TV-Panne an Silvester Der vertauschte Kohl

Millionen Zuschauer waren irritiert: Am Silvesterabend 1986 wünschte ihnen Kanzler Kohl ein frohes 1986. Was wie ein trotteliger Versprecher klang, erwies sich als eine der größten TV-Pannen im Deutschen Fernsehen. Die Neujahrsansprache war vertauscht worden - und das war nicht nur für die ARD peinlich.

ZDF

Als Helmut Kohl am Abend den Fernseher einschaltete, wich alles Blut aus seinen Wangen. Ob dem Kanzler auch schlecht wurde, ob er sich das graue Haar raufte, gar das Sektglas wütend in eine Ecke des Oggersheim'schen Wohnzimmers schleuderte, ist nicht überliefert. "Bild" jedenfalls berichtete, dass der damals 56-Jährige am Silvesterabend 1986 ganz bleich wurde, als ihm sein eigenes Konterfei aus dem Flimmerkasten entgegenblickte. Kohl sah sich die ARD-Ausstrahlung seiner Neujahrsansprache an, zu deren Ende er den Bürgern an jenem 31. Dezember 1986 nicht etwa ein friedvolles und glückliches Jahr 1987 wünschte - sondern ein frohes 1986.

Die Rede war vertauscht worden! Jemand hatte das falsche Band eingelegt - die Silvesteransprache aus dem Vorjahr. NDR-Programmchef Rolf Seelmann-Eggebert würde später erklären, schuld daran könnten unter anderem die ungünstigen Lichtverhältnisse in der Hamburger Sendezentrale gewesen sein. Bis heute gilt die falsche Silvesteransprache Kohls als einer der größten Fauxpas in der Geschichte der ARD.

Im SPIEGEL nannte Seelmann-Eggebert jenen Abend einen Alptraum. Die Telefone standen nicht mehr still, erboste Zuschauer ließen ihrem Zorn über die Verunglimpfung des Kanzlers freien Lauf. Kohls Medienberater Eduard Ackermann wurde eigenen Angaben zufolge "fast verrückt", weil er gemeinsam mit etlichen anderen Empörten in der Musik dudelnden Warteschleife gefangen war. Und für CSU-Generalsekretär Gerold Tandler stand fest: Knapp vier Wochen vor der Bundestagswahl 1987 konnte es sich nur um eine systematisch vorbereitete Sabotage handeln, die das Ansehen des Kanzlers in den Schmutz ziehen sollte.

Der Kanzler wechselt den Anzug

Tatsächlich war die vertauschte Ansprache nicht nur für die ARD höchst peinlich. Auch auf den Kanzler warf der Vorfall ein fahles Licht. Die schnöde Erkenntnis: Kohl hatte wenig Neues zu sagen, die Reden von 1985 und 1986 waren bis auf wenige Sätze austauschbar. Manche Zuschauer bemerkten den Fehler deshalb noch nicht einmal, nachdem sie sowohl die korrekte Fassung 1986/87 in der Erstausstrahlung im ZDF als auch die Wiederholung der falschen Fassung 1985/86 eine Stunde später in der ARD verfolgt hatten.

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Fernsehpannen: Wenn das neue Jahr mal früher anfängt

Während Kohl 1985 davon gesprochen hatte, dass es zu den höchsten Anliegen zählen müsse, den Frieden zu sichern, sprach er 1986 davon, den Frieden zu bewahren. 1985 ging es um die Arbeitslosigkeit, 1986 ebenfalls. Der Umweltschutz spielte damals wie später eine Rolle, Dank galt den Soldaten der Bundeswehr, ein Gruß ging ostwärts zu den Bürgern der DDR.

Laut "taz" war der Fehler vielen Zuschauern überhaupt nur aufgefallen, weil der Kanzler zwischen den Ausstrahlungen in ZDF und ARD das Sakko gewechselt zu haben schien. Während Kohl in der korrekten ZDF-Fassung ein graues Jackett mit einer grau-schwarz quer gestreiften Krawatte trug, war es in der ARD ein blaues 1985er Jackett mit blau-grau quer gestreifter Krawatte. Seltsam auch: Das Regal hinter ihm war einmal mit Büchern, das andere Mal aber mit Nippes vollgestellt.

