Überfall auf Polen Staub über Masuren

Überfall auf Polen: Staub über Masuren Fotos
Otto Cramer

Aus der Übung wurde plötzlich Ernst: Der 27-jähiger Junglehrer Ludwig Cramer führte im September 1939 eine Munitionskolonne in den Krieg. In Briefen an seinen Vater berichtete er von den ersten Tagen des Überfalls der Wehrmacht auf Polen. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    3.4 (15 Bewertungen)

Der Junglehrer Ludwig Cramer war 27 Jahre alt, als er als Zugführer einer Munitionskolonne zu Pferd im August 1939 an einer Wehrübung teilnahm. Nach Adolf Hitlers Reichstagsrede am 1. September wurde die Übung ernst, und der sogenannte Polenfeldzug begann. Ludwig Cramer zog in den Krieg. Zweifel an dem Unternehmen schien der junge Mann nicht zu haben. Dass die Nationalsozialisten ihre rassistische Ideologie in Form der Nürnberger Rassengesetze zu jener Zeit längst institutionalisiert hatten und die antijüdische und antislawische Propaganda auf Hochtouren lief, wird in den Aufzeichnungen des jungen Soldaten deutlich. Seine wenigen aber umso drastischeren Worte über die Juden, denen er begegnete, spiegeln den Geist einer Gesellschaft, deren maßloses Streben nach Macht auf der Überzeugung beruhte, von Natur aus überlegen zu sein. Ludwig Cramer gilt als 1944 in der Sowjetunion verschollen. Über die ersten Tage des Zweiten Weltkriegs schrieb er 1939 an seinen Vater, einen Bielefelder Justizrat:

Auf dem Hof wimmelte es von Pferden und Zivilisten. Außer den Herren Offizieren sah man noch niemanden in Uniform. Die Mannschaften wurden geschlossen auf eine Weidekoppel geführt. Dort mussten sie sich entkleiden und für etwa eine halbe Stunde Nacktkultur treiben. Bei der großen Hitze war das gar nicht so unangenehm. Geschlossen traten wir danach zur Einkleidung an. In zwei Stunden hatten wir alle Klamotten empfangen. Die Sachen waren funkelnagelneu, von den Stiefeln bis zur Feldmütze.

Im Laufe des nächsten Tages wurden uns die Geschirre und das Sattelzeug verpasst. Die Pferde wurden noch einmal durchgemustert. Am dritten Tage machten wir eine Fahrübung und bezogen in einem Wäldchen Biwak. Es wurden Stallleinen gezogen und die Pferde daran angebunden. Vor oder hinter den Pferden wurden die Vorratszelte aufgebaut. Das große Stabszelt wurde etwas abseits errichtet. Für dieses Zelt waren sogar ein Tisch und vier Stühle vorgesehen. Ein besonderer Luxus war die großartige elektrische Beleuchtung. Jedenfalls war die erste Nacht im Biwak recht romantisch.

Der Marsch nach der Stadt Arys war recht anstrengend. Die unerträgliche Hitze, der Staub und das ungewohnte Sitzen im Sattel peinigten uns. Vor Arys waren die Straßen verstopft. Die ganze Nacht durch waren wir marschiert, nun mussten wir warten. Wir hauten uns in den Straßengraben und versuchten zu pennen. Gegen 15 Uhr trafen wir im Lager ein. Auf dem Übungsplatz wurden wir noch einmal ausgebildet. Ein Schulschießen sämtlicher Batterien der Abteilung fand statt. Ich war in einer Leutnantsbaracke gut untergebracht. Abends saßen wir im Offiziersheim zusammen und aßen dort, um einmal etwas anderes zu genießen als Feldküchenkost. Einmal hat mich meine Frau Elfriede besucht. Sie war mit dem Rade gekommen und brachte mir so allerhand mit.

Hitlers Reichstagsrede

Am 25. August hieß es, dass wir zu einer Übung ausrücken. Wir waren alle der Meinung, dass wir wieder zurückkehren würden in unsere Baracken. Unser Gepäck ließen wir deshalb zum größten Teil im Lager zurück. Unterwegs hieß es dann plötzlich, dass die Abteilung nicht mehr zurückkehren, sondern vorrücken würde. Wohin, das wusste niemand. Das Gepäck und alles, was zurückgeblieben war, musste von unseren Lastwagen nachgeholt werden. Die Abteilung marschierte weiter, nachts natürlich. Morgens kamen wir in Groß Krösten, einem kleinen Dorf in der Nähe Lötzens, an. In einem Kiefernwäldchen, am Fluss San gelegen, bezogen wir Biwak. Über eine Woche lagen wir an derselben Stelle und warteten. Was sollte nun werden?

Als unser Führer am 1. September die Reichstagsrede hielt, brauste schon ein Geschwader nach dem anderen über unsere Köpfe. Unsere Abteilung aber lag immer noch im Biwak. Es kam kein Befehl zum Abmarsch. Wir hatten in der Zwischenzeit eine Belagerungsübung der Festungslinie bei Lötzen gemacht. Deshalb dachten wir, Ostpreußen würde sich am Anfang auf die Verteidigung beschränken, und unsere Brigade sei dazu ausersehen, den ersten Stoß aufzufangen. Es kam aber alles ganz anders.

Am 4.September rückten wir endlich ab. Wir bezogen um die Mittagszeit des 5. Septembers das Lager Schlagakrug. Hier stießen wir auf motorisierte Truppen. Die Panzergrenadiere erzählten uns, sie seien durch den Grenzraum gefahren, ohne auf Widerstand gestoßen zu sein. In Schlagakrug hatten wir keine Ruhe. Nachmittags gegen 16 Uhr brachen wir schon wieder auf. Vorher nahm ich die Gelegenheit wahr, mit einigen Flüchtlingsfamilien aus Flosten, einem Nachbarort von Groß Rogallen zu sprechen, die mir berichteten, dass die Polen in Groß Rogallen nur ein Gehöft niedergebrannt hätten. Die Zivilbevölkerung sei in Sicherheit.

