Seegefecht im Zweiten Weltkrieg Die Todesfahrt von U-643

Verhängnisvolle Begegnung auf hoher See: Als ein deutsches U-Boot im Oktober 1943 nahe Island Jagd auf einen alliierten Geleitzug machte, wusste die Besatzung nicht, dass ihr Funkverkehr seit Monaten überwacht wurde. Noch bevor sie ihr Ziel erreichten, wurden die Jäger zu Gejagten.

Dieter Goethel

Nach der deutschen Niederlage in Stalingrad und der Landung der Alliierten in Süditalien zeichnete sich auch im U-Bootkrieg eine Wende ab. Ab 1943 überlebte eine U-Bootbesatzung im Schnitt nur noch 90 Tage auf See. Die meisten Unterseeboote wurden Opfer feindlicher Flugzeuge, bevor sie sich den Geleitzügen überhaupt nähern oder einen Torpedo abfeuern konnten.

Die Geschichte von U-643, dessen Schicksal in britischen und deutschen Archiven gut dokumentiert ist, ist ein trauriges Beispiel für das unglückliche Schicksal, dem damals zahllose junge Männer in U-Booten entgegenfuhren.

Das U-Boot vom Typ VII C wurde am 1. Dezember 1941 bei Blohm & Voß in Hamburg auf Kiel gelegt. Am 8. Oktober 1942 war es dann soweit: Das stolze Boot wurde in Dienst gestellt. Es hatte eine Besatzung von 48 Mann, deren Durchschnittsalter gerade einmal 20,5 Jahre betrug. Der Älteste war 29 und die drei Jüngsten 17 Jahre. Selbst der Kommandant, Kapitänleutnant Hans-Harald Speidel, war gerade mal 25 Jahre alt. Als das Schiff feierlich seine Reise antrat, ahnte jedoch noch niemand, wie wenig Zeit all den jungen Männern an Bord blieb: Auf den Tag genau ein Jahr später sollten U-643 und seine Besatzung ein tragisches Ende finden.

Aufbruch zur letzten Fahrt

Bereits zwei Tage nach seiner Indienststellung geriet U-643 in das Visier der alliierten Funkaufklärung. Die Briten entzifferten einen Funkspruch, den das Unterseeboot am 10. Oktober 1942 um 17.10 Uhr an den U-Bootbunker Elbe 2 in Hamburg gesandt hatte und in dem es um Schlepphilfe bat, da es auf Grund gelaufen sei. Die alliierte Funküberwachung sollte bis zum Untergang von U-643 im Oktober 1943 nicht mehr abreißen.

Nach seiner Indienststellung absolvierte U-643 die für eine Frontverwendung nötigen Erprobungen, wobei sich erhebliche Mängel zeigten, die vor dem Einsatz behoben werden mussten. Ab dem 10. August 1943 wurde es in Kiel für den Atlantikeinsatz ausgerüstet, und 16 Tage später lief es zu seiner ersten Feindfahrt aus - von der es nicht zurückkehren sollte. Am 3. September erreichte U-643 Bergen, wo es zur Vervollständigung seiner Frontausrüstung anlegte. Die Mannschaft nutzte die Gelegenheit, um noch einmal kräftig über die Stränge zu schlagen, einschließlich einer Schlägerei mit Norwegern.

Am 14. September 1943 verließ U-643 Bergen, um zur aus 19 U-Booten bestehenden Gruppe Roßbach zu stoßen. Der U-Boot-Verbund war auf den alliierten Geleitzug SC.143 im Nordatlantik angesetzt worden, der am 29. September 1943 mit 39 Schiffen Halifax verlassen hatte. Um seine Fahrgeschwindigkeit zu steigern, fuhr U-643 weitgehend aufgetaucht, denn über Wasser schafften die Boote 17,7 Knoten, während sie es unter Wasser auf höchstens 7,6 Knoten brachten. Dennoch dauerte es, bis das Boot sein Ziel allmählich einholte. Am 8. Oktober gegen 13 Uhr hatte sich U-643 etwa 800 Kilometer südwestlich von Island dem Geleitzug auf 18 Seemeilen genähert. Die Wolken reichten bis auf 600 Meter herunter bei einer Sichtweite von etwa 5-10 Seemeilen. Die See war rau und der Wind mit 37 Knoten stürmisch.

