U-Boot im Ersten Weltkrieg "Kalt wie in einem Eiskeller"

Über Wochen war das deutsche U-Boot SM UB-110 im Sommer 1918 vor der Küste Englands auf Tauchstation. Dann wurde es versenkt. Lange vergessene Fotos zeigen das Innere des Wracks.

Tyne & Wear Archives & Museums

Von


Mit einem ohrenbetäubenden Knall detonierten drei britische Bomben nahe dem deutschen U-Boot, das gerade fast 20 Meter tief ins Meer hinuntergetaucht ist, um dem Angriff zu entgehen. Zu spät. In den Maschinenraum drang rasch Wasser ein. An den 19. Juli 1918 sollte sich Kapitänleutnant Werner Fürbringer, Spitzname "Fips", noch sein Leben lang erinnern.

Seit die deutsche Reichsregierung im Februar 1915 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg in den Gewässern rund um Großbritannien verkündet hatte, waren unter Fürbringers Kommando mehr als 100 Handelsschiffe und Fischtrawler versenkt worden. Nie hätte sich der Offizier vorstellen können, dem Feind in die Hände zu fallen. Doch an jenem Sommertag erlebte die Crew von SM UB-110 in der Nordsee vor der Ostküste Englands ein Inferno, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

Werner Fürbringer (Mitte)

Werner Fürbringer (Mitte)

"Fluten, was zu fluten geht! Alle Tanks aufreißen!", brüllte Fürbringer angesichts der nahenden Katastrophe. In seinen 1933 erschienenen Memoiren "Alarm! Tauchen!!" beschrieb er die dramatischen Minuten, als die Mannschaft das Auftauchen des Bootes mit allen Kräften zu verhindern versuchte.

Da nutzte es ihnen nichts mehr, dass das Zweihüllen-Hochseeboot vom neuesten Typ UB III hervorragend zu manövrieren war und in nur 30 Sekunden abtauchen konnte. Ausgestattet war es mit vier Bugtorpedorohren, einem Hecktorpedorohr, zehn 50-cm-Torpedos und einem Deckgeschütz. Nur drei Tage zuvor hatte SM UB-110 den mit Eisenerz beladenen britischen Frachtdampfer Southborough versenkt. 30 Mann wurden dabei getötet. Nun saßen die Deutschen selbst in der Falle.

"Wir mussten uns verpacken wie die Eskimos"

Seit 1915 hatte Fürbringer U-Boote unterschiedlichen Typs befehligt und an manchen Tagen gleich mehrere fatale Treffer vermeldet. In seinem Buch schildert er, dass in den späten Kriegsjahren kaum noch Schiffe in seine Schusslinie gerieten. Offenbar hatten die Briten ihre Abwehrstrategien verbessert. Entlang der Ostküste Englands fuhren Frachter zudem nur noch selten und in großen Geleitzügen, die schwer anzugreifen waren.

"Fips", der im Zweiten Weltkrieg bis zum Konteradmiral befördert wurde, beschrieb auch das Leben an Bord. Im Sommer 1918 habe SM UB-110 nur in den kurzen Nachtstunden auftauchen, Frischluft pumpen und Batterien aufladen können. Selbst im Dunkeln sei man vor Angreifern niemals sicher gewesen.

Noch dazu fror die Besatzung in der Tiefe erbärmlich: "Trotz der Julitemperaturen war es im Boot durch das endlose Unterwasserfahren so kalt wie in einem Eiskeller und so feucht wie in einer Tropfsteinhöhle. Fast alle hatten wir schwer unter Rheuma zu leiden und mussten uns verpacken wie die Eskimos."

Als das durch die Bomben schwer angeschlagene U-Boot am 19. Juli wieder an die Wasseroberfläche kam, nahmen die Briten es sofort unter heftigen Maschinengewehrbeschuss. "Achtung, Rammstoß!", schrie Fürbringer, als ein zweiter Zerstörer, die H.M.S. Garry, auf sie zusteuerte. Nach seiner Crew rettete sich der Kapitän in letzter Minute durch einen Sprung ins Wasser.

Briten entdeckten deutsche Geheimrouten

Im Buch beschrieb er Jahre später, wie Heizer vom feindlichen Schiff aus große Kohlebrocken auf die wehrlosen Schwimmer warfen; einem 18-jährigen Matrosen sei der Schädel zertrümmert worden. SM UB-110 war demnach schon gesunken. Erst als sich der Konvoi, in dem der Zerstörer fuhr, mit vielen neutral beflaggten Schiffen näherte, hätten die Briten das Feuer eingestellt und Rettungsboote hinuntergelassen, berichtete Fürbringer. Von den 34 Männern, die sich aus dem U-Boot hatten retten können, kamen 13 mit dem Leben davon.

