TV-Sendung "Herzblatt" Seelen-Doping bei der Single-Show

TV-Sendung "Herzblatt": Seelen-Doping bei der Single-Show Fotos
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Zwei Dutzend geschlechtsreifer Singles, jede Menge Sekt hinter den Kulissen - und eine exzessive Party nach der Sendung: Für viele TV-Zuschauer war "Herzblatt" Ende der Neunziger eine langsam verblassende Kult-Show. Lars Tielesch hatte trotzdem jede Menge Spaß als Kandidat. Von

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Sommer 1999, Anfang August in Stuttgart. Ich war gerade 29 Jahre alt geworden, und mir ging es nicht gerade prächtig. Ein paar Monate zuvor hatte mich meine Freundin betrogen, und ich war down. Wie gut, dass ich im Frühjahr Judith kennengelernt hatte. Wir verstanden uns prächtig - rein platonisch. Wir redeten über Gott und die Welt und unternahmen viel zusammen.

An einem warmen Sonntag fuhren wir in die Stuttgarter Innenstadt, kauften uns ein Eis und setzen uns auf die Treppe vor dem Alten Schloss. Wir sprachen gerade über unser beider Zukunft, als wir plötzlich unterbrochen wurden: "Ihr seid nicht zusammen, stimmt's?" Als wir beide nickten, strahlte die ausgesprochen hübsche, junge Dame über das ganze Gesicht und klatschte mit ihrer männlichen Begleitung triumphierend ab. "Ich hab's gewusst!" Judith und ich verstanden nur "Bahnhof", wurden aber schnell aufgeklärt. Wir waren an ein Scouting-Team der TV-Sendung "Herzblatt" geraten. Ob wir nicht Lust hätten, an einem Casting für die Show teilzunehmen, der "Herzblatt-Bus" stünde direkt auf dem Schlossplatz?

"Herzblatt" war die Kuppelshow des Bayerischen Rundfunks, bei der in jeder Sendung eine Frau und ein Mann die Chance hatten, einen potentiellen Partner zu finden. Um den zu ermitteln, stellten die Singles drei "Herzblatt"-Anwärtern, die hinter einer Wand verborgen waren, drei Fragen. Mit dem, der die besten Antworten gab, durfte der Kandidat dann im "Herzblatt"-Hubschrauber verreisen.

Warum also nicht? Wir waren beide Singles, es kostete nichts. Also gingen wir mit.

"Herzlichen Glückwunsch", sagte die Stimme

Die beiden baten uns nacheinander in den Bus. Wir mussten uns auf einen Barhocker setzen, eine kleine Videokamera lief, und uns wurden ein paar Fragen gestellt: Wie sieht deine Traumfrau aus? Was war das Verrückteste, das dir in deinem Leben passiert ist? Wie würdest du dich selbst beschreiben? Judith und ich fanden die Sache witzig, hatten sie aber nach unserem kurzen Besuch im Bus ebenso schnell wieder vergessen.

Drei Wochen später bekam ich eine Anruf auf meinem Handy, das ich damals erst seit wenigen Monaten besaß. "Herzlichen Glückwunsch", sagte die Stimme am Telefon, "wir haben dich auserwählt als Kandidat für 'Herzblatt'!" Der Anruf erwischte mich direkt in einer Seminarpause, und ich sagte spontan ab. "Herzblatt", die Single-Show, das geht ja gar nicht! Das war zumindest mein erster Gedanke.

Doch irgendwie ließ mich der Gedanke, teilnehmen zu dürfen, einfach nicht mehr los. Warum eigentlich nicht einmal im Fernsehen auftreten? 1999 war es noch nicht normal, dass man ein Handy hatte, das die eingegangenen Anrufe mitsamt der Telefonnummer anzeigte. Meines tat es. Und so rief ich in der nächsten Pause beim Bayerischen Rundfunk an und sagte zu.

Wir mussten uns die Antworten vorher überlegen

Anfang Oktober saß ich dann auch schon im Zug in Richtung München. Vorab erhielt ich einen kurzen Brief, in dem stand, dass ich drei verschiedene Outfits mitbringen solle und dass man mich am Bahnhof abholen würde. Am Bahnhof angekommen, traf ich auch gleich auf meine beiden Mitbewerber. Dies war der erste Dämpfer des Tages. Denn innerlich hatte ich mich schon darauf eingestellt, dass ich derjenige sei, der sich ein Herzblatt aussuchen darf!

Natürlich ließ ich mir meine Enttäuschung nicht anmerken. Auf der Fahrt zum Bayerischen Rundfunk wurde uns dann allerdings sehr schnell klar, dass wir alle denselben Gedanken hatten, und somit war die Sache für uns in Ordnung. Wir verstanden uns prächtig. Wir waren schließlich eine kleine Schicksalsgemeinschaft. Im Sendezentrum angekommen, wurden wir dann relativ zügig auf die TV-Realität eingestellt. Wir wurden in einen großen Raum geführt und trafen auf drei Damen: unsere weiblichen Gegenparts!