Staub so weit das Auge reicht

Unser Vormarsch ging weiter quer durch den Übungsplatz auf schäbigen Sandwegen. Die Dürre machte den Staub zu einer furchtbaren Plage. Wir konnten durch diese Dreckwolken kaum 20 Meter weit sehen. Die Staubwolke war kilometerlang. Die Hauptstraßen mussten für die motorisierten Divisionen freigehalten werden. Wir näherten uns auf Sandwegen der Grenze. Im vorletzten Dorf mussten wir halten. Ein Panzer nach dem anderen raste an uns vorbei. Sie waren zum Vormarsch auf die polnische Stadt Lomza eingesetzt.

In der Nacht vom 5. zum 6. September überschritten bei Schwidden die ersten deutschen Truppen die Grenze. Voran die schweren und leichten Panzer. Daran schlossen sich an: motorisierte Artillerie, schwere und leichte Flak, Panzerabwehr, motorisierte Infanterie und kilometerlange Lastwagenkolonnen. Unsere Abteilung war an die Straßenseite gedrängt. Stunden um Stunden mussten wir warten. Wir hielten an einem verlassenen polnischen Zollhause. In dem Dienstzimmer sah es wüst aus. Papier, Bücher, Scherben verstreut auf dem Fußboden. Wenigstens ein Ofen in der Stube. Sofort wurde angeheizt, sodass wir unsere durch das lange Warten durchfrorenen Körper wieder aufwärmen konnten. Ich war auf einem Papierkorb sitzend eingeduselt, als es plötzlich hieß "Fertigmachen!" Als ich auf der Straße war, war unsere Kolonne schon in Bewegung. Nach 300 Metern hieß es wieder "Halt!".

Wir machten Rast etwa 300 Meter seitwärts von der Marschstraße. In der Nähe unseres Biwakplatzes muss wohl ein großes Gut gewesen sein, denn es standen auf einem weiten Stoppelfelde drei große Stoggen ungedroschenen Hafers und Gemengestrohs. Wir hatten also wunderschönes Futter für unsere Pferde. Da ich im Laufe unseres Vormarsches überall solche Stoggen feststellte, nehme ich an, dass dieser gestapelte Vorrat zur Verpflegung der polnischen Kavallerie gedacht war. An diesem großen Strohhaufen hauten wir uns an der windgeschützten Seite hin, deckten uns mit Pferdedecken zu und ließen uns von den ersten Strahlen der Morgensonne aufwärmen.

"Der jüdische Mob unter dem Eindruck der Bajonette"

Gegen Mittag brachen wir schon wieder auf. Wir waren etwa 500 Meter marschiert, als wir an eine gesprengte Brücke kamen. Die Kolonne musste den Straßendamm verlassen und eine moorige Stelle auf einem Knüppeldamm überqueren, den die Pioniere in der Nacht errichtet hatten. Die Pferde mussten vorsichtig geführt werden. Die Balken und Bretter krachten und splitterten. Auch an diesem Tage stockte der Vormarsch alle halbe Stunde. Motorisierte Kolonnen überholten uns oder schoben sich in unseren Verband, wenn die Straße schon gestopft voll war. Sanitätswagen, die von der Front zurückkamen, konnten nur unter großen Schwierigkeiten durchgeschleust werden. Drei Kilometer hinter der Grenze erreichten wir das erste polnische Dorf. Außer einem Wirrwarr von durchgeschnittenen Telefonleitungen waren noch keine Kriegsspuren festzustellen. Vor den Hütten der Dorfbewohner standen die Frauen, die Kinder spielten im Sande, als wenn nichts gewesen wäre. Die schmierigen zerlumpten Bälger fingen sogar an zu betteln. Unsere Kameraden warfen ihnen Pfefferminzdrops zu, um die sie sich im Straßengraben rauften.

Als wir durch Szczuczyn zogen, zehn Kilometer von der Grenze entfernt, saßen schon unsere Kameraden vor den Häusern an Tischen und stärkten sich mit Flaschenbier, Schnaps und Zigarren. Die gesprengte Brücke in der Stadt war schon wieder aufgebaut worden. Der jüdische Mob hatte kräftig an der Wiederherstellung mitgewirkt unter dem Eindruck der Bajonette. Das freche jüdische Gesindel bewegte sich im übrigen frei und ungehindert. Judenbengel standen an den Straßenecken, Zigaretten in der Schnauze und Hände in den Hosentaschen vergraben. Nach Polen habe ich vergeblich gesucht. Die Karikaturen im Stürmer sind keineswegs übertrieben. Ein ekelerregender Anblick.

In einem Dorfe hinter Szczuczyn hielten wir an. Furchtbare Wegeverhältnisse. Die Räder gruben sich tief in den losen Sand. Auf einem Kartoffelacker lagen verstreut Tornister, Gasmasken, auch Mäntel. Ausrüstungsgegenstände, die die Polen auf ihrem Rückzuge hatten liegen lassen. Ein Vorkommando von allen Einheiten unseres Verbandes wurde vorgeschickt. Im Trabe über das kahle, freiliegende Gelände. Durch den Staub konnte man kaum seinen Vordermann sehen. Mein Pferd stolperte, stürzte, Ross und Reiter ein Knäuel. Schwein gehabt. Ich stand auf, schwang mich wieder auf meinen Gaul und ritt nach.

Artikel bewerten
3.4 (15 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH