U-977 Die Mär von Hitlers Tauchgang

Goldbarren, Geheimpläne und der Führer höchstpersönlich an Bord? Am 17. August 1945 tauchte vor der Küste Argentiniens ein deutsches U-Boot aus dem Meer, das den Alliierten entwischt war. Bis heute beflügelt U-977 die Phantasien der Verschwörungstheoretiker - als Rettungsboot Adolf Hitlers.

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Als Heinz Schaeffer an jenem grauen Nachkriegsmorgen des Jahres 1947 an den Häuserskeletten der Düsseldorfer Königstraße vorbeischlenderte, packte ihn plötzlich ein solcher Lachkrampf, dass die Passanten entsetzt zurückwichen. "Hitler lebt!" lautete die Schlagzeile des Boulevardblatts, an der sein Blick hängen geblieben war. Amüsiert näherte sich der ehemalige U-Boot-Kommandant dem Zeitungskiosk - und mit einem Mal rissen alle alten Wunden erneut auf.

Der Führer höchstpersönlich, verkündete das Blatt, sei an Bord des U-977 aus dem zerbombten Deutschland geflohen. Das von Heinz Schaeffer befehligte Boot sei Teil eines Geisterkonvois gewesen, mit dem die Nationalsozialisten Waffen, Goldbarren und Geheimpläne via Patagonien in die Antarktis geschleust hätten. Nach "Neu-Berchtesgaden", so der Zeitungsbericht, habe sich Hitler nun gemeinsam mit Martin Bormann und Konsorten zurückgezogen, um von dort aus den großen Schlag gegen die Alliierten zu planen.

Die Sensationsmeldung basierte auf dem neu erschienenen Büchlein "Hitler está vivo" des argentinischen Journalisten Ladiszlav Szabó. Dem einstigen Oberleutnant zur See Schaeffer standen die Haare zu Berge. An Bord des von ihm befehligten U-977 hatten sich weder SS-Edelsteine noch Nazigrößen befunden, sondern einzig 32 ziemlich kampfesmüde Soldaten. Um der Kriegsgefangenschaft durch die Alliierten zu entgehen, war Schaeffer mit seiner Besatzung in die Tiefen des Atlantiks abgetaucht - um erst drei Monate später, am 17. August 1945, vor der Küste Argentiniens wieder emporzusteigen.

"Ein Blinder tappt durch ein von Raubtieren gefährdetes Gebiet"

Als Deutschland kapitulierte, befand sich U-977 vor der Küste Norwegens. Schaeffer konfrontierte die Bootsbesatzung mit seiner Idee, sich nicht den Siegermächten zu stellen, sondern das rund 14.000 Kilometer entfernte, für seine Deutschfreundlichkeit berühmte Argentinien anzulaufen. Der damals 24-jährige Schaeffer befürchtete, nach Kriegsende, versklavt und sterilisiert zu werden - laut Nazi-Propaganda planten die Alliierten dies mit den deutschen Männern. Zudem gab Schaeffer in seinen Memoiren an, von der Angst vor dem Morgenthau-Plan getrieben gewesen zu sein: jenem Plan des amerikanischen Finanziministers Henry Morgenthau, der Deutschland zerstückeln und in einen Agrarstaat umwandeln wollte.

16 seiner Männer, fast ausschließlich erfahrene Unteroffiziere, entschieden sich dafür, zu ihren Frauen und Kindern ins zerbombte Deutschland zurückzukehren. Schaeffer ließ sie ziehen: In der Nacht des 10. Mai 1945 setzte er die Familienväter in Schlauchbooten in einem schmalen Fjord nahe der norwegischen Stadt Bergen aus. An Bord des U-977 befanden sich nun fast nur noch einfache Matrosen. Mit ihnen wagte Schaeffer die Unterwasserflucht von Norwegen nach Argentinien. Ein verwegener Plan: Im Frühjahr 1945 wurde nahezu jedes zweite deutsche U-Boot versenkt.

Zudem war U-977 dreimal gerammt worden und besaß nur noch ein, noch dazu viel zu kurzes Sehrohr - das Hauptsehrohr war bei einem Alarmmanöver zerschellt. "Ein Blinder tappt durch ein von Raubtieren gefährdetes Gebiet! Sein einziger Trost, dass er hören kann. Hoffentlich schreit das wilde Tier", beschrieb Schaeffer das Gefühl, ohne vernünftiges Sehrohr um England herumzufahren und nur durch das Brummen herannahender Flugzeuge vor dem Feind gewarnt zu werden.

