TV-Propagandaschlacht Mit dem Westen sah man besser

Machtkampf per Flimmerkiste: Mitte der siebziger Jahre sendeten die Finnen Westfernsehen nach Estland. "Star Wars", "Dallas" und kapitalistische Kochsendungen sollten den Kommunismus erschüttern. Die Sowjets schlugen mit grauer Propaganda zurück - dann zündete der Westen die Sexbombe.

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Am 24. Juli 1987 ging in Tallinn die Bombe hoch. Die Hauptstadt Estlands, damals an vorderster Front des Kalten Krieges gelegen, wurde von den Westmächten empfindlich getroffen. Es war allerdings kein Sprengstoff, der das Leben der Esten durcheinanderbrachte. Es war eine Sexbombe. An diesem Tag strahlte das finnische Fernsehen den Erotikstreifen "Emanuelle" aus.

Wer konnte und Freunde oder Verwandte in Tallinn hatte, fuhr an diesem Tag hoch in den Norden. Kolonnen von Ladas und Moskwitschs machten sich auf in Richtung der Hauptstadt und bevölkerten dort die Straßen und Parkplätze, als würde ein gigantisches Festival abgehalten. Denn nur in Tallinn und den nördlichen Gegenden Estlands war das Signal der finnischen Sendemasten stark genug, um Westfernsehen zu empfangen. Weiter im Süden hingehen blieben nur die heimischen Sender - und wer wollte die schon gucken?

Dieser Abend im Sommer 1987 markierte einen Höhepunkt in einem bizarren Kampf, in dem ganz vorn Finnland und Estland und im Hintergrund die USA und die UdSSR um die Hoheit über die Funkwellen am Grenzverlauf rangen. Ein Kampf, in dem die Sowjets mit verwegenen technischen Konstruktionen und hanebüchenen Sendungen verhindern wollten, dass sich in den Köpfen der Esten das Virus des Kapitalismus ausbreitete.

Fernsehen als Geheimwaffe

Jaak Kilmi war damals ein Kind und lebte in Tallin. In seiner Dokumentation "Disco & Atomic War" hat er die Propagandaschlacht im Äther jüngst verarbeitet. Seine Theorie: Die USA haben das finnische Fernsehen genutzt, um die Sowjet-Propaganda zu unterwandern - für die Sowjets wiederum war Estland ein gigantisches Versuchlabor, in dem der Einfluss von West-Fernsehen auf Bürger der Sowjetunion getestet wurde.

Als 1955 das estische Fernsehen erstmals auf Sendung ging, waren die von den Sowjets gesteuerten Sender nicht nur auf Estland gerichtet, sondern auch quer über den Golf von Finnland auf Helsinki. Dort konnten die Finnen Nachrichten aus der UdSSR empfangen - zum Beispiel über die Produktivität und überhaupt die Überlegenheit des kommunistischen Systems. Diese waren natürlich in erste Linie zur Motivation der Sowjetbürger gedacht, eigneten sich aber gleichzeitig bestens als Botschaft an den Klassenfeind.

Doch die Finnen sendeten zurück: Zwei Jahre nach den Esten gründeten sie ihr eigenes Staatsfernsehen und errichteten 1971 einen 350 Meter hohen Sendemast, der groß genug war, die Verheißungen der kapitalistischen Kultur bis weit hinein nach Estland zu schicken. Die Sowjets zürnten: In einer großen estischen Tageszeitung bezichtigte ein Artikel die finnische Regierung, nur eine Marionette der amerikanischen Geheimdienste zu sein und die estische Jugend mit Hilfe von brutalen und anzüglichen Fernsehsendungen entmenschlichen zu wollen.

