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Sechziger-Supermodel Twiggy "Ich sah komisch aus mit meinen dürren Beinchen"

Sechziger-Supermodel "Twiggy": "Ich war nie ein Partygirl" Fotos
Getty Images

Mit Puppenwimpern, Bubikopf und knochigem Körper wurde Twiggy zum ersten Supermodel. Zu ihrem 65. Geburtstag sprach sie im einestages-Interview über Botox und Schlankheitswahn. Und verriet ihr Gewicht. Ein Interview von

In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Lesley Lawson alias Twiggy empfängt im Londoner Stadtteil Kensington zum Tee in ihrem Wohnzimmer. Es gleicht einem Museum: dicke Teppiche auf dem Boden, lilafarbene Vorhänge vor den Fenstern, Goldrahmen an den grünen Wänden, gepolsterte Sofas, in denen man versinkt. "Wir wohnen seit 29 Jahren hier", sagt Lawson. Und dass sie dieses Viktorianische und Gemütliche sehr liebe. "Ich könnte nicht in einem modernen Gebäude leben."

Lawson selbst passt nicht so recht in das altmodische Ambiente: Sie trägt Lederleggings, eine lilafarbene Bluse und Ballerinas - alles Teile aus ihrer eigenen Kollektion, wie sie erzählt. Sie hat sich Smokey-Eyes geschminkt und die blonden Haare zum lockeren Pferdeschwanz gebunden. Sie ist immer noch zierlich. Und schön.

Zur Person
  • DPA
    Lesley Lawson kam am 19. September 1949 in London zur Welt. Mit 16 Jahren avancierte sie zum ersten Supermodel, ihrer dürren Statur hat sie den Spitznamen Twiggy (deutsch: "klapperdürr") zu verdanken - er steht bis heute für Rehaugen, Puppenwimpern, Bubikopf und Magersuchtdebatten. 1970 beendete Lawson ihre Modelkarriere und widmete sich der Schauspielerei. Für ihre Rolle im Film "Boyfriend" bekam sie 1972 zwei Golden Globes. Twiggy hat mehrere Alben veröffentlicht und Bücher geschrieben, sie saß zudem in der Jury der TV-Sendung "America's Next Topmodel". Aus ihrer ersten Ehe hat Twiggy eine Tochter, Carly. Seit 1988 ist sie mit dem Schauspieler Leigh Lawson verheiratet.
SPIEGEL ONLINE: Sie feiern am Freitag Ihren 65. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch.

Lawson: Oh, das ist nett, vielen Dank. Ich freue mich sehr auf den Tag.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß wird die Party?

Lawson: Mit etwa 18 Leuten eher klein. Mein Mann hat mich gefragt, ob ich gerne eine größere Feier haben möchte, aber ich mag es gemütlich. Die Familie wird kommen, ich habe ein nettes Restaurant im Londoner West End angemietet. Da werden wir alle an einem Tisch sitzen und Zeit füreinander haben. Ich war nie ein Partygirl.

SPIEGEL ONLINE: Ich habe Ihnen etwas mitgebracht. Eine Flasche Cidre. Erinnern Sie sich?

Lawson: Oh Gott, ja. Als ich 15 war, hat mir jemand auf einer Party ein Getränk in die Hand gedrückt. Ich dachte, es sei Apfelsaft, und habe zu viel davon getrunken. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben betrunken. Und zum letzten Mal.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie 1966 zum ersten Supermodel avancierten, waren sie mit 1,55 Metern eigentlich zu klein, mit 16 Jahren eigentlich zu jung und mit einem Hüftumfang von 55 Zentimetern eigentlich zu dürr. Warum hat es trotzdem geklappt mit der Karriere?

Lawson: Ich habe aufgegeben, es analysieren zu wollen. Vermutlich war ich einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Fünf Jahre zuvor wäre meine Karriere undenkbar gewesen. Aber es waren die Swinging Sixties, London war im Umbruch. Die Mode wurde jünger, die Designer suchten entsprechend junge, außergewöhnliche Models.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren nicht nur äußerlich eine Ausnahme.

Lawson: Stimmt, vor mir gab es nur Models aus der Mittel- und Oberklasse. Meine Mutter hat als Verkäuferin bei Woolworth gearbeitet, mein Vater war Zimmermann. Sie haben nie recht verstanden, in was für eine Welt ich katapultiert wurde. Aber so war die Zeit damals: Plötzlich schafften es junge Leute aus den unteren Schichten nach oben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben damals 41 Kilo gewogen, Ihnen wird bis heute vorgeworfen, den Magerwahn ausgelöst zu haben.

Lawson: Ich habe immer schon gesagt, dass ich damals sehr viel gegessen und nie eine Diät gemacht habe. Ich hatte einfach einen extrem schnellen Stoffwechsel und sehr gute Gene. Der Magerwahn wird immer eine Gefahr in der Modebranche bleiben. Designer lieben es, ihre Kleidung für große, schlanke Frauen zu entwerfen. Magazine drucken gerne Fotos dieser Frauen. Ich finde auch, dass einige Models zu dünn sind. Aber ich werde die Branche nicht ändern. Heute wiege ich übrigens 53 Kilo.

