TV-Testbilder Sehnsucht nach der Sendepause

TV-Testbilder: Sehnsucht nach der Sendepause Fotos
Herbert KALSER

Wenn gar nichts mehr geht, werden sie gesendet: TV-Testbilder kommen heute nur noch zum Einsatz, wenn die Übertragung abbricht. Früher flimmerten sie ganze Nachmittage über den Bildschirm. Damals verliebte sich Herbert Kalser in die abstrakten Muster - inzwischen hat er 20.000 gesammelt.

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Es klingt schon verrückt: Herbert Kalser schickt Fernsehtestbilder in alle Welt - dabei hat der Österreicher gar keinen TV-Sender. Er versendet die Bilder als Fotos, per Mail an Freunde. Oder er stellt sie auf seine Website (www.tv-testbild.com). Zum Beispiel den pausbäckigen Kinderkopf oder das Mädchen mit der Puppe - eingerahmt von farbigen und schwarzweißen Feldern, Gittern, Kreisen, Balken, Keilen und Ziffern. Das Testbild als Erinnerungsstück: Es erinnert daran, dass es einmal Nachmittage ohne Talkshows gab und das Frühstücksfernsehen ein einziges weißes Rauschen war.

Aber warum gab es überhaupt Testbilder? Ganz einfach: Damit Fernsehmonteure in den heimischen Wohnstuben die Empfangsgeräte korrekt einstellen konnten - für scharfe Bilder und natürliche Farben. Damals gab es noch kein Satellitenfernsehen und keinen Sendersuchlauf mit automatischem Feintuning. Die Antenne im Wohnzimmer oder auf dem Dach wurde so lange hin- und hergedreht, bis endlich das Schneegestöber auf der Mattscheibe verschwunden war - und das Bild ein klares Motiv zeigte: das Testbild.

Die meisten europäischen Sender nutzen Testbilder heute nur noch selten - zum Beispiel bei internationalen Sportübertragungen, für den Fall, dass die Live-Übertragung zusammenbricht. Im Internet hat sich unterdessen eine Testbild-Fangemeinde gefunden, die das flüchtige Stück Fernsehgeschichte aufbewahrt. Einer dieser Fans ist Herbert Kalser. Zusammen mit Freunden hat er nach eigenen Schätzungen rund 20.000 Testbilder gesammelt. Es ist das wohl größte Archiv dieser Art weltweit. Im Interview verrät Kalser, wie er zu diesem seltsamen Hobby kam - und wie seine Frau darauf reagiert.

einestages: Herr Kalser, haben Sie als Kind bis zum Sendeschluss vor der Glotze gesessen?

Herbert Kalser: Nein, das durfte ich nicht. Aber ich habe ziemlich oft am Nachmittag eingeschaltet. Meine Familie lebte in den siebziger Jahren in Wien, wo man auch ausländische Sender empfangen konnte. Den meisten Menschen allerdings brachte das nichts, denn West- und Ostfernsehen sendeten damals in unterschiedlichen Farb- und Tonnormen: Der Westen hatte das Pal-, der Osten das Secam-Farbsystem. Wer also im Westen Ostfernsehen schauen wollte, bekam im Standardfall ein Schwarzweißbild und keinen Ton. Wir aber hatten ein Farbfernsehgerät, das sowohl West- als auch Ost-Sender entschlüsseln konnte.

einestages: Und? Was haben Sie sich angesehen?

Kalser: Außer den beiden österreichischen Programmen konnten wir auch Fernsehen aus der CSSR und aus Ungarn empfangen. Leider verstanden wir die Sprache nicht.

einestages: Was war dann überhaupt so spannend daran?

Kalser: Ganz klar das 'Verbotene', dieser Nervenkitzel, einen Sender zu empfangen, der eigentlich nicht für unsere Augen bestimmt war. Das Gefühl ist wahrscheinlich so ähnlich wie bei Computerhackern, wenn es ihnen gelingt, ein Programm zu knacken. Ich habe damals meist am Nachmittag eingeschaltet. Kurz vor Sendebeginn liefen die Testbilder - und da fiel mir auf, dass diese bei den Tschechen und Ungarn ganz anders ausschauten als bei uns. So begann die Leidenschaft: Ich habe immer wieder geschaut, ob es neue Bilder gibt.

einestages: Und gab es welche?