Fleischeslust im Feindesland

"Ich glaube nicht, dass amerikanische Geheimdienste die Kontrolle über das finnische Fernsehen hatten", erklärt Ed Lucas. Der Redakteur des "Economist" ist Ostblock-Experte und Autor des Buchs "Der neue Kalte Krieg: Wie das Putin-System Russland und den Westen bedroht". Lange Jahre hat er sich mit dem Kampf der beiden Systeme beschäftigt und ist überzeugt: "Das war gar nicht nötig. Der Kommunismus war zum Scheitern verurteilt. Und es reichte vollkommen, den Sowjetbürgern einfach zu zeigen, wie das Leben im Westen war - das war schon Propaganda genug."

In der Tat muss allein die Werbung im finnischen TV zersetzende Wirkung gehabt haben. In Tallinn stürmten jeden Morgen die Kunden in die Läden, um Lebensmittel zu ergattern, bevor diese nach wenigen Minuten ausverkauft waren. In Finnland gab es "Mr. Väiski", einen fiktiven Koch: Der wandelte an Frische-Theken vorbei, hinter denen sich die feinsten Fleischsorten stapelten, als sei es ein kapitalistisches Schlaraffenland. Er bereitete erlesene Speisen zu, bewarb gute Weine. Dass die estnische Propaganda behauptete, es handele sich dabei um Attrappen aus Plastik, half da wenig: "Für uns war Mr. Väiski ein Held", erinnert sich Jaak Kilmi in seiner Dokumentation.

Dass die Esten überhaupt in den Genuss finnischen Fernsehens kamen, hatten sie einer großflächigen, vielschichtigen Schwarzindustrie zu verdanken. Wer in Estland einen Lötkolben halten und einen Schaltplan lesen konnte, verdiente sich ein Zubrot mit der Hinterhof-Produktion von Antennen oder den sogenannten "finnischen Blocks": Decodern, die das in Europa verwendete PAL-Signal auch auf den in der UdSSR verwendeten SECAM-Fernsehern in Farbe sichtbar und den Ton hörbar machte. "Und wir Schulkinder besserten unser Taschengeld auf, indem wir das Fernsehprogramm abschrieben, vervielfältigten und verkauften", so Kilmi.

Antennenwald auf den Dächern Tallinns

Bereits ein Jahr, nachdem Finnland auch für die Esten funkte, war auf den Dächern Tallinns ein Wald von Fernsehantennen gewachsen. Sie alle waren gen Norden gerichtet - auf den finnischen Sendemast. Der sendete immer wieder auch Seitenhiebe auf das kommunistische System, wie etwa die Liebeskomödie "Ninotschka" von Ernst Lubitsch aus dem Jahre 1939, in der sich eine linientreue Kommunistin in einen französischen Adligen verliebt - und die Annehmlichkeiten des Kapitalismus: "Ich wurde mit Ziegenmilch und Vodka aufgezogen", erklärt sie dem Grafen, als der ihr das erste Glas Champagner reicht. Dann trinkt sie und genießt, woraufhin der Graf erwidert. "From goats (Ziegen) to grapes (Trauben) - that's drinking in the right direction."

Die russische Filmindustrie schoss zurück: Mit hölzernen Spielfilmen, in denen westliche Agenten heimtückisch und feige russische Zivilisten umbringen. Weil die Offensive nicht fruchtete und die Esten weiter unbeirrbar West-TV guckten, entsendete Moskau 1972 eine geheime Delegation nach Tallinn. Dort stießen estnische Soziologen unter der Leitung von Hagi Shein, später Leiter des Estnischen Fernsehens, dazu. "Wir sollten die Auswirkungen des finnischen Fernsehens auf die Bevölkerung untersuchen", erinnert er sich in der Dokumentation "Disco & Atomic War". Denn wer das finnische TV empfangen konnte, der guckte es auch. "Und das bereitete den führenden Kadern sowohl in Moskau als auch in Estland natürlich Kopfzerbrechen."

