Udo Lindenberg So eine Nachtigall singt erst nachts

Keine Panik auf dem "Rockliner" - bei einer Ostsee-Kreuzfahrt gibt sich Udo Lindenberg offen wie selten. Er zeigt, was er unter dem Hut verbirgt, singt für Fans und Freunde, trifft seine erste Liebe wieder.

DPA

Zum Autor
  • privat
    einestages-Autor Tim Pröse spürt für sein neues Buch "Samstagabendhelden" dem Gefühl ganzer Generationen nach und porträtiert Heroen aus glücklichen Fernsehzeiten: Udo Lindenberg, Götz George, Pierre Brice, Thomas Gottschalk, Hape Kerkeling, Barbara Schöneberger, Jan Fedder und viele andere. Dieser Text ist ein gekürzter Auszug.

Der alte Mann mag das Meer. 72 ist er inzwischen, schon als Junge wollte er zur See fahren. Im Spätsommer 2017 ist es mal wieder so weit: Für fünf Tage hat er das Hotel Atlantic, seinen Hamburger Heimathafen, verlassen und ist in die "Kapitänssuite" eines Kreuzfahrtschiffes gezogen. Udo Lindenberg und 2500 Fans sind mit dem "Rockliner" auf der Ostsee. Kurz vor Göteborg schaut er von einem Ledersofa durch Panoramascheiben hinaus, sein Blick geht von hier so schön bis zum Horizont. Und was da schwankt, das ist schon lange nicht mehr in seinem Blut, das sind bloß die Wellen unterm Bug.

Vor dem großen Fenster geht er auf und ab. Ein bisschen wie der Panther in Rilkes Gedicht, das er so mag: "Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte...". Seine Schritte federn jetzt. So flauschig-fein ist der Teppich, dass jeder Schritt lautlos versinkt - und eine Spur hinterlässt wie in Neuschnee. Draußen ist nur das Blau der See und des Himmels. Es ist einer jener Tage, an denen alles ineinander übergeht. Udo-Tage.

Mit etwas Glück kann man an solchen Tagen vollbusige Meerjungfrauen entdecken, die Udos Schiff begleiten - auf seinen Bildern, die auf dem Weg zum Bord-Buffet zum Verkauf aushängen.

Immerzu schmaucht er wie eine Lok im Leerlauf

In seinem Meeresdomizil hängt kein Lindenberg. Dafür eine Replik von Caspar David Friedrichs berühmtem Gemälde "Der Wanderer über dem Nebelmeer". Es zeigt einen Mann, der einen steilen Gipfel bezwungen hat. Friedrichs Meisterwerk wird oft wie ein Synonym verwendet auf Zeitschriften-Covern, wenn Deutschland Thema ist. Frühromantik, ein 200 Jahre altes Symbolbild. Und darunter sitzt eines von heute. Ein Spätromantiker, der "Mann mit dem Hut" ist ein Markenzeichen des modernen Deutschlands.

Von Schwaden ist auch Udo umgeben. Er pflegt sich selbst in Wolken zu hüllen, weil ihm der Qualm seiner Zigarre so gut schmeckt. Und weil er meist in und über den Wolken unterwegs ist mit seinem Kopf. Udo schmaucht ständig, wie eine Lok im Leerlauf.

Als man ihn früher traf, vor vielen Jahren, hatte das etwas von der Wucht und Panik eines Nahtoderlebnisses. Denn das Sterben hatte er, nüchtern betrachtet, häufiger erlebt. Mit einem Alkoholwert in den Adern, der ausgereicht hätte, seine sterbliche Hülle dauerhaft zu konservieren. Wie oft haben sie ihn entgiftet? Wie schwer waren seine Herzattacken?

Wer schon einmal hineingelinst hat in die Gegenwelt, geht künftig anders durch die wahre schöne - wacher, bewusster, gegenwärtiger. So wie Udo heute.