Schimmel, Maden, Furunkel

Tagsüber fuhren die Männer auf 50 Meter und nachts auf Schnorcheltiefe, um die Batterien aufzuladen. Um Treibstoff zu sparen, kroch U-977 durchs dunkle Meer. Nach 18 Tagen begannen die Gesichter der Männer blass zu werden und grünlich zu schimmern, modernder Gestank breitete sich aus. An den Wänden bildete sich Schimmel, Fliegen und Maden bevölkerten das feuchtkalte U-Boot.

In der Kunstlicht-Welt unter Wasser verloren die Männer das Gefühl für Tag und Nacht, immer wieder fiel eine der Maschinen des angeschlagenen U-Bootes aus. Ausschlag und Furunkel überzogen die geschwächten Körper der Männer. Nicht einmal frei hin- und herlaufen konnte die Besatzung - unkontrollierte Bewegungen hätten dazu führen können, dass U-977 sein Gleichgewicht verlor und kippte.

Bald begannen einzelne Bordmitglieder zu murren und stellten den Sinn der Höllenfahrt in Frage. Einer der Männer stahl Schokolade, der Erste Offizier rebellierte. Nach zwei Monaten begann die Besatzung, nunmehr "wandelnde Leichen", selbst zu verschimmeln, wie Schaeffer schrieb. Das U-Boot war zum stählernen Sarg mutiert. Keiner hatte mehr Appetit, kraft- und willenlos dämmerten die Männer auf ihren von Kondenswasser durchnässten Betten vor sich hin.

66 Tage unter Wasser

Schließlich wurde, so Schaeffer, sogar die Luft zum Atmen knapp, da die Sauerstoffvorräte fast aufgebraucht waren. Doch noch immer zwangen im Radarwarngerät angezeigte Schiffe und Flugzeuge zur Unterwasserfahrt. Erst nach 66 Tagen entschied Schaeffer, in Gibraltar-Nähe aufzutauchen. Fortan bewegte sich U-977 nur noch am Tage unter Wasser, in der Nacht tauchte das Boot auf.

Nachdem die Besatzung des flüchtigen U-Boots zwei Monate lang von der Außenwelt abgeschnitten war, konnten die Männer nun zum ersten Mal wieder Nachrichten empfangen. Per Radio erfuhren sie erst jetzt, wie sehr ihre Heimat am Boden lag. Dennoch ging es, so Schaeffer, nun allen besser, seit den Kapverdischen Inseln fuhr U-977 auch tagsüber aufgetaucht. Mit Leinwand und Segeltuch sowie einem aus Blech gebastelten Schornstein tarnten die Männer ihr U-Boot als normalen Frachter, sonnten sich und spielten mit den um ihr Boot streichenden Walen.

Erst im Juli erhielt ihre Freude an der neuen Freiheit über Wasser einen Dämpfer: In den Radionachrichten wurde gemeldet, dass ein weiteres U-Boot, das U-530, in Argentinien eingelaufen und die Besatzung in die US-amerikanische Gefangenschaft gewandert sei. Die meisten Matrosen an Bord des U-977 waren dafür, ihr Boot vor der Küste Südamerikas zu versenken und sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Doch erneut setzte sich Kommandant Schaeffer durch.

Aufstieg zum Top-Verbrecher

Am Morgen des 17. August 1945, um 9.15 Uhr Ortszeit, lief U-977, nach 108 Tagen ununterbrochener Fahrt, bei strahlendem Sonnenschein im Hafen von Mar del Plata ein - um zum Protagonisten der verworrensten Verschwörungstheorien zu werden. Denn spätestens seit dem Auftauchen des U-530 herrschte in den argentinischen Medien eine wahre U-Boot-Psychose. Nahezu täglich meldeten sich Menschen, die von auftauchenden deutschen Unterseebooten berichteten. Selbst an der uruguayischen und brasilianischen Küste wollte man die Periskope herannahender U-Boote gesichtet haben.

Dies war die Stunde des Ladiszlav Szabó: Bevor er sein Buch über die Eisfestung "Neu-Berchtesgaden" veröffentlichte, äußerte er erstmals am 16. Juli 1945 in der argentinischen Zeitschrift "Crítica" seine Theorie von der "Führer"-Flucht via U-Boot. Die Mär hielt sich so hartnäckig, dass Schaeffer nach seiner Ankunft in Mar del Plata zum Top-Verbrecher aufstieg: Nachdem die Argentinier ihn verhört und für unschuldig befunden hatten, landete der flüchtige deutsche U-Boot-Kommandant in einem Speziallager für prominente Kriegsgefangene in Washington.

Doch auch die Amerikaner konnten keinen Beweis dafür erbringen, dass Schaeffer dem sagenumwobenen Geisterkonvoi um Hitler angehörte: jenem U-Boot-Tross, der sich seinen Weg bis ins Königin-Maud-Land durch meterdickes Antarktis-Eis hätte bohren müssen. Ebenso wenig gelang dies den Briten, an die man Schaeffer weitergereicht hatte. 1946 entließ man den flüchtigen U-Boot-Kommandanten schließlich aus der Kriegsgefangenschaft nach Deutschland.