"Also, Leute! Bitte mal zuhören", wurden wir hektisch aufgefordert, "die Aufzeichnung der Show ist in etwa sechs Stunden! Zuerst bekommt ihr jetzt die Fragen eures Herzblattes! Das Wichtigste ist, dass ihr euch jetzt gute Antworten überlegt! Sobald ihr eine Antwort auf eine Frage habt, kommt ihr zu mir! Dazwischen wird es noch eine Sitzprobe im Studio geben! Eine Stunde vor der Aufzeichnung geht es dann in die Maske! Alles klar?"

Alles klar! Soviel zum Thema Spontaneität.

"Ich nehme Kandidat Nummer zwei"

Die nächsten Stunden verbrachten wir also mit der Beantwortung spektakulärer Fragen wie "Wenn Kandidat Nummer zwei dein bester Freund wäre, dann ...?" Oder: "Ich bin wild, wie würdest du mich zähmen?" Aber selbst auf die bescheuertesten Fragen fanden wir früher oder später eine Antwort, die von den Verantwortlichen abgenickt wurde. Nach der Sitzprobe ging es dann in die Maske. Mittlerweile hatten wir erfahren, dass an diesem Tag insgesamt drei "Herzblatt"-Sendungen aufgezeichnet wurden. Alles in allem waren also 24 Kandidaten in München. Sechs, die Fragen stellen durften und 18, die antworten mussten.

Meine beiden Jungs und ich waren als Letzte dran. Dies hatte den Vorteil, dass wir den restlichen "Herzblatt"-Sekt allein austrinken konnten. Eine Praktikantin war es dann, die uns schließlich auf die Bühne bat. "Stellt euch einfach vor, alle Zuschauer seien nackt, dann klappt das schon!" Und sie hatte Recht! Wir drei waren erstaunlich locker und verhaspelten uns jeder nur einmal bei unseren Antworten auf die Fragen von Helen aus Jena. Diese Szenen wurden dann einfach noch einmal wiederholt, und wir hatten unseren Part erfüllt.

Als die liebe Helen aus Jena schließlich gefragt wurde, wer denn nun ihr Herzblatt sei, war ich mir meiner Sache ziemlich sicher: ich natürlich! Fast das gesamte Publikum zeigte ihr mit dem Daumen eine Eins - das war ich. Es konnte eigentlich gar nichts mehr schief gehen. Mir war klar: Ich hatte den "Herzblatt"-Olymp erklommen!

"Also, das ist für mich ganz klar! Ich nehme Kandidat Nummer zwei", sagte Helen aus Jena. Wie bitte? Plötzlich war ich hellwach und traute meinen Ohren nicht! Hat sie sich versprochen? Nein, hatte sie nicht.

Und so war ich der Erste, der mit verletztem männlichen Ego und einer Rose in der Hand um die Wand laufen musste, um Helen zu ihrer Entscheidung zu beglückwünschen.

Bitte, lass es nicht peinlich werden!

Nach der Aufzeichnung gab es dann für alle 200 Mark Honorar und - noch viel besser: eine "Herzblatt"-Party im Hotel! Else Kling aus der Lindenstraße hätte "Sodom und Gomorrha" dazu gesagt und mit dieser Einschätzung gar nicht mal so falsch gelegen. 24 Singles trafen sich mit jeweils 200 Mark in der Tasche in einem Vier-Sterne-Hotel! Ich werde viel vergessen in meinem Leben, diese Party und die darauffolgende Nacht ganz sicher nicht! An dieser Stelle einfach mal einen ganz spontanen Gruß nach Österreich.

An einem Freitagabend Mitte Oktober war dann der große Tag. Die Sendung wurde in der ARD ausgestrahlt. Ich hatte viele Freunde eingeladen, aber je näher die Show rückte, desto nervöser wurde ich. Kurz vor Beginn habe ich mich dann kurz in mein Schlafzimmer eingeschlossen und gebetet: "Bitte, bitte, lass es nicht peinlich werden!" Am Ende ging es dann aber glimpflich über die Bühne, und ich war zufrieden. In den Tagen danach war ich ein kleiner Superstar in der Provinz. Ich war der, der bei "Herzblatt" aufgetreten war. Hurra!

Einige Wochen später bekam ich Post von Bayerischen Rundfunk. Fast 130 Zuschriften von weiblichen Fans. Das war echtes Seelen-Doping. Man stelle sich das mal vor: 130 Mädels finden einen toll wegen drei Antworten! Gar nicht mal so schlecht. Okay, als Kai Pflaume 1991 als Kandidat bei "Herzblatt" aufgetreten war und von Rudi Carrell entdeckt wurde, bekam er mehr als 1500 Zuschriften. Aber ich fand's trotzdem toll.

Mit zwei der Damen habe ich mich übrigens tatsächlich getroffen. Mit der ersten war es gar nichts. Aber mit der Zweiten habe ich mich am 30. Dezember 1999 spontan in Berlin verabredet, und wir trafen uns wenige Stunden vor der Jahrtausendwende zwischen dem Brandenburger Tor und der Siegessäule. Gemeinsam knutschten wir uns dort in das neue Jahrtausend. Mein Herzblatt wurde sie aber trotzdem nicht.


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