Anonymer Bekenner

Nur die wenigsten Zuschauer, denen die sektschwangere Atmosphäre des Silvesterabends noch nicht die Sinne vernebelt hatte, dürften die feinen inhaltlichen Unterschiede bemerkt haben: In der korrekten ZDF-Fassung rief Kohl die Bürger dazu auf, im Januar zur Bundestagswahl zu gehen. In der vertauschten ARD-Fassung dagegen erwähnte der Kanzler die Genfer Abrüstungskonferenz, die bereits 1985 stattgefunden hatte.

Die ARD entschuldigte sich für die Panne - allerdings zu spät, wie Kritiker fanden: Erst 90 Minuten nach der Ausstrahlung blendete man in das Programm einen Text ein: "Durch ein Versehen ist die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers heute Abend verwechselt worden. Die ARD entschuldigt sich dafür! Die korrekte Fassung wird morgen, am Neujahrstag, um 20.05 Uhr, nach der Tagesschau ausgestrahlt." Tatsächlich hatte der NDR mit dem Hinweis gezögert. Man fürchtete, die Einblendung während des mit Gags aufgelockerten ARD-Wunschkonzertes könnte als Scherz missverstanden werden.

Viele Zuschauer blieben trotz der Entschuldigung misstrauisch. Einer veröffentlichten Blitzumfrage zufolge glaubten 69 Prozent der Bundesbürger, die Bänder seien beim NDR absichtlich vertauscht worden. Eine Meldung der "Bild"-Zeitung befeuerte das Misstrauen. Demnach war bei ihr ein anonymes Fernschreiben eingegangen, dessen Urheber behauptete, von der SPD-Parteizentrale 38.000 Mark für den von ihm stammenden Vorschlag zur Manipulation erhalten zu haben. Die SPD wies die Behauptung umgehend und energisch zurück.

"Verkettung unglücklicher Umstände"

NDR-Programmchef Seelmann-Eggebert griff das Thema schließlich in der ARD-Reihe "Wir über uns" auf. Am Pranger: die beiden verwechselten Videobänder, bildschirmfüllend eingeblendet. Beide hatten an jenem unheilvollen Silvesterabend in der Hamburger Sendezentrale gelegen, weil der WDR die alte 1985er Rede wenige Tage zuvor für einen satirischen Rückblick aus dem NDR-Archiv angefordert hatte. Wegen der Feiertage sei das Band nach der Überspielung liegengeblieben und nicht, wie eigentlich üblich, ins Archiv zurückgebracht worden, erklärte Seelmann-Eggebrecht. Die "Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände" habe schließlich zu dem folgenschweren Fehler geführt.

Der Kanzler nahm die Entschuldigung der ARD an - für den NDR aber war die Serie der Peinlichkeiten damit noch nicht beendet: Die vertauschte Neujahrsansprache hatte ein juristisches Nachspiel.

Die Kläger: zwei technische Mitarbeiter des Senders. Sie waren nach dem Vorfall mit einem Eintrag in die Personalakte gemaßregelt worden, weil sie das alte Band falsch beschriftet beziehungsweise an jenem Abend eingelegt hatten. Vor dem Arbeitsgericht führten sie an, dass die Ahndung unangemessen sei, der Sachverhalt in der Personalakte zudem falsch wiedergegeben werde - und bekamen recht.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Christian Naumann, 31.12.2011
1.
wo waren Millionen irritiert? Millionen haben es erst gar nicht bemerkt weil sie a) die sich Rede eh nicht ansehen und b) es keinem aufgefallen wäre da die Inhalte sowieso jährlich austauschbar sind. *g*
Paul Prüfer, 31.12.2011
2.
Hätte dieser maßlos überschätze Politiker nicht "1986" gesagt, es wäre angesichts der üblichen Plattitüden doch niemendem aufgefallen. Ich habe damals kaum gewagt, Nachrichten anzuschauen, wenn dieser Tumb im Ausland sich durch die Festmähle fras und Deutschland regelmäßig blamierte. Das macht ja heute der Westerwelle.
Henning Weede, 31.12.2011
3.
Das war doch eine der Sternstunden des deutschen Fernsehens. Herrlich!
Oliver Matuschek, 31.12.2011
4.
sehr amüsant, dass - offenbar als später fluch der verwechselten videos - der name des programmdirektors seelmann-eggebert nun innerhalb des artikels zu seelmann-eggebrecht wird ...
Joachim Falkenhagen, 31.12.2011
5.
Das Fernsehen sollte in jedem Jahr die Vorjahresansprache wiederholen, wenigstens auf Phoenix. Wenn das am 31.12.2011 mit den Worten eingeleitet würde "es folgt die Neujahrsansprache für (!) 2011" würde es auch keiner merken.
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