Überleben mit Hansa Leidenschaft in schwerer See

Überleben mit Hansa: Leidenschaft in schwerer See Fotos
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Mit dem Hansa-Virus infiziert wurde er, als der Club am Boden lag. Seit drei Jahrzehnten ist Björn Achenbach nun Rostock-Fan. Daran konnten auch etliche Fahrstuhlfahrten und zweite Plätze nichts ändern. Jetzt freut er sich auf eine kalte Dusche und den Abstiegskampf. Von Björn Achenbach

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Im Sommer 1979 war der Fahrstuhl mal wieder im Keller gelandet. Der FC Hansa hatte es fertiggebracht, zum dritten Mal hintereinander aus der Oberliga abzusteigen. Die Kogge dämmerte einer weiteren trostlosen Saison in der DDR-Liga, Staffel A, entgegen, wo die Gegner Post Neubrandenburg, ISG Schwerin-Süd und Hydraulik Parchim heißen würden. Nichts daran war verheißungsvoll - und doch setzt meine Fankarriere ausgerechnet hier ein.

Denn diesmal stürmte Hansa los wie noch nie: Gleich am ersten Spieltag wurde KKW Greifswald 10:0 überfahren, zwei Wochen später Nord Torgelow 7:0. Am Ende standen 43:1 Punkte sowie 77:8 Tore. Hansa war zurück. Bis zum nächsten Abstieg sollten immerhin sechs Jahre vergehen.

Der Ritterschlag traf mich dann wieder an einem Tiefpunkt. Nach missglücktem Saisonstart kam es im Herbst 1981 zum Kellerduell gegen Chemie Buna Schkopau. Im Ostseestadion verloren sich 8000 Seelen, im Mittelblock feuerte ein klägliches Häuflein die Mannschaft an. Und da geschah es: Hansa ging 1:0 in Führung, und in der Jubeltraube fand ich mich plötzlich in Paschkes Armen wieder.

Mein Gott, Paschke! Der Oberfan schlechthin mit dem legendären Napoleonhut, auf dem die Aufnäher aller wichtigen Vereine prangten - strohblond, pummelig und fast zahnlos, im Grunde eine Witzfigur, aber damals für uns ein Heiliger. Ich habe selbst einmal erlebt, wie sich die Menge vor den Stadiontoren bei seinem Erscheinen nahezu andächtig teilte. Es war vor einem Heimspiel gegen den BFC. Paschke schritt majestätisch durch die Reihen, rüttelte am Zaun und skandierte, bald von uns machtvoll unterstützt: "Macht die Tore auf!" Binnen kürzester Frist wurde er erhört, und die Masse strömte vorwärts. Und nun lag dieser sagenumwobene Hansa-Held in meinen Armen! Von jetzt an würde ich dazugehören, für alle Zeit.

Der technisch anspruchsvolle, offensive Hansa-Stil der frühen Achtziger ist für mich bis heute das Maß der Dinge geblieben. Individualisten wie Schlünz, Jarohs und Schulz haben ihn geprägt. Sie waren manchmal aufreizend lässig, gaben sich mit Mittelmaß zufrieden, obwohl mehr in ihnen steckte. Aber kombinieren konnten sie an guten Tagen wie sonst - im Osten - nur Dynamo Dresden.

Zum Glück sind sie nicht alle verschwunden, sondern leihen dem Verein zum Teil bis heute Struktur und Identität: Mittelstürmer Rainer Jarohs, mein persönlicher Star, war jahrelang Vizepräsident. Axel Schulz, der agile Techniker, ist Pressesprecher. Und Juri Schlünz - einst Kapitän und Freistoßgenie - hat als Cheftrainer in der Bundesliga nicht den schlechtesten Job gemacht.

Hirnlose Parolen und labile Fans

Nun sitzt Schlünz im Vorstand und ist Nachwuchskoordinator des Clubs. Eine gute Wahl, denn von der Qualität der nachrückenden Jungen hängt für Hansa sehr viel ab, wie der neue Rostocker Jugendstil um die Eigengewächse Stein, Bülow, Sebastian, Yelen und Shapourzadeh zeigt. Das weiß auch Hansa-Trainer Frank Pagelsdorf, der mit diesen Spielern gerade zum zweiten Mal nach 1995 aufgestiegen ist.

Trotzdem ist meine Freude über die erneute Rückehr in die Bundesliga getrübt. Der Streit zwischen Pagelsdorf und (Ex-)Manager Studer erstickte schon wenige Tage nach dem Aufstieg die Euphorie. Obendrein haben es die Hansa-Bosse verschnarcht, Torwart Schober und andere Spieler, die den Club verlassen, am letzten Spieltag vor den Fans zu verabschieden. Statt dessen ergötzte sich das ganze Stadion nach dem Schlusspfiff an Parolen gegen "schwule Lausitzer" - animiert von einem hirnlosen Suptras-Vorsänger unten auf dem Rasen, dem jemand ein Mikro in die Hand gedrückt hatte.

Die labile Fanszene treibt mich schon länger zur Verzweiflung. Nur ein Beispiel: Nachdem im April beim Auswärtsspiel in Essen der Gästeblock brannte, wurden die wenigen Kritiker des Pyro-Exzesses im Hansa-Internetforum kollektiv geschlachtet. Gleichzeitig kursierte das absurde Gerücht, böse Schalker (!) hätten das Feuer gelegt, tagelang im Netz.

Als Fischkopp in Sachsen bleibt mir aber nichts anderes übrig, als im Forum nach Gleichgesinnten zu suchen, denn Hansa ist in Leipzig nicht gerade Partygespräch. Wenn ich mich also über die Umbenennung des Ostseestadions in - Himmel hilf! - DKB-Arena ausheulen will, muss ich online gehen.

Jetzt geht es also wieder los, das jährliche Drama um den Klassenerhalt. Gut, dass ich abgehärtet bin. Ich dusche jeden Morgen kalt, wie Ottmar Hitzfeld. Rückstände bis zu drei Toren können mir im Prinzip nichts anhaben. Immer schön ruhig bleiben, sage ich mir, genau wie der Dicke auf der Bank. Ich bin schließlich seit meiner Jugend mit dem Abstiegskampf vertraut.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 08.08.2007

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