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Kultserie "Twin Peaks" Eine Hölle mit zwei Bergen

25 Jahre "Twin Peaks": Eine Hölle mit zwei Bergen Fotos
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Ritualmorde, sexuelle Abgründe und der beste Kirschkuchen der TV-Geschichte - 1990 kam die Serie "Twin Peaks" ins Fernsehen. Der Mix aus Horror, Krimi und Seifenoper zerschmetterte Sehgewohnheiten. Von

"Bam", der Synthesizer brummt. Neugierig legt ein Zaunkönig den Kopf zur Seite. "Bam bam." Ein Sägewerk erscheint im Bild. Rauchende Schlote vor verträumtem Bergidyll. Zu dem Synthie gesellen sich süßliche Streicher. In quälender Langsamkeit beobachtet die Kamera, wie eine Schleifmaschine die Sägeblätter der Anlage schärft. Zwei leuchtend grüne Worte erscheinen: "Twin Peaks" - Zwillingsgipfel. Eine verlassene Landstraße, vorbei am Ortsschild. "Welcome to Twin Peaks", steht darauf. "Population 52.201". Nebel überzieht die Berge wie ein klebriges Spinnennetz. Zwischen den Douglasien ergießt sich ein Wasserfall ins Tal und fließt unten als Strom dahin, in dem sich die Schatten der Bäume spiegeln. Ein dunkler Strudel, der den Blick gefangen hält und den Zuschauer hinabzuziehen scheint.

Am 8. April 1990 strahlte der US-Sender ABC den Piloten zu "Twin Peaks" aus. Bereits der Vorspann setzte den Tonfall der ganzen Serie: Beklemmung durch scheinbare Normalität, Verstörung durch Kitsch.

Das zentrale Stück des Soundtracks hatten Regisseur David Lynch und sein Komponist Angelo Badalamenti in 20 Minuten geschrieben. In einem kleinen Studio in Manhattan nahe des Kaufhauses Macy's warf Lynch Badalamenti Bilder und Ideen zu - und der erschuf daraus das "Love Theme from Twin Peaks". "Du hast gerade 75 Prozent des gesamten Soundtracks geschrieben", erklärte Lynch ihm. "Es verkörpert die ganze Stimmung des Stücks. Das ist 'Twin Peaks'."

Duo infernale

Badalamentis Soundtrack umwaberte eine Fernsehserie, wie es sie noch nicht gegeben hatte. Bereits mit "Eraserhead" von 1977 und "Blue Velvet" von 1986 hatte Lynch sein Talent dafür bewiesen, surreale Bildgewitter zu entfachen und den verdorbenen Kern unter der Schale des Spießertums freizupulen. Auf Anraten seines Agenten Tony Krantz traf er sich nach "Blue Velvet" mit dem Autor und Produzent Mark Frost.

Mehrere ihrer Anläufe, Filmskripte umzusetzen, scheiterten. Und so schlug ihnen Krantz vor, sich an einer gemeinsamen TV-Serie zu versuchen. Erst widerstrebte ihnen die Idee, doch schließlich fanden die beiden einen gemeinsamen Nenner. Ihre Idee: Ein Mord sollte die heile Welt einer Soap-Opera erschüttern. "Northwest Passage" war der Arbeitstitel der Serie. Als Frost eine Karte der Stadt entwarf, die von dem unheimlichen Verbrechen heimgesucht wurde, zeichnete er zwei Berge ein - "Twin Peaks" war geboren.

An einem See in der Nähe des beschaulichen US-Städtchens an der Grenze zu Kanada wird die Leiche von Laura Palmer gefunden. Das Mädchen, Abschlussballkönigin und Vorzeigeschülerin, wurde vergewaltigt und ermordet. Ein zweites Mädchen ist ebenfalls zum Opfer des geheimnisvollen Täters geworden. Das FBI schickt den Agenten Dale Cooper, um die Taten aufzuklären. Schritt für Schritt legt er dabei unter der Fassade der spießigen Gemeinde ein Netz von Intrigen frei: Fast jeder Einwohner führt ein Doppelleben, Prostitution, Drogenhandel, Erpressungen und Gewalt sind an der Tagesordnung - und auch Gemeinde-Ikone Laura Palmer hütete ein dunkles Geheimnis.

