Umsiedlung der Deutschbalten Heim ins Reich

Sie wurden zum Spielball der großen Politik: Die Diktatoren Hitler und Stalin beschlossen 1939 die Umsiedlung zehntausender Deutschbalten aus Lettland, Litauen und Estland "heim ins Reich". Brigitte Zimmer erlebte die Umsiedlung als Kind.


Unsere Welt war in Aufruhr. Aufbruchstimmung beherrschte von nun an unsere Tage. Für Inge und mich war der Gedanke irgendwie aufregend, dass wir in ein Land fahren würden, in dem alle Menschen Deutsch sprechen und alle Straßennamen und Aufschriften in der deutschen Sprache zu lesen sein sollten!

In diesen letzten Tagen vor der endgültigen "Umsiedlung" kam Tante Erna ganz aufgelöst aus Libau zu uns gefahren. Der Libauer Kriegshafen war schon von den Russen besetzt worden. Tante Ernas Mann, Onkel Karl, hatte vor lauter Angst vor der sowjetischen Bedrohung, einen Herzschlag erlitten, worauf er bald gestorben war. Tante Erna fragte uns, ob wir fahren würden - sie selbst und Tante Alice könnten sich nicht dazu entschließen, obschon bekannt war, dass die zurückbleibenden Baltendeutschen alle Minderheitsrechte verlieren würden. Sie blieb bei ihrem Entschluss, und so nahmen wir schweren Herzens Abschied voneinander.

Damals ahnten wir noch nicht, dass es keine Wiederkehr in die Heimat geben würde. Wir konnten auch nicht wissen, dass die Kluft zwischen den Deutschen im sogenannten "Reich" und uns, die wir durch Generationen von unserem Land geprägt waren, so groß sein würde, ja, dass wir uns im "Vaterland" wie Fremde fühlen würden. Nein - das alles konnten wir uns damals nicht vorstellen. Wären wir sonst geblieben? - wohl kaum! Dem Russen, wie wir ihn kannten, in die Hände zu fallen, wäre bei Weitem schlimmer gewesen! Später erst erfuhren wir von Hitlers Pakt mit Stalin, der über unsere Köpfe hinweg unser Schicksal bestimmend, die baltische Volksgruppe von heute auf morgen aus der angestammten Heimat gerissen und entwurzelt hatte.

Die Umsiedlung

Die Umsiedlung begann im Oktober 1939. Große Passagierdampfer kamen die Düna herauf, um die Deutschbalten "Heim ins Reich" zu befördern. Das war ein sehr irreführender und diplomatischer Schachzug Hitlers. Er brauchte Soldaten, Menschenmaterial für seine Pläne. Die baltischen Männer, die der russischen Sprache mächtig waren, konnte er später als der Krieg gegen Russland begann, sehr gut für den Einsatz an der Ostfront brauchen.

Tante Wally war mit unter den Ersten, die Riga verließen. Sie fuhr mit der "Steuben", welche mit ihr an Bord an der Dünamündung im Sand stecken blieb, wie wir durch die Nachrichten erfuhren. Damals machten wir uns noch heimlich darüber lustig und meinten, das wäre nur wegen Tante Wallys Leibesfülle passiert.

Wir sollten später mit der "Gneisenau" in See stechen. Dieser Luxusdampfer wurde spontan eingesetzt, weil für die vielen Menschen nicht genügend Schiffsraum vorhanden gewesen war.

Jetzt begann das große Packen. Möbel konnten wir nicht mitnehmen. Uns Kindern tat es um die schönen Schreibtische leid, die wir gerade erst bekommen hatten. Aber unsere Kindersorgen wurden bald in den Hintergrund gedrängt, weil so viel Neues auf uns zukam.

Am Hafen

Am zehnten November um acht Uhr morgens war es dann auch für uns so weit. Das große Gepäck war bereits am Vorabend aufs Schiff verladen worden. Ein Taxi brachte uns zum Hafen. Am Kay ging es schon hoch her. Ein unüberschaubare Menschenmenge hatte sich hier eingefunden. Omama Reckert und Tante Elsa waren mit uns gekommen. Wir wurden zunächst am Hafenschuppen durch den provisorisch eingerichteten Zoll geschleust. Überall sah man Menschen mit bekümmerten und sorgenvollen Gesichtern. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, wurde noch das Handgepäck kontrolliert. Erst danach wurde der Weg zum Schiff freigegeben.

Jeder schleppte seine Habseligkeiten über den Steg zum Schiff hinauf. Das war aber noch nicht unsere Gneisenau, sondern ein Frachter aus dem Fernen Osten. Unser großer Luxusdampfer hatte nicht am Kay anlegen können und wartete neben dem Frachter auf seine Passagiere. An Deck des Frachter liefen chinesische Matrosen geschäftig hin und her. Sie trugen blaue Kittel und sogar noch den traditionellen Zopf. Wir machten große Augen, als wir an ihnen vorübergingen.

Auf der Gneisenau kam die nächste Überraschung. So ein großes Schiff hatten wir noch nie von innen gesehen. Das war für uns neu und atemberaubend. Ein Stewart empfing die Ankommenden oben an Deck und wies ihnen die Schiffskabinen zu. Das war bei dieser Menschenflut nicht einfach. So war es nicht verwunderlich, dass wir mit weiteren acht Personen die kleine Kabine teilen mussten. Unsere anfängliche Begeisterung war etwas gedämpft. Aber es sollte ja auch keine Vergnügungsfahrt werden.

Deutschland, das Ziel unserer Reise befand sich schon seit September im Kriegszustand. Erst am späten Nachmittag wurden die Anker gelichtet und die Schiffstaue eingezogen. Das vollbeladene Schiff nahm langsam Fahrt auf.

Abschied von der Heimat

Als wir dann, die Düna abwärts fahrend, auf die offene See zusteuerten, empfanden wir Kinder zum ersten Mal den Abschiedsschmerz. Wann würden wir wieder zurückkehren - so fragten wir uns. Ganz spontan fing jemand an zu singen:

"Dievs sveti Latviju, mus dargo teviju ..." (Gott segne Lettland, unser teures Vaterland ...)

Immer mehr Menschen fielen in den Gesang der lettischen Hymne ein. Kaum ein Auge blieb trocken, als das Panorama von Riga mit seinen markanten Türmen langsam an uns vorbeizog: St. Peter, der Dom, die Jakobi-, die Anglikanische- und die Jesuskirche. Die gelbe Mauer des alten Ordensschlosses leuchtete in der Abendsonne golden auf und grüßte zu uns herüber.

Ein brausender Chor schallte zu den sich unaufhaltsam entfernenden Ufern der Düna hinüber. Als letztes winkte uns noch der Lotse, der uns ins Fahrwasser gebracht hatte - dann nahm uns das offene Meer auf.

Wir fuhren einer ungewissen Zukunft entgegen. Was würde uns im sogenannten "Vaterland" erwarten? Die Erwachsenen stellten sich diese Frage mit bangem Herzen. Sie standen in Gruppen zusammen und debattierten. Wir Kinder aber, an Bord gab es sehr viele, waren voller Spannung was als nächstes kommen würde.

Leben auf dem Schiff

Wir durchforschten, zusammen mit einem freundlichen Stewart, alle Winkel des Riesenschiffes. Auf die vielen Kinderfragen gab er bereitwillig Auskunft.

Vor der Abreise hatten alle ihre Pässe abgeben müssen, dafür war die Schiffskarte ausgehändigt worden. Was waren wir nun eigentlich? - Balten? - Reichsdeutsche? - baltische Reichsdeutsche? - Staatenlose? Damals als Kinder begriffen wir noch nicht die Tragweite des unwiederbringlichen geschichtlichen Ereignisses, in das wir mit hineingezogen worden waren.

An Schlafen war nicht zu denken. In den überfüllten Kabinen summte es wie in einem Bienenkorb. Wir blieben an diesem Abend noch lange an Deck. Am nachtschwarzen Himmel winkte uns der Strahlenfinger des alten Libauer Leuchtturms wie zum Abschied einen allerletzten Gruß zu.

Um 24 Uhr meldete sich das Bordradio: "Achtung - Achtung! Wir verlassen Lettland und befinden uns jetzt auf deutschen Hoheitsgewässer!" Danach ertönte das Deutschlandlied und das uns damals noch unbekannte "Horst Wessel-Lied."

Brigitte Zimmer hat die Erinnerungen an ihre Kindheit im Baltikum und die Umsiedlung nach Ostpreußen 2006 im Baier-Verlag unter dem Titel "Baltische Impressionen" veröffentlicht. Der Text ist ein Auszug aus dem Buch.



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