Sie vermuteten hinter all dem die amerikanischen Geheimdienste - und brüteten fieberhaft über möglichen Gegenkonzepten. Nur mit Müh und Not konnten die Verantwortlichen des estnischen Staatsfernsehens die politische Führung davon abhalten, im Golf von Finnland ein gigantisches Netz von Störsendern auszulegen. Auch der Ansatz, sich in die finnischen Übertragungen einzuklinken, estnische Untertiteln mitzusenden und auf diesem Wege zweifelhafte Botschaften an die Zuschauer zu verhindern, wurde verworfen. Man verständigte sich auf eine andere Lösung. Statt das finnische TV auszuschalten, wollte man die Finnen mit ihren eigenen Mitteln schlagen: In aufwändig produzierten Sendungen über hell erleuchtete Kaufhäuser oder vermeintlich glamouröse Modenschauen sollte ihnen gezeigt werden, wie toll das Leben in Estland sei.

Ein Riss im Eisernen Vorhang, durch den die Popkultur sickerte

Und tatsächlich erfreuten sich diese Sendungen bei den Finnen alsbald großer Beliebtheit, allerdings nicht im Sinne ihrer Erfinder: Wegen ihrer unfreiwilligen Komik wurden sie im finnischen Fernsehen auf die Schippe genommen. Die sowjetische Führung tobte - und konnte doch wenig tun. Mit dem Abkommen von Helsinki hatte sie weite Zugeständnisse in Sachen Meinungsfreiheit in der SU gemacht und den Westmächten außerdem zugesichert, TV-Übertragungen nicht zu stören.

Und so war Estland zu einem Riss im Eisernen Vorhang geworden, durch den unablässig die Popkultur des Westens sickerte. "Als 'Knight Rider' im finnischen Fernsehen anlief, fing ich sofort an, über meine Digitaluhr mit dem Renault bei uns im Hinterhof zu sprechen", erinnert sich Jaak Kilmi in seiner Dokumentation. Er blieb nicht lange allein damit: "Wenig später schaute ich aus dem Fenster aus dem Hof und sah ein anderes Kind, das genau dasselbe tat. Und ab diesem Tag sah ich immer mehr Kinder überall in der Stadt, die vor ausländischen Autos standen und in ihre Uhr sprachen."

Und so ging es immer weiter. Lief "Star Wars" im finnischen TV, zierten am nächsten Tag unzählige, mit Kreide gemalte Raumschiffe die Bürgersteige Tallinns. Als die Disco-Welle ganz Europa überrollte, übten die Schulkinder die Tanzschritte, sobald kein Lehrer hinguckte.

"Zu diesem Zeitpunkt hatte die UdSSR den Kampf um die Köpfe ihrer Bürger längst verloren", erklärt Ed Lucas. Der Vorsprung des Westens in der "Soft Power", also dem weichen, dem kulturellen Einfluss, nicht der Waffengewalt, war uneinholbar angewachsen. "In den ersten zehn, zwanzig Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es viele Leute, übrigens auch im Westen, die stolz auf den Kommunismus waren. Er hatte den Faschismus besiegt und schien das moralisch bessere System. Doch je mehr Zeit verging, desto weniger hatte der Kommunismus den Leuten zu bieten. Am Ende gab es kaum noch etwas, worauf sie stolz sein konnten".

Der Kapitalismus, das vermeintlich verrottete System hingehen, hatte alles, wonach es Jugendliche dürstete: Jeans, coole Fernsehserien, Fast Food, Sex.

Apropos Sex: Neun Monate nach der Ausstrahlung von "Emanuelle" steig die Geburtenrate in Estland sprunghaft an. Ein Nebeneffekt des Westfernsehens, gegen den die Parteikader ausnahmsweise einmal nichts einzuwenden hatten.



