TV-Weihnachtsserien Anna für alle

TV-Weihnachtsserien: Anna für alle Fotos
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Es war die Blütezeit des Lagerfeuer-Fernsehens: In den Achtzigern und Neunzigern gehörten Weihnachtsserien wie "Silas" und "Anna" zum festen Familienprogramm. Noch heute sind sie im kollektiven Gedächtnis verankert. Das Schicksal mancher Darsteller stimmt dagegen melancholisch. Von Peter Luley

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Erinnern Sie sich noch an die kränkelnde Primaballerina Irina Kralova? Und die strenge Ballettlehrerin Madame d'Arbanville? Den wackeren Rollstuhlfahrer Rainer und seine ehrgeizige Freundin Anna, die nach einem Autounfall eine schwere Krise durchlebte? Oder vielleicht an den schrecklichen (Titel-)Song "My Love is a tango", der in Deutschland zum Nummer-eins-Hit avancierte? Wenn nicht, sind Sie wahrscheinlich deutlich unter 30 oder haben die mittleren achtziger Jahre in strikter Fernseh-Abstinenz verbracht. Denn "Anna", die ZDF-Weihnachtsserie des Jahres 1987, war einer der letzten seriellen Straßenfeger, zu dem sich Familien Generationen übergreifend vor dem Bildschirm versammelten.

Es ist natürlich eine Frage des eigenen Geburtsjahrs, wer einem zuerst einfällt: der entlaufene Draufgänger Silas, der Geheimnisträger Patrik Pacard oder eben Anna, die Balletttänzerin. Fest steht aber, dass kaum jemand, der in den Achtzigern aufwuchs, sich nicht an zumindest eine oder zwei jener sechsteiligen TV-Serien erinnern kann, die das ZDF ab 1979 über 16 Jahre hinweg zwischen Weihnachten und Silvester zeigte und die zu den Festtagen gehörten wie Bescherung und Böller.

Schwer zu sagen, wann genau mit der Tradition gebrochen wurde. Selbst beim Mainzer Sender will man sich nicht festlegen, ob die Reihe mit der 93er-Serie "Clara" (mit Katja Studt) auslief oder ob "Stella Stellaris" (1994, mit Sissi Perlinger), der halbherzige "Frankie" (1995) oder gar der Nachzügler "Zwei allein" (1998) noch dazu zählen sollen. Sicher ist nur, dass "Anna", die unter jungen Mädchen einen Tanzboom auslöste und ein Jahr später einen Kinofilm nach sich zog, den Scheitelpunkt der Beliebtheitskurve markierte: 13 Millionen Zuschauer sahen zu, wie sich die von Silvia Seidel verkörperte Titelheldin durch frühpubertäres Flirten und Karrierechancen kämpfte - eine Quote, wie sie dieser Tage bestenfalls noch "Wetten, dass...?" erreicht.

Der Junge, der sein Lachen verkaufte

"Das waren Zahlen, von denen wir heute nur träumen können", seufzt denn auch Dagmar Ungureit von der ZDF-Hauptredaktion Kinder und Jugend und liefert den zentralen Grund für die Abschaffung der Institution gleich mit: Mit dem Aufkommen des dualen Rundfunksystems, also mit Beginn des Sendebetriebs von Sat.1 und RTL plus im Januar 1984, wurde das Unterhaltungsangebot allmählich breiter, die Bindekräfte der Öffentlich-Rechtlichen gingen zurück. Man habe dem veränderten Zuschauerverhalten Rechnung tragen müssen, sagt Ungureit, überdies seien die aufwendigen Unternehmungen angesichts der geringer werdenden Resonanz einfach zu teuer geworden.

Begonnen hatte das Phänomen Weihnachtsserie im Jahr 1979 mit James Krüss' "Timm Thaler", der Saga vom Jungen, der sein Lachen verkaufte und von Kinderstar Thomas Ohrner verkörpert wurde. Das Märchen-Abenteuer lieferte die Blaupause auch für die kommenden Miniserien: Viele der Formate hatten populäre literarische Vorlagen ("Madita", "Nesthäkchen", "Jack Holborn" und "Der lange Weg des Lukas B.").

Die meisten wurden von Drehbuchautor Justus Pfaue für den Bildschirm adaptiert und als Auftragsarbeiten von der Münchner Produktionsfirma TV 60 realisiert. Sie mussten ein hohes Identifikationspotenzial bergen, etablierten schon damals den Cliffhanger als Stilmittel und boten meist einem eigens gecasteten jugendlichen Talent ein Podium - im Falle Patrick Bachs, der in "Silas", "Jack Holborn" und "Anna" Hauptrollen spielte, gleich dreifach.