Kalser: Ja, noch viel mehr. Meine Familie hatte einen Zweitwohnsitz am Jauerling, auf knapp 1000 Meter Höhe im Nordwesten von Wien. Dort stand ein großer Fernsehsender und wir konnten dort deutsches Fernsehen schauen, aber auch spanisches, rumänisches und bulgarisches. Und ich stellte fest, dass es noch viel interessantere Bilder gab, als ich bislang kannte.

einestages: Was genau war denn an diesen Testbildern für sie so faszinierend?

Kalser: Es waren nicht einfach nur diese Spektralfarbstreifen, wie wir sie aus dem Westfernsehen kannten. Die Motive waren viel kreativer - mit Linien, Kreisen oder einem Emblem in der Mitte. Das gefiel mir. Also habe ich angefangen, sie vom Bildschirm abzufotografieren und zu sammeln.

einestages: Mittlerweile haben Sie rund 20.000 verschiedene Testbilder. Wie reagieren eigentlich ihre Freunde auf ihr Hobby?

Kalser: Meine Freunde haben sich mit meinem Hobby abgefunden - mehr oder weniger. Denn immer, wenn ich ein neues Stück gefunden habe, schicke ich es ihnen natürlich gleich. Meine Frau findet mein Hobby seltsam, sie sagt aber auch, es sei ihr lieber, ich sammle solche Sachen als Dinge, die viel Platz brauchen. Sie ist froh, dass ich keine Bierdeckel oder Vasen sammle.

einestages: Vermissen Sie eigentlich Testbilder im aktuellen Programm? Die meisten TV-Anstalten senden heute 24 Stunden am Tag.

Kalser: Eigentlich nicht. Ich habe eine Sat-Anlage, die die Programme von fünf Satelliten empfängt. Ich bekomme so also rund 4000 Sender rein. Da komme ich ohnehin nicht dazu, mir irgendetwas in Ruhe anzuschauen, weil ich immer weiterzappe. Wenn ich mir allerdings manche Sendungen im Österreichischen Rundfunk anschaue, wäre es mir lieber, sie würden ein Testbild senden anstatt des Programms.

Weiterlesen und Schauen auf:

www.tv-testbild.com , Website von Herbert Kalser und

www.tv-testbild.at , Website von Manolito Plötz

Das Interview führte Solveig Grothe.

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1.
Werner Rohr 09.10.2008
Das Bild von "YLE" ist kein finnisches Fernseh, sondern kommt aus Lettland.
2.
Alex Regh 09.10.2008
Ein gutes Testbild weiß ich bis heute zu schätzen -- wenn ich meinen Monitor am Rechner einstellen muß.
3.
Herbert KALSER 09.10.2008
>Das Bild von "YLE" ist kein finnisches Fernseh, sondern kommt aus Lettland. Sorry, aber das stimmt nicht. YLE ist die finnische Bezeichnung für das finnische Fernsehen. Das weiss ich 100%-ig ;-) Herby http://www.yle.fi/fbc/index.shtml
4.
Clemens Heydenreich 10.10.2008
Der DFF als Nachwende-Nachfolgesender eines "Staatssenders DDR-TV"? Ich muss doch sehr bitten - DFF hieß der besagte Staatssender selbst, und zwar (laut Wikipedia) seit 1972. Und "DDR-TV" hat es nie gegeben...
5.
Herbert KALSER 10.10.2008
>Der DFF als Nachwende-Nachfolgesender eines "Staatssenders DDR-TV"? Ich muss doch sehr bitten - DFF hieß der besagte Staatssender selbst, und zwar (laut Wikipedia) seit 1972. Und "DDR-TV" hat es nie gegeben... das stimmt zum teil. dff wurde aber als "fernsehen der ddr" offiziell ersetzt und 1989 (oder wars 1990?) dann wieder in dff umbenannt. aber ich denke, ddr-tv ist einfacher zu schreiben als "fernsehen der ddr", wie es richtigerweise heisst. aber was damit gemeint ist, weiss ja eh jeder
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