Überleben in Auschwitz Püppchen für die Massenmörder

Überleben in Auschwitz: Püppchen für die Massenmörder Fotos
privat

Magda Watts wird als Teenager nach Auschwitz deportiert. Sieben Monate verbringt sie im Konzentrationslager, danach wird sie zur Zwangsarbeit nach Nürnberg verschleppt. Den Holocaust überlebt sie nur, weil eine Lageraufseherin eine Schwäche für Puppen hat. Von

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Ihre Eltern werden ermordet, auch ein Bruder und eine Schwester mit kleiner Tochter. Wie Magda Watts selbst den Holocaust überleben konnte, schildert sie in eigenen Worten so:

Ich bin 1929 in Nyíregyháza, einer Kleinstadt in Ungarn, geboren, als sechstes und letztes Kind der Familie Segelbaum. Am 18. März 1944 wurde ich 15 Jahre alt. Einen Tag danach marschierten die Deutschen in meine Heimatstadt ein und meine Kindheit war zu Ende.

Bereits eine Woche später gab es überall Ghettos und bald danach erhielten wir den Befehl, unsere Sachen zu packen. Pferdewagen brachten uns aus der Stadt, vorbei an hämisch lachenden Ungarn, die sich schon auf unsere Wohnungen und Möbel freuten. Man brachte uns in ein Sammellager nach Nyírjes Puszta. Dort kamen wir in Pferdeställen unter, bis wir am 5. Mai zur Eisenbahn gebracht wurden. Um uns zu beruhigen sagten sie uns, es ginge in ein Arbeitslager. Wie Schafe wurden wir in Waggons verladen, die Leute pressten ihr spärliches Habe an sich und hielten ihre Kinder an den Händen, um sie nicht zu verlieren.

Im Viehwagen ins Konzentrationslager

Nach vier entsetzlichen Tagen Zugfahrt wussten wir weder, wo wir sind, noch wo wir hinkommen würden. Den Männern erlaubten sie, auszusteigen, um Wasser zu holen. Sie kamen mit der Nachricht zurück, dass wir Ungarn bereits verlassen hatten. Sie hörten außerdem, dass in Deutschland nur die Erwachsenen in Arbeitslager gebracht würden, die Kinder aber woanders hinkämen. Daraufhin hat mir meine Mutter die Haare hochgekämmt, mein Unterhemd ausgestopft und mein Gesicht mit Lippenstift und Puder geschminkt. Ich war für mein Alter groß gewachsen und deswegen sah ich, mit Mutters Hilfe, wie eine junge Frau aus. Damit rettete sie mich am ersten Tag vor der Gaskammer.

Der Zug kam zum Stillstand und die Waggontüren flogen auf. Wir erblickten lebende Skelette in Lumpen hinter Stacheldraht, soweit das Auge reichte: Auschwitz. Dazwischen liefen Deutsche mit riesigen Schäferhunden herum und brüllten ständig: "Los! Los!". Wir stiegen aus und mussten uns in Fünferreihen aufstellen, Männer und Frauen getrennt. Der Gestank war unerträglich. Langsam schritten die Reihen vorwärts, an SS-Männern vorbei. Einer von ihnen, ein schöner Mann mit einem Engelsgesicht, stand sichtlich gelangweilt da und bewegte nur seinen rechten oder linken Daumen, um damit die Richtung anzuzeigen, in die man gehen sollte. Wir wurden von Mengele sortiert.

Er deutete auf Mama und fragte uns: "Ist sie eure Mutter?" Wir Töchter bejahten seine Frage und sofort wurden sie mit Bözsi und ihrer Kleinen nach links, Sári und ich aber nach rechts dirigiert (Bözsi und Sári waren Magdas Schwester - Anm. d. Autors). Die drei mussten einen Lastwagen besteigen, wir blieben zurück.

Hunger in Auschwitz

Zu acht schliefen wir auf einer Pritsche und fühlten den Schweiß der anderen unter der alten, stinkenden Kotze. Wenn eine sich umdrehen wollte, mussten sich alle mitdrehen. Von der Decke des Blocks tropfte ständig Wasser auf uns herab, wir alle bekamen damals Rheuma. In den ersten Tagen konnten wir den Fraß, den es zum Essen gab, nicht herunterbekommen. Aus dem benachbarten Tschechenlager schauten die hungernden Kinder flehend zu uns hinüber.

Einmal nahm ich den langen Stock, der immer beim Stacheldraht lag, und schob damit meinen Blechnapf durch den Zaun. Ein kleiner Junge rannte hin und ich musste mit Entsetzen sehen, wie er an einen Hochspannungsdraht kam. Sein ganzer Arm wickelte sich um den Draht und sein Körper färbte sich bis zum Hals blau. Sein Vater hielt ihm einen Holzhocker hin und zog damit den Jungen vom Draht weg und rettete dessen Leben. Zwei Wochen später wurde der Junge vergast.

