TV-Legende Bernhard Grzimek Der Affen-Flüsterer

Er liebte wilde Tiere, Scherzartikel und die Witwe seines Sohnes: Vor hundert Jahren wurde Tierfilmer-Legende Bernhard Grzimek geboren. Seine Biografin Claudia Sewig spricht im Interview über Triumph und Tragik des Mannes, der Schlangen, Schimpansen und Tigerbabys auf deutsche TV-Bildschirme brachte.

SWR/HR/Kurt Bethke

Ein Interview von


einestages: Frau Sewig, auf den Hund gekommen waren die Deutschen schon länger, auf den Affen gebracht hat sie erst der freundliche TV-Professor Bernhard Grzimek, der in den sechziger und siebziger Jahren seine legendäre Sendung "Ein Platz für Tiere" gemeinsam mit Schimpansen moderierte und für den Naturschutz warb. Hat Grzimek uns nur gut unterhalten, oder hat er etwas erreicht?

Sewig: Er hat das nie zum Selbstzweck gemacht. Er wollte nicht der liebe Tieronkel sein, sondern hat immer kritische Töne dabei gehabt. Ob es um die Jagd auf Robbenbabys ging oder um die Massentierhaltung, er hat keine Sendung gemacht, bei der es nur nett und niedlich zuging. Grzimek hat die Neugier der Menschen genutzt - etwa darauf, was für ein Tier der Moderator denn diesmal wohl in die Sendung mitbringen würde. Dann hat er schon mal einen Beitrag über Giftschlangen anmoderiert, mit einer enormen Schlange um die Schultern - und erst ganz am Ende hat er die elektrisierten Zuschauer aufgeklärt, dass das eine Würgeschlange war. Aber er hat immer den Naturschutz mit reingebracht.

einestages:Dass er mal als TV-Experte für Tiger, Löwen, Elefanten gelten würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt - die Karriere des studierten Tierarztes begann als kleiner Beamter mit dem Fachgebiet Geflügelzucht.

Sewig: Er hat gewusst, dass er etwas mit Tieren machen wollte, aber nicht genau was. Und den Beruf des Verhaltensforschers gab es damals noch nicht. Also hat er sich zum Tierarzt ausbilden lassen. Dass er es dann mit den exotischen Großtieren zu tun bekam, war eher Zufall, als er nach dem Krieg Direktor des Frankfurter Zoos wurde.

einestages: Der zweite Tierexperte im TV, an den man sofort denkt, war der Tierfilmer Heinz Sielmann mit seinen "Expeditionen ins Tierreich". Konnten die beiden miteinander? Wofür stand der eine, wofür der andere?

Sewig: Sielmann war eher der Wissenschaftler, der auch früher als Grzimek angefangen hat, Tiere zu filmen. Den Naturschutz ließ Sielmann dafür lange etwas draußen, das kam bei ihm erst später. Grzimek war eher der Mahner. Freundschaft herrschte zwischen beiden nicht gerade, man ging professionell miteinander um.

einestages: Als Mahner malte Grzimek durchaus gern in kräftigen Farben. Sehr übelgenommen worden ist ihm sein Vergleich von Legebatterien mit NS-Konzentrationslagern. Warum schoss er schon mal so über das Ziel hinaus?

Sewig: Grzimek war für Provokationen immer zu haben. Er ist in den siebziger Jahren mit seinem Enkel Christian illegal in eine Legebatterie eingedrungen und hat die Zustände dort gefilmt. Es gab mächtig Ärger. Aber es war ihm sogar ganz lieb, dass er mal verhaftet wurde - wenn dadurch Dinge in Bewegung kamen.

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Bernhard Grzimek: Ein Herz für wilde Tiere

einestages: Grzimek wurde 1909 geboren - als die Nazis an die Macht kamen, war er 23, volljährig und durfte wählen. Wie war sein Verhältnis zum Nationalsozialismus?

