Übersetzer Eric Bentley "Brecht witterte überall Sabotage und Nazis"

Deutsche Exilanten bildeten einst eine US-Künstlerkolonie. Und gerieten bald ins Visier der Kommunistenjäger. Übersetzer Eric Bentley, heute 100 Jahre alt, begleitete Bertolt Brecht und Hanns Eisler durch harte Jahre.

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"Sind Sie oder waren Sie jemals Mitglied der Kommunistischen Partei?" Es war die zentrale Frage des HUAC, des "Komitees für unamerikanische Umtriebe", mit dem die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg die Jagd auf vermeintliche Kommunisten eröffneten.

Am 30. Oktober 1947, ist auch Bertolt Brecht vorgeladen, wie so viele Künstler und Filmschaffende. Er zögert. Und sagt dann, mit starkem deutschem Akzent, er sei Gast in den USA und wolle keinen Ärger. Deshalb werde er diese Frage beantworten: "Ich war nie Mitglied einer kommunistischen Partei." Ungläubige Nachfrage: Wirklich nicht? "Das ist korrekt." Ein Revolutionär sei er allerdings schon: einer gegen Hitler (das Protokoll zum Lesen hier, zum Hören hier).

Bertolt Brecht: Das Verhör am 30. Oktober 1947

Bereits einen Tag später ist Brecht auf dem Weg nach Europa. Er kommt dem FBI zuvor, das ihn festnehmen will, den Haftbefehl jedoch einen Tag zu spät erhält. Eigentlich will der Dramatiker nach Berlin, aber die US-Regierung als Besatzungsmacht verweigert ihm die Einreise. So reist er über Paris in die Schweiz. Es ist die nächste Station einer langen Exil-Odyssee: 1941 war Brecht von Moskau über Wladiwostok nach Kalifornien geflüchtet, nur Tage, bevor Stalins Geheimpolizei ihn verhaften konnte - ein ähnlich knappes Timing wie beim FBI.

In den USA lässt Brecht einen jungen Freund zurück, der mit den deutschen Antifaschisten viel erlebte: Eric Bentley. Der Übersetzer, Autor und scharfzügige Beobachter hat Brechts Stücke ins Englische übertragen und auch versucht, seine Gedichte in amerikanischen Zeitungen unterzubringen. Inzwischen ist Bentley 100 Jahre alt und lebt in New York.

Eine deutsche Künstlerkolonie im Exil

Eric Bentley lernte Brecht im Juni 1942 kennen, in Santa Monica (Kalifornien). Bentley war damals 25, ein germanophiler, aber recht unpolitischer Student aus England. In Los Angeles wollte er seine Doktorarbeit über Heldenkult in Deutschland schreiben und unterrichtete nebenher Englisch.

Das Treffen mit Brecht fädelte Herbert Kline ein. Der Filmemacher hatte im Spanischen Bürgerkrieg gedreht, seine Frau Rosa war in Bentleys Kurs. Bentley gab ihr nur eine Drei, weil er ihre Aufsätze zu sehr Agitprop fand. Daraufhin versuchte Kline dem jungen Lehrer die Vorzüge des Kommunismus nahezubringen - und schlug ihm vor, Gedichte von Brecht zu übersetzen, der in Amerika wenig Gehör fand.

Brechts Wohnung in Santa Monica sei klein gewesen, erinnert Bentley sich, das Schlafzimmer diente als Büro. Neben Büchern lag eine kommunistische Zeitung aus Mexiko; in die Schreibmaschine war billiges, dünnes, einmal gefaltetes Papier gespannt. "So wie er aussah, hielt ich Brecht für einen Proletarier", schreibt Bentley in seinem Nachkriegsbuch "Brecht". "Naiv von mir. Der Mann war grenzenlos bourgeois."

Brecht rang um jedes Wort

Bald traf Bentley auch Hanns Eisler. Brechts musikalischer Weggefährte in Berlin und Hollywood hatte unter anderem die Komintern-Hymne verfasst. Eisler war seit 1938 in Amerika und hatte ein Visum, eine Professur und ein Stipendium der Rockefeller-Stiftung bekommen.

Eisler war Bentley bereits ein Begriff. Theodor Adorno, der ebenfalls in L. A. lebte, hatte ihm von der Zwölftonmusik erzählt, und von Eislers Lehrer Arnold Schönberg. Sie alle gehörten zu einer deutschen Künstler- und Denkerkolonie am Pazifik und versuchten, in Hollywood zu reüssieren. Thomas Mann traf sich mit Johnny Weissmuller zum Brunch. Schönberg spielte mit Groucho Marx Tennis. Brecht rauchte Zigarren mit Charlie Chaplin.

