Überlebende bei Flugzeugabstürzen Lebenszeichen zwischen Leichen

Wunder nach der Katastrophe: Immer wieder überleben Passagiere als Einzige scheinbar tödliche Flugzeugcrashs - wie jetzt vor den Komoren. Babys überstanden Abstürze aus schwindelerregenden Höhen, Maschinen verschwanden im Urwald oder kollidierten in der Luft - doch für die Überlebenden beginnt das Drama dann erst richtig.

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Die Helfer trauten ihren Augen nicht: Mitten in diesem Todesfeld, zwischen verbogenen und ausgeglühten Wrackteilen, zwischen verbrannten Leichenteilen und Toten, fanden sie plötzlich Leben. Ein Baby, in Decken gewickelt, und es atmete noch.

Der zweijährige Mohammed el Fateh war 2003 der einzige Überlebende bei einem Flugzeugsabsturz der Sudan Air. Alle anderen 115 Passagiere starben in der Boeing 737, darunter auch Mohammeds Mutter. Kurz nach dem Start in der Hafenstadt Port Sudan war die Unglücksmaschine am Roten Meer abgestürzt - auf Grund eines technischen Defektes.

Dass der kleine Mohammed diesen Absturz überhaupt überleben konnte, nannte Frank Göldner von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig damals einen "Riesenzufall" - und versuchte, das Unerklärliche zu erklären: "Wenn ein Baby in Decken gewickelt gut geschützt in einem Tragekorb liegt, kann es größere Überlebenschancen haben als ein Erwachsener."

"Statt der Decke war nur noch der Himmel da"

Fast genau sechs Jahre ist dieses Unglück nun her - und jetzt scheint sich ein ähnliches Wunder zugetragen zu haben. Ein 14-jähriges Mädchen hat am Dienstag den Crash eines jemenitischen Flugzeuges vor den Komoren überlebt. Kurz vor der Landung war der Airbus A310 in den Indischen Ozean gestürzt. Stundenlang hatte sich die 14-Jährige verzweifelt an ein Wrackstück geklammert, bis sie, völlig erschöpft, von einem der Rettungsboote aufgelesen wurde. Bisher ist sie die einzige Überlebende der Unglücksmaschine.

Ein Blick in die Fluggeschichte verrät: Solche schier unglaublichen Geschichten sind keine Einzelfälle. Immer wieder stürzen Flugzeuge vom Himmel, aus denen sich dann doch einzelne Passagiere retten können. Manche überlebten nur, weil sie zufällig im einzigen Teil des Flugzeuges saßen, der nicht völlig zerstört wurde.

Die Russin Larissa Swaizkaja hat sogar eine Flugzeugkollision in der Luft überlebt - und landete damit später im russischen Guinnessbuch der Rekorde: Am 24. August 1981 war die damals 20-Jährige mit ihrem Mann auf dem Heimflug aus den Flitterwochen. Sie schlief ruhig an der Schulter ihres Mannes Wladimir, als das Passagierflugzeug von einem Militärbomber in der Luft gerammt wurde. Ein ohrenbetäubender Knall weckte sie auf: "Statt der Decke war nur der Himmel da", sollte sie erzählen. Schlimmer noch: Ihr Mann neben ihr war tot.

Absturz im Urwald

Das Flugzeug war auseinandergebrochen; Dach, Seitenflügel und Tank waren bei der Kollision weggerissen. In einem winzigen Teil des Flugzeugs, das lediglich vier Sitzreihen lang war, stürzte Larissa nun mehr als fünf Kilometer in die Tiefe. In diesem Moment, sagte sie später, habe sie sich an eine Szene in dem italienischen Film "Es geschehen noch Wunder" erinnert: Dort rettet sich die Filmheldin bei einem Flugzeugabsturz, indem sie sich fest an ihren Sitz klammert. Genau das versuchte nun auch Larissa, während sie mit dem Bruchstück der Maschine in die Tiefe stürzte und schließlich in einen Birkenhain prallte.

Außer Larissa überlebte niemand der 31 Passagiere. Erst drei Tage später wurde sie von Soldaten eines Suchtrupps in der Wildnis gefunden. Schwer verletzt hatte die junge Frau nach Essbarem in den Wäldern gesucht, konnte aber kaum Beeren kauen, da sie bei dem Crash nahezu alle Zähne verloren hatte. Der Sowjetunion war der Vorfall so peinlich, dass die Überlebende mehr als 20 Jahre über das Unglück schweigen musste.

Auch die zehnjährige Erika Delgado hatte Riesenglück. Sie stieg am 12. Januar 1995 in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá in eine DC-9 der Gesellschaft Intercontinental de Aviación. Die Maschine hatte schon fast ihren Zielflughafen in der Küstenstadt Cartagena erreicht, als um 19.36 Uhr (Ortszeit) plötzlich der Kontakt zum Kontrollturm abriss.

Überleben im abgerissenen Heckteil

Was danach passierte, beschrieben Augenzeugen: Der Pilot versuchte, die taumelnde Maschine mit einer Notlandung zu retten - doch das Manöver misslang. "Vielen Toten fehlen die Köpfe, ihre Gliedmaßen wurden abgetrennt", berichtete ein Bauer, der zu der abgestürzten Maschine geeilt war, dem örtlichen Radio. Zehn Meter von der Unglückstätte fanden die Bauern dann doch noch eine Überlebende, die nur einen Armbruch erlitten hatte: Erika Delgado war offenbar vor dem Absturz aus dem Flieger in den Sumpf geschleudert worden - und überlebte nur deshalb als Einzige der 53 Passagiere.

Die bis dahin zweitschlimmste Katastrophe der Luftfahrtgeschichte ereignete sich 1985, als einer Boeing 747 der Japan Air Lines auf dem Flug von Tokio nach Osaka ein Teil des Leitwerks abriss. Plötzlich klaffte ein riesiges Loch in der Decke, der Druck fiel ab, die Maschine war nicht mehr manövrierfähig und zerschellte in den Bergen. 520 Menschen starben - vier überlebten wie durch ein Wunder, zwei davon im abgerissenen Heckteil der Maschine.

In den Medien werden die wundersam geretteten oft für kurze Zeit zu Stars: auch der kleine Mohammed el Fateh, den die Boulevardpresse schnell zum "Wunder-Baby" aus dem "Todes-Flieger" erkor. Doch kaum einer der Überlebenden kann das wirklich genießen: Sie leiden unter dem Verlust von Angehörigen, unter Traumata oder anderen Folgeschäden. Auch im Fall von Mohammed el Fateh stellte sich heraus, dass dem Jungen sein rechtes Bein amputiert werden musste.



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