insgesamt 8 Beiträge
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Jan Hecker-Stampehl, 02.02.2011
1.
Der "Golf von Finnland" heißt auf Deutsch "Finnischer Meerbusen" - die hier verwandte Version ist eine direkte Übersetzung des englischen "Gulf of Finland"...aber das ist nur eine kleine Besserwisserei - der Artikel ist sehr schön, Kompliment!
Detlef Genthe, 03.02.2011
2.
Das mit dem PAL-SECAM Konverter erstaunt mich doch. Es ist, zumindest für den technischen Stand der 70iger doch sehr schwierig von PAL in SECAM umzucodieren. Eher geht es hier um den unterschiedlichen Bild Ton-Abstand, den konnte man mit Bastelermitteln umschalten. Alternativ wurde die Zwischenfrequenz nochmal mit 1MHz moduliert, wie das genau ging kann ich mich nicht mehr erinnern. In Berlin gab es solche Basteleien auch. Einmal konnte man damit afn-Fernsehen sehen (1MHZ geringerer Bild-Ton-Abstand), aber auch das zentrale Moskauer Fernsehen, das für die dortige Garnison nach OIRT-Norm mit einem 1MHz größerem Bild-Ton-Abstand gesendet wurde. Das ging aber nur in unmittelbarer Kasernenumgebung. Es ging also vermutlich auch in Tallin um Anpassung der Schwarzweißnormen, Farbe war in der Zeit auch noch nicht so selbstverständlich. An das Finnische Fernsehen in Tallin habe ich auch noch eine Erinnerung. Ich war während der Olympische Sommerspiele 1984 auf einer Sowjetunionreise. Die Sportbegeisterten litten, es gab keine Informationen. Nur in Tallin erzählte die Reiseleiterin fröhlich die aktuellen Meldungen. Auf verdutzte Nachfrage erklärte sie, daß die Esten das finnische Fernsehen empfangen könnten und ganz gut verstünden.
Uwe Schulz, 03.02.2011
3.
Schöner Nebeneffekt: Viele der estnischen Kinder (und sicher nicht nur die) lernten bei dem nicht nur auf estnisch ausgestrahlten Programm die Sprache der Nachbarn, natürlich bei gesendeten Trickfilmen, sicher nicht bei "Emanuelle" ;) So erzählte uns unser junger Führer im Lahemaa Nationalpark. Heute fallen die Finnen mit der Fähre aus Helsinki ein, um 2 Stunden später voll bepackt mit Alkohol wieder heimzufahren. Scheinbar hat die sowjetische Kaufhauswerbung doch noch späte Früchte getragen ;)
erich wiesmann, 04.02.2011
4.
Fleisch wurde zwar von Kesko beworben, aber Wein? Es scheint der Autor wusste nicht das Weinwerbung zu der Zeit noch nicht erlaubt war. Weine konnte man und kann man auch heute noch nur beim staatlichen Alko kaufen.
Matthias Hahn, 03.02.2011
5.
PAL-SECAM Sicher ging es in den Anfangsjahren um Scharz/Weiß und die Anpassung der Ton-Norm. Eine Veränderung im Tondemodulator um 1MHz ist kein Problem. Ich denke aber, das in den 80er Jahren auch in Estland der gesteigerte Wunsch nach Farbfernsehen bestand. Eine Wandlung von PAL in SECAM ist auch nicht nötig. Das PAL Signal muss lediglich in RGB gewandelt werden, um die Video-Endtufen am Fernseher direkt anzusteuern. Einen PAL Decoder baut man natürlich auch nicht so einfach in Heimarbeit. Da gab es aber sicher entsprechende Kontakte findiger Bastler in sozialistische Bruderstaaten, sprich DDR. In den Geräten aus volkseigener Produktion waren umschaltbare Decoder für SECAM und PAL verbaut. Diese Decoder als Ersatzteil über gute Freunde nach Estland importiert, dort in den Fernseher reingebastelt ... Farbe. Rückblickend wundere ich mich immer wieder, warum DDR-Fernsehgeräte überhapt einen PAL Decoder hatten. Da im gesamten Ostblock SECAM Standard war, hätte ein SECAM Decoder für das DDR-Fernsehen völlig ausgereicht. Westfernsehen hätte dann farblos grau und weniger ansprechend ausgesehen. Hätte dies den Zusammenbruch des Ostblocks verhindern können ? Wir werden es nie erfahren....
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