Interview mit dem "Führer"

Kurz nach seinem Erlebnis in der Düsseldorfer Fußgängerzone kehrte Schaeffer den Trümmern den Rücken zu und wanderte nach Argentinien aus - ausgerechnet in das Land, in dem Hitler besonders lebendig zu sein schien. Nicht nur, dass hochrangige Nationalsozialisten, unter ihnen KZ-Arzt Josef Mengele und Holocaust-Organisator Adolf Eichmann, in dem südamerikanischen Staat Unterschlupf gefunden hatten. Hier schossen auch die Verschwörungsspekulationen besonders wild ins Kraut - im Jahr 1948 veröffentlichte eine argentinische Zeitschrift gar ein Interview mit dem angeblich quietschfidelen "Führer".

Zwei Jahre später führte Schaeffer in Buenos Aires seine Frau vor den Traualtar der deutsch-evangelischen Kirche, was den örtlichen Medien ein wahres Blitzlichtgewitter wert war. "Das ist der Mann, der Hitler gerettet hat", raunte der Restaurantchef des Alvear-Palace-Hotel beim anschließenden Hochzeitsempfang neugierigen Passanten zu - und deutete diskret auf den einstigen Oberleutnant zur See.



insgesamt 4 Beiträge
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dirk ebrecht, 17.08.2010
1.
das ist ja alles nicht neu. auf jeden fall ja kein großes stück recherche. heinz schäffer hat seine erlebnisse und die reise minutiös bereits vor vielen jahren veröffentlicht. damit ist der beitrag bestenfalls eine sehr grobe zusammenfassung des buches. zudem enthält er schlichte fehler. wenn frau iken schreibt, dass jedes zweite u-boot torpediert worden ist, dann stimmt das so nicht.
Jürgen Scheffler, 17.08.2010
2.
Ein paar Anmerkungen: Seemeilen Geschwindigkeit gibt es weder über noch unter Wasser. Seemeilen sind keine Geschwindigkeits- sondern eine Streckenangabe (1 Seemeile (sm) = 1,852 km). Geschwindigkeiten in der Seefahrt werden in "Knoten" angegeben ( 1 Knoten (kn) = 1 Seemeile/Stunde ), Gegen Ende des Artikels muss es "Oberleutnant zur See" lauten und nicht nicht "Oberstleutnant zur See" - einen Rang diesen Namens gab und gibt es nicht. Auch ansonsten leidet der Artikel ein wenig unter übereifriger Abgrenzung gegen sogenannte "Verschwörungstheorien". Dem Kommandanten Schaeffer wurden in Verhören sehr wohl entsprechende Vorwürfe gemacht - und zwar von bis heute als unverdächtig geltender Seite. Dass U977 als Boot vom Allerweltstyp VII C/41 bei entsprechenden Szenarien keine allzu große Rolle gespielt haben kann, liegt schon wegen seiner vergleichsweise geringen Größe und Reichweite auf der Hand. Ein gemeinsamer Nenner der Spekulationen um U977 unter damalig Verhörenden wie heutigen Skeptikern könnte die für ein Boot diesen Typs große zurückgelegte Strecke sein, die mit min. 9000 sm deutlich über dem liegt, was dem Typ VIIC/41 zugesprochen wird. Und so sind die Umstände beim erwähnten U530-Fall auch deutlich obskurer als in diesem Fall. Dies ist ein Boot des Typs IX C/40 - ein deutlich größeres hochseegängiges Uboot mit ca. 14000 nm Reichweite.
Redaktion einestages, 17.08.2010
3.
In einer früheren Version des Textes wurden die Geschwindigkeit des U-Bootes 977 in Seemeilen angegeben und dem Kommandanten Heinz Schaeffer fälschlicherweise der Dienstgrad Oberstleutnant zur See zugeschrieben. Wir bedauern die Fehler und haben sie umgehend korrigiert.
Nils Holstein, 25.01.2011
4.
Nun, in der Tat war das so, daß mit den U-Booten ein gewisser Export von Mensch und Material stattfand, wenn auch oft nicht erfolgreich. So ist der Chefkonstrukteur des Düsenjägers Me 262 in einem U-Boot (vermutlich ein IX C) ums Leben gekommen, welches Me262 nach Japan bringen sollte, aber vesenkt wurde. Ein anderes U-Boot für Japan hatte die deutschen Uranvorräte an Bord, hatte sich aber bei der Kapitulation gestellt (und das Uran ging in die USA...)
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