Sewig: Er teilte die NS-Ideologie nicht - aber er war doch Parteimitglied. Und er hat, wie so viele Deutsche, nach dem Krieg nicht dazu gestanden. Auch seine Familie wusste es im Zweifel nicht. Er war ein klassischer Mitläufer, ein Karrierist, der im Interesse der Karriere, damals im Landwirtschaftministerium, 1937 Parteimitglied wurde. Darüber hat er später kein Wort mehr verloren und hat auch in seinem Entnazifizierungsverfahren ausgesagt, er wäre nie in der Partei gewesen. Dabei gibt es von ihm handschriftlich ausgefüllte Dokumente, die eindeutig belegen, dass er eine NSDAP-Mitgliedsnummer hatte. Er hat alle belogen.

einestages: Im Krieg diente Grzimek als Veterinär bei der Wehrmacht, koordinierte weit hinter der Front Pferdebestände. Stimmt es, dass er in den letzten Kriegstagen desertierte?

Sewig: Er sollte an die Ostfront. Ihm war klar, dass der Krieg verloren war und er nur noch Kanonenfutter sein sollte. Also hat er sich bei seiner Geliebten versteckt. Die hat beschlossen, ihn in einer hochriskanten Aktion noch aus dem umkämpften Berlin herauszuschmuggeln.

einestages: Wie lief die Flucht ab?

Sewig: Sie hatte als Schauspielerin Kontakte zu vielen einflussreichen Männern, etwa Martin Bormann, dem Leiter von Hitlers Parteikanzlei. Es gelang ihr, einen Lkw zu organisieren, in dem ein Fahrer sie aus der Hauptstadt brachte - sie mit der gemeinsamen fünfjährigen Tochter zwischen den Beinen auf dem Beifahrersitz, Grzimek wohl in einem Schrank auf der Pritsche versteckt. Seine Geliebte war zu diesem Zeitpunkt erneut von Grzimek schwanger.

einestages: Als TV-Professor wirkte Grzimek immer sehr honorig, aber eine Zeitlang führte der verheiratete Vater ein regelrechtes Doppelleben. Warum flog das nie auf?

Sewig: Seine erste Ehefrau Hildegard hat die Augen verschlossen, hat es akzeptiert, weil Grzimek ihre große Liebe war. So konnte Grzimek ganz offen so leben, auch wenn er es nach außen nie groß publik gemacht hat. Seine uneheliche Tochter Monika hat er dann ja auch erst wiedergesehen, als sie schon erwachsen war. Da hat sie ihn im Frankfurter Zoo angesprochen. Er fragte sie, ob sie ein Autogramm wolle, und sie antwortete: "Nein. Ich bin Ihre Tochter." Grzimek hat Hildegard dann 1973 doch verlassen - und später die Witwe seines Sohnes Michael geheiratet.

einestages: Grzimek hatte noch ein paar andere seltsame Eigenheiten - zum Beispiel liebte er es, Leuten Furzkissen unterzuschieben.

Sewig: Grzimek war ein fanatischer Sammler von Scherzartikeln, und die hat er auch zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten eingesetzt. Halt hat er vor niemandem gemacht - ob das Freunde waren oder der Staatspräsident von Tansania. Im Haus gab es muhende Milchkännchen, ausgeschnittene Löffel, die Furzkissen. In Afrika hat Grzimek mal einer recht üppigen Dame eine Riesenheuschrecke in das Dekolleté gesetzt. Über so etwas konnte er sich kindisch freuen. Leider fiel die Dame in Ohnmacht - da ging sein Spieltrieb mal nach hinten los.

einestages: Aber konnte Grzimek auch über Scherze auf seine Kosten lachen?

Sewig: Wenn sie intelligent gemacht waren schon - die Grzimek-Parodie von Loriot mit der Steinlaus etwa fand er sehr witzig, zumindest hat er das gesagt. Vier Wochen später hat er in seiner Sendung den Zuschauern erklärt "Aber jetzt bin ich es wieder selber!" Da hatte er die Lacher dann auf seiner Seite. Aber so richtig gern mochte er es nicht, selbst auf den Arm genommen zu werden.

einestages: Grzimeks Nachkriegskarriere startete mit seiner Berufung zum Direktor des Frankfurter Zoos, den er 29 Jahre leiten sollte. War ihm das nicht Aufgabe genug, dass er ins Fernsehen drängte?

