Umstrittene Musikvideos Skandale im Fünf-Minuten-Takt

Umstrittene Musikvideos: Skandale im Fünf-Minuten-Takt Fotos
Sony BMG

Blasphemie, Gewaltverherrlichung und viel nackte Haut: Seit der Erfindung der Musikvideos suchen Bands mit provokanten Clips den Skandal. Oft bekommen sie ihn - dann werden die Filmchen geändert oder ganz vom Bildschirm verbannt. Eine Band zensierte sich aber selbst - sie fand ihr Video zu heftig. Von Isabell Spilker

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Wie verkauft man seine neue Platte am besten? Klarer Fall - mit einem Skandal. Am besten mit einem Skandalvideo. Ein paar blanke Brüste hier, viel zu viel Blut da - schon beschert die Aufmerksamkeit der Klatschpresse selbst unterdurchschnittlichen Popsongs weit überdurchschnittliche öffentliche Wahrnehmung, die sonst Millionen Werbegelder kosten würde. Und auch wenn dem Star sein altes Image nicht mehr passt - mit dem richtig inszenierten Musikvideo ist es im Handumdrehen abgestreift. Da werden schon mal aus zuvor keuschen Künstlern in gerade einmal fünf Minuten Sexbomben auf zwei Beinen.

Erfunden hat dieses wundervolle Instrument des Selbststilisierung kein geringerer als der ehemalige King of Pop, Michael Jackson. 1983 lief erstmals das Video zu seiner Single "Thriller", ein 13-minütiger Kurzfilm, in dem Jackson sich zum Zombie verwandelt. Der Clip erzählt die Geschichte eines Pärchens, das sich im Kino einen Horrorfilm ansieht - in dem Jackson selbst in einer Doppelrolle einen Werwolf mimt. Auf dem Heimweg vom Kino entpuppt sich der nette Junge dann als Zombie und versetzt seine Freundin in Angst und Schrecken. Als sie endlich aus ihrem Alptraum erwacht, steht Jackson über ihr gebeugt - aber er bleibt ein Zombie, mit bösen Augen wirft er einen letzten Blick in die Kamera.

Mit der in sich geschlossenen Story begründete Regisseur John Landis ("Blues Brothers") eine völlig neue Gattung: der Musikclip als Kunstform. Aber er erreichte auch, dass das Video "Thriller" als erstes der Geschichte ins Nachtprogramm verbannt wurde. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien befand das Video für zu gruselig, für damalige Verhältnisse womöglich zu Recht - ein junger Geselle soll beim Betrachten des Jackson-Videos vor Angst in Ohnmacht gefallen sein.

Gepixelter Gartenschlauch

Gruselig ist das, was Madonna in ihren Videos zum Besten gibt, in aller Regel nicht. Trotzdem ist auch sie eine Expertin in Sachen perfekt inszenierter Skandal. Ob halbnackt und in eindeutigen Posen wie in "Justify My Love" und "Express Yourself" oder politisch ambitioniert wie in "American Life" und "Like A Prayer": Frau Ciccone wusste sich schon immer medienwirksam in Szene zu setze. Bei "Like A Prayer" (1989) lief das so: Madonna prangert Rassenhass an, bekommt Schelte von allen Seiten und verkauft am Ende ihr gleichnamiges Album 13 Millionen Mal. Dass sie in einer Kirche einen schwarzen Jesus küsst und am Ende vor brennenden Kreuzen tanzt, brachte sogar den Vatikan gegen sie auf.

Heute holt man mit nackter Haut allein keinen Käufer mehr hinter dem Ofen hervor. Fast jeder Rapper schmückt sich in seinen Videos mit ultraleicht bekleideten Frauen. Blitzen einmal Nippel hervor oder greifen sich Stars in den Schritt, wie Christina Aguilera in "Can't Hold Us Down", wird das Video vor dem Senden an dieser Stelle unscharf gemacht. Das allerdings kann schon mal unbeabsichtigte Folgen haben - wie in "Can't Hold Us Down": Dort spritzt in hohem Bogen Wasser aus Aguileras Schritt. Das stammt aus einem harmlosen Gummischlauch, der allerdings durch die Pixelung nun nicht mehr sichtbar ist - was die Szene nicht gerade weniger anzüglich macht.