Fotostrecke

26  Bilder
Lindenberg auf Kreuzfahrt: Udo und die Dramen mit den Damen

Ein bisschen bleibt er aber auch nüchtern stets im Schleudergang. Seine Erfindung ist diese Fortbewegungsart, einst aus der Not geboren, als er betrunken torkelte auf der Bühne und breitbeinig Halt suchte. Jetzt spürt er schuhlos in neongrünen Socken besser, was unter ihm ist. Udos Barfußvorliebe ist bewusstseinserweiternd. Und er braucht die breite Krempe über der Brille und ihre großen schwarzen Gläser, weil unterm Hut und hinter dem Gestell alles immer auf Hochtouren arbeitet. Weil er alles wahrnimmt. In sich aufsaugt. Einatmet. Viel zu viel.

Udo sieht mehr als andere. Und endlich klar, seit er nicht mehr mathematisch "nach der Mengenlehre" trinkt. Auch auf dem "Rockliner" stehen backstage zwar immer noch die Silberkübel direkt neben dem Bühnenaufgang, beladen mit Champagner, Wodka & Co. in ihrem Eiswürfelbett, das beim Schmelzen leise vor sich hinknistert. Alle von der Band langen hinein. Bloß Udo nicht.

Auch Kati spricht Lindianisch

Und dann erscheint er und muss raus ins Licht, um eines seiner privatesten Konzerte zu geben. Für den harten Kern. Für seine Fans auf dem Schiff und zahlreiche Menschen, die ihm viele Jahre nahestanden - Schlüsselfiguren seines Lebens. Sein fünfter "Rockliner" kreuzt von Kiel über Aarhus bis Kopenhagen, darauf feiern bestimmt 200 passable Doubles ihres Idols.

Am nächsten Morgen kommt eine Frau auf mich zu. Sie sieht so aus, wie man sich eine Frau vorstellen würde, die Udo vor 40 Jahren geheiratet hätte. Sie ist auch so angezogen, als wären sie verwandt. Ihr Look schwebt zwischen Punk und Designerstoff, ihr üppiger Silberschmuck fällt auf. "Einen solchen Flügel hat mir Udo geschenkt", sagt sie. "Er soll mich beschützen auf meinen Wegen."

Sie ist Udos erste große Liebe und sieht einen an mit ähnlichen Augen, wie sie Udo hinter den Sonnenbrillengläsern versteckt. Sie hat diese Tiefgründigkeit in ihrem Blick, aus katzenartigen Augen. Ihre Haare sind stahlgrau und stachelig in die Höhe gebürstet.

ANZEIGE
Tim Pröse:
Samstagabendhelden

Persönliche Begegnungen mit den legendärsten Stars aus Film, Funk und Fernsehen

Heyne Verlag; 352 Seiten; 20,00 Euro.

Kati ist die Frau, die den ersten großen Schmerz in Udos Seele pflanzte, das erste Leid nach viel geteiltem Glück. Wenn sie davon erzählt, wie sie von ihm ging, dann in einer ähnlichen Sprache wie Udo. Als hätte sie zusammen mit ihm in der Grundschule gesessen und dort nicht erst Lesen und Schreiben, sondern dieses lindianische Deutsch gelernt. Sie spricht mit fast demselben Sound und Duktus wie er.

Von der Reling schaut sie weit aufs Meer und erzählt jetzt auch von der Tragik ihrer Udo-Liebe. Diese Frau scheint eine Weiche umgelegt zu haben in seinem Leben. "Unsere Beziehung war wie auf hoher See: mal himmelhoch jauchzend, dann wieder kurz vorm Ersaufen." Sie spricht von Extremen, von Eifersucht und Explosionen. Aber sie erinnert sich lächelnd. Freunde geblieben sind sie bis heute.

Dieses Türknarren in der Kehle

Vielleicht hat Kati, als sie Schluss machte, Udo diesen kleinen Riss in sein Herz geritzt, dieses Türknarren in seiner Kehle, nach dem seine Lieder klingen. Diese Melancholie, die uns, wenn er singt, warm umfängt und so viele Menschen in ihrer eigenen Trauer stärker macht.

