Ulrike Meinhofs Selbstmord 1976 Meisterin des Moralisierens

Von der Hamburger Oberschicht in den Untergrund - die linke Journalistin Ulrike Meinhof ging einen tödlichen Weg. Am 9. Mai 1976 fanden Justizbeamte die RAF-Terroristin erhängt in ihrer Zelle.

Max Ehlert / DER SPIEGEL

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Die Gefangene hing leblos am Fenstergriff der Zelle 719 im siebten Stock des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim. Das in Streifen gerissene Handtuch hatte tiefe Abdrücke an ihrem Hals hinterlassen. Die beiden Justizbeamten fanden Ulrike Meinhof um 7.34 Uhr am 9. Mai 1976, Muttertag. Sie waren schockiert. Ärzte konnten nur noch den Tod feststellen.

Meinhofs Anwalt Otto Schily sprach von einem "anonymen Mord", ihr Kampfgenosse Jan-Carl Raspe erklärte: "Wir glauben, dass Ulrike hingerichtet worden ist."

Ulrike Meinhof war die bekannteste Gründerin der Roten Armee Fraktion. Sie galt als "Stimme der RAF". Bevor sie den bewaffneten Kampf aufnahm, war die Journalistin in der linksliberalen Hamburger Society ein gern gesehener Gast.

Es mag auch mit ihrer Prominenz zu tun haben, dass sie von allen RAF-Gefangenen am längsten und härtesten in Isolationshaft gehalten wurde. Und dass Genossen sie als "bourgeois" angriffen. Gudrun Ensslin warf ihr vor, "die Prinzipien, also den Kampf, Deinen Fotzenbedürfnissen - dem Überleben - unterzuordnen".

Meinhof, 1934 in Oldenburg geboren, war mit zwei Müttern aufgewachsen, ihr dem NS-Staat als Museumsdirektor dienender Vater war 1940 gestorben. Sie studierte Sozialwissenschaften in Marburg und Münster und schloss sich 1957 dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) an. 1959 begann sie als Journalistin beim linken Monatsmagazin "Konkret". Bald war sie Chefredakteurin des phasenweise von der DDR mitfinanzierten Blattes und heiratete den "Konkret"-Eigentümer Klaus Rainer Röhl.

Fahndung mit 10.000 Mark Belohnung

Für die Linken links der SPD wurde Meinhof die wichtigste Kolumnistin. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke Ostern 1968 schrieb sie programmatisch: "Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht."

Meinhof war eine Meisterin des Moralisierens, die politische Analyse weniger ihre Stärke. Sie war eine ernste, gelegentlich traurig wirkende Frau. Mehr als andere RAF-Mitglieder hatte sie sich mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt.

Nach der Scheidung von ihrem Macho-Mann Klaus Rainer Röhl zog sie mit den Zwillingstöchtern nach Berlin, wo sie sich Gudrun Ensslin und Andreas Baader anschloss. Als Baader in Untersuchungshaft war, traf sie ihn am 14. Mai 1970 in der Bibliothek eines Instituts in Berlin-Dahlem, Baader in Begleitung von zwei Justizbeamten.

Angeblich arbeiteten die beiden an einem Buch über "randständige Jugendliche", doch dann stürmten drei Genossinnen und ein Genosse mit Pistolen herein. Es fielen Schüsse. Statt, wie geplant, scheinbar überrascht in der Bibliothek zu bleiben, sprang Meinhof hinter Baader auch aus dem Fenster.

Kurz darauf prangten an West-Berlins Litfaßsäulen Fahndungsplakate mit einem großen Meinhof-Foto: "Mordversuch in Berlin, 10.000 DM Belohnung." Sie war die Bekannteste der RAF, die Politiker und Journalisten meist "Baader-Meinhof-Bande" nannten.

Heinrich Böll sprach vom "Krieg von 6 gegen 60 Millionen". Die linksliberale Hamburger Society, zu der Meinhof gezählt hatte, schüttelte den Kopf über ihren Weg in den Untergrund. Auf die Frage, was tun, wenn sie vor der Tür stünde, soll "Zeit"-Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhof gesagt haben: "Ich würde ihr Geld geben und sie weiterschicken."

"Natürlich kann geschossen werden"

Auf der Flucht sprach Meinhof die erste RAF-Erklärung auf Tonband: "Wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch ...… und natürlich kann geschossen werden."

Meinhof war in der RAF für Hamburg zuständig, dort explodierten am 19. Mai 1972 im Hochhaus des Axel-Springer-Verlags zwei Bomben. 17 Beschäftigte wurden verletzt, zwei schwer. Später im Prozess distanzierte Gudrun Ensslin sich von der Aktion, von der "wir nichts wussten, deren Konzeption wir nicht zustimmen".

