Überleben im Untergrund Warten auf die Deportation

Überleben im Untergrund: Warten auf die Deportation Fotos
Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten/Hilde Klinkusch (geb. Gordon)

Die Nazis nannten sie eine "Dreivierteljüdin", sie wusste gar nicht, was das ist: Hilde Gordon war fünf Jahre alt und lebte bei "arischen" Pflegeeltern, als Hitler die Macht übernahm. Drei Jahre lang musste sich das Mädchen verstecken, um zu überleben. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    2.9 (512 Bewertungen)

Als Hilde Gordon 1927 in Hamburg-Horn als Tochter eines Juden und einer später so titulierten "Halbjüdin" geboren wurde, schlug die politische Stimmung in der labilen Weimarer Republik bereits langsam um. Die wenigen stabilen Jahre der ersten deutschen Demokratie gingen zu Ende, wenngleich es noch nicht danach aussah.

Als sie fünf war, starb Hildes Vater, die Eltern waren schon geschieden. Bis 1933 lebte sie bei ihrer leiblichen Mutter, dann heiratete diese erneut. Hildes Stiefvater, ein überzeugter Nationalsozialist, wollte nicht, dass seine Kinder mit der "Dreivierteljüdin" aufwachsen. So kam sie zu Pflegeeltern, den Petersens, die sie fortan "Oma" und "Opa" nannte. Vor allem mit ihrem "Opa" verstand sie sich gut. Aber es gefiel Hilde nicht, dass die "Oma" immer so schlecht von ihrer leiblichen Mutter redete, weil diese, um ihrem Mann zu gefallen, das Kind aus erster Ehe weggegeben hatte.

Hilde wurde 1933 in die Ostlandschule in Hamburg-Horn eingeschult. Sie hat schöne Erinnerungen an ihre Grundschulzeit. Als das Mädchen in der 4. Klasse war, wurde sie bei der Schuluntersuchung zum ersten Mal gefragt, ob sie bei den "Jungmädeln" sei. Hilde hätte gerne auch mitgesungen, wäre gerne mitgewandert, aber sie durfte nicht. Also antwortete sie wahrheitsgemäß mit "Nein" und fügte hinzu, dass sie gerne mitmachen würde, aber nicht wisse, warum sie ausgeschlossen sei. Der Schularzt wechselte tuschelnd einige Worte mit der Lehrerin und nickte verständig. In diesem Moment hatte Hilde Gordon zum ersten Mal das Gefühl, anders zu sein. Sie war ausgeschlossen.

"Das erklären dir deine Pflegeeltern!"

Kurze Zeit später erhielt Hilde Gewissheit. In der Pause rief die Lehrerin sie zu sich, nahm sie in dem Arm und teilte ihr widerstrebend mit, morgen brauche sie nicht mehr zu kommen. Und plötzlich, auf die Frage wieso nicht, brach die Lehrerin in Tränen aus: "Das erklären dir deine Pflegeeltern!" Die Tochter eines assimilierten, seinem jüdischen Glauben fern stehenden Mannes und einer "Halbjüdin", die aus freien Stücken nach dem Machtantritt Hitlers am 30. Januar 1933 einen überzeugten Nationalsozialisten geheiratet und ihre eigene Tochter weggegeben hatte - Tochter also zweier vom Regime so genannten "Rassejuden", im Gegensatz zu den "Glaubensjuden" - die jetzt bei areligiösen, aus dem Arbeitermilieu stammenden Pflegeeltern aufwuchs, bekam plötzlich das Etikett "Jüdin": Durch den Schulverweis erfuhr Hilde Gordon, dass sie zu einer Kategorie von Menschen gehören sollte, die ihr völlig fremd war. Sie kannte das Alte Testament nur aus dem evangelischen Religionsunterricht, unter den Worten Rabbiner, Synagoge, Talmud oder Thora konnte sie sich nichts vorstellen. Plötzlich und unvermittelt wurde sie zur Jüdin im Sinne des von den Nationalsozialisten erlassenen "Reichsbürgergesetz".