Im Lager sprach sich herum, dass ein geheimnisvoller Mann Frauen für ein Arbeitskommando aussuchte. Eine Woche später, an einem nebligen Herbsttag, erschien dieser Mann in unserer Baracke. Er blieb eine Zeitlang in der Tür stehen, umgeben von Nebelwolken. Er trug einen dunkelblauen Wintermantel und einen Hut. Mir fiel sofort auf, dass er nur ein Ohr hatte. Er ließ uns Mädchen antreten und lief die Reihen ab. Ohne eine Gefühlsregung suchte er einige von uns aus. Meine Schwester Sári wollte er mitnehmen, mich nicht.

Eine Spielkameradin aus Lumpen

Am nächsten Morgen war der Nebel noch dichter. Die ausgesuchten Mädchen mussten sich in Fünferreihen aufstellen und jede bekam eine Pferdedecke. Ich nutzte den Nebel und versteckte mich schnell unter der Decke meiner Schwester. Am Tor zählten sie die Reihen und wir zitterten davor, was jetzt wohl geschehen würde. Aber mein Gott beschützte mich wieder einmal: Wir waren die letzte Reihe, die mit dem Transport mitgenommen wurde.

Auf der Fahrt mit dem Zug massierte Sári unentwegt meine vollkommen abgemagerten Beine. Trotzdem konnte ich bei unserer Ankunft nicht aus eigener Kraft laufen. Zwei andere Mädchen trugen mich aus dem Zug.

Wir waren in Nürnberg, es war Oktober 1944. Baracken waren für uns aufgestellt, wir arbeiteten direkt im Lager. Im Schichtbetrieb mussten wir für Siemens Teile für Zeitbomben herstellen. Dort bastelte ich mir eines Tages heimlich aus Lumpen eine Puppe in Schuluniform mit einer kleinen Schultasche auf dem Rücken, um eine Spielkameradin zu haben. Bei der Essensausgabe hielt ich die Puppe der Verteilerin hin und sagte: "Ich bekomme zwei Portionen, weil ich eine Tochter habe!" Als sie die Puppe sah, antwortete sie: "Du bekommst jeden Tag von mir zwei Portionen, wenn du für mich auch eine Puppe nähst." So begann meine Karriere.

Die Frau, die das Essen verteilte, war eine Holländerin, deshalb bastelte ich für sie eine Puppe in holländischer Tracht mit kleinen Holzschuhen. Sie zeigte mein Werk der Blockältesten, die daraufhin auch eine Puppe von mir haben wollte. Schließlich arbeitete ich auch für die Lagerälteste und die SS-Frauen. Sie brachten mir herrliche Stoffe und alles, was ich sonst zur Herstellung der Puppen brauchte. Damit ich nicht mehr in der Fabrik arbeiten musste, meldeten sie mich krank und richteten für mich eine richtige kleine Werkstatt ein. Ich bekam sogar vier Mädchen als Helferinnen, darunter meine Schwester Sári.

Süßer Kitsch für feinfühlige SS-Seelen

Ich stellte wunderschöne Puppen her, japanische Geishas, Rokokopüppchen, mit Seide ausgeschlagene Bonbonschachteln mit Püppchen darauf, lauter süßen Kitsch für die feinfühligen SS-Seelen. Diese "himmlische" Zeit dauerte ungefähr eineinhalb Monate.

Ende Februar 1945 wurden das Lager und die Fabrik bei einem Bombenangriff zerstört. Anfang März steckten sie uns wieder in Waggons und wir wurden in ein Lager nach Holleischen (Holysov in Tschechien) transportiert. Hier arbeiteten wir in einer Fabrikhalle ohne Fenster.

Im Block, ganz oben unter dem Dach, war eine kleine Öffnung, ähnlich einem Fenster. Als Kleinste wurde ich immer dort hinein geschoben, um zu melden, wenn das Essen kam. Einmal konnte ich etwas sehr Interessantes melden: Die Deutschen packten! Sie rannten umher wie die Ameisen und wir wussten nicht, ob das unseren Tod oder unsere Befreiung bedeutete. Die Türen blieben verschlossen und das Lager wurde mit großen Behältern voll brennbarer Flüssigkeit umstellt. Wahrscheinlich wollten sie damit die letzten Spuren ihrer Verbrechen beseitigen. Sie hatten aber keine Zeit mehr dazu, weil noch am gleichen Tag die Partisanen ins Lager kamen. Am 6. Mai 1945, als die riesigen amerikanischen Panzer in die nahe gelegene Stadt hineinrollten, trauten wir uns aus dem Lager hinaus.

Als entwurzelte Waise und junge Mutter schlug sich Magda durch die Wirren der Nachkriegszeit in Ungarn, Deutschland und Israel, wo sie Jahrzehnte später wieder mit dem Puppenmachen begann. Heute ist sie eine anerkannte Künstlerin mit Ausstellungen ihrer Werke im In- und Ausland. Eine ausführliche Fassung ihres Berichts ist in der Zeitschrift "transit nürnberg #1" bei testimon erschienen.

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