Frost und Lynch verwoben in ihrer Erzählung verschiedenste Stilmittel. Noch heute lässt sich "Twin Peaks" kaum in gängige Genres einordnen. Denn den klassischen Krimi-Ermittlungen Agent Coopers stellten sie auffallend künstliche Charakterkonstellationen und Dialoge entgegen, die an Seifenopern erinnerten. Den ohnehin schon wirren Mix spickten sie mit Mystery- und Horrorelementen. Ein surreales Gesamtkunstwerk, dass seine Zuschauer Woche für Woche aufs Neue herausforderte - mit irren Psychiatern, Dämonen, die sich in den Wäldern als Eulen manifestierten, minutenlangen Dialogen über Kuchen und Douglasien, und einem monströsen Sex-Killer, der am Bettende junger Highschool-Mädchen lauerte.

Rote Zimmer und goldene Gänse

"Als ich es sah, fühlte ich mich verbunden. Mit der Welt, mit Kunst, es war ein Geschenk an jeden", schwärmt Patti Smith über "Twin Peaks". "Fantastisch, Patti", sagt David Lynch. Die Punk-Ikone und der Autorenfilmer sitzen sich zwischen blutroten Wänden gegenüber und strahlen. Im November 2014 treffen Smith und Lynch im Rahmen einer BBC-Produktion aufeinander und führen ein gegenseitiges Interview, das ebenso surreal ist wie die Serie selbst. Lynch redet über die Anziehungskraft seiner Schöpfung auf ihn: "Twin Peaks ist eine Welt, ich liebe diese Welt. Es ist ein Magnet, der dich wieder hineinzieht." "Wir werden so gerne wieder mit dir dorthin zurück gehen, David", sagt Patti Smith. "Gott segne dich, Patti", sagt David Lynch. Die Künstlichkeit des Dialogs ist kaum zu überhören - genau wie in "Twin Peaks".

Auch der Raum, in dem sie sich gegenübersitzen, erinnert nicht von ungefähr an den roten Raum der Black Lodge, dem Schauplatz von "Twin Peaks", in dem die Protagonisten während der letzten Episode in einer befremdlichen Welt zwischen Himmel und Hölle strandeten. Dort verkündete der Geist von Laura Palmer Agent Cooper: "Wir sehen uns in 25 Jahren wieder." Und tatsächlich hatte kurz vor dem Interview zwischen Smith und Lynch das Sendernetzwerk Showtime angekündigt, 2016 eine neue Staffel ausstrahlen zu wollen - pünktlich 25 Jahre nach der letzten Folge "Twin Peaks".

Ein kleines Wunder, denn das Ende der Serie hatte 1991 nach 30 Folgen nicht nur Fans, sondern auch Lynch selbst eher unbefriedigt zurückgelassen. Im Anschluss an die acht Folgen der ersten Staffel hatte der Sender ABC die beiden Serienschöpfer dazu gedrängt, dem Publikum endlich den Mörder von Laura Palmer zu präsentieren. Als das größte Geheimnis von "Twin Peaks" gelüftet war, verlor die Serie den wichtigsten Antrieb der Handlung. "Es war, als ob wir eine kleine Gans gehabt hätten, die goldene Eier legte", sagte Lynch in einem "Guardian"-Interview. "Und dann befahl man uns, ihr den Kopf abzuhacken."

Surreales Puzzlespiel

Die Serie engleiste: Neben Frost und Lynch war inzwischen ein ganzes Heer von Regisseuren und Autoren beteiligt - und die Geschichten wurden immer haarsträubender. Die Liebesbeziehung zwischen Agent Cooper (Kyle MacLachlan) und der Schülerin Audrey Horne (Sherilyn Fenn) musste umgeschrieben werden, weil Donna-Darstellerin Lara Flynn Boyle, mit der Hauptdarsteller und Lynch-Protegé Kyle MacLachlan am Set turtelte, die Teenagerliebe zu ungebührlich empfand. ABC setzte die Serie ab, nahm sie wieder ins Programm und verlegte den Sendeplatz schließlich ins Nirgendwo. Am Ende entließen die Macher ihr Publikum mit einem der übelsten Cliffhanger der TV-Geschichte.

Doch dem Phänomen "Twin Peaks" konnte all die Verwirrung vor und hinter der Kamera nichts anhaben. Die versatzstückhafte Erzählung, die auch nach Abschluss der Handlung viel Raum zur Spekulation bietet, der irre Mix aus Holzfäller-Romantik, heiler Welt und dem Horror hinter Rüschengardinen - "Twin Peaks" hat längst den Status einer TV-Legende erreicht. Die Serie und eine Fangemeinde hinter sich versammelt, die noch Jahrzehnte nach dem Ende die kleinsten Details jeder Folge analysiert.