Von nun an musste Hilde Gordon die jüdische Schule besuchen, zunächst in der Johnsallee in Hamburg-Harvestehude, später in der Talmud-Thora-Schule am Grindelhof. Doch das stattliche Gebäude weckte bald Begehrlichkeiten, 1940 mussten die Schüler auf Anweisung von Hamburgs Gauleiter Karl Kaufmann den Backsteinbau räumen, die Hochschule für Lehrerbildung zog ein. Ihre restliche Schulzeit verbrachte Hilde in der ehemaligen Israelitischen Töchterschule im Karolinenviertel.

Nach wie vor lebte das Mädchen bei seinen Pflegeeltern. Trotz allem: Sie mochte es nicht, wenn die "Oma" schlecht über Elisabeth Drefahl, ihre leibliche Mutter, sprach. Jeden Tag fuhr Hilde mit der Bahn aus Hamburg-Horn zur Schule. Den gelben Stern, der sie als Jüdin kennzeichnete, verdeckte sie unzureichend mit ihrer Schultasche. Wenn Hilde durch die Straßen ging, wurde sie von Kindern, die viel kleiner waren als sie, mit Steinen beworfen. Wehren durfte sie sich nicht, das hatten die Lehrer ihr eingeschärft: "Dann wird es nur noch schlimmer!"

Sehnsucht nach der Mutter

Von der Bahn aus sah sie manchmal ihre Mutter, deren Haus direkt an der Strecke lag. Eines Tages wollte Hilde sie besuchen, doch als sie ausgestiegen war, stand die Mutter nicht mehr in ihrem Garten. Die Sehnsucht nach der leiblichen Mutter wurde immer stärker. An einem Tag ging sie nach der Schule nicht zu den Pflegeeltern, sondern zum Haus ihrer Mutter. Von da an besuchte sie sie regelmäßig: Weil der Ehemann als Soldat an der Front war, konnte er Mutter und Tochter den Kontakt nicht mehr verbieten.

Als im Oktober 1941 die Deportation der Hamburger Juden in die Lager Lodz, Minsk, Riga, Auschwitz und Theresienstadt begann, war für Hilde schon ein neuer amtlicher Vormund ernannt worden: Harry Goldstein, Mitarbeiter der Jüdischen Gemeinde. Goldstein fungierte als Vormund für viele jüdische Waisenkinder und war gleichzeitig Verbindungsmann zur Gestapo. Sein Sohn Heinz Goldstein erinnert sich: "Mein Vater bekam die Listen zur Deportation und musste die Unglücklichen informieren." Harry Goldstein bemühte sich zu helfen, wo er konnte.

Hildes Mutter hatte eine Eingabe beim "Reichssippenamt" in Berlin gemacht: Es gebe einen "arischen" Großvater, Hilde sei eigentlich nur "Halbjüdin" und wäre so zunächst vor der Deportation geschützt gewesen. Doch die Auskunft aus Berlin lautete: "Ruht bis nach dem Kriege" - man hatte dort Wichtigeres zu tun. Also war Hilde weiterhin wie die "Volljuden" für den Transport in ein Vernichtungslager bestimmt.

Mit gepackter Tasche am Sammelplatz

Bald stand die inzwischen 15-Jährige auf einer der Deportationslisten. Am Tag vor der Abfahrt kam Harry Goldstein nach Horn zu Hildes Pflegeeltern. Er überbrachte den Deportationsbefehl persönlich und erklärte die Einzelheiten: Am frühen Morgen müsse Hilde sich auf dem Moorweidenplatz einfinden. Und das Mädchen kam. Heute ist nicht mehr festzustellen, an welchem Tag Hilde Gordon zum ersten Mal auf der Moorweide stand und wartete. Vermutlich war es einer der Julitransporte 1942. Doch an diesem Tag war sie nicht unter den Deportierten.