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Als der linke GEW-Lehrer Fritz Rodewald, bei dem sie untergekommen war, sie verriet, wurde Meinhof im Juni 1972 verhaftet. Insgesamt 238 Tage saß sie in einem leergeräumten Trakt in Köln-Ossendorf. In ihrer Zelle brannte Tag und Nacht Neonlicht. Der Fenstergriff war abmontiert, alles weiß gestrichen. "Der Eintritt von psychischen und psychosomatischen Störungen auf längere Sicht ist nicht zu vermeiden", räumte selbst der Anstaltspsychologe ein.


SPIEGEL TV (2010): Linker Heldenkult um die RAF

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Meinhof schrieb über die Folgen der Isolationshaft: "Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen, abplatzen); das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepreßt; das Gefühl, das Gehirn schrumpelt einem zusammen, wie Backobst z.B.".

Vier Tote im Hochsicherheitstrakt

Im "Toten Trakt" begann Meinhof auch, politisch zu halluzinieren. 1967 hatte sie beim Sechs-Tage-Krieg Israels gegen seine Nachbarstaaten Solidarität der Linken mit Israel gefordert. Nun feierte sie den Angriff eines Palästinenserkommandos auf Israels Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München, bei dem insgesamt 17 Menschen starben. Die Aktion habe "Mut und Kraft" sowie "Sensibilität für historische und politische Zusammenhänge dokumentiert".

Ab April 1974 wurden Meinhof, Ensslin, Baader, Raspe und andere RAF-Kader nach Stuttgart-Stammheim verlegt, wo man eine Mehrzweckhalle für den großen RAF-Prozess aufbetoniert hatte. Meinhof litt unter der Trennung von ihren Töchtern und war von Selbstzweifeln gequält. Der enorme Druck, der auf der Gruppe lag, verschärfte die Konflikte im Kollektiv.

Am 9. Mai 1976 setzte Ulrike Meinhof ihrem Leben ein Ende. Über ein Jahr später brachten sich auch Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe im Stuttgarter Hochsicherheitstrakt um. Sowohl die Entführer von Hanns Martin Schleyer als auch die der Lufthansa-Maschine "Landshut" hatten RAF-Terroristen freizupressen versucht - vergeblich. In Mogadischu wurden die Geiseln am 18. Oktober 1977 aus dem Flugzeug befreit, wenige Stunden später die drei RAF-Häftlinge tot in ihren Zellen gefunden.

Diese "Stammheimer Todesnacht" bedeutete das Ende der ersten Generation der RAF. Die zweite Generation agierte allerdings im "Deutschen Herbst" noch brutaler, und in den Achtzigerjahren sollte die dritte Generation des deutschen Linksterrorismus folgen.

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Dritte RAF-Generation: Die Spuren des Terrors

In der aufgeheizten Stimmung der späten Siebziger hielt die linke deutsche Szene alles für möglich, auch Befehle zum Häftlingsmord. So war es vor allem beim RAF-Trio, so war es auch schon zuvor bei Meinhofs Tod.

Unterschätzt wurde neben der ausweglosen Lage der Führungsriege vor allem der heftige interne Streit. Ensslin hatte an Meinhof geschrieben: "Das Messer im Rücken der RAF bist du, weil du nicht lernst…." Und die Journalistin notierte schon Monate vor ihrem Tod am Rand eines Zirkulars: "Selbstmord ist der letzte Akt der Rebellion."

Makabre Reise ihres Gehirns

Die Linksradikalen der Republik wussten von dieser Selbstzerfleischung nichts und erklärten Meinhofs Flucht in den Tod zum "staatlichen Mord". Rund 5000 gaben Meinhof in West-Berlin an einem heißen Frühsommertag das letzte Geleit. Am offenen Grab sagte ihr Verleger Klaus Wagenbach: "Was Ulrike Meinhof umgebracht hat, waren die deutschen Verhältnisse." Es fanden sich keinerlei Indizien, die auf einen Mord hingedeutet hätten.

Meinhof trister Tod hatte ein makabres Nachspiel. Bei der Obduktion stellte der Tübinger Gerichtsmediziner und vormalige SS-Unterscharführer Hans-Joachim Mallach den Suizid fest und gab Meinhofs Gehirn dem Neuropathologen Jürgen Peiffer, der es in einem Plastikbehälter in Formaldehyd aufbewahrte. Bei der Untersuchung kam der Mediziner zur Auffassung, es gebe eine "Kausalität zwischen der Hirnveränderung und den realitätsverlustigen Terrorhandlungen".

Peiffer brachte vor seiner Emeritierung das Gehirn zu Kollegen in Magdeburg, die es erneut untersuchten. Erst 2002 erfuhren Meinhofs Töchter vom Irrweg des Gehirns. Es wurde nachträglich in Berlin begraben.

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