In dem Interview mit Patti Smith erklärt Lynch seine Arbeitsweise, die den Grundstein für diese magische Anziehungskraft bildete: "Zu mir kommen Ideen immer als Fragmente. Es ist, als ob im Zimmer nebenan ein Puzzle liegt, bei dem schon alle Teile ineinander stecken. In meinem Zimmer kommen die einzelnen Teile hingegen nach und nach zu mir."

"Ich liebe diese Fragmente", sagt Lynch vor strahlend roten Wänden. "In ihnen liegt das Versprechen von mehr."

Dass er das Puzzle 2016 wirklich vollenden wird, ist heute aber mehr als fraglich. Eigenen Angaben zufolge hat sich David Lynch mittlerweile wegen finanzieller Unstimmigkeiten von dem Projekt zurückgezogen. Agent Cooper dürfte auf unbestimmte Zeit weiter in der Vorhölle des roten Zimmers schmoren.

In einer früheren Version des Textes hieß es, bei dem "Love Theme from Twin Peaks" handele es sich um die Titelmusik der Serie, tatsächlich ist dies aber das "Twin Peaks Theme".

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Das Beste
Jan-Paul Le, 08.04.2015
Das Beste und vielleicht auch einzig Gute an dieser Serie, bei der man gespannt die ersten Folgen verschlang und anschliessend auf dem Sofa einschlief, ist die Musik, die genial mit den psychedelischen Szenen harmoniert und eine noch nie da gewesene Aesthetik ausstrahlt.
2. Titelmusik
Felix Siebenhühner, 08.04.2015
Das Stück, das Badalamenti zu Lynchs Anweisungen in jenen legendären 10 oder 20 Minuten komponiert haben will, ist "Laura Palmer's Theme". Es wird manchmal auch als "Love Theme" bezeichnet, ist aber eben nicht die Titelmelodie, die einfach nur "Twin Peaks Theme" heißt. Obwohl diese noch viel mehr klingt, als hätte man sie in 10 Minuten geschrieben. Fantastisch sind beide Stücke dennoch, wie auch der restliche Soundtrack und die Serie insgesamt.
3.
Axel Schünecke, 08.04.2015
Wenn man bedenkt, was die Serie nach grossem Anfangs-Hype fuer ein kompletter Flop war (sie wurde ja letztlich wegen Erfolglosigkeit beim Publikum abgesetzt), ist es schon erstaunlich, was sie jetzt fuer einen Kultstatus hat. Wenn man dann noch dazunimmt, wie wenig perfekt und sinnhaft einige Folgen und Entwicklungen sind, wie viel gerade in der zweiten Staffel geseifenopert wird, wie offensichtlich zwischendrin das Fehlen eines grossen Plots mit Ende in sicht wird... eigentlich verstaendlich, dass das keiner wollte. Auch David Lynch an sich - wo hat er denn, ausser bei Wild at Heart und Blue Velvet, mal eine klassische Geschichte mit einer konkreten Story am Stueck erzaehlt? Bruchstuecke, Fragmente, Abgruende, Finster... aber Story? Naja. Trotzdem: Ich liebe diese Serie, sie steht immer noch "ganz oben" auf der Liste. Toll, um mit der Winter-Erkaeltung auf der Couch mal 1-2 Tage Binge-Watching zu betreiben und sich ueber den wohligen Grusel und die abstrusen Charaktere zu freuen. Man mag sich nicht vorstellen, wie die Serien-TV-Welt ohne Twin Peaks aussehen wuerde. Von daher - waere schoen, wenn es weitergeht. Man kann ja, wenn es schief geht, immer noch zu den guten alten Folgen zurueckkehren und die "neuen" Sachen ignorieren. So mache ich es bei Star Wars Episode I-III auch.
4. Kann ich mich noch dran erinnern
Hein Diegelmann, 08.04.2015
Wie viele meiner Freunde gebannt vor dem Fernseher sassen - und ich absolut gar nichts damit anfangen konnte.
5.
Bernhard Forstmann, 08.04.2015
Also ich muss ganz ehrlich sagen dass ich die Serie nie gesehen habe. Schon komisch, ich glaub ich hol das einfach mal nach, auch wenn 25 Jahre später vielleicht kein guter Zeitpunkt ist.
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