Diese Frau ist nur etwas jünger als Udo und war lange Zeit eine sehr erfolgreiche Marketing- und Werbefrau. Sie choreografierte den legendären "Like Ice in the Sunshine"-Langnese-Spot fürs Kino, mit dem in den Achtzigerjahren die Pause zwischen Werbung und Film anbrach, bevor die Frau mit dem Eiskonfekt kam. Kati spielte selbst im Spot: Sie war die Punkerin mit dem schwarz geschminkten Mund, die dem verdutzten Popper das Eis ins Gesicht drückte.

Geschrieben worden ist bislang nichts über diese große Liebe. Dabei ist diese Frau ein Schlüssel zu Udos Seele - seinen Höhen und seinen Abgründen. Verewigt hat Udo seine erste große Liebe auch. In seinen Liedern "Bitte keine Love-Story" und der trotzigen Abrechnung "Das kann man ja auch mal so sehn" erinnert er sich an seine Kati.

Damals erfand er das Synonym seines Lebens: "Keine Panik!" Zu Zeiten, in denen genau diese beiden Worte noch nicht sein Lebensmotto waren, sondern eher ein Schwur, um künftig nicht mehr derart zu leiden. Denn Udo hatte Panik. Er wollte sie sich bloß nicht länger erlauben. Er wollte nicht mehr verletzbar sein.

Ein Rettungsring von Marlene Dietrich

Die Nachtigall, sie fängt auch heute erst richtig an zu leben, wenn der Tag sich neigt. Erst dann mag er singen und losfliegen und die Menschen erfreuen mit seinen Melodien. Deswegen trägt Udo auch einen Ring an seiner Hand, in den eine Nachtigall graviert ist.

An ganz besonderen Tagen steckt er noch einen hinzu. Seinen kostbarsten Schmuck. Marlenes Vermächtnis. Es war die große Dietrich, die ihm kurz vor ihrem Tod diesen Ring maßanfertigen ließ. Aus purem Gold, mit einer großen 7 darauf. Udo sagt: "Der steht für die sieben Tage der Woche. Und dass so viele Menschen ihre Tage einfach verschwenden. Diese 7 aber soll mich daran erinnern, jeden einzelnen Tag zu leben, als wär's der letzte."

Marlene Dietrich war Lindenbergs großes Idol und Deutschlands einzig wirklicher Weltstar. Sie ließ ab Ende der Siebzigerjahre niemanden mehr zu sich in ihr Appartement in der Avenue Montaigne in Paris. Doch Udo quartierte sich eine Straße weiter in einem Hotel ein und schickte ihr Tonbänder zu. Auf die sprach Marlene ihre letzten überlieferten Texte für ihn. Er veröffentlichte sie 1988 auf seiner CD "Hermine". Aus Dank für Marlenes letzte Worte ließ Udo später jede Stufe in Dietrichs Pariser Treppenhaus mit "roten Rosen der Liebe" pflastern.

Das mit dem Hut ist gut

Als Udo drohte, sich selbst zu verlieren und unterzugehen, da schenkte ihm Marlene Dietrich den Ring, der ihn mahnte, immer weiterzuleben, nicht zu sterben. Für Udo war es ein Rettungsring.

Nur manchmal noch grübelt Lindenberg bis heute, wie er all die eigenen Legenden unter einen Hut bringen soll. Denn irgendwann in unseren Bord-Gesprächen frage ich ihn, was sich unter seinem Markenzeichen verbirgt. Ob ich die Frage sinnbildlich meinte oder ganz banal, ich weiß es nicht mehr.

