Umgerüstet Radios made in Lensahn

Auf der Flucht vor der Roten Armee verlegten deutsche Radar- und Sonarspezialisten kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ihr Labor nach Ostholstein. Wenig später liquidierten die Briten den Betrieb. Doch den findigen Ingenieuren kam eine neue Geschäftsidee.

Uwe Stock/Archiv Gemeinde Lensahn

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1934 gründeten Hans-Karl Freiherr von Willisen und Paul Günther Erbslöh in Berlin die Gesellschaft für elektroakustische und mechanische Apparate (GEMA). Das unternehmerische Vorhaben war gewagt. Die GEMA sollte Radar- und Sonargeräte produzieren, für die es noch nicht einmal einen Prototypen gab. Der Physiker Rudolf Kühnhold hatte zwar nachgewiesen, dass sich Schiffe durch Schall- und Funkwellen orten lassen. Für eine breite Nutzung eignete sich der von ihm entwickelte Apparat aber noch nicht.

Von Willisen und Erbslöh waren von der Geschäftsidee dennoch überzeugt - und sollten Recht behalten. Schon 1935 konnte die GEMA der deutschen Marineleitung das erste einsatzfähige Gerät vorführen. Ihm sollten viele weitere folgen: Sie hießen unter anderem "Freya", "Calais B", "Mammut" und "Wassermann". Bis Kriegsende blieben die Berliner einer der führenden Hersteller militärischer Elektroniksysteme.

Die vorrückende Rote Armee zwang die GEMA im Februar 1945, Labor und Konstruktionsabteilung des Zweigwerks Liegnitz Richtung Westen zu verlagern. Sie kamen in der Nachrichtenmittelversuchsanstalt der Marine in Pelzerhaken und in Lensahn in der Reichsgetreidehalle und der Landwirtschaftsschule unter. Auch der Leiter des Niederfrequenzlabors der GEMA hatte sich mit rund 120 Mann nach Ostholstein durchgeschlagen und wollte dort die Produktion wieder aufnehmen. Schließlich hatte das Oberkommando der Kriegsmarine, das inzwischen von Berlin nach Eutin verlegt worden war, noch am 26. April 1945 die Reparatur von Funkmess- und Unterwasserschallgeräten befohlen.

Dazu kam es aber nicht mehr. Die britischen Besatzungstruppen sprengten am 16. und 17. Mai 1945 die mühsam nach Lensahn geretteten Entwicklungsmuster und Prototypen - zum Ärger des britischen Secret Service, der sie gern übernommen hätte. Am 31. Mai 1945 schließlich liquidierten die Briten die als Rüstungsbetrieb eingestufte GEMA.

Radios aus Ersatzteilen

Von Willisen hatte es ebenfalls nach Lensahn verschlagen. Er erkannte bald, dass die zerschlagenen GEMA noch immer ein großes Potential barg. Vor allem das Fachwissen der nun arbeitslosen GEMA-Mitarbeiter wollte er nutzen. Im Juni 1945 gründete er die Mechanischen Werkstätten Lensahn (MWL) und stellte einen Großteil der Radarspezialisten ein.

Die Auflagen der Militärregierung waren streng. Zunächst durfte die MWL nur landwirtschaftliche Maschinen und Geräte reparieren. Später wurde die Genehmigung auf die Reparatur und schließlich die Herstellung von Rundfunkgeräten ausgeweitet - ein Gebiet auf dem sich von Willisen und seine Mitarbeiter gut auskannten. Als Materialbasis diente das von der Besatzungsmacht nicht vernichtete Ersatzteillager der GEMA.

Die MWL mietete im Ortsteil Grüner Hirsch die ehemalige Abdeckerei an und produzierte dort Rundfunkgeräte, Mikrofone, Verstärker und Starkstromanlagen. Die MWL florierte. Bald beschäftigte von Willisen 300 Mitarbeiter und war damit der größte Arbeitgeber im Kreis Oldenburg. Anfang 1947 nannte Willisen die MWL in WILAG (Willisen-Apparatebau-Gesellschaft) um. Im April 1947 kaufte der Ingenieur Beermann von Willisen die Starkstromabteilung der WILAG ab, übernahm fünf Mitarbeiter und macht sich damit in Lensahn in der Bäderstraße selbstständig.

Konkurs unabwendbar

Die Währungsreform im Juni 1948 bereitete dem kurzen wirtschaftlichen Erfolg der WILAG ein jähes Ende. Weil die Aufträge ausblieben, musste die Firma Konkurs anmelden. Der Bau des neuen Betriebsgebäudes wurde abgebrochen. Die Greiling Zigarettenfabrik übernahm schließlich 1949 die Anlage und stellte das angefangene Betriebsgebäude fertig. Bis 1960 produzierte Greiling auf dem einstigen WILAG-Gelände Zigaretten. Von 1960 bis 1964 stellten die Opalwerke dort Damenstrümpfe her. Seit 1964 hat der Experte für Transfusions- und Infusionssysteme CODAN dort seinen Sitz.

Der 1906 geborene von Willisen verließ nach dem Konkurs der WILAG Lensahn und ließ sich in Wuppertal nieder. Dort gründete er die Tonographie Rundfunkstudios. Willisen starb 1966. Seine Wuppertaler Firma existierte bis 1990.



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