Das entscheidende letzte Ramm-Manöver hatte Charles Lightoller, Kommandeur der H.M.S. Garry, angeordnet. Dafür erhielt er eine Tapferkeitsauszeichnung. In die Geschichte ging Lightoller allerdings eher dadurch ein, dass er 1912 als ranghöchster Offizier den Untergang der Titanic vor Neufundland überlebt hatte.

Fürbringer, der erst 1982 im Alter von 93 Jahren sterben sollte, kam zunächst in britische Gefangenschaft und schwieg bei den Verhören zumeist beharrlich. Er konnte nicht ahnen, dass die Royal Navy an Bord des inzwischen geborgenen SM UB-110 Geheimdokumente mit den Nordseerouten anderer deutscher U-Boote gefunden hatte. Binnen zwei Wochen konnten die Briten daher fünf Boote des Marinekorps Flandern aufbringen oder versenken.

Wie es im Innern von Fürbringers U-Boot aussah, zeigen spektakuläre Fotos des Wracks, die in den Tyne & Wear Archives im nordenglischen Newcastle upon Tyne entdeckt wurden. Sie entstanden auf einem Trockendock der Schiffsbaufirma Swan Hunter im nahegelegenen Ort Wallsend am Tyne-Ufer.

Über den Fluss, der in die Nordsee mündet, hatte die Royal Navy das nach der Versenkung geborgene U-Boot zu dem Dock geschleppt, um es wieder kampftauglich zu machen. Doch dazu reichte die Zeit nicht mehr. Nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 wurde SM UB-110 verschrottet.

Fotostrecke

16  Bilder
U-Boot im Ersten Weltkrieg: Der Untergang von SM UB-110


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Aaron Schröder, 01.05.2016
1. @Mit Denken
Das nennt man Krieg. Und in den KTB werden auch andere Kriegsteilnehmer nicht erwähnen, wie sie "Feinde" umgebracht haben, ob mit Erschlagen, Erschießen oder welche Art auch immer. So viel zum Mit Denken.
Dirk Diggler, 03.05.2016
2.
Wie üblich im Spiegel schlecht Nachgeforscht und politisch motiviert geschrieben. Im Buch beschrieb er Jahre später, wie Heizer vom feindlichen Schiff aus große Kohlebrocken auf die wehrlosen Schwimmer warfen; einem 18-jährigen Matrosen sei der Schädel zertrümmert worden. Warum wird unterschlagen das der Rest der Seeleute von der Besatzung des Zerstörers erschossen wurde während sie im Wasser trieben? SM UB-110 was depth charged, rammed, and sunk near the Tyne by HMS Garry, commanded by Charles Lightoller, possibly the last U-boat to be sunk during the Great War. Quelle: Lightoller, C. Titanic and Other Ships. Passt nicht ganz zu dieser Aussage: Er konnte nicht ahnen, dass die Royal Navy an Bord des inzwischen geborgenen SM UB-110 Geheimdokumente mit den Nordseerouten anderer deutscher U-Boote gefunden hatte. Binnen zwei Wochen konnten die Briten daher fünf Boote des Marinekorps Flandern aufbringen oder versenken. Was gefunden wurde und wichtig war waren neue Torpedos mit Magnetzündung. An unsettling discovery during her salvage was that some of her torpedoes were fitted with magnetic firing pistols—the first to be properly identified by the British. These early examples were problematic, often detonating their weapons prematurely if at all. Quelle: Admiralty. Annual Report of the Torpedo School, 1918, p. 150.
Andreas Lausen, 03.05.2016
3. Die LUSITANIA war US-amerikanisch, nicht britisch
Die vom Kommandanten gerechtfertigte Versenkung der Lusitania betraf kein britisches, sondern ein US-amerikanisches Passagierschiff. Dieser deutsche U-Boot-Angriff führte mit dazu, dass die USA auf alliierter Seite in den 1. Weltkrieg eintraten.
Frank Kreuer, 04.05.2016
4. RMS = Royal Mail Steamer
@Andreas Lausen: Die LUSITANIA war US-amerikanisch, nicht britisch Falsch, die RMS Lusitania war britisch und gehörte der Cunard Reederei https://de.wikipedia.org/wiki/RMS_Lusitania Allerdings waren etwa ein Zehntel der Opfer bei der Versenkung (128 von ca. 1200) US-Amerikaner, die trotz deutscher Warnungen die Passage durch erklärtes Kriegsgebiet angetreten haben. Diese Toten beeinflussten die Entscheidung zum Kriegseintritt der USA, nicht die Nationalitä des Schiffes.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.