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Kommunistenhatz in den USA: "Sind Sie oder waren Sie jemals...?"

Beim ersten Treffen kam Brecht gleich zur Sache: Der Engländer, den er "Baby-face-Bentley" nannte, sollte ihm helfen, seine Werke zu veröffentlichen. Eine unmögliche Aufgabe. Bentley bot Brechts Gedicht "An die deutschen Soldaten im Osten" der "Partisan Review" an. Das von Kommunisten gegründete New Yorker Blatt lehnte ab, da es sich inzwischen gegen Stalin gewandt hatte und Brecht als Stalinisten sah.

Bentley übersetzte zudem einen Brecht-Text über den deutschen Widerstand. Aber die Kommunistische Partei der USA hat gerade ihre Haltung zu den Deutschen gewechselt - zuvor galten sie als von Hitler Unterdrückte, nunmehr als Handlanger des Faschismus. Damit wurde der Text in linken US-Blättern undruckbar. Bentley gab nicht auf und übersetzte Brechts Stück "Der Kaukasische Kreidekreis". Es wurde tatsächlich in den USA aufgeführt, allerdings erst 1948.

Die Zusammenarbeit schildert Bentley als schwierig. Brecht habe um jedes Wort gerungen: Er wollte, dass seine Texte deutsch klangen, nicht amerikanisch - das fand er authentisch. Eisler dagegen, begeistert von Amerika, sei ein fröhlicher Mensch gewesen, "mit schnellen Gesten, einem breiten Lächeln und vielen Worten".

Von der Komintern-Hymne distanzierte Eisler sich bald. Jaja, er habe "ein paar Liedchen und Märsche" geschrieben, aber das sei 1933 im Kampf gegen Hitler gewesen, lange her. "Um eine Zukunft in den USA zu haben, beschloss er, seine Vergangenheit zu vergessen", so Bentley.

"Besessen von einer unglaublichen Paranoia"

Und tatsächlich tat sich eine Zukunft auf - in Hollywood, wo die US-Regierung Propagandafilme in Auftrag gab. Mit dem berühmten Regisseur Fritz Lang, ebenfalls Exilant, schrieben Brecht und Eisler "Hangmen Also Die!" ("Auch Henker sterben"), einen Film über das Attentat auf Reinhard Heydrich, nach dem der Holocaust-Organisator 1942 gestorben war. Eislers Filmmusik wurde für den Oscar nominiert.

Brecht aber wollte zurück zum Theater und zog nach New York. In seiner Wohnung in Greenwich Village bekochte seine Frau Helene Weigel Studenten, während Brecht sie belehrte. Bentley erinnert sich, wie sie nachts einmal U-Bahn fuhren und Brecht die Schlagzeilen aus Europa in der "New York Times" studierte: "Er sah aus wie ein Arbeiter aus Manhattan und wirkte trotzdem wie ein total Fremder."

Hanns Eisler vor dem "Komitee für unamerikanische Umtriebe"

Im Juni '45 gelang es Brecht endlich, sein Stück "Furcht und Elend des Dritten Reiches" an den Off-Broadway zu bringen - ein totales Fiasko. Der Krieg war vorbei, kein Amerikaner interessierte sich mehr dafür. Und die deutschen Exilkünstler hatten sich alle hoffnungslos verkracht. "Brecht schrie immer, wenn irgendwas schiefging, er war von einer unglaublichen Paranoia besessen", so Bentley. "Er witterte überall Sabotage und Nazis."

Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass niemand hinter dir her ist: Nach dem Krieg nahm die Kommunistenhatz mächtig Fahrt auf. Auch Eisler wurde tagelang vom HUAC verhört; Chefermittler Robert Stripling bezeichnete ihn als "Karl Marx auf dem Gebiet der Musik".

Brecht, seit fünf Jahren als "feindlicher Ausländer" registriert, verließ die USA im Herbst 1947. Wenige Monate später wurde Hanns Eisler, wie auch sein Bruder Gerhart, ausgewiesen. Ein Schock für den durch und durch amerikanisierten Komponisten, der sich gerade ein Haus in Malibu gekauft hatte.

Schlusspunkt eines Lebenswerks

Eric Bentley aber war noch immer kein Kommunist, trotz oder vielleicht auch wegen seiner Kontakte. Er betrachtete den Exodus der Exilanten halb besorgt, halb erleichtert. Und blieb den Deutschen verbunden. Auf Bitten von Billy Wilder übersetzte er Brechts "Der Gute Mensch von Sezuan". Bentley besuchte Brecht auch in Ost-Berlin und war 1956 bei dessen Beerdigung. 1967 gab er das Brecht-Eisler-Songbook heraus.

Es sollte bis zum Vietnamkrieg dauern, bis Bentley im linken Lager ankam. Sein erstes Drama verfasste er 1972, als Eisler schon zehn Jahre tot war: "Are You Now Or Have You Ever Been" ("Sind Sie jetzt oder waren Sie jemals") - zur Aufarbeitung des Wirkens des "Komitees für unamerikanische Umtriebe", das in der Hexenjagd der McCarthy-Ära gipfelte.

Im Sommer 2011 bekam Bentley einen Brief von der New Yorker Sängerin Karyn Levitt. Bentley schlug ihr vor, Lieder von Hanns Eisler zu singen und ihn am Riverside Drive zu besuchen. Levitt brachte Schinken-Käse-Sandwiches und einen Strauß gelber Rosen mit, drei Tage vor Bentleys 95. Geburtstag.

Bentley war schwerhörig und kurz angebunden, "aber sehr liebenswürdig", erzählt Levitt. In seiner riesigen Zwölf-Zimmer-Wohnung saßen sie stundenlang am Konzertflügel und gingen zwölf Seiten Noten durch. Bentley zeigte ihr Gedichte von Goethe, Eichendorff und Hölderlin, die Eisler vertont hatte. Levitt studierte zwei Dutzend Eisler-Lieder ein, daraus wurde das "Eric Bentley's Brecht-Eisler Song Book".

Für Bentley, der im vergangenen September seinen 100. Geburtstag feierte, ist dieses Album der Schlusspunkt seines Lebenswerks. "Eisler ist aus der amerikanischen Geschichte herausgeschrieben worden", sagt er. Nun ist ein kleines Stückchen Erinnerung zurückgekommen.



insgesamt 5 Beiträge
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Barbara Bouffier, 30.12.2016
1. Interessant
Die damalige Verfolgung der linken Anti-Nazis in den USA und der McCarthyismus Seehofers. Manches wiederholt sich anscheinend doch...
Deter Roosu, 30.12.2016
2. Ich.....
.......kannte Brechts Bruder persönlich, er war Kunde im Tante-Emma-Laden meiner Eltern, seine Sekrtärin war eine Jugendfreundin meiner Tante. Mein Vater hatte Herrn Brecht mal auf seinen "berühmten" Bruder Bert angesprochen; ich war damals vielleicht 15 oder 17. Sinngemäss antwortete er: "Ich kann nichts dazu, dass er mein Bruder ist und ich habe auch nichts mit ihm gemein." DAS war für mich ein klare, unmissverständliche Aussage zu der schon damals grassierenden Brecht-Euphorie.
D. Fense, 31.12.2016
3. Bei aller Hochachtung...
...die ich vor Bertolt Brechts überragenden literarischen Leistungen habe, war er doch wohl eher ein Pseudo-Kommunist. Mit Sonderprivilegien wie einer großen Villa etc. kann man ziemlich entspannt über den Klassenkampf und soziale Ungerechtigkeit schreiben...!
Hans frans, 31.12.2016
4.
Kommunismus hat nichts damit zu tun, dass alle aus ihren Villen ausziehen.
Mit Denken, 24.01.2017
5. Ohne jetzt
Heydrichs Rolle bei der "Endlösung" bagatellisieren zu wollen, aber die Aussage " nach dem der Holocaust-Organisator 1942 gestorben war" kann so selbst mit viel gutem Willen nicht als korrekt bezeichnet werden. Bei seinem Tod ist schon "etwas nachgeholfen" wurden... Es wäre besser, wenn SPON einfach mal Leute mit etwas Sachverstand über die Artikel sehen lassen würde. PS: Ich hätte mich nicht echauviert, wenn dort gestanden hätte, dass "Heydrich einem Attentat" erlegen ist oder wie auch immer. Jedenfalls nicht friedlich im Bett (was für einen Massenmörder auch unangebracht wäre). So mal als Leser mit fundierter Bildung...
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