SPIEGEL ONLINE: Schon nach vier Jahren haben Sie Ihre Modelkarriere beendet, um sich der Schauspielerei zu widmen. Warum?

Lawson: Das Modeln ist mir passiert, ich hatte mich nie darum beworben. Aber die Schauspielerei habe ich mir erarbeitet. Rückblickend war das der stolzeste Moment meiner Karriere: Als ich ab 1983 für das Stück "My One and Only" am Broadway auf der Bühne stand, acht Shows pro Woche, fast zwei Jahre lang. Dafür habe ich mein Lampenfieber und meine Schüchternheit überwunden. Das war der Höhepunkt.

SPIEGEL ONLINE: Und der Tiefpunkt?

Lawson: Ich bereue nichts. Selbst wenn ich beruflich etwas gemacht habe, das nicht allzu erfolgreich war, habe ich daraus immer gelernt. Aber privat gab es natürlich Tiefpunkte: Als meine Eltern gestorben sind oder mein erster Mann. Unsere Tochter war damals gerade fünf Jahre alt, das war eine traurige Zeit. Aber ein glückliches Leben kann man ohne die traurigen Phasen nicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Heute entwerfen Sie Mode für die britische Warenhauskette Marks & Spencer, auf einem US-Shoppingsender vertreiben Sie Ihre Kollektion "Twiggy London". Es ist Kleidung für die Durchschnittskundin, erhältlich bis Größe XXXL. Vom Supermodel zur netten Frau von nebenan - nehmen Ihnen die Kunden diesen Wandel ab?

Lawson: Gerade die Menschen in Großbritannien haben das Gefühl, mich gut zu kennen. Sie sind mit mir aufgewachsen, und über die Jahre hat sich ein Vertrauen in meine Person aufgebaut. Ich werde ständig auf der Straße angesprochen und bekomme immer noch jede Woche Dutzende Fanbriefe. Ich mag es, so nahbar zu wirken. Ich führe schließlich ein ganz normales Leben.

SPIEGEL ONLINE: Ein ganz normales Leben?

Lawson: Sicher gibt es stressige Phasen. Diese Woche ist ein bisschen verrückt, ich bin sehr viel auf der Fashion Week unterwegs und treffe alte Bekannte wie Kate Moss oder Stella McCartney. Aber natürlich gibt es auch bei mir Normalität: Ich lebe seit 29 Jahren glücklich mit meinem Mann zusammen, wir haben zwei großartige Kinder, abends kochen wir gerne zusammen. Nächste Woche fahren wir raus aufs Land, das ist mein Ausgleich für die stressigen Phasen. Ich werde nähen, Fahrrad fahren und kein Make-up tragen.

SPIEGEL ONLINE: Neben der dürren Figur hat Ihr Make-up Sie zur Ikone gemacht. Weltweit haben Mädchen versucht, die typischen Twiggy-Augen mit den ewig langen Wimpern und dem dramatischen Lidstrich zu schminken. Wie lange haben Sie dafür gebraucht?

Lawson: Bis die falschen Wimpern angeklebt waren, ich mir zusätzlich welche aufgemalt hatte und alles perfekt war, vergingen sicher anderthalb Stunden. Damals gab es noch keine Make-up-Artists. Ich habe mir diesen Look ausgedacht und selbst geschminkt. Heute brauche ich höchsten zehn Minuten vorm Spiegel.

SPIEGEL ONLINE: Vielen ehemaligen Models reicht im Alter das Make-up nicht mehr, sie helfen mit Botox oder Schönheitsoperationen nach.

Lawson: Botox wird für mich nie in Frage kommen, das verschandelt jedes Gesicht. Eine Operation hatte ich bisher noch nicht, das würde ich aber nicht ausschließen. Aber noch sind mein Mann und meine Kinder zufrieden.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie?

Lawson: Natürlich stehe ich manchmal vor dem Spiegel, ärgere mich und würde gerne noch einmal aussehen wie mit 40.

SPIEGEL ONLINE: Nicht wie die 16-jährige Twiggy auf dem Cover der "Vogue"?

Lawson: Um Himmels willen. Das wäre zu albern. Ich sah damals schon sehr komisch aus mit meinen dürren Beinchen.

Das Interview führte Anna-Lena Roth.

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Ulrich Hartmann, 19.09.2014
Wer Twiggy auf andere Weise als durch die Modefotos kennenlernen will, dem sei ihr Auftritt in der Muppet-Show aus den siebziger Jahren empfohlen: da erlebt man eine junge Frau mit natürlicher Ausstrahlung, die schauspielern kann, die singen kann, die lustig ist - und überhaupt nicht abgemagert. Herzlichen Glückwunsch zum 65.
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