Sewig: Er wollte nie Zoodirektor werden. Er hatte ursprünglich auch nicht vor, in Frankfurt zu bleiben. Das war Zufall. Die Amerikaner hatten schon beschlossen, den Zoo dichtzumachen, weil nicht einmal genug für die Menschen da war. Also hat sich Grzimek der Sache angenommen und lauter Sachen ausgedacht, darin war er zeitlebens ganz groß. Er hat Schausteller in den Zoo geholt, hat ein Zelt errichtet, in dem es Boxkämpfe und Jazz-Matinées gab, aber auch Versammlungen - so einen Ort gab es sonst nicht im total zerbombten Frankfurt. Dass er den Zoo zum Rummelplatz machte, nahmen ihm viele altgediente Zoodirektoren damals wahnsinnig übel. Aber der Erfolg gab ihm recht. Bei allem Herzblut hat Grzimek seine Stellung aber von Anfang an als Plattform für größere Dinge gesehen.

einestages: Kaum jemand weiß, dass der weißhaarige Herr mit der Goldrandbrille Oscar-Preisträger war. Wie kam das?

Sewig: Sein Film "Serengeti darf nicht sterben" gewann 1960 als erster - und bisher einziger - deutscher Film den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Das Werk war wirklich revolutionär. Damals wurde Afrika noch meist als wilde und wüste Gegend gesehen, wo es die Natur noch zu bekämpfen galt. Dieses Bild drehte "Serengeti darf nicht sterben" komplett um, und dafür bekam er auch zu Recht den Academy Award.

einestages: Es war ein besonderer beruflicher Erfolg, aber auch ein persönlicher Tiefpunkt - bei den Dreharbeiten verunglückte sein Sohn Michael tödlich. Wie ist Grzimek mit dem Tod seines Sohnes, der auch sein engster Mitarbeiter und Freund war, umgegangen?

Sewig: Grzimek trug sein Herz nie auf der Zunge. Also hat er sich blindwütig in die Arbeit gestürzt. Es galt, den Film fertigzustellen, das Buch fertigzustellen; es steckte ja auch eine Menge Geld in dem Projekt. Aber Grzimek hat sogar noch die angefangene Doktorarbeit seines toten Sohnes abgeschlossen. Er hat sich über die Trauer hinweggearbeitet. Viele Jahre danach hat er einmal einem Kollegen, dessen Sohn gerade ebenfalls in Afrika verunglückt war, geschrieben, dass die Zeit leider nicht alle Wunden heile, sondern man jeden Tag mehr spüre, was man verloren habe. Es nagte zeitlebens an ihm.

einestages: Was war die stärkere Triebfeder für Grzimek, Sendungsbewusstsein oder Eitelkeit?

Sewig: Schon das Sendungsbewusstsein. Dazu kam eine gute Portion Eitelkeit, aber jemand, der nicht gern im Rampenlicht steht, hätte auch nie so viel bewegen können - dazu muss man bereit sein, nach vorne zu treten. Und er hatte die Sorge um die Natur, er wollte etwas tun.

einestages: Und wie äußerte sich seine selbstverliebte Seite?

Sewig (lacht): In der furchtbaren Frisur, die er viele Jahre lang trug, so quer über seine Glatze drapiert. Dazu hatte er eine eigene Falttechnik entwickelt. Lange Haare wurden in drei Lagen von Ohr zu Ohr drapiert, die er dann mit einem eigens aus den USA importierten Haarspray fixierte. Irgendwann machten ihm die Leute vom Sender klar, dass das nicht mehr zeitgemäß war. Es gibt auch Gerüchte, Grzimek habe sich liften lassen.

einestages: Bei aller Lebenslust - war Grzimek nicht ein abgrundtiefer Pessimist?

Sewig: Gerade in den älteren Lebensjahren kam das durch. Er hat in Fernsehinterviews gesagt, dass er schwarz sehe für die Welt, dass alles den Bach runtergehen werde - aber auch, dass man nicht aufhören darf zu kämpfen. Luthers Spruch, er würde ein Apfelbäumchen pflanzen, auch wenn die Welt zugrunde ginge, das war schon seine Haltung. Aber Grzimek war oft verzweifelt. Die Probleme, die er damals schon so weitsichtig gesehen hat, haben sich heute potentiert. Die Legebatterien etwa - ist es nicht unglaublich, dass die erst Anfang 2009 verboten wurden? Dafür hat Grzimek schon in den siebziger Jahren gestritten.

Zum Weiterlesen:

Claudia Sewig: "Bernhard Grzimek - Der Mann, der die Tiere liebte". Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2009, 447 Seiten, 24,95 Euro.



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