Goldstein hatte ihr am Tag zuvor eindringlich gesagt: "Halte dich abseits! Ich versuche, dich von der Liste zu streichen!" Am Morgen ging er in das von der Gestapo genutzte "Logenhaus" an der Moorweide und verlangte nach dem zuständigen Beamten. Ihm erklärte er mit klarer Stimme, dass beim Reichssippenamt in Berlin ein Antrag liege, über den noch nicht entschieden sei. Das Aktenzeichen wisse er leider gerade nicht, aber die Beweislage sei eindeutig, es sei nur eine Formalität, dass Hilde Gordon als "Halbjüdin" anerkannt werde. Den Vermerk "Ruht bis nach dem Kriege" erwähnte er nicht.

So wurde Hilde von der Liste gestrichen und konnte wieder nach Hause gehen. Bei jedem weiteren Transport stand sie wieder auf der Liste. Jedes Mal ging sie zum Moorweidenplatz und hielt sich abseits. Jedes Mal gab sich Harry Goldstein kurz zu erkennen, betrat das Logenhaus, sagte seinen Text und kehrte mit zufriedenem Gesichtsausdruck zurück. Er suchte Hilde in der wartenden Menge, kam langsamen Schrittes auf sie zu und sagte: "Ich hab dich von der Liste gestrichen, geh schnell wieder nach Hause!" Diese Szene wiederholte sich bei allen Transporten, solange Hilde in Hamburg blieb. Immer wieder fragte sich das Mädchen, wohin die Menschen wohl fahren würden, die mit ihr dort standen. Angst hatte sie nicht, eher ein abenteuerliches Gefühl, wie vor einer Auslandsreise, die sie noch nie gemacht hatte. Ihr unglaubliches Glück wurde ihr erst viel später bewusst.

"Am besten ist, man lebt nicht mehr"

Hildes Leben war kompliziert: Sie wusste nicht, wohin sie gehörte. Da war ihre Mutter mit ihren Kindern, Hildes Halb- und Stiefgeschwister, da waren die Pflegeeltern und Harry Goldstein, der sich bemühte, für sie da zu sein. Eines Abends, als Hilde zu Besuch bei ihrer Mutter war, traute sie ihren Augen kaum: Mitten im Krieg tischte die ein Festmahl auf. "Sie muss die Lebensmittelkarten für mindestens einen Monat gehortet haben", dachte Hilde. Nach dem Essen, als die kleineren Kinder schon im Bett lagen - die Mutter hatte sie liebevoll verabschiedet - holte Elisabeth Drefahl ihre älteste Tochter zu sich auf das Sofa, nahm sie in den Arm und seufzte: "Ach weißt du, am besten ist, man lebt gar nicht mehr!" Nachdem sie einige Zeit auf dem Sofa gesessen hatten - die 15-Jährige dachte sich nicht viel dabei - wünschte die Mutter auch ihr eine gute Nacht. Am nächsten Morgen lag Elisabeth Drefahl nicht mehr in ihrem Bett. Sie fanden sie in der Küche, wo der Gashahn noch immer nicht abgedreht war. Es war der 27. März 1942, Hildes Mutter wurde 42 Jahre alt.

Als Ende April die letzte jüdische Schule in Hamburg, Hildes Schule in der Karolinenstraße, geräumt wurde, stand das Mädchen mit 15 ohne Schulabschluss da. Sie schwebte in ständiger Gefahr, deportiert zu werden. Zunächst war nicht klar, wo sie bleiben sollte. Der Freitod ihrer Mutter belastete sie schwer. Hilde suchte bei Freunden und Bekannten Unterschlupf, denn es war nicht mehr sicher, wie lange "Oma" und "Opa" noch dem Druck standhalten würden, das "nichtarische" Pflegekind endlich wegzugeben.

