U-Boot-Wrack Untergang vorm Morgenland

U-Boot-Wrack: Untergang vorm Morgenland Fotos
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Was macht ein deutsches U-Boot im Golf von Oman? Taucher haben vor der Golfküste erstmals das Wrack von U-533 gefilmt, das 1943 eine abenteuerliche Reise rund um Afrika unternahm und dort versenkt wurde. Es gab einen Überlebenden - er schwamm 28 Stunden ohne Rettungsweste durch haiverseuchtes Wasser. Von Bernhard Zand, Dubai

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Aus dem Off ist Pink Floyd zu hören, "The Dark Side of The Moon", dann taucht aus der Finsternis des Meeres ein von Korallen überwuchertes Schiffswrack auf. Es ist U-533, eines von fünf deutschen U-Booten der "Gruppe Monsun", die ab Herbst 1943 Jagd auf alliierte Schiffe im Indischen Ozean machte.

Dass das Wrack irgendwo vor der Ostküste der Vereinigten Arabischen Emirate liegt, wussten Historiker aus deutschen und britischen Kriegstagebüchern. Jetzt haben Taucher des Desert Sports Diving Club in Dubai das Boot erstmals gefilmt und endgültig identifiziert: 25 Seemeilen vor dem Emirat Fudscheira, 108 Meter tief auf dem Grund des Indischen Ozeans. Seit 66 Jahren liegt U-533 mit 53 Mann Besatzung dort unten, seit dem 16. Oktober 1943, um genau zu sein.

An diesem Tag flog Sergeant Captain Lewis William Chapman an Bord eines britischen Blenheim-Bombers eine Patrouille über dem Golf von Oman. Er sichtete U-533, das sich auf Überwasserfahrt befand, und warf vier Wasserbomben ab. Der Kommandant des U-Boots, der 29-jährige Kapitänleutnant Helmut Hennig, scheint noch versucht zu haben abzutauchen; mindestens eine der 250-Pfund-Bomben aber traf das Boot am Heck. "Fünf Minuten später", berichtete Chapmans Schwadron später, "wurde die Mannschaft mit dem Anblick aufsteigenden Öls belohnt. Als der Ölteppich sich ausbreitete, wurden Luftblasen und zwei oder drei weiße Objekte gesichtet."

28 Stunden schwimmen ohne Rettungsweste

Eines dieser "weißen Objekte" war aller Wahrscheinlichkeit nach der deutsche Matrosengefreite Gunther oder Günther Schmidt, das andere ein namentlich nicht bekannter Offizier. Dem US-"Submarine Casualties Booklet" zufolge hatten die beiden sich im Kommandoturm von U-533 befunden; dem Offizier sei es gelungen, dessen obere Luke zu öffnen, als das U-Boot bereits 60 Meter tief gesunken war. Ohne Tauchretter und von enormem Wasserdruck angetrieben, seien beide Männer "an die Oberfläche geschossen". Der Offizier war bewusstlos, und Schmidt versuchte nach dem Bericht über eine Stunde lang, ihm zu helfen. Doch der Offizier überlebte nicht, wie auch die 51 anderen Mann der Besatzung. Schmidt kam als einziger mit dem Leben davon - 28 Stunden lang hielt sich der Schiffbrüchige im haiverseuchten Wasser orientierungslos über Wasser, bis ihn die Mannschaft des britischen Patrouillenbootes "HMS Hiravati" nahe Khor Fakkan aus dem Meer fischte.

Dass deutsche U-Boote bis tief in den Südatlantik hinter alliierten Geleitzügen her waren, dass deutsche Matrosen nachts die Lichter von New York sahen, ist bekannt. Was aber suchte die deutsche Marine an der Straße von Hormus - ein Wasserweg, der als Öltankerroute heute zu den strategisch wichtigsten der Welt gehört, damals aber noch tief im Schatten der Geschichte lag?

"Im Grunde dasselbe, das sie auch im Atlantik suchte: alliierte Handelsschiffe", sagt Derek Baldwin, der die Geschichte für die Dubaier Wochenzeitung "X-Press" recherchiert hat. Sechs gegnerische Schiffe mit einer Gesamttonnage von 33.800 Bruttoregistertonnen (BRT) haben sie, deutschen Quellen zufolge, versenkt, zwei weitere mit 15.822 BRT beschädigt.

Nur fünf von elf U-Booten kamen durch

Allerdings hatten es von den ursprünglich elf U-Booten der "Gruppe Monsun" selbst nur fünf in den Indischen Ozean geschafft. Das erste, U-200, wurde bereits Ende Juni 1943 südwestlich von Island versenkt, als es, von Norwegen kommend, zum Rest des U-Boot-Rudels stoßen wollte. Weil die Alliierten systematisch die Versorgungstanker der deutschen U-Boote versenkten, kämpften die U-Boote der "Gruppe Monsun" den ganzen Weg rund um Afrika mit Treibstoffmangel, so dass schließlich sogar eines der Boote, U-516, Order bekam, seinen Diesel an die anderen abzugeben und nach Frankreich zurückzukehren. Die vier anderen Boote - U-514, U-509, U-506 und U-847 - wurden noch im Atlantik versenkt.

Auch die Geschichte von U-533 ist, wie die der meisten deutschen U-Boote des Zweiten Weltkriegs, eine von Misserfolg und Tragik: Im September 1942 in Bremen vom Stapel gelaufen, verbrachte das Boot der Klass IXC/40 insgesamt gerade einmal sechs Monate im Kriegseinsatz - schon die dritte Mission von U-533 wurde die letzte für das Boot und seine Besatzung. Mit dem Leben davon kam nur der Matrosengefreite Schmidt.

Wohl nur wenige andere Schiffsbrüchige haben sich ohne Rettungsweste so lange über Wasser gehalten wie der einzige Überlebende von U-533; trotzdem ist bislang wenig über ihn bekannt. Schmidt sei, heißt es im Newsletter 33 der britischen 244. Bomberschwadron, nach seiner Gefangennahme in der Unteroffiziersmesse in Schardscha "verköstigt" worden. Danach verliert sich seine Spur.

Ein Gedenkort für die deutschen Opfer?

Mehr weiß man über Sergeant Captain Lewis William Chapman, der die Maschine flog, die U-533 versenkte: Zwei Wochen nach dem Abschuss wurde er mit der Distinguished Flying Medal ausgezeichnet, einer der höchsten Auszeichnungen für Unteroffiziere der Royal Air Force. Dass er das U-Boot tatsächlich versenkt hatte, erfuhr er aber nicht mehr: Im Juli 1944 kam er an Bord eines Transportflugzeugs ums Leben, das beim Anflug auf die Stadt Salala im Süden des Oman abstürzte. Eine Plakette auf dem britischen Vermissten-Denkmal im ägyptischen Alamein trägt seinen Namen.

William Leeman, der Leiter der Tauchexpedition, die das Wrack von U-533 jetzt erstmals gefilmt hat, kann sich vorstellen, dass es demnächst auch einen Ort gibt, an dem die Hinterbliebenen der 52 deutschen Toten ihrer Väter und Großväter gedenken können. Zu entscheiden hätte das die deutsche Bundesregierung, die das Wrack nach internationalem Recht besitzt.

U-534, das identische Schwesterschiff von U-533, wurde 1993 zwischen Dänemark und Schweden geborgen, restauriert und in der Nähe von Liverpool ausgestellt. Technisch wäre eine Bergung bei nur 108 Metern Tiefe auch für U-533 sicher möglich. Die meisten im Atlantik versenkten U-Boote der "Gruppe Monsun" liegen viel tiefer.

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1.
Dr. Christian Oest 20.12.2009
Ein interessanter Beitrag. Jedoch wird mir schlecht, wenn ich wieder einmal den Passus "haiverseuchtes Wasser" lesen muss. Nun, wenn in Zukunft mal wieder jemand aus einem Boot fällt oder ihm ähnliches passiert, muss er vielleicht keine Angst mehr haben. Schließlich sind ca. 200 MILLIONEN (!!) getötete Haie im Jahresdurchschnitt doch eine erfolgreiche Aussicht auf "haifreie Gewässer", oder?! Solange die Borniertheit und auch die Dummheit der Menschen anhält, wird sich mir noch lange der Magen umdrehen. Aber der Autor des Artikels befindet sich leider in guter Gesellschaft: auch Jacques Cousteau hatte eine HAIdenangst vor den an sich für uns Menschen harmlosen Tieren und verpaßte keine Gelegenheit sie zu verteufeln. Mittlerweile sind von den 470 bekannten Haiarten 100 akut bedroht, einige auf ein Zehntel ihrer ursrünglichen Bestände geschrumpt. Der große Weiße gilt inzwischen sogar als biologisch ausgestorben. Interessant, was das marine Ökosystem anstellt, wenn der Hai mal nicht mehr da sein sollte. Aber siehe Kopenhagen: Die Dummheit des Menschen obsiegt immer wieder. Schade, dass "Der Spiegel" diesen unreflektierten Unsinn unterstützt. Aber ein wenig polemisches Geschafel, wie "haiverseuchte Gewässer" macht einen Artikel natürlich gleich viel spannender und lesenswerter, oder? Für Interessierte: www.sharkproject.org www.greenpeace.org www.wwf.org
2.
Eva Kröcher 20.12.2009
Der Begriff "haiverseuchtes Wasser" liest sich etwas albern, die Fische leben dort.
3.
N Hindel 23.12.2009
>Der Begriff "haiverseuchtes Wasser" liest sich etwas albern, die Fische leben dort. treffender lässt sich eine dramatische Scene, in der es um das "Überleben" eines Marinesoldaten, nicht beschreiben, aber in Gehirnen die vom ökologischen Bewusstsein des schlechten Gewissens verseucht sind, möchte ich kein einsames Neuron sein...da würde ich ertrinken in dieser Sosse aus Strickpulli und Klimakterium...
4.
Eva Kröcher 12.01.2010
>da würde ich ertrinken in dieser Sosse aus Strickpulli und Klimakterium... Na ja, so ganz haben sie das wohl nicht verstanden, wenn sie schon mit diesem Niveau ankommen. Da kann ich nur Testosterone induced brain disconnection als Antwort geben. Übersteigerte Männlichkeit ist eine Seuche, im Gegensatz zu Haien. Und wo Sie Ihre Neuronen haben, nun ja...
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