U-Boot-Katastrophe Rettung aus eisigen Tiefen

33 Männer, eingesperrt in einen Stahlsarg am Boden des Atlantik: Als im Jahr 1939 die "USS Squalus" sank, galt der Untergang eines U-Boots noch als sicheres Todesurteil für die gesamte Besatzung - doch dann setzte die US-Marine eine spektakuläre Rettungsaktion in Gang.

AP

Von Ariane Stürmer


An den stählernen Wänden gefror der Atem der Männer. Eine einzelne Taschenlampe warf ihren Schein über die Panele, Hebel und erloschenen Kontrollleuchten. Hinter der Tür zu den Maschinenräumen trieben 26 leblose Körper durch das dunkle Wasser. Im vorderen Teil der "USS Squalus", hatten sie Glück gehabt. Als das Meer wie eine Fontäne in das U-Boot geschossen war, hatte der Elektroniker Lloyd B. Maness das Schott zu den hinteren Abteilungen zugezogen und die Pforte zwischen Leben und Tod geschlossen. Jetzt saß er zusammen mit 33 Überlebenden im vorderen Teil des Schiffes fest. 74 Meter unter der Wasseroberfläche.

Es war der 23. Mai 1939, als die US-Marine ihre bis dahin größte Unterwasser-Rettungsaktion in Gang setzte. Bis zu diesem Tag bedeutete ein leckgeschlagenes U-Boot den sicheren Tod für die Mannschaft. Wer nicht ertrank, erstickte innerhalb weniger Tage. Doch seit kurzem verfügte die Marine über eine stählerne Rettungskapsel, die an ein untergegangenes U-Boot andocken konnte. Zehn Tonnen schwer, drei Meter hoch und zwei Meter breit, mit Platz für mehrere Personen. Und noch nie im Ernstfall erprobt.

Die "Squalus" war unbemerkt vor der Küste des US-Staates New Hampshire in den Tiefen des Atlantik versunken. Um 8.13 Uhr hatte Kommandant Oliver Naquin den letzten Funkspruch mit den Koordinaten des Abtauchens an den Kommandanten der Marinebasis von Portsmouth, Cyrus W. Cole, gesendet. Wenige Minuten später rauschte der Stolz der US-Marine in den schlammigen Meeresboden, keine neun Monate nach Stapellauf, während einer der letzten Testfahrten. Das Hauptventil, das die Dieselmotoren bei Fahrt an der Wasseroberfläche mit Luft versorgte, war undicht.

Warten auf Rettung

Das Meerwasser, das jetzt die Hälfte des Bootes füllte, maß vier Grad. Die Klimaanlage war ausgefallen, und die Temperatur im trockenen Teil des Stahlsarges glich sich unaufhaltsam der eisigen Kälte des Ozeans an. Die Männer klapperten mit den Zähnen. Dabei war die fallende Temperatur nicht einmal ihr größtes Problem. Und das wussten sie. Deshalb hatte Kommandant Naquin auch bereits sämtliche unnötigen Unterhaltungen verboten. Reden kostet Luft. Und die war knapp. Zwei, vielleicht drei Tage, dann wäre der Sauerstoff verbraucht.

Naquin hatte bereits eine Alarmboje an die Oberfläche aufsteigen lassen. Stunde um Stunde schoss die Mannschaft zudem Rauchraketen in den Himmel. Doch niemand reagierte. Erst, als die Rückmeldung der "Squalus" über ihr Auftauchen ausblieb, schlug Cyrus W. Cole Alarm und schickte das Schwesterschiff der "Squalus", die "USS Sculpin" auf die Suche. Ihre Mannschaft entdeckte schließlich die friedlich auf den Wellen schaukelnde Alarmboje, die über ein Kabel mit der "Squalus" verbunden war. In großen Lettern stand auf ihr zu lesen: "U-Boot hier gesunken, enthält Telefon." Immerhin ermöglichte das einen knappen Wortwechsel zwischen den Kapitänen der "Squalus" und der "Sculpin". Dann riss das Kabel.

Die nächstgelegene nagelneue Rettungskapsel der Marine lagerte auf einem umgebauten Minensuchboot aus dem Ersten Weltkrieg. Gegen 4 Uhr früh am nächsten Morgen kam es am schließlich an der Unglücksstelle an. Dort hatten sich bereits sämtliche verfügbare Experten und Einsatzkräfte versammelt. Mehrere Schiffe ankerten vor Ort. Ihre Scheinwerfer glitten über die schwarzen Wogen des Meeres, zahlreiche Flugzeuge kreisten über der Szenerie.

