fiel aus, das Erzähltempo vermittelte den Eindruck, als hätte man vor dem Einschalten aus Versehen eine von Omas Valiumtabletten eingeklinkt. Jugend kam nur vor in Form zum Fremdschämen schlimm inszenierter Discoszenen oder von Chefautor Herbert Reineckers über 30 Jahre hinweg in "Derrick" und "Der Alte" ausgelebtem latenten Ödipuskomplex ("Sie hat einen Geliebten. Fast noch ein Kind, nur halb so alt wie sie.").

Revolution mit rohen Eiern

Und dann das: Es war der 28. Juni 1981, Sonntags um kurz nach acht, als sich in einer versifften Hochhauswohnung ein schnauzbärtiger Mann verkatert aus dem Bett räkelte, zwei rohe Eier ins Glas schlug und auf einen Zug herunterstürzte, den Blick kurz aus dem Fenster über die Zechenturm-Skyline wandern ließ - um dann direkt weiter in seine Stammkneipe zu ziehen. "Duisburg-Ruhrort" hatte begonnen, der erste Tatort, in dem Hauptkommissar Horst Schimanski im Zentrum stand.

Bei Schimmi war nichts so wie bei den anderen Kommissaren: Er soff, fluchte, prügelte sich, ging permanent mit in seine Fälle verstrickten Frauen ins Bett und betrachtete Dienstvorschriften eher als eine Art unverbindlichen Benimmratgeber. Speziell in den frühen Folgen konnte man sich nie sicher sein, ob der Kommissar nicht wahlweise in der Gosse landen, selber kriminell werden oder bei einer seiner irrwitzigen Ermittlungsaktionen bleibende Schäden davontragen würde.

Als eine Art machtlosen Aufpass-Wauzi hatte man ihm Thanner zur Seite gestellt, einen Anzug tragenden Hyperkorrektling, der Schimanski abwechselnd zusammenschiss ("Horst, so geht das nicht. Das wird Konsequenzen haben."), ihm den Allerwertesten rettete oder gleich bei ihm einzog und ihm mit seiner Pedanterie das Leben zur Hölle machte ("Horst, ich habe den ganzen Abend mit dem Essen auf dich gewartet.").

Schmuddelkommissar mit sozialem Gewissen

Schimanski war viel mehr als der Prolo-Kommissar mit den dicken Muckis, der später aus ihm gemacht wurde. Als Figur war er der erste ernsthafte Niederschlag der sozialliberalen Siebziger im Krimigenre: Er kam selber aus dem Arbeitermilieu des Ruhrpotts, hatte als Jugendlicher selbst ein paar Dinger gedreht und kannte daher gefühlt die Hälfte seiner Delinquenten noch von früher - und: Er war nicht unfehlbar. Vor allem für die frühen Folgen galt: Schimmi litt an den Verhältnissen, hatte den Blick der kleinen Leute auf "die da oben", die sich skrupellos über alles hinwegsetzten, war sensibler als er schien und sehnte sich nach Gerechtigkeit. Da er selber wusste, dass die nie kommen würde, war er der wohl erste und einzige richtige Existenzialist, der je eine deutsche Krimiserie trug. Ein Sisyphos, der jede Folge aufs Neue wieder den gleichen Stein nach oben rollte.

Verantwortlich für Schimanski war federführend der Autor und Regisseur Hajo Gies. Der war damals Mitte 30, selbst ein Kind des Ruhrgebiets und hatte bei Adorno studiert. Zusammen mit anderen jungen Wilden wie Dominik Graf ("Die Sieger", "Der rote Kakadu") rockte er das Haus, setzte auf Action, schnelle Schnitte, quietschende Reifen, Comedy- und Buddy-Movie-Elemente, wenn er Schimanski und Thanner mal wieder krachend aufeinanderrauschen ließ. Trotzdem ließ man den Figuren Raum, thematisierte Kindesmissbrauch, Menschenhandel, Arbeitsplatzabbau, Umweltverschmutzung, Entmietung und andere brennende Themen der Zeit, ohne dabei die Botschaft wie eine Fahne vor sich herzuschwenken.

Die Reaktionen waren entsprechend: "Schmuddel-Kommissar" sagte die "Bild"-Zeitung, Zuschauer beschwerten sich in Scharen über Schimanskis Sprache und Attitüde, die Duisburger Polizei fand in ihren Reihen einen echten Kommissar Horst Szymanski, der versicherte, er werde sich nie wie sein Namensvetter auf der Mattscheibe mit nacktem Hintern im Fußballstadion erwischen lassen.

Zum ersten Mal hatten die Fahnder ein Privatleben

Trotz der Unkenrufe entwickelte sich Schimanski zum riesigen Erfolg - und blieb nicht lange ohne Nachahmer. Der hieß "Der Fahnder" und übernahm gleich eine ganze Reihe Elemente, die die "Tatort"-Filme ausmachten: Den rauen, unkonventionellen Bullen in einer diesmal namenlosen Ruhrgebietsstadt, der ebenfalls vornamenlos einfach "Faber" hieß und im abgewirtschafteten grünen Ford Granada Verbrecher jagte. Den Streberassistenten, die schnellen Schnitte, das oft schmuddelige Milieu, die Buddy-Elemente - und auch die Macher hinter den Kulissen waren zum Teil die gleichen: Gies und Graf drehten auch für den Fahnder.