Eine schwarze Wolke stieg auf

Um 13.12 Uhr wurde U-643 von einem Liberator-Bomber der auf Island stationierten 120. Staffel der Royal Air Force, mit der Kennzeichnung T/120 unter dem Kommando von Flight Officer Webber, gesichtet. Webber zog seine in 600 Metern Höhe unterhalb der Wolkendecke fliegende Liberator hoch und verschwand in den Wolken. Als er sich U-643 auf vier Seemeilen genähert hatte, starte er seinen Angriff. U-643 wehrte sich mit starkem Flak-Feuer. Webber versuchte Ausweichmanöver, in dem er die Nase des Flugzeuges abwechselnd gewaltsam nach oben zog und nach unten drückte. Aus einer Höhe von etwa 30 Metern warf er vier Wasserbomben ab, die etwa 60 Meter vor U-643 explodierten, ohne erkennbaren Schaden anzurichten. Der Pilot ging deshalb in Position für einen zweiten Angriff.

Eine weitere Maschine, die zur 86. Staffel gehörende Liberator mit dem Kennzeichen Z/86 unter Flight Officer Burcher, griff U-643 um 13.13 Uhr an. Erneut wehrte das Boot sich mit starkem Flak- und MG-Feuer, ohne allerdings Treffer zu erzielen. Beim Anflug feuerte der Bordschütze in der vorderen Kanzel 200 Schüsse auf das Boot, das versuchte, sein Heck mit den Flugabwehrwaffen in die Richtung des angreifenden Flugzeuges zu drehen. Burcher überflog U-643 in nur 15 Metern Höhe und warf zwei Wasserbomben ab. Die erste schlug links des Turmes in etwa 20 Metern Entfernung und die zweite 18 Meter rechts des Bootes ein. Die Explosionen umhüllten das ganze Boot, so dass Schäden zunächst nicht erkennbar waren. Liberator Z/86 stieg höher und umkreiste U-643, denn inzwischen setzte Liberator T/120 unter Webber zu seinem zweiten Angriff an.

Dieser Angriff geschah um 13.15 Uhr aus einer Höhe von nur 10 Metern mit 4 Wasserbomben. Die erste Bombe schlug rechts und die anderen drei links des Bootes ein. Die Explosionswolke der rechten Bombe war schwarz, ein Zeichen dafür, dass das Boot getroffen worden war. Das Boot verringerte seine Fahrt und Liberator T/120 machte einen weiteren Anflug mit Bordgeschützen, unterstützt von Liberator Z/86, die vier solcher Angriffe flog.

U-643 antwortet nicht mehr

Als von U-643 keine Gegenwehr mehr erfolgte, brachen die beiden Flugzeuge die Angriffe ab und umkreisten das Boot, das mit dem Bug nach unten zum Halten kam. Zu diesem Zeitpunkt wurde von der Besatzung die Seekriegsflagge gehisst. Von den Flugzeugen wurden mehr als 30 Besatzungsmitglieder des offensichtlich schwer beschädigten U-Bootes beobachtet, die in den Turm hochstiegen und begannen, Rettungswesten anzulegen und Rettungsboote klar zu machen. Ein Mann schwamm im Wasser, wobei nicht erkennbar war, ob er noch lebte. Liberator Z/86 flog zu seiner Basis in Nordirland zurück, während Liberator T/120 weiter U-643 umkreiste und eine Positionsmeldung an die Führung der Geleitzugsicherung absetzte.

Die drei Wasserbomben- und die fünf Bordwaffenangriffe hatten nur drei Minuten gedauert, dann war U-643 kampf-, tauch- und fahrunfähig. Um 14.45, eineinhalb Stunden nach der Einstellung der Angriffe, explodierte das Boot. Eine graue Explosionswolke stieg 50 Meter hoch. Besatzungsmitglieder wurden ins Wasser geschleudert oder durch die Wucht der Explosion getötet. Das Boot versank mit dem Bug voran im Atlantik und ein großer Ölteppich von etwa 300 Metern Durchmesser breitete sich aus. Drei Rettungsboote blieben auf dem Wasser, und die Überlebenden wurden 20 Minuten später von den britischen Zerstörern Orwell und Oribi aufgenommen. Am 11. Oktober 1943 erreichte die Orwell den Hafen Greenock an der Clyde, wo die Gefangenen ausgeschifft und auf Kriegsgefangenlager verteilt wurden.

Der Befehlshaber der U-Boote versuchte am 8., 9. und 10. Oktober vergebens, mit U-643 Funkverbindung aufzunehmen. Im Kriegstagebuch vom 13. Oktober 1943 wurde das Boot zusammen mit vier weiteren als vermutlich verloren deklariert. 30 Besatzungsmitglieder fanden den Tod - nur 18 überlebten.



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