Abstieg zum Meeresboden

Die Rettungsaktion koordinierte ein Mann, auf den sich alle Hoffnungen richteten: Kapitänleutnant Charles B. Momsen, Erfinder der Rettungskapsel. Er war der Experte schlechthin für Unterwasserbergungen. Trotz anfänglichem Widerstand des Marine-Schiffsbauamtes hatte Momsen die Entwicklung seiner Rettungsglocke vorangetrieben, bis er offiziell grünes Licht zum Bau des Gerätes erhalten hatte - unter einer Voraussetzung: Sein Prototyp musste überarbeitet werden, federführend setzte die Marine den Kommandanten Allan McCann ein. Bekannt wurde die Rettungsglocke schließlich als McCann Submarine Rescue Chamber.

Momsen hatte unterdessen ein weiteres Gerät entwickelt, das den Ausstieg unter Wasser ermöglichte: ein Not-Atemgerät. Die "Momsen-Lunge" bestand im Wesentlichen aus einem vier Liter großen Gummisack, mit dem die Verunglückten unter Wasser aus dem U-Boot aussteigen konnten. Eine Kalk-Patrone im Inneren des Beutels absorbierte das Kohlendioxid der Atemluft. Als die "Squalus" sank, gehörte das Gerät bereits zur Standardausrüstung von US-U-Booten. Doch bei vier Grad Wassertemperatur wollte niemand einen Aufstieg aus 74 Metern Tiefe wagen.

Um 11.30 Uhr begann endlich der erste Tauchgang mit der Rettungskapsel. Die "Squalus" lag zu diesem Zeitpunkt schon rund 27 Stunden auf dem Meeresboden. Über ein Führungsseil glitt die Riesenglocke in die Tiefen hinab, an Bord zwei Retter. Um 12.08 schrieben sie in ihr Logbuch: "U-Boot in Sicht." Vier Minuten später dockte die Kapsel an der "Squalus" an. Die Männer im Innern der Rettungsglocke dichteten die Anschlussstelle ab und öffneten schließlich die Luke zum U-Boot. Sie reichten den Eingeschlossenen Taschenlampen, Decken, Sandwiches und heiße Suppe hinunter, nahmen die erste sieben Männer an Bord,

schlossen die Luke wieder, und stiegen auf.

Um 13.33 Uhr erreichten sie die Oberfläche. Um 13.42 Uhr wankten die ersten Männer in die Arme der wartenden Helfer. Weitere drei Mal wurde die Rettungskapsel in die Tiefe hinab gelassen. Um 0.30 Uhr am 25. Mai waren die letzten Überlebenden zurück an der Oberfläche. Momsen, und mit ihm McCann, hatten Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal war eine Unterwasser-Evakuierung im Ernstfall gelungen. Die Marine verwendet McCann-Rettungsglocken bis heute.

Zurück aus der Tiefe

Für Momsen war der Fall "Squalus" damit allerdings noch längst nicht abgeschlossen. Denn die US-Marine wollte eines ihrer modernsten U-Boote nicht einfach am Grund des Meeres verrotten lassen - und initiierte eine weitere, bis dahin kaum für möglich gehaltene Bergungsaktion: Das U-Boot sollte gehoben und in die Werft geschleppt werden. 53 Taucher machten dafür in 112 Tagen 640 Tauchgänge, um Seile und Pontons an dem Stahlsarg zu befestigen. Dass es den Tauchern in einer Tiefe von über 70 Metern überhaupt möglich war, konzentriert zu arbeiten, war eine Pionierleistung, die erneut Charles B. Momsen zu verdanken war.

Denn bisher hatte vor allem ein Faktor sämtliche Tauchgänge beeinflusst: Luft. Taucher atmeten ihre eigene Atemluft. Immer wieder kam es vor, dass sie in die falsche Richtung schwammen, ihre Luftschläuche zu durchtrennen versuchten oder ohnmächtig in der Dünung trieben. Momsen erkannte schließlich das Problem: Stickstoff. Der Hauptbestandteil der Atemluft wurde unter Wasser schnell zum tödlichen Risiko. Also suchte Momsen nach einer Alternative, und entwickelte schließlich ein neues Atemgasgemisch aus Helium und Sauerstoff. Bei der "Squalus"-Bergung feierte das heute noch von Tauchern eingesetzte "Heliox" Premiere.

Die "Squalus" wurde nach mehreren Rückschlägen am 14. September 1939 gehoben. Die US-Marine setzte das Boot in den darauffolgenden Monaten in Stand und schickte es im Mai 1940 unter seinem neuen Namen "Sailfish" in den Zweiten Weltkrieg.



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annette Wiechmann, 03.02.2010
1.
uuuh, was für ein trauriger Fehler... Gegenstände, also Unbelebtes, wird GEBORGEN (von: etwas bergen). Belebtes, wie Mensch, Tier, aber auch Pflanze wird GERETTET. Oder anders: wenn Autor des Beitrags nach einem Unfall aus dem Wagen geborgen wird, dann hagelt es Trauerkränze am Grab, wird er hingegen gerettet, dann Blumensträuße am Krankenbett. Ist das so schwer? AW
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