Doch noch einmal kam es anders: Hildes Pflegeeltern wurde angesichts der immer heftigeren Fliegerangriffe und der Flugabwehrstellung auf dem Dach ihres Mietshauses in Horn langsam mulmig in der Großstadt. Den Feuersturm, den der englische Fliegerangriff unter dem Namen "Operation Gomorrha" im Sommer 1943 auslöste, erlebten Hilde und ihre Pflegeeltern weit entfernt in Bayern. Als die Petersens nach Hamburg zurückkehrten, entschied sich das Mädchen, zu einer in Freiburg lebenden Halbschwester, einer Tochter aus der ersten Ehe des leiblichen Vaters, zu ziehen.

Ein paar Monate Normalität

In Freiburg erzählte sie, dass sie in Hamburg ausgebombt sei, ihre Papiere seien verloren. Einige Monate lang erlebte Hilde beinahe "Normalität": Sie bekam Lebensmittelkarten für "Arier", keiner wusste von ihrer jüdischen Identität. Sie fand sogar eine Arbeitsstelle bei einem Schneider. Der teilte ihr nach zwei Tagen beiläufig mit, er habe ihre Papiere beim Hamburger Arbeitsamt angefordert. Hilde entschloss sich, nach Hamburg zurückzukehren - denn dort war sie noch immer als Hildegard Sara Gordon bekannt.

Harry Goldstein schaffte es, Hildes Ausflug in die "Normalität" zu decken. Doch das Verhältnis zu den Pflegeeltern war gestört, die 16-Jährige wollte ihnen nicht länger zur Last fallen. So kam sie bei einer entfernten Verwandten unter, die ihr Zimmer mit ihr teilte. Immer wieder gab es Leute, die ihr halfen: Am Lehmweg in Hamburg-Hoheluft bekam sie von Lebensmittelhändler Maank trotz des "J" auf ihren Lebensmittelkarten immer wieder etwas zu Essen. Dabei konnte er ihre Karten gar nicht einreichen, schließlich durften diese nur die wenigen noch vorhandenen "Judenläden" im Grindelviertel annehmen.

Erlösende Meldung aus dem Radio

In den letzten Kriegsmonaten konnte der "Opa" die "Oma" überreden, Hilde wieder einziehen zu lassen, nur kurze Zeit später starb der Pflegevater. Das Kriegsende erlebte Hilde mit ihrer Pflegmutter im Luftschutzkeller. Am 3. Mai hatte irgendjemand aus dem sechsstöckigen Mietshaus sein Radio mit nach unten genommen. Hamburgs Gauleiter Karl Kaufmann verkündete: "Das Schicksal dieses Krieges kann nicht mehr gewendet werden. Der Kampf aber in der Stadt bedeutet ihre sinnlose und restlose Vernichtung. Mir gebieten Herz und Gewissen, unser Hamburg, seine Frauen und Kinder, vor sinnloser Vernichtung zu bewahren." Hilde rannte von Wohnung zu Wohnung, um das Kriegsende zu verkünden. Kurze Zeit später starb auch ihre letzte Bezugsperson, die "Oma". Mit 17 Jahren war Hilde Gordon nun ganz allein.

Es war wieder einmal Harry Goldstein, der sich ihrer annahm: Hilde Gordon wurde Bürokraft im Israelitischen Krankenhaus. Zwar fielen ihr Rechtschreibung und Zeichensetzung schwer, seit ihrer Grundschulzeit hatte sie kaum etwas gelernt. Die zahllosen Schulwechsel und die Endzeit-Stimmung unter Schülern und Lehren in den jüdischen Schulen hatten das Lernen unmöglich gemacht. Doch sie eignete sich die wichtigsten Dinge an, die sie für ihren Beruf brauchte. Was für immer blieb, waren die Hemmungen im Umgang mit unbekannten Menschen. Selbst ihrem Mann hat sie kaum aus ihrer Vergangenheit erzählt.

Dieser Artikel basiert auf einem preisgekrönten Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Weitere Informationen zum Originalbeitrag "Lichter im Dunkeln. Hilfe für Juden in Hamburg 1933-1945" von Benjamin Herzberg können in der Datenbank des Geschichtswettbewerbs recherchiert werden.

Artikel bewerten
2.9 (512 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH