Ufologie Marsmenschen über Mainz


Weil sich Menschen ihren Glauben an Ufos nicht nehmen lassen wollen, kommt es in Fernsehsendungen immer wieder einmal zum Eklat. So auch schon vor 40 Jahren im ZDF. Ralf Bülow erinnert an einen denkwürdigen TV-Höhepunkt des Ufo-Jahres 1967. Von

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Montag, 6. November 1967, 20.15 Uhr. Das ZDF eröffnet den Fernsehabend mit der 45-minütigen Dokumentation "Invasion aus dem Kosmos? Die Wahrheit über Fliegende Untertassen". Autor und Moderator ist Wissenschaftsredakteur Peter G. Westphal. Sein Thema: Unidentifizierte Flugobjekte, kurz Ufos, die seit zwanzig Jahren Schlagzeilen machen. Genauer: seit dem 24. Juni 1947, als der US-Geschäftsmann Kenneth Arnold mit seiner einmotorigen Maschine die Rocky Mountains entlang geflogen war und über den Gipfeln neun "flying saucers" gesehen hatte.

Bald nach dem Zwischenfall waren weitere seltsame Objekte am amerikanischen Himmel gesichtet worden, und im Januar 1948 stürzte ein Pilot der US-Nationalgarde bei dem Versuch ab, eines davon näher zu erkunden. Ab Februar 1949 hatte die US Air Force dann damit begonnen, Ufo-Meldungen zu sammeln und wissenschaftlich begründete Erklärungen für die beobachteten Phänomene zu suchen.

Doch die Militärs konnten nicht verhindern, dass sich in der Öffentlichkeit eine ganz andere Deutung durchsetzte: Die Ufos, so hieß es bald überall, seien Raumschiffe aus dem Weltall, gelenkt durch intelligente Wesen von anderen Planeten. Diese Vorstellung schlug sich 1951 in gleich zwei Hollywood-Produktionen nieder: "Der Tag, an dem die Erde stillstand" ("The Day the Earth Stood Still"), mit einem edlen Außerirdischen als Protagonist, und "Das Ding aus einer anderen Welt" ("The Thing"), in dem der Extraterrestrier als Bösewicht daherkam.

Venusmenschen in der kalifornischen Wüste

Das Buch "Der Weltraum rückt uns näher" des Amerikaners Donald E. Keyhoe von 1954 wurde zum vielgelesenen Standardwerk der Szene. Laut Keyhoe wusste die US Air Force längst, dass die "Fliegenden Untertassen" aus dem Weltall kämen, die Militärs hätten dies der Öffentlichkeit aber bewusst verschwiegen. Dass Keyhoe in jungen Jahren Major des Marinekorps gewesen war, gab ihm dabei in den Augen mancher eine gewisse Seriosität und sorgte für positive Kritiken für sein Buch auch in der deutschen Presse.

Während Keyhoe sich allein auf die Klärung von Ufo-Sichtungen beschränkte, ging ein anderes Buch von 1954 sehr viel weiter. "Fliegende Untertassen landen" von Desmond Leslie und George Adamski vermittelte dem Leser die frohe Botschaft, dass einer der beiden Autoren, nämlich Adamski, am 20. November 1952 in der kalifornischen Wüste einen leibhaftigen Venusmenschen getroffen habe. In den Folgejahren lieferte Adamski Weltraum-Reiseberichte und Untertassen-Fotos nach, und Imitatoren schilderten ähnliche Treffen mit außerirdischen "Aliens".

Die unterschiedlichen Haltungen zur Alien-Frage spalteten die Ufo-Szene bald in semi-seriöse "Wissenschaftler" und fantasiebegabte "Kontaktler" - eine Trennung, die im Grunde bis heute andauert.

Internationale der Ufologen in der Mainzer Liedertafel

Aber auf solche Feinheiten geht ZDF-Moderator Westphal in seiner Sendung nicht ein. Sein Gewährsmann ist Karl Veit, geboren 1907, der fest in der Adamski-Tradition verwurzelt ist. Veit hatte 1956 zwei Raumschiffe in Formation über dem Rhein schweben gesehen und daraufhin die "Deutsche UFO/IFO-Studiengesellschaft" (DUIST) mit Sitz in Wiesbaden-Schierstein gegründet. Als "Ifo" bezeichnet Veit "identifizierte Flugobjekte", sprich gesichtete extraterrestrische Raumschiffe. Mit seiner Frau Anny betreibt Veit den Ventla-Verlag für kosmische Literatur und gibt die "Ufo-Nachrichten" heraus.

Die Tage vom 3. bis 6. November 1967 sind für Karl Veit der Höhepunkt seiner Karriere. In der Mainzer Liedertafel leitet er den 7. Internationalen Weltkongress der Ufo-Forscher, zu dem täglich bis zu 800 Zuhörer strömen, Fotografien und Bücher studieren und insgesamt 25 Vorträge hören. Die meisten Referenten stehen Veit ideologisch nahe, nur wenige wie Raketenpionier Hermann Oberth oder der noch unbekannte Erich von Däniken neigen dem wissenschaftlichen Lager zu. Die amerikanischen Stargäste Colman von Keviczky und Frank E. Stranges gehören zur zweiten Liga der internationalen Ufologie.

Am Abend des 6. November sehen die Fernsehzuschauer im ZDF die typische "Adamski-Untertasse" mit ihrem Brummkreisel-Design und auch den leicht unscharfen Marsianer, den der englische Kontaktler Cedric Allingham 1954 in Schottland geknipst hatte: Kurz vor Kongressbeginn hatte Westphal ein Interview mit Karl Veit aufgezeichnet, in dem der nichts Böses ahnende DUIST-Chef seine Position offenlegte und Fotos aus seiner Sammlung zeigte. Westphal bedankt sich höflich.

Ufo-Fotos von Haushaltsgegenständen

Bis jetzt ist die Sendung für Karl Veit und seine Ufologen gut gelaufen. Doch nun kommt Wissenschaftsredakteur Westphal plötzlich zur Sache. Solche untertassenartigen Gefährte könnten nach den Gesetzen der Physik nicht fliegen, erklärt er den Zuschauern. Dann führt er an simplen Haushaltsgegenständen vor, wie sich Ufo-Fotos fälschen lassen. Es folgt ein Psychologe, der dem harten Kern der Ufo-Fans die Vermischung von Fiktion und Realität attestiert; der Ufo-Glaube sei "schon mehr oder weniger als krankhaft zu bezeichnen." Der Rest der Sendung widmet sich der Arbeit des Luftfahrtbundesamtes und der Wahrscheinlichkeit von Leben im Universum.

Als Fazit heißt es am Schluss der 45-Minuten-Sendung: So gut wie alle Ufo-Sichtungen sind durch irdische Phänomene erklärbar. Dem desavouierten Ufologen Veit bleibt nur, am nächsten Morgen mit einigen Getreuen vor dem ZDF gegen die Sendung vom Vorabend zu demonstrieren. Journalist Westphal erhält in den Wochen und Monaten nach der Sendung Unmengen empörter Briefe von Zuschauern. In dem Buch "Ufo Ufo - das Buch von den Fliegenden Untertassen" erläutert er im Jahr darauf noch einmal seine Position.

Karl Veits DUIST arbeitet trotz des Mediendesasters weiter. In den Vordergrund der Ufo-Szene rücken jedoch andere Gruppen, und das Aufkommen des Internets wie auch TV-Sendungen à la "X-Akten" bedeuten das Ende der alten Ufologie mit ihren Büchern, Zeitschriften und Kongressen.

Karl Veit stirbt hoch betagt 2001, fünf Tage nach dem 11. September. Seine mystisch angehauchte Philosophie allerdings lebt fort - wie 40 Jahre nach Veit und Westphal in der ARD wieder zu sehen war.

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1.
Jürgen Neumann 06.11.2007
Nichts gegen einen knackigen oder vereinfachenden Anreißer. Aber es muß ja nicht gleich Bild-Niveau sein: "Weil Nina Hagen sich den Glauben an Ufos nicht nehmen lassen wollte, kam es ... zum Eklat." Redet hier ein Autor über Dinge nur vom Hören-Sagen? Der Eklat bestand in Nina Hagens hysterisch beleidigender Reaktion auf die Zweifel an ihren "außerirdischen Erlebnissen". Dieses Thema braucht keinen solchen Aufmacher.
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