In einigen Belangen war Faber alias Klaus Wennemann allerdings nur die brave Vorabendversion seines Duisburger Alter Egos: stabiles Privatleben mit Frittenschmiedin als Freundin und gewisser Restrespekt vor Dienstvorschriften - so was wäre Schimmi nie passiert. Trotzdem: Beide veränderten die deutsche Krimilandschaft für immer: Auf einmal wurde flächendeckend im Team ermittelt, statt Chef und Assi zu spielen, man billigte den Ermittlern ein Privatleben zu, überhaupt war der Sechziger-Jahre-Mief endlich aus den Klamotten gelüftet. Und auch in anderen Dingen waren Schimanski und der Fahnder geeint: Beide holten den Grimme-Preis - und brachten Folgen hervor, deren Ausstrahlung oder zumindest Wiederholung wegen zu viel Gewalt jahrelang verweigert wurde.

Und dann gab es da ja auch noch die österreichische Variante: "Kottan ermittelt" hieß die und stammte eigentlich aus den tiefen Siebzigern. Doch weil die ersten Folgen in Deutschland annähernd unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den dritten Programmen versendet worden waren, gelangte Kriminalmajor Adolf Kottan erst Anfang der Achtziger zu breiter Bekanntheit - als das ZDF als Coproduzent einstieg.

Restlos überfordertes Publikum

So landete die Serie auf dem Freitagabendsendeplatz und überforderte das an "Derrick" und "Der Alte" gewöhnte Publikum restlos. Das Problem: Zwar hatte auch Kottan ernsthafte Krimi-Plots. Doch Regisseur Peter Patzak und Autor Helmut Zenker füllten die Plots mit einer derartigen Fülle aus sprudelndem Irrwitz, dass man Schwierigkeiten hatte, mitzukommen: Da gab es den ewigen Kampf des Polizeipräsidenten Pilch mit dem Kaffeeautomaten ("Kein Kaffee für Präsidenten! Niemals!"), der selbst dann nicht endete, als Pilch die Maschine in eine Schlucht gestürzt hatte. Den Sandler, der eigentlich immer die Leiche fand und deshalb in späteren Folgen mit einem kühlschrankgroßen Funkgerät ausgestattet wurde, den begnadet-dämlichen, Mickey Spillane lesenden Assistenten Schrammel, die Fernsehansagerin, die Kottan via TV schmachtende Blicke zuwarf, wenn der ihr auf der Gitarre vorspielte - und noch viel, viel mehr.

Als Belohnung gab's auch für Kottan wieder beides: Zuschauerproteste und den Grimme-Preis. Allerdings war für die Österreicher nach nur 19 Folgen schon wieder Schluss: In ihrem Bemühen um immer irrwitzigere Wendungen im Drehbuch hatte Kottan zum Schluss sogar um die Weltherrschaft gekämpft, eine weitere Steigerung schien damit nicht mehr möglich. Und was die anderen Krimi-Revolutionäre anging: Faber wanderte nach gut 90 Folgen sang- und klanglos nach Irland aus. Drei weitere Fahnder durften sich noch an dem Format versuchen, allerdings erreichte die Serie nie wieder alte Größe.

Schimanski bekam dagegen die wohl rauschendste Verabschiedung, die je ein "Tatort"-Kommissar erhalten hat: In der Schlussfolge "Der Fall Schimanski" zogen Autoren und Schauspieler noch einmal alle Register. Das Resultat war Selbstparodie, die in jedem Moment Funken schlug, sich kein Deut um Logik oder Plausibilität kümmerte, in der all die Schmähungen der Jahre genüsslich noch einmal zitiert wurden und in der ein anderer "Tatort"-Kommissar aus einem Schrank kommen, dem Kollegen das Leben retten und kommentarlos wieder verschwinden durfte, ohne dass das irgendwie erklärt wurde. In der letzten Szene flog Schimanski dann mit einem Flugdrachen in die Freiheit - dabei schrie er aus vollem Halse "Scheiße!"



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Tom Rohwer, 30.07.2015
1.
"Zum ersten Mal hatten die Fahnder ein Privatleben" Was so übrigens nicht richtig ist. Bereits das Team des "Kommissar" hatte durchaus ein Privatleben - Kommissar Kellers Ehefrau Franziska ("Du bist lieb, aber dumm") - bringt in diversen Folgen "private Farbe" ins Spiel, in einigen Folgen außerdem Frau Heines, die Mutter von "Robert Heines". Auch beim TATORT war Schimanski nicht der erste Kommissar mit Privatleben. Der in Essen angesiedelte Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy) zog regelmäßig seine geschiedene Ex zu Rate, er nahm sie sogar mit auf Ermittlungsreise nach Sylt, und die Zuschauer waren in jeder Folge gespannt, ob die beiden wohl wieder zusammenkommen würden. Ebenfalls nicht vergessen werden darf natürlich "Zollfahnder Kressin", ein bis heute schwer unterschätzer TATORT-Ermittler. Der hatte in jeder Folge mindestens eine neue Bettgespielin, anders als spätere TATORT-Kommissare schaffte er es aber immer problemlos und ohne Depressionen, sein Sexleben mit seiner Arbeit unter einen Hut zu bringen. Heute ist leider das, was vor 30 Jahren mal neu war, zur öden Masche geworden: das Privatleben der Ermittler ist grundsätzlich chaotisch und schlägt nahezu in jeder Folge die eigentliche Krimi-Handlung tot.
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