Trauma vom geblendeten Strogoff

Die Geschichte des familienaffinen televisionären Weihnachts-Lagerfeuers indes reicht noch weiter zurück: bis ins Jahr 1964, zu "Robinson Crusoe". Die deutsch-französische Co-Produktion nach dem Romanklassiker von Daniel Defoe bildete den Auftakt zu einer bis 1983 fortgeführten Reihe von Advents-Vierteilern im ZDF, die sich in der Erinnerung gelegentlich mit den Weihnachtsserien vermischen, anders als jene aber an den Adventssonntagen ausgestrahlt wurden.

Es war dies die große Zeit des stets ohne Double agierenden Action-Recken Raimund Harmstorf, der seine größten Erfolge als Jack Londons "Seewolf" (1971) und Jules Vernes "Michael Strogoff - Der Kurier des Zaren" (1976) feierte. Und weil sich auch bei diesen nicht explizit als Jugendprogramm gedachten Reihen schon die ganze Familie vor dem Bildschirm einfand, gibt es den einen oder anderen Steppke im Schlafanzug, dem sich die Szene, als Strogoff von den Schergen des schurkischen Emirs Feofar mit einem glühenden Schwert geblendet wurde, auf ewig ins kindliche Gedächtnis eingebrannt hat.

Die Erwachsenen diskutierten dagegen mit Leidenschaft das Ende des pittoresken Sibirien-Epos': Während die deutsche Fassung - recht würdevoll - mit einer Respektsbezeugung Strogoffs gegenüber seinem im finalen Kampf besiegten Kontrahenten Iwan Ogareff endete ("Ja, er war ein Rebell, er hat gewusst, was er wollte. Nicht alle wissen das"), wurde in Frankreich als operettenhaftes Happy-End noch die Heirat des Protagonisten mit seiner treuen Begleiterin Nadja angefügt - wovon hierzulande skandalöserweise nur Illustriertenfotos sowie das Bild auf der Schallplatte zum Film kündeten.

"Anna" tingelt sich in Gastrollen durchs TV

Wer solcherart in Nostalgie schwelgt, in Zeiten, da ganze Film-Plots auf der Absenz von Mobilfunk basierten, kommt nicht umhin, ein wenig melancholisch zu werden - schon allein angesichts des Schicksals der meisten der Helden von damals: Der parkinsonkranke Raimund Harmstorf setzte seinem Leben 1998 ein Ende. Thomas Ohrner startete eine mäßig erfolgreiche zweite Karriere als Showmaster und Moderator. "Anna"-Darstellerin Silvia Seidel spielt heute Boulevardtheater und tingelt in Gastrollen durch TV-Serien wie "Sturm der Liebe" und "Rosenheim Cops". Und Patrick Bach gab vergangene Woche ein zweifelhaftes TV-Comeback als Kandidat in der Pro-Sieben-Nummernrevue "Stars auf Eis".

Und auch der Umstand, dass man sich viele der einstigen Weihnachtsevents heute auf DVD besorgen und sie sich zum Fest theoretisch selbst als Mehrteiler kredenzen könnte, stimmt nicht so richtig feierlich. Genauso wenig wie das im Frühprogramm des 24.12. versteckte Grimm-Märchen "Rumpelstilzchen" (9.15 Uhr), das die ZDF-Jugendabteilung als Kompensationsmöglichkeit angibt. Allenfalls die vierteilige Neuverfilmung von "Krieg und Frieden", die der Sender am 6., 9., 13. und 16. Januar ausstrahlt, könnte in punkto Wertigkeit in der Liga der früheren Abenteuer-Vierteiler spielen. Dass man sich davon in 30, 40 Jahren noch erzählen wird, erscheint allerdings höchst unwahrscheinlich.

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Björn Beitter 21.11.2008
Schade, daß zwar auf den ersten ZDF-Weihnachtsvierteiler "Robinson Crusoe" hingwiesen wurde, einige andere - wichtige - leider nicht erwähnt wurden obwohl sie heute schon (noch) als Klassiker gelten: Die Schatzinsel Die Lederstrumpf Erzählungen Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer Don Quijote von der Mancha Lockruf des Goldes die klassischen ZDF Vierteiler waren mehr auf die gesamte Familie bezogen als Klientel wohingegen die späteren "Weihnachtsserien" eher auf das jüngere Publikum zielten. mfG Björn
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