Da lupft Udo jenen heiligen Hut - bloß für Sekunden. Ich weiß gar nicht, ob ich jetzt hinsehen soll oder lieber nicht, denn das da oben ist doch sein ganz privates Niemandsland. Ich schaue. Und der Mann vor mir scheint augenblicklich ein anderer. Ein netter, älterer Herr, der sich mit der Hand über die Restfrisur fährt, die "äußerst sensiblen Haare". Von denen noch erstaunlich viele hervorlugen: "Die Leute denken, da sei gar nix mehr drunter, stimmt nicht, schau mal." Er trage die Frisur jetzt halt "in Scheibletten".

Sein Hut und seine Brille verbergen die Hälfte eines Gesichts, das für einen Rocker vielleicht zu weiche Züge trägt. Es verrät sofort, wie ihm zumute ist. Sein Blick ist zugewandt. Und so schützt die Brille vor zu viel Offenheit. Der Mund darunter biegt sich wie eine Berg-und-Tal-Bahn. Und das mit dem Hut ist gut.

"Der Scheitel is'n bisschen verrutscht, ne? Aber der Mann unterm Hut is voll am Start, ein Entdecker, kolumbusmäßig", sagt er. Muss ja nicht jeder gleich sehen. Und so zieht er den Hut wieder fest und tief in die Stirn, lächelt. Dann atmet er eine letzte Rauchschwade aus und verschwindet. Wo er war, steht noch lange eine Wolke in der Luft.



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thorben Branke, 13.11.2018
1. Ist eine ...
... Rilke-Handschrift von "Der Panther" nicht gerade in Gottschalks Villa in Malibu in Flammen aufgegangen? #unersetzlicherverlust
Markus Staudt, 13.11.2018
2. Ohne Zweifel...
...hat Udo den Zeitgeist mitgeprägt und den 70ern und 80ern seinen Stempel aufgerückt. Ich zeige Respekt vor seinem Schaffen und dafür, dass er überhaupt noch lebt ^^. Auch wünsche ich ihm alles Gute und noch viele Jahre. Das alles ändert aber nichts daran, dass ich persönlich ihn zu jeder Zeit einfach nur furchbar fand und immer noch finde. Sein Markenzeichen: die nölige, leierige Stimme und Texte die dem sprachlichen Niveau von Halbwüchsigen nie entwachsen sind, lassen meine Hand automatisch einen anderen Sender wählen, wenn er mal im Radio erklingt. Seit den 70ern...
Hans Großer, 13.11.2018
3.
Tim Pröse hat etwas vergessen, dass nämlich Udo Lindenberg einer der ganz wenigen war, die die deutsche Sprache hochgehalten haben. Und das tut er bis heute. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Lange Zeit wurde Udo Lindenberg dafür verlacht, finden mittlerweile viele deutschsprachige Künstler zu ihrer Muttersprachesprache zurück. Geblieben ist, dass heutzutage alles, was unter deutscher Schlager läuft, in der sogenannten Fachkritik zerrissen, bestenfalls verlacht wird. Auch im "Spiegel" ist das seit Jahren so, dessen Kritiker suchen und werden immer nur in den USA oder GB fündig, wenn sie das meinen, was für sie gute Musik halten. Den Blick in andere Länder verwehren sie sich. Und deshalb haben wir keine kulturelle Vielfalt in Deutschland, sondern einen angelsächsischen Einheitsbrei.
Uwe Schwanke, 13.11.2018
4. Ich weiß nicht, ich weiß nicht...
...was haben die Medien bloß immer wieder mit "Udo Lindenberg"? Ich meine, der Mann hat in den 70ern in Deutschland etwas eigenes und besonderes gemacht - okay. Dann noch der "Sonderzug nach Pankow" in den 80ern - supi. Aber was dann sonst noch? Das Gemache um diese Person (Dokus, immer wieder Presse, Kreuzfahrten, ein Musical???) erscheint befremdlich vor dem Hintergrund einer rein "deutschen Karriere" mit quasi 30-jähriger Schaffenspause, oder?
michael zimmermann, 13.11.2018
5. Fein gestrickt...
dieser Beitrag, sehr lohnende Lektüre. Der SPIEGEL sollte mehr solche Auszüge bringen ! DANKE.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.