Dass Brustwarzen angesichts nackter Brüste selbst im deutschen Nachmittags-TV überhaupt verpixelt werden, wirkt zwar ein wenig lächerlich, hat aber einen simplen Grund: Die meisten Videos stammen aus dem eher prüden Amerika und werden den Musiksendern hierzulande bereits entschärft zugestellt. Videoprovokationen aus heimischer Produktion werden auf Antrag von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in Bonn durchgecheckt. Attestiert die einem Clip, in irgendeiner Form eine Gefahr für den Nachwuchs darzustellen - Freizügigkeit! Gewalt! Drogenverherrlichung! -, wird er indiziert oder darf erst nach 22 Uhr auf Sendung gehen.

Fördert "Stress" Gewaltbereitschaft?

Im Nachtprogramm landete so auch das Video "Stress" des französischen Elektroduos Justice von 2008, viele Sender weigerten sich sogar, es zu zeigen. In dem Video zieht eine Gruppe junger Immigranten randalierend durch die Banlieus von Paris - kurz, nachdem es dort zu brutalen Gewaltausbrüchen gekommen war, deren Bilder um die Welt gingen. Sofort nach der Veröffentlichung entbrannte eine heftige Diskussion über den Clip - und die Behauptung der Macher, das Video sei kein Aufruf zur Gewalt und beinhalte keine politische Botschaft, fanden viele nicht sehr glaubhaft. In jedem Fall trug der Boykott eher zur Popularität des Werks und zum kommerziellen Erfolg bei. Wenige Tage nach Veröffentlichung des Clips gab es die Lederjacken aus dem Video zu kaufen - für rund 700 Euro. Die Nachfrage war gigantisch.

Manchmal allerdings holen selbst hartgesottene Selbst-Promoter Gewissensbisse ein, wenn sie ihre Videos abnehmen. Die Berliner Combo Die Ärzte, die mit ihren Songtext regelmässig die Jugendschützer auf den Plan rufen,

fanden den Clip zu ihrem Lied "Junge" wohl selbst so brutal, dass sie von vornherein zwei Varianten veröffentlichten. In der Weichspülversion gibt es statt des Gemetzels Textüberblendungen wie "Diese Szene ist unzumutbar. Ich möchte mich dafür entschuldigen!" oder "Zum Glück ist das Video jetzt zu Ende."

Oder sollte auch das etwa nur Hype sein?

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1.
Marco Berlin 02.04.2009
Wenn man den Leuten, vorallem auch den Jungen Leuten, mal ruhig ein paar nackte Körper zeigen würde, anstelle dieser, schon im Kinderprogramm zu findenden, gewalttätigen Bilder, dann würde manch einer vielleicht mal auf andere Gedanken kommen und möglicherweise hätten wir dann auch nicht so 'ne Menge Schlagzeien in denen Gewalt verherrlicht wird! Just think about it!
2.
Henning Schwandt 03.04.2009
Die Ärzte haben "Junge" bestimmt nicht zensiert, weil sie es selbst zu gewalttätig fanden. Ich erinnere mich noch genau an den "Premieren-Tag" auf MTV, an dem das Video mehrmals hintereinander gespielt wurde und der Sender um 22 Uhr mit Tusch und Bandansage die ungeschnittene Version zeigte. Die Art der Zensur war allein die "die Ärzte"-typische Art der augenzwinkernden Kritik am Zensurwahn von viacom. Wenn man die Liebe der Band zu B-Movie Splatterstreifen im Hinterkopf hat, werden sie bei ihrem im Gegensatz hierzu doch recht harmlosen Machwerk "Junge" wohl kaum "Gewissensbisse" bekommen haben. Ob das Video nun von vornherein auf zwei Versionen angelegt war oder ob die Zensur erst auf Druck von viacom erfolgte, ist ein ganz anderes Thema. Die Tonalität des Absatzes